Unter den Trümmern: der kommende Kommunismus. Bini Adamczak über das womögliche Gelingen der Russischen Revolution – Huch#88

Von Olga Montseny

»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.« – Emma Goldman

Was wäre wenn? Mit dieser Frage kann man sich schonmal das Hirn zermartern. Was wäre, wenn ich mich gestern nicht schon wieder betrunken hätte? Dann hätte ich diese Rezension heute vielleicht besser schreiben können. Dem ist aber nicht so. Und damit scheint die Sache erledigt. Das Recht scheint immer auf der Seite der Sieger (hier des Katers) zu stehen, weil diese die Realität für sich in Anspruch nehmen können. Was Existenz und Sein hat und nicht in so luftigen Sphären wie dem Möglichen herum schwirrt, wirkt unmittelbar überzeugender, legitimer. Es konnte sich durchsetzen. Folgt daraus, dass ich eine hoffnungslose Alkoholikerin bin? Dass es nur eine weltfremde Träumerei ist, dass auch das Wesen der guten Rezensentin hätte existieren können?

Die Frage nach dem Möglichen stellt sich aber nicht nur in der Diagnostik individueller Abhängigkeiten, sondern auch weltgeschichtlich. Ebenso sind Trunkenheit und Kater nicht schlechthin individuelle Phänomene, sondern auch als Ereignisse von historischem Ausmaß anzutreffen. Was wäre etwa gewesen, wenn der Kater, der nach dem zügellosen Besäufnis einsetzen musste, in das der Sturm auf das Winterpalais am 25. Oktober 1917 mündete, noch etwas länger angehalten und auch die Spitzen der Bolschewiki bis hin zu Lenin und Trotzki erfasst hätte?1 Hätte deren neurotische Fixierung auf Disziplin durch die Nachwirkungen dieses Ereignisses absoluter Disziplinlosigkeit etwas gelockert werden und die Oktoberrevolution einen anderen Verlauf nehmen, das böse Erwachen im Stalinismus verhindert werden können?

Nicht unmittelbar diese, jedoch die sie umfassende Frage nach dem möglichen Gelingen der Russischen Revolution ist es, die Bini Adamczaks 2017 – also zum hundertjährigen Jubiläum – erschienenes Buch Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman antreibt und strukturiert. Sie konstruiert dabei eine Eventualgeschichte der Russischen Revolution, die akribisch nach jenen Stellen sucht, an denen der rote Faden der Geschichte der Herrschaft und der Sieger hätte durchtrennt werden können. Damit setzt sie an der Stelle jener historischen Aporie an, in der ihr Buch GESTERN MORGEN (2007) nach einer gnadenlosen Durcharbeitung der stalinistischen Konterrevolution verzweifelt endete. Nämlich der Aporie einer jeden Revolution, wie sie sich für die Russische im Kronstädter Aufstand und seiner Niederschlagung konzentriert: Wie besiegt man die Konterrevolution, ohne in diesem Siegen die Revolution zu töten, also selbst zur Konterrevolution zu werden? Wie gewinnt man, ohne zu scheitern? »Müssen die Kronstädterinnen der Zukunft nicht gegen die Leninistinnen der Zukunft die Waffen erheben, misstrauisch ihnen gegenüber, ihre Verhandlungsangebote ausschlagend, in die Offensive gehen und die Leninistinnen liquidieren, bevor diese sie liquidieren können? Müssen die Kronstädterinnen der Zukunft also Leninistinnen werden?«2 Gegen die so gestellte Aporie begehrt Adamczak auf. »Es gibt geschichtliche, gemachte Bedingungen, unter denen das Rätsel der Revolution sich lösen lassen muss. Aber das Lösen des Rätsels selbst ist, zumindest eine, Bedingung für das Gelingen der Revolution – der nächsten Revolution.«3 Adamczaks neues Buch widmet sich nun dieser Lösung, womit auch klar ist, was über die historische Betrachtung hinaus dessen Intention ist: das Gelingen der nächsten Revolution.

