AUF IN DIE KNEIPE – HUch #99

| Vincent Leonhardt |

Während die deutsche Nationalmannschaft der Herren vor der Heim-EM 2024 ein Testspiel bestreitet, testet Vincent Leonhardt belletristisch die Weltoffenheit einer Neuköllner Kneipe und gerät dabei auch auf reflexive Pfade seines vergangenen Selbst zwischen den Nationalitäten.

TW: Auseinandersetzung mit Rassismus

Es ist Freitagnachmittag, das Wochenende steht vor der Tür. Ich gehe von Eckkneipe zu Eckkneipe, um irgendwo einen Fernseher zu finden, der das letzte Testspiel der deutschen Nationalmannschaft zeigt. Die nächste Absage, es sei Bingo-Abend, gedemütigt verlasse ich das Lokal mit den Blicken der Gäste im Rücken. Die obligatorische Schwarz-Rot-Gold-Deko wird nach zwei Jahren wieder aus dem Karton geholt. Während ich schnell über die Pflastersteine der Brüsseler Straße gehe, sehe ich, wie unbeholfen eine große Bundesdienstflagge mit Reichsadler über einer Gardine gehisst wird. Statt der Gardine verbirgt jetzt die Flagge die Durchsicht ins schummrige Innere der Eckkneipe. Geht es hier noch um Fußball ?

Dieser Nachmittag im Frühling 2024 ist das erste Mal, dass ich ein Spiel der deutschen Mannschaft in Deutschland, meinem Geburtsland, sehe. Ich habe noch vereinzelte Erinnerungen an die letzte Heim-WM 2006, wo wir in einer offenen Garage in Luxemburg mit den deutschen Freunden meiner Eltern den „Sieger der Herzen“ gefeiert haben. Zu zehnt standen wir gedrängt um den kleinen flimmernden Fernseher, der durch ein langes Kabel mit einer Steckdose quer durch das ganze Haus verbunden war. Ein Deutschlandtrikot oder Schal am Leib, Salzstangen in der linken, Sekt oder O-Saft in der rechten Hand.

Auch wenn ich nur 30 Kilometer hinter der deutschen Grenze aufgewachsen bin, bleiben mir — bis auf meine deutschen Eltern, die deutsche Sprache, die zuhause gