Story of My Life – HUch#94

| von Maximilian Josef Theodor Keller |

Sich zwischen den zahlreichen Erzählungen unserer spätmodernen Gesellschaft als handelndes Subjekt zu begreifen, ist gar nicht so einfach. Hin und wieder muss man sogar aufpassen, dass man selbst nicht zur Erzählung wird.

Bild: Felix Deiters

What you call love was invented by guys like me to sell nylons.“1

Es gibt eine Vielzahl von Fiktionen, die uns prägen. Und im Gegensatz zu den zahlreichen Ereignissen, die auf uns einwirken, brauchen wir nach einer guten Story nicht unbedingt zwei Jahre bei Analytiker_innen, um sie aufzuarbeiten. Es muss kein Ibsen sein, nicht mal ein BoJack Horseman, manchmal genügen der Mandalorian und Grogu aka Baby Yoda, damit man auch im wilden Weltraum, im Kampf gegen sogenannte Weltraumfaschos in der Lage ist, einen Sinn für Mitgefühl, Rücksicht und Solidarität zu entwickeln. Wir kämpfen Seite an Seite mit den Protagonist_innen massenmedialer Erzählungen: Neben Walter White und Jesse Pinkman, Ross und Rachel, Tom und Jerry, Timon und Pumba, Max und Moritz, Rick und Morty, Ben und Jerry’s – you get the idea. Von den tragisch-schicksalhaften Mythen der eigenen Kindheit über die Vielzahl von Chroniken, Dramen und Epen, die sich von unserer Jugend bis in die Gegenwart erstrecken, sind wir Narrativ. Die Person, die wir nach außen als Erzählung darstellen, sind nicht wir, sondern unser Versuch, uns anderen Menschen greifbar zu machen. Wenn wir diese persona also durch Massenmedien generieren, passen wir uns und unsere Person massenmedial verarbeitbaren tropes an. Wo subjektive Erlebnisse nicht von Automatismen in das Narrativ aufgehoben werden, nutzt das Subjekt Gesellschaft und Kultur, um als Person zu erscheinen.

Wir sind übersaturiert mit gut geschriebenen fiktionalen Charakteren. Mit ‚gut geschrieben‘ ist hier gemeint, dass sie entweder nach einem Schema F konstruiert wurden oder eben nach einem entgegengesetzten Schema F2 das Schema F subvertieren soll, denn alles ist kodifiziert in der Kulturindustrie. Der Epoche um Epoche zunehmenden Entfremdung des Subjekts setzt die sozioökonomische Sphäre zunehmend standardisierte Identitätstypologien entgegen. Denn wir wissen genau, wie ‚Bösewichte‘ oder Antagonist_innen im Allgemeinen erscheinen, wir wissen, wie das Gute und die Held_innen auftreten. Wir wissen auch, wie wir die Held_innen dekonstruieren und somit auch Empathie für die sogenannten bad guys aufbringen.

Die zeitgenössische Produktion von Personen entspricht quasi der Produktion von Waren. Entgegen der wachsenden Unmöglichkeit des Selbstverständnisses überhaupt läuft die Produktion eines künstlichen Selbsts in industriellem Ausmaße: Archetypen, Kategorien, abstrakte Schicksale und Sinnstiftungen vom kulturellen Fließband, um vom Subjekt zur Person zu kommen. Weniger sind somit Kultur und Gesellschaft Reflexionsfläche unserer Selbst, als das wir Reflexionsfläche eben dieser sind.

Ohne ein Werturteil über das Konzept des Individuums ablegen zu wollen, ist das Produkt Person sehr fragmentiert: nicht aber trotzdem – sondern gerade deswegen – sehr vereinzelt. Die eigene uniqueness, die natürlich nur eine spezifische Konfiguration allgemeiner Typen ist, erweckt den Anschein, man sei tiefgreifend unterschieden von den Leuten. Die geistige Gleichheit und seelische Verwandtschaft der Menschen entzieht sich dem Begriff in der Überreizung an generischen Varietäten, die wir uns in jedem Aspekt der Persönlichkeit, in unserem Alltag feil bieten.

Den Rohstoff der Person liefert die Kulturindustrie sowie die Konsumkultur. Die sozialen Medien (sowie die darin eingebetteten Massenmedien) bestimmen die Architektur der Person. Die Erfahrung des Subjekts ist diesen Materialien und Modellen untergeordnet.


Diese Unterordnung des Subjekts unter die soziokulturellen Formen bei der Person ist weder neu, noch ernstlich beklagenswert. Die pubertäre Klage people are fake ist ein selbstironisches Monument, das von den Pubertierenden als subversive Aufklärung missverstanden wird: Jeder Ausdruck von Authentizität negiert sich selbst als Ausdruck einer Person. Die Person ist immer ein soziales Medium, ob man sich dessen immer bewusst ist oder nicht. Sie wird demnach niemals dem Authentischen Priorität gegenüber dem eigenen Sein geben. Demnach ist die Aussage people are fake zwar nicht inkorrekt, aber schließt die sprechende Person ein und ist an und für sich eben genauso fake.

