FESTUNG FÜR NIEMAND – HUch #99

| Johanna Bogon |


Während die einen am Mittelmeer in der Sonne baden, kämpfen andere in den Wassermassen ums Überleben. Immer wieder gelingt es der mitteleuropäischen Öffentlichkeit diese Realität auszublenden. Ungern wird sich mit den Versuchen der Europäischen Union beschäftigt, die Migrationsrouten nach Europa abzuschneiden und damit Menschen dem Ertrinken auszuliefern. Johanna Bogon erinnert uns in ihrer lyrischen Musterung des Migrationsdiskurses an diese immerwährende Parallelität.


TW: Auseinandersetzung mit Rassismus

Da stehen wir, glotzen.

Urlaub am Meer oder so ähnlich, die Sicht klar bis bewölkt und

das Fenster mit Seeblick.

Wir sehen die Wellen, wir rufen, guck doch mal.

Wir gucken mal.

Auf tosende Wellen und Schlauchboote und Menschen und

aus Schlauchbooten fallende Menschen und Kinder an

Grenzkontrollen und inhaftierte Mütter oder wir schauen

fernsehen, die Bilder bleiben.

Unser Flimmerkasten der Realität heißt, Deutschland wie ein

schutzbedürftiges Kind zu behandeln,

in kalte Tücher gewickelt, ein wenig hin und her wiegen.

Unseren echten Kindern bringen wir Angst vor dem Schwarzen

Mann bei, Angst vor dem falschen Pass —

und dann ja schnell genug weglaufen.

Pässe als Brandmarken, als Fahrkarten, als Eintrittskarten in

Privatvorstellungen.

Wir haben die breitschultrigsten Türsteher eingestellt,

die wir finden konnten und jedem ein paar

wolfsimschafspelzige Gesetze in die Hand gedrückt, aber die

Mode recycelt sich schon wieder. In 2025 braucht es keine

Blätter vor den Mündern mehr,

jetzt trendet gedruckte Selektion in Gesetzesentwürfen.

Hochgelegen hockt es sich herrlich unbeteiligt und man

braucht nur wegzuschauen, schon versinken, ertrinken die

Probleme in der Gischt.

Oder man schaut eben hin, zu Frontex vielleicht, wie

Expertise zu Exekutive wird und aus „Harmonisierung des

Grenzschutzes“ ein paar Wellen. Echte Wellen von echten

Grenzschutzbooten, die durch ihr Eingreifen, Danebengreifen,

Nichteingreifen, die menschenbeladenen Schläuche zurück

nach Libyen spülen. Die EU in tödlicher Passivität,

proaktive „Politik des Sterbenlassens“,

kalte Anonymität an kalten Mauern. Festung Europa, unsere

Festung, unser Fort ? Könnte man meinen.

Eine Begrifflichkeit auf Reisen, so unbeweglich ihre Semantik

auch zu sein scheint.

Einst synonymisch für Hitlers Atlantikwall im ersten Weltkrieg,

gilt Festung Europa 1960 als sicherheitsversprechender Fels in

der Brandung, Schutzversprechung gegen all die bösartigen

Eindringlinge. Kritische Konnotation dann spätestens in den

80ern, Wirtschaftsprotektionismus der EU. Schon bald ist die

Flüchtlingspolitikkritik unüberhörbar, also schnell, schnell,

schnell, Selbstbezeichnung Europas als „Magnet“ auf 2002er

Gipfeltreffen, rechtfertigend antwortend auf die mittlerweile

diskursetablierte Bezeichnung einer Festung,

man müsse sich doch eben schützen.

Und unser Schiff läuft ein, in den Hafen einer tragischen

Logik: Migration mit erschwerten Migrationsbedingungen

bekämpfen. Abwimmeln, abschrecken, ab- und wegschieben

versuchen.

Das Motto irgendwo zwischen, aber die anderen machen das

auch ! und, wenn man nirgends hinkann,

wird nicht mehr geflüchtet ( ?)

Ach, lieber noch ein bisschen pushbacken, Flüchtende und

dann gleich das Völkerrecht backpushen, immerhin ist

„Pushback“ zum Unwort 2021 gekürt.

Und die „irreguläre“ Migration, wird mit immer mehr

Kriminalisierung bekämpft, glasklar, genau wie wir doch

einfach den Görlitzer Park abschließen können,

damit keine Drogen mehr verkauft werden.

Also los, Asylrechtsreform mit natürlich ganz viel Schutz,

Schutz, Schutz für unsere hilflos winselnden Außengrenzen,

haftähnliche Bedingungen für Frauen, Kinder, alle —

in Auffanglagern, auf Asylentscheidung wartend.

Europas Grenzen als Zuhause,

idyllisch.

Was ist diese Festung Europa für wen ?

Es erscheint schlichtweg paradox.