Die Eventualgeschichte ist dabei keine Träumerei, wie alles hätte gut ausgehen können – keine Märchenstunde für verzweifelte Revolutionärinnen also –, sondern sie versucht, die Skylla der Niederlage und die Charybdis des Scheiterns innerhalb der realgeschichtlichen Möglichkeiten zu umschiffen. Das Buch »bemüht sich somit nicht um den wiederholten Nachweis, dass Geschichte kontingent ist, sondern um einen real möglichen Ausweg aus dem revolutionären Dilemma.«4 Der Wunsch und Wille, dieses Dilemma aufzulösen und damit eine der Bedingungen für die nächste Revolution zu schaffen, verleitet Adamczak allerdings keineswegs dazu, die Aporie einfach zu schlichten. Auch wenn Der schönste Tag bereits einen helleren, hoffnungsvolleren Klang hat als GESTERN MORGEN und die Autorin am Ende tatsächlich Lösungen anbietet, so erscheinen diese doch erst nach der Durcharbeitung der Dilemmata und Aporien des revolutionären Aufbruchs – und dabei stets als äußerst prekär.

Das beeindruckende an Adamczaks historischen Arbeiten ist, wie sie es ausgehend von Walter Benjamins Geschichtsverständnis unternimmt, die Geschichte der Russischen Revolution wirklich »gegen den Strich zu bürsten.«5 Darin unterscheidet sich ihre Arbeit auf inspirierende Weise von den meisten sonstigen Publikationen zur Kritischen Theorie, da sie diese nicht zum hundertsten Mal metatheoretisch reflektiert, sondern am historischen Material, an der konkreten Konstellation der Russischen Revolution anwendet. Zudem bearbeitet Adamczak einen Gegenstand, der innerhalb der Linken heute entweder gar nicht, stiefmütterlich oder mit wenig Wissen, aber umso festgefahreneren Positionen verhandelt wird: die Russische Revolution und die Sowjetunion. Sie erweist sich insbesondere darin als historische Materialistin, dass es ihr gelingt, aus jenem Kontinuum der Herrschaft, dass sich auch nach der Oktoberrevolution fortsetzen wird, jenen Anfang und jene Tendenzen herauszusprengen, die mit anderen Möglichkeiten aufgeladen waren und sich diesem Ende widersetzten. Durch die Fülle des von ihr bewältigten Materials hindurch, ist sie von jenem Anspruch geleitet, den Benjamin für eine historische Materialistin formulierte: »im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.«6 Bis heute. Deswegen richtet sich das Buch gegen beide, Stalinismus und Antikommunismus, da beide letztlich ein und derselben identifizierenden Logik folgen, die von den Siegern der Geschichte formuliert wurde: es gab nur einen Kommunismus, und zwar den stalinistischen.7 Gegen diese Vereinnahmung, die die Erinnerung an jene auslöscht, die sich eine andere Zukunft der Russischen Revolution nicht nur erhofften, sondern auch praktisch für sie kämpften, allerdings der autoritären Entwicklung unterlagen, ist Adamczaks Buch gerichtet. Es will die Erinnerung daran wiederbeleben, dass die Russische Revolution der leuchtendste Hoffnungsfunken der Menschheitsgeschichte war – eine siegreiche kommunistische Revolution, zumindest in ihrem Anfang.