Dass unser soziokultureller Korpus die sogenannte Individualität, Unabhängigkeit und uniqueness als Tugend oder gar Menschenrecht erachtet, ist ein sehr offensichtliches Indiz für die beklemmende Einsicht, dass eben diesen drei Qualitäten immer mehr Unwirklichkeit zuleide kommt: Der Held als Topos entstammt der griechischen Antike und war dadurch definiert, ein Halbgott zu sein. In der mehr oder weniger säkularen Kulturindustrie folgt man nun meist Ayn Rand, Ronald Reagan und Margaret Thatcher: Der Held, das neoliberale Subjekt, bedient sich seiner Individualität, um sich gegen das Unrecht zu stemmen (konkret: zumeist Einkommenssteuern).

Die Gesellschaft sucht sich Kompensation für das, was sie sich selbst im Wesen der Ökonomie antut. Für die Wirtschaft hat der Rand’sche Mythos vom individuellen Halbgott, der sich selbst schafft, legitimierenden und diskreditierenden Nutzen. Einerseits lassen sich so Apartheids-Erben wie Elon Musk, Klassenfeinde wie Jeff Bezos und Meta-Autokraten wie Mark Zuckerberg als selfmade ‚Übermensch‘ legitimieren. Andererseits propagiert man – durch den Mensch als autonomes Unikat – zumindest implizit und informell die alte neoliberale Formel „Jeder kann es schaffen!“

Um zu einem konkreten Beispiel vom spätmodernen Helden zu kommen: Wer genau ist z.B. Tony Stark, auch bekannt als Iron Man? Als Protagonist des gleichnamigen Blockblusters ist Tony Stark Erbe der Stark Industries, einem fiktionalen Unternehmen, das von seinem Vater Howard Stark gegründet wurde, und neben einigen zivilen Projekten vor allem der Rüstungsproduzent im US-Amerika des bekannten Marvel-Comic-Universums war. In den 2000ern produzierten Stark Industries High-Tech-Waffensysteme für einen nicht weiter spezifizierten Krieg im nahen Osten. Tony Stark, der im Verlauf des Films zum sympathischen Antihelden avanciert, musste erst Geisel von nicht weiter spezifizierten Terroristen werden um festzustellen, dass Waffen und Gewalt eigentlich gar nicht so gut sind. Jedenfalls zumindest dann nicht, wenn sie von den nicht näher spezifizierten bad guys benutzt werden, versteht sich.

Stark Industries zog sich daraufhin vom Waffenmarkt zurück und begann damit, grüne, saubere Energiekonzepte zu entwickeln und diese entsprechend zu vermarkten, um weiterhin Profit damit zu erwirtschaften. Das gesammelte militärindustrielle Know-how und die ökonomischen Mittel wurden schließlich in die Technologien des namensgebenden Iron Man-Suits gepackt. Tony Stark zieht sich diese Rüstung an und wird damit zum Iron Man, dem größten Beschützer der Menschheit unter der Sonne. Das ist nun euer Held, euer Heiland; der Erbe einer milliardenschweren Militärindustrie, der sich als alleiniger Richter und Henker für das Gute in der Welt gibt.

Man kann man sich also nichts vormachen: Binge-Watching von Marvel bis Disney und der Würgegriff parasozialer Beziehungen bestärken eine starke Tendenz in der Gesellschaft, in der ein quasi fiktionalisierter Elon Musk zum Superhelden erkoren werden kann, indem er sich seinen kostspieligen Iron Man-Suit einfach selbst zusammenbaut und auf Jagd geht. Selbst wenn die Corona-Pandemie in den letzten Jahren vielleicht als Katalysator dieser Tendenzen gewirkt hat: diese Entwicklungen haben sich lange abzeichnet und es scheint ausgeschlossen, dass diese Tendenzen in den kommenden Jahren rückläufig gehen. Denn ohne hier mit dem erhobenen Zeigefinger wedeln zu wollen: Wenn wir weiterhin abends von Streamingdienst zu Streamingdienst klicken und seichten (Superhelden-)Erzählungen einlullen zu lassen, müssen wir uns dessen bewusst sein, dass wir wir einen Großteil unserer kulturellen ‚Bildung‘ damit Disney, Hollywood (ergo Disney) und Netflix überlassen. Wie wir mit diesem Wissen allerdings umgehen wollen, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

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1 Don Draper, in der Serie Mad Men, 2007.