Säulengang oder „Was gibt‘s Neues?“ – HUch#92

| von Charlie Cremer Jauregui |

Bild: Loup Deflandre

So, ich habe die Frist verpasst. Ob ihr’s glaubt oder nicht, ich habe den Call for Papers nicht mitbekommen. Als die Redaktion mich anruft, um zu fragen, wo meine Kolumne bleibt, sitze ich an meinem Schreibtisch. Darauf liegen vier aufgeschlagene Bücher, unter denen haufenweise Notizzettel hervorquellen: Papierene Seiten, die sich auf meinem Schreibtisch türmen. »Habt ihr den Call for Papers per Mail geschickt?«, frage ich ungläubig. Die Redaktion verneint. Aber auf Twitter, Instagram, Facebook und der Homepage sei er veröffentlicht worden. Ich muss lachen. Nichts davon habe ich verfolgt. Auf die Homepage gucke ich einmal im Jahr, mein Facebook-Account liegt seit vier Jahren brach – mein Profilbild ist von 2016 –, Instagram weiß ich nicht zu bedienen und bei Twitter bin ich bisher nicht auf die Idee gekommen, der HUch zu folgen. (Habe das jetzt geändert: »@pommesmitketchup folgt dir jetzt.«)

Ich betreibe Twitter zum Spaß, nicht zum Schreiben. Es ist nicht mein Tempo. Der Schlagabtausch auf Twitter ist mir zu schnell, um darin mitzumischen. Es stresst mich, hunderte neuer Nachrichten am Tag angezeigt zu bekommen, diese zu kommentieren, zu verlinken, mich zu ihnen zu verhalten. Das ist nicht meine Zeit. Ich bin langsamer. Ich betrachte Sätze gerne eine Weile. Wende sie hin und her, um zu sehen, ob sie von der anderen Seite nicht eine alternative Bedeutung entfalten. Ich frage gerne nach dem Kontext einer Aussage und google Jahreszahlen (die ich anschließend direkt wieder vergesse).

Ich lasse Worte gerne in mich fallen und spüre ihnen nach. Manchmal versuche ich sie zu erinnern. Die besonders Schönen. Oder besonders Traurigen. Oder besonders Wahren. Ich habe Lieblingswörter.

Nichts von alledem scheint mir möglich auf Twitter. Oder Instagram. Oder Facebook. Es ist ein anderes Denken, was erfordert wird: assoziativ, schlagfertig, schnell.

Also bin ich ein Dinosaurier. Im Denken, auf Twitter und im »echten« Leben. Einer, der Basecap trägt (für den Style) und auf Rollschuhen fährt (um schneller voranzukommen).

Mein Twitter-Account hinkt hinterher: Ein letzter Gedanke für heute, in fremden Worten (für eigene ist keine Zeit):

»Zitate […] sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.«1

#Alleraushier #DirekteAktionstattStayatHome @150JahrePariserKommune

245 Zeichen – abgesetzt um 18 Uhr, lesefertig zum Feierabend. Jeder Retweet ein Zitat, ein Räuber, ein bewaffnetes Wort. Wo bleibt der Aufstand, ihr Twitterwütigen?

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1 Walter Benjamin: »Einbahnstraße«, in: Gesammelte Schriften Band IV-1, S. 138.