Dem Anfang der Russischen Revolution waren mehr Möglichkeiten eingeschrieben, als bloß der lineare Weg zur Parteidiktatur. Allein diesem zu folgen, hieße daher, die Hoffnung ein zweites Mal zu töten, den Anfang auf sein Ende, auf das Werden zu seinem Resultat zu reduzieren. Um die Wahrheit des Roten Oktober zu bergen, muss man nicht seiner realen, historischen Bewegung folgen, seiner stattgefundenen Entwicklung, sondern man muss jene Abzweigungen aufzeigen, jene anderen Verläufe freilegen, die sich nicht entfalten konnten, sondern die abgeschnitten und unter den Trümmern des Fortschritts verschüttet wurden. Adamczak unternimmt jenen »Tigersprung ins Vergangene«8, der die Wahrheit nicht im Resultat, sondern in jenen Anfängen sucht, die nicht haben Resultat werden können.

Ihr Buch, das dem Anarchisten Alexander Berkman gewidmet ist, beginnt daher mit dessen Ankunft im revolutionären Russland des Jahres 1920, nachdem er mit Emma Goldman und anderen Revolutionärinnen aus den USA deportiert worden war. Für Berkman war die Ankunft auf sowjetischem Boden – dem Land der Revolution – nach Selbstauskunft in seinem Tagebuch der schönste Tag seines Lebens.9 Die »Hoffnungen der Menschheit« auf Erlösung, die nach Goldman der revolutionären Sowjetunion innewohnten, sollten schnell enttäuscht werden. Ausgehend von der Hoffnung und dem Enthusiasmus, die die kommunistische Revolution sogar bei Anarchistinnen entfachte, verfolgt Adamczak jene Tendenzen der Russischen Revolution, die einen anderen als ihren autoritären Ausgang ermöglicht hätten.

Um diese Tendenzen freilegen zu können, räumt sie erst einmal mit jenem Mythos auf, der sowohl von den Bolschewiki inszeniert als auch von Antikommunisten übernommen wurde, wonach die Revolution von 1917 ein »singuläres Ereignis« gewesen sei: die Erstürmung des Winterpalais im Geiste von Marx.10 »Stattdessen war die Revolution ein Ensemble vieler Revolutionen, einander widersprechenden und sich wechselseitig beeinflussenden, die sich in Wellen über das riesige russische Reich und seine Grenzen hinaus bewegten.«11 Aus dieser Vielzahl von revolutionären Aufbrüchen ergibt sich natürlich auch eine Pluralität möglicher Zukünfte, möglicher Auswege aus dem revolutionären Dilemma.12 Weil sich die Eventualgeschichte an den realhistorischen Konstellationen orientiert, folgt Adamczaks Freilegung möglicher Auswege jenen Forderungen, die in dem Ensemble von Revolutionen selbst erhoben wurden und an denen entlang sich die Konfliktkonstellationen arrangierten: »›Land!‹, ›Frieden!‹ und ›Alle Macht den Räten!‹«13

Aufgrund ihres verkaterten Zustands beschränkt sich die Rezensentin an dieser Stelle auf die Diskussion der letzten Forderung – insbesondere auch aus dem Grund, dass sie sie für jeden kommenden Kommunismus für essenziell erachtet.

Die Aporie der Russischen Revolution stellt sich in dieser Hinsicht als Widerspruch zwischen Rätedemokratie und Parteidiktatur bzw. als »Dialektik von Autoritarismus und Antiautoritarismus der Revolution«14 dar. Für sie steht das »Geschichtszeichen Kronstadt«15, hinter dem sich der blutig niedergeschlagene Aufstand der dort stationierten Matrosinnen gegen die bolschewistische Parteidiktatur verbirgt. Alexander Berkman widmete diesem Ereignis in seiner Aufsatzsammlung The Russian Tragedy das letzte Kapitel – mit der Niederschlagung endet die Tragödie. Die Hoffnungen des rätedemokratischen Aufbruchs 1917 werden mit der Hoffnung auf eine Rückkehr zur Rätedemokratie 1921 nach einem langen, die Revolution aufzehrenden Bürgerkrieg endgültig im Blut der Kronstädterinnen ertränkt, die diese Rückkehr forderten. Nur drei Tage nach der Niederschlagung erzwingt Lenin am Ende des 10. Parteitags gegen heftigen Widerstand in der eigenen Partei die Annahme der Neuen Ökonomischen Politik – also die Wiedereinführung kapitalistischen Wirtschaftens. Berkman schlussfolgerte, dass die Bolschewiki es bevorzugten »to give up Communism itself – the Communism for which the October Revolution was fought, seas of blood shed, and Russia brought to ruin and despair – but not to permit freely chosen Soviets.«16

