Umverteilung in Krisenzeiten – HUch#91

| Interview mit C.S., geführt von Joana Splieth |

Der Dezentrale Community Mietrettungs-Fonds aus Berlin erprobt Konzepte außerstaatlicher Umverteilung.

Bild: Mariana Papagni

Wer in den letzten Monaten in den sozialen Netzwerken aktiv war, kam nicht umhin, die zunehmende Popularität von Spendenaufrufen und Crowdfunding-Kampagnen zu bemerken. Viele von ihnen reagierten auf die Krisenhaftigkeit unseres globalen (Wirtschafts-)Systems, die immer offensichtlicher wird: Waren Anfang des Jahres noch die Brände im Amazonas und in Australien Auslöser für eine erneute Debatte über die Klimakatastrophe, verlagerte sich die weltweite Aufmerksamkeit mit Beginn der Corona-Krise auf die Probleme in der lokalen und globalen Gesundheitsversorgung. Fast im Wochenrhythmus löste ein Thema das nächste ab, wobei jede einzelne Krise gravierende Missstände zur Diskussion brachte: Die fehlende Versorgung von wohnungslosen Personen ließ einmal mehr den systeminhärenten Klassismus durchscheinen. Die Situation in den Lagern für geflüchtete Personen in Griechenland, die rassistischen Morde in Hanau durch einen Rechtsterroristen oder in Minneapolis durch die Polizei waren eindrückliche Beweise dafür, dass Rassismus und Neokolonialismus keineswegs verschwunden sind. Und auch das Patriarchat hörte auf sich zu verstecken und trat in der zunehmenden Gewalt gegen FLINT*-Personen in den vom Lockdown betroffenen Haushalten oder in den ausbleibenden staatlichen Hilfen für unangemeldete Sexarbeiter_innen zum Vorschein. Einmal mehr wurde deutlich, dass Unterstützung und Solidarität im (neoliberalen) Kapitalismus gerade dort verweigert wird, wo sie eigentlich dringend nötig wird.

Als Reaktion auf diese Umstände sind im letzten Jahr viele Initiativen entstanden, die ohne explizite Vereinsorganisation über die durchaus umstrittenen Webseiten Paypal oder gofundme für Betroffene, Freund_innen und Genoss_innen schnell und effektiv Geld sammeln. Auch das Berliner Projekt Dezentraler Community Mietrettungs-Fondsarbeitet seit Beginn der Covid-19-Krise mit diesen Tools und verteilt über sie Gelder von Einzelspenden, die direkt auf das Paypal-Konto von Personen eingezahlt werden, die ihre Miete nicht zahlen können oder andere finanzielle Probleme haben.

In der Selbstbeschreibung auf Telegram, wo die finanzielle Koordination des Projekts in einem Kanal stattfindet1, schreibt das Team, dass vor allem »BIPoC2, Migrant_innen, queere Personen und Personen mit Schwerbehinderung(en) und/oder chronischen Erkrankungen« unterstützt werden sollen, die »keine Möglichkeit haben, Hilfe von Ämtern zu erhalten (z.B. aufgrund der Aufenthaltssituation) und weil es sonst auch keine Netzwerke gibt, die unterstützen könnten«.

Über die Beweggründe hinter dem Projekt sowie über die Konzepte außerstaatlicher Umverteilung haben wir mit C.S., einer der Organisator_innen des Mietrettungsfonds, gesprochen.

Außerstaatliche Umverteilung, das klingt nach einem ziemlich komplexen Thema. Was bedeutet das für Euch und warum ist es Euch so wichtig?

Ja, das stimmt. Ich versuche das mal zu erklären. Außerstaatliche Umverteilung braucht es leider dauerhaft im kapitalistischen System, da es immer Menschen gibt, die durch die Maschen von staatlichen Unterstützungsnetzen fallen, durch die sie eigentlich an Geld, soziale und psychologische Unterstützung oder Wohnraum kommen sollten. Dies passiert natürlich nicht vollkommen willkürlich, sondern betrifft vor allem Personen, die ohnehin schon prekarisiert sind und/oder waren: Menschen, deren Aufenthaltsstatus unsicher ist; Menschen, die aufgrund von Trans- und Homofeindlichkeit ausgeschlossen werden; Menschen, die von Rassismus und Klassismus betroffen sind, etc. – diese Liste könnte man noch sehr weit fortführen. Da wir der Meinung sind, dass das Recht auf Wohnraum und auf menschenwürdige Lebensumstände für alle gegeben sein sollte, dies aber vom System, in dem wir leben, nicht garantiert wird, versuchen wir durch ein solidarisches Miteinander, uns zumindest ein wenig gegenseitig durch den Alltag zu helfen und die konkreten, dringenden Bedürfnisse aufzufangen.

Das heißt, Umverteilungsprojekte wie der Fonds sollen Lücken schließen, die in der staatlichen Unterstützung bewusst ignoriert werden?