Politisches Sinnbild vs. Illusion.

Ein Luftschloss (Judith Kohlenberger) der Faschisten,

ein Zeugnis entmenschlichender Politik für alle anderen.

Mauern, die niemanden schützen.

Noch halten sie langfristig auf —

selbst aus rechtspopulistischer,

besorgt-bürgerlicher Perspektive.

Weniger illusorisch als sich Nationalpatriot_innen im

Bundestag oder vor dem Fernseher vielleicht wünschen mögen,

ist, dass Menschen flüchten. Vor zusammenbrechenden

Häusern und Heimaten, zusammengebrochener Wirtschaft,

vor mit Menschlichkeit brechenden Verbrechen.

Der Art. 1 GG könnte fürs Klarwerden unserer

Handlungsverantwortung sogar steckengelassen werden,

müsste er andernfalls aber auch nicht.

So oder so sollte es völlig ausreichen, dass sich um

Perspektiven vollkommen Perspektivloser bemüht wird.

Könnte man meinen.

Raus ! Raus aus unserer Festung, raus aus dem

diskursverlagernden Sprachgebilde, hin zur Brille — und am

besten kein Fernglas — Richtung Fluchtursachenbekämpfung.

Richtung postkolonialer Verantwortung, hinterlassenen

Furchen im Sudan, in Ruanda, in Ländern ehemaliger CFA-

Franc-Zone — völkische oder/und ökonomische Verhältnisse

über Bord schmeißen und jetzt Flüchtende jener Folge ?

Historisch tragischer Dominoeffekt oder so.

Wir wackeln noch ein bisschen auf unseren internalisierten

Doktrinen herum, die einst geographische Grenzen zogen und

jetzt mit Naturgegebenheiten verwechselt werden —

man könnte die aufbrechen, irgendwann.

Oder sich dessen bewusst werden, erstmal.

Büchner sagte, Krieg den Palästen und so weiter.

Wir können uns schlecht selbst bekriegen,

aber das schaurige Narrativ einer Festung bleibt ebenso

wenig beherbergend für Heimatlose, Heimatverlierende,

Gehenmüssende —

Weiterkommen, doch am besten nicht weiter,

sondern entgegengesetzt.

Die Ampel ist dunkelorange und Wurzelbehandlungen sind

schmerzhaft, aber unumgänglich.

Und da werden immer irgendwelche stehenbleiben und

glotzen oder vielleicht von Sylt aus herüberrufen —

aber lange ist das Schauspiel der Grausamkeit nicht zu

verstecken, vollgelaufene Schlauchboote schaffen im

Gegensatz zur europäischen Migrationspolitik

keine Kurswechsel.

Nicht verstummen.

Und wir —

das sind alle und wieder keiner und am Ende nur die da oben,

ich weiß.

Das drehe doch ein jeder für sich.

wie fluchtaufhaltend, fluchtverhindernd, europaschützend

für Populisten aller Art.

Die Zündschnüre der Neologismen im Auge behalten;

Flüchtlings-welle, ein Naturschauspielgefühl,

gravierend salopp entmenschlicht.

Vorsicht, Vorsicht, vor dem viel zu großen Knall in längst

zündelnden Debatten, unverhältnismäßig laut

und verheerend kontraproduktiv.

Verheerend für echte Menschen an echten Grenzen.

Sprache hat Macht,

Sprache baut nicht nur Brücken, sie baut Mauern.

In den Köpfen und dann um Europa.

Und im Whirlpool, zwischen sich nach rechts blubbernden

Christdemokraten und freundlichen Vorstellungsrunden

von Alice Weidel im Öffentlich-Rechtlichen,

vernebelt die Sicht vielleicht benebelnd leicht.

Umgang mit Geflüchteten —

realitätsbezogen oder überhaupt —

wird zur Entscheidung,

der man zustimmen könne —

oder eben nicht.

Opfergabe schlichtweg feiger Wahlkampfprostitution.

Da schwimmen Menschen im Meer.

Kein Humankapital, kein „die Flüchtlinge“, keine Nummern.

Aus bewachten Türen könnte man so leicht Dächer bauen.

Weiterkommen, doch am besten nicht weiter,

sondern entgegengesetzt.

Die Ampel ist dunkelorange und Wurzelbehandlungen sind

schmerzhaft, aber unumgänglich.

Und da werden immer irgendwelche stehenbleiben und

glotzen oder vielleicht von Sylt aus herüberrufen —

aber lange ist das Schauspiel der Grausamkeit nicht zu

verstecken, vollgelaufene Schlauchboote schaffen im

Gegensatz zur europäischen Migrationspolitik

keine Kurswechsel.

Nicht verstummen.

Und wir —

das sind alle und wieder keiner und am Ende nur die da oben,

ich weiß.

Das drehe doch ein jeder für sich.