Wie aber kam es überhaupt dazu, dass die Diktatur des Proletariats, die nach Luxemburg17 und Marx18 nichts anderes als Rätedemokratie meint, zu einer Diktatur der bolschewistischen Partei über das Proletariat wurde, die letztlich die Rätedemokratie vereitelte?

Zweierlei ist maßgebend. Die Bolschewiki wollten aus den vergangenen Niederlagen – insbesondere jener der Pariser Kommune von 1871 – lernen. Aus deren Schicksal schlossen sie, dass die Konterrevolution mit aller Härte bekämpft werden müsste, um die Revolution zum Sieg zu führen. Die Notwendigkeit der Verteidigung der Revolution wird so zur Legitimation für zentralisierte hierarchische Autorität sowie für jede Form von Gewalt.19 Damit setzen die Bolschewiki »die binäre Logik des Krieges«20 in Gang, die letztlich in einer Spirale der Freund-Feind-Bestimmungen enden sollte, »die immer engere Kreise zieht und von realen Konterrevolutionärinnen über Bäuerinnen, sozialistische und anarchistische Verbündete hin zu Parteiopposition, Fraktionen und Strömungen reicht – bis auf dem Höhepunkt des Stalinismus bereits gedankliche Abweichungen unter Strafe stehen.«21 So kippt der Sieg der Revolution in ihr Scheitern an sich selbst. Die Institutionen, die zu ihrer Verteidigung geschaffen wurden – Tscheka, Rote Armee, autoritäre Lenkung von Staat und Ökonomie durch das ZK –, werden ihre Totengräber.

Warum aber sollte die Revolution nicht auch demokratisch verteidigt werden können, mit Räten und Milizen – also mit demokratischer Selbstbestimmung in jedem Bereich, wie es in Ansätzen bspw. in der anarchistischen Machnowtschina der Fall war?22 Hier kommt der zweite Aspekt bolschewistischer Politik zum Tragen, den man als Politik des Misstrauens bezeichnen kann und der nirgendwo so prägnant zum Ausdruck kommt wie in Lenins Ausspruch: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.«23 Die Logik des Misstrauens, die die Unterstellung zur Grundlage hat, die Beherrschten seien zur Selbstbefreiung unfähig, mündet in das autoritäre Konzept der leninistischen Kaderpartei. Ohne die Leitung einer wissenden Führung kann sich das Proletariat nicht befreien – daher die Ersetzung der Räte durch die Parteidiktatur, daher das hierarchische Befehlssystem einer immer enormer und undemokratischer werdenden Bürokratie. Das autoritäre pädagogische (Un-)Verhältnis zwischen Partei und Proletariat entfesselte schließlich die diktatorische Politik von Kontrolle und Terror. Weil sich das bolschewistische Misstrauen nicht zuletzt gegen die richtete, für die die Bolschewiki sprachen und handelten – die Proletarierinnen – überzog letztlich auch ihre Kontrolle und ihr Terror jene Revolutionärinnen, die nicht auf Parteilinie waren. Weil Dissens zu Opposition, Uneinigkeit und Abweichung zu konterrevolutionärer Sabotage erklärt wurden, verfolgten die Bolschewiki die anderen revolutionären Parteien so erbarmungslos wie die wirklichen Konterrevolutionärinnen. Die bolschewistische Regierung überbot so – wie Berkman zu bemerken nicht müde wurde – noch ihre zaristische Vorgängerin in der Anwendung der polizeilichen Logik von Verdacht, Verfolgung und Liquidation, die von keiner Institution so sehr verkörpert wurde wie von der Tscheka. Den Aufstand der Kronstädterinnen konnten die Bolschewiki daher auch nicht als einen linker Revolutionärinnen verstehen, die unter der Losung »All power to the Soviets, not to the parties!«24 die Revolution retten wollten, sondern nur als eine vom Ausland organisierte und finanzierte Verschwörung: als Konterrevolution. Die brutale Niedermetzelung ihrer als »Verräter« denunzierten Genossinnen fand am Jahrestag der Pariser Kommune ihr Ende. Wie Berkman betonte, gedachten die Bolschewiki dem Jahrestag ihrer niedergeschlagenen Vorgängerinnen. »At the same time they celebrated the ›victory‹ over Kronstadt.«25 Perfider lässt sich kaum ausdrücken, was es bedeutet, dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird. In Kronstadt stirbt die letzte Möglichkeit, die Revolution nach dem Bürgerkrieg in eine Vereinigung von Räten zurück zu verwandeln. Der Kater – oder, wie es Adamczak auch ausdrückt: die »postrevolutionäre Depression«26 – setzt unausweichlich ein.