Ich finde, an dieser Stelle ist es sehr wichtig, zwischen »sollen« und »können« zu unterscheiden. In meiner idealen Gesellschaftsvorstellung sollte es nicht nötig sein, dass privat organisierte Projekte Versorgungslücken schließen müssen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass Projekte wie das unsere die langfristige Lösung sein sollten. Gesellschaftlich und politisch muss sich noch vieles tun. Der Zugang zu Wohnraum muss für alle gesichert sein, menschenwürdige Lebensumstände für Asylsuchende müssen durchgesetzt werden und es braucht eine konsequente Bekämpfung des inhärenten Ableismus im politischen System – um nur einige der aktuellen Probleme zu nennen.

Bis dies aber geschieht, denke ich, dass solidarische Umverteilungsprojekte, die über das Engagement individueller Menschen funktionieren, andere Mitmenschen in ihrem (Über)Leben unterstützen können – auch wenn sie nicht in der Lage sind, die großen gesellschaftlichen Veränderungen anzustoßen.

Wenn ich die Frage höre, muss ich zudem auch an einige Kritiken an unserem Projekt denken: Uns wurde unter anderem vorgeworfen, dass der Fonds »ein Bündnis mit dem Neoliberalismus«3 eingehe. Für mich ist das ein sehr fauler Vorwurf. Denn ich kann gleichzeitig strukturelle Missstände bekämpfen, Veränderungen fordern und trotzdem konkret im Hier und Jetzt versuchen, im Kleinen etwas zu verändern, mich solidarisch zu zeigen und eben umzuverteilen. Damit stabilisieren wir keinesfalls bestehende Ungleichheiten, sondern versuchen simultan zum einen, konkrete Ungerechtigkeiten zu mindern und einen solidarischen Umgang untereinander zu üben, und zum anderen, dadurch Kraft zu schöpfen, um das große Ganze anzugreifen. Denn von der schönsten linken Theorie allein wird weder die Miete gezahlt, noch kommt dadurch Essen auf den Tisch marginialisierter Personen.

Danke, dass Du nochmal auf die Kritik eingegangen bist, die Euch begegnet. Um daran anzuknüpfen: Wo siehst Du Handlungsbedarf und welche politischen Prozesse müssten in unserer Gesellschaft in Gang kommen, um die Probleme zu beheben, die durch Corona einmal mehr offensichtlich geworden sind?

Ein paar Aspekte habe ich ja bereits genannt. Darüber hinaus gibt es viele weitere Details zu nennen, aber im Groben: Ohne eine tiefgehende Kritik am Kapitalismus – also einem System, das auf Rassismus und Ableismus aufbaut – werden sich sehr viele Probleme nicht lösen lassen. Genauso denke ich, dass die Polizei als Institution – sowie viele weitere Methoden der Kontrolle und Überwachung – durch alternative Strategien ersetzt werden müssen.

Darüber hinaus wären wirkliche Veränderungen auf rechtlicher Ebene ein guter Anfang: beispielsweise die Überarbeitung des Asylrechts (das in Deutschland ja de facto in den 1990ern abgeschafft wurde) und von Gesetzgebungen, die trans und inter Personen in ihrer Selbstbestimmung einschränken. Diese Aufzählung erscheint vielleicht etwas weit hergeholt und wirkt, als hätte sie nichts mit dem Mietrettungsfonds zu tun. Ich glaube aber, dass all diese Themen miteinander verwoben sind und dazu beitragen, dass Menschen prekarisiert werden und dadurch keinen Zugang zu Ressourcen haben. Und genau an dieser Stelle versucht der Mietrettungsfonds, solidarisch umzuverteilen.

Denkt Ihr, dass Projekte wie der Mietrettungsfonds dazu beitragen können, nicht nur einzelnen Menschen mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen, sondern auch Community-Zusammenhalt zu stärken, wie es der Name andeutet?

Das ist leider keine so einfache Frage. Eine der wichtigen Prämissen des Projekts ist, dass diejenigen, die spenden, und diejenigen, die Gelder erhalten, weitestgehend anonym bleiben (können). Dadurch soll auch garantiert werden, dass die, die unterstützt werden, keine Leidensgeschichte performen müssen. Außerdem passiert das alles ja online mit wenigen Klicks, was auch nicht unbedingt zur persönlichen Community-Vernetzung beiträgt.

Ich glaube zwar fest daran, dass das gute Regelungen sind, aber ich denke auch, dass Community-Zusammenhalt so vielleicht eher etwas diffuser erlebt wird. Dennoch hoffe ich, dass die Existenz des Fonds und die Tatsache, dass wir bereits um die 30.000 Euro umverteilt haben, insgesamt zeigen, dass diese Form des solidarischen Handelns funktioniert. Im Idealfall trägt das auch dazu bei, die Gemeinschaft zu stärken, weil Menschen nicht alleingelassen werden und das Wissen um die Möglichkeit, dass hier Unterstützung erfahren werden kann, und andere Menschen Verantwortung übernehmen, verbreitet wird.

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1 Das Projekt ist unter »Dezentraler Community Mietrettungs-Fonds (beta)« auf Telegram zu finden.

2 BIPoC ist eine Selbstbezeichnung und und bedeutet »Black, Indigenous, People of Color«.

3 Sebastian Friedrich auf Twitter am 4. April 2020: https://twitter.com/formelfriedrich/status/1246375185290276864