Wie hätte er umgangen werden können? Adamczak ist sich bewusst, dass Räte alleine noch keinen Kommunismus machen. Sie wären vor die gleichen Schwierigkeiten gestellt gewesen, wie die Parteidiktatur. Allerdings hätten sie den Bürgerkrieg abschwächen können und die Verfolgung von anderen Revolutionärinnen überflüssig gemacht – war es doch erst die von den Bolschewiki geschaffene Unmöglichkeit gewaltfreier Opposition, die die Kronstädterinnen in die gewaltsame trieb.27 Adamczak plädiert daher für die Aufgabe des binären und identitären Freund-Feind-Schemas, das keine Zwischenräume lässt und die Revolutionärinnen in ihren Parteien und Strömungen festschreibt: »Entscheidend sind weniger die Identitäten der Gruppierungen, Organisationen und Parteien als die innerhalb von ihnen wie zwischen ihnen geknüpften und zu knüpfenden Beziehungen.«28 Diejenigen Revolutionärinnen, die Adamczak bevorzugt anführt, sind dafür herausragende Beispiele: Alexander Berkman, Emma Goldman und Victor Serge scheuten sich nicht, aktiv an der Seite der Bolschewiki am Revolutionsgeschehen teilzunehmen – wobei sie zugleich im Rahmen des Möglichen gegen deren autoritäre Tendenzen ankämpften –, und das obwohl sie eigentlich Anarchistinnen waren und schon vor 1917 Bedenken gegenüber der bolschewistischen Partei- und Politikform angemeldet hatten.29 Auch Isaak Steinberg wurde – obwohl er als linker Sozialrevolutionär kein Bolschewik war – Justizkommissar der bolschewistischen Regierung und versuchte in dieser Funktion den Terror der Tscheka zu unterbinden.30 Die Intensivierung und Ausweitung solcher, Partei- und Strömungsgrenzen überschreitender Beziehungen hätte die anfängliche Hoffnung auf eine Vereinigung von Räten gegen den bolschewistischen Autoritarismus durchsetzen und dem Zauber des Anfangs Dauer verleihen können.

Dies wäre eine Politik gewesen, die die Fähigkeit der Beherrschten, sich selbst von ihren Ketten zu befreien und gleichberechtigt über ihr Zusammenleben zu bestimmen, zur Voraussetzung hat. Eine Politik, die, wie es der Philosoph Jacques Rancière ausdrückt, die »Hypothese des Vertrauens« zum Ausgangspunkt hat, die davon ausgeht, dass alle gleichermaßen fähig sind, über die Belange des Gemeinwesens zu entscheiden – auch jene, die entweder traditionell oder der bolschewistischen Logik des Misstrauens zufolge dazu angeblich nicht in der Lage sind.31 Denn »the essence of Communism is equality«, insistierte Alexander Berkman in einer Auseinandersetzung mit einem bolschewistischen Kommissar über die Lohn- und Rationshierarchie, die die Bolschewiki nach dem Leistungsprinzip gestaffelt hatten. Die Kronstädterinnen hingegen schafften diese Hierarchie – übrigens zu ihren eigenen Ungunsten – ab und folgten auch in der Distribution der Rationen dem Prinzip der Räte: der Gleichheit aller. Die Ausnahmen, die sie machten – Kinderheime und Krankenhäuser bekamen Sonderrationen –, folgten nicht dem Leistungs-, sondern dem Bedarfsprinzip.32

Dies wäre auch diejenige Politik, die nach Adamczak für eine kommende Revolution anzustreben ist – eine »Politik der Verbindung, der Verknüpfung, der Versammlung«33 über verfestigte Partei- und Gruppenidentitäten hinweg, gruppiert um Problemkonstellationen. Mit Rancière ließe sich eine solche Politik als eine der Gleichheit in der Differenz verstehen – im Unterschied zu den überkommenen Identitäten der hierarchischen Klassen- und Geschlechterteilung, die die polizeiliche Logik festschreibt. Kommunismus wäre dann das fortgesetzte Abenteuer der Emanzipation, das beginnt, sobald man Verbindungen jenseits dieser Identitäten eingeht und affirmiert, dass es keiner Autorität bedarf, auch keiner roten.

Bini Adamczak: Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution. edition assemblage. 152 Seiten, 12,80 €

1 Vgl. Adamczak, Bini: Hauptsache Nebenwiderspruch, https://jungle.world/artikel/2012/16/hauptsache-nebenwiderspruch.

2 Adamczak, Bini: GESTERN MORGEN. über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft, Münster 2007, S. 147.

3 Ebd., S. 151.

4 Adamczak, Bini: Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom womöglichen Gelingen der russischen Revolution, Münster 2017, S. 19.

5 Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte, These VII.

6 Ebd., These VI.

7 Vgl. Adamczak, Bini: Der schönste Tag, S. 17.

8 Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte, These XIV.

9 Vgl. Adamczak, Bini: Der schönste Tag, S. 8, 13.

10 Vgl. Ebd., S. 23.

11 Ebd.

12 Ebd., S. 55.

13 Ebd., S. 56.

14 Ebd., S. 111.

15 Ebd., S. 107.

16 Berkman, Alexander: The Russian Tragedy, 2008 Fordburg (South Africa), S. 74.

17 Vgl. Adamzcak, Bini: Der schönste Tag, S. 108.

18 Vgl. Hobsbawm, Eric: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus. München 2012, S. 79, 104ff.

19 Vgl. Adamczak, Bini: Der schönste Tag, S. 109ff.

20 Ebd., S. 112.

21 Ebd., S. 118.

22 Vgl. ebd., S. 101f.

23 Ebd., S. 116ff.

24 Berkman, Alexander: Russian Tragedy, S. 63.

25 Ebd., S. 72.

26 Vgl. Adamczak, Bini: Beziehungsweisen Revolution. 1917, 1968 und kommende, Frankfurt/M. 2017, S. 11ff.

27 Vgl. Adamczak, Bini: Der schönste Tag, 126ff.

28 Ebd., S. 132.

29 Vgl. ebd., S. 124.

30 Vgl. ebd., S. 115f.

31 Vgl. Rancière, Jacques: Kommunisten ohne Kommunismus?, in: Badiou, Alain, Slavoj Žižek u.A. (Hrsg.): Die Idee des Kommunismus. Bd. I. Hamburg 2012, S. 205–216.

32 Vgl. Berkman, Alexander: Russian Tragedy, S. 59.

33 Adamczak, Bini: Der schönste Tag, S. 133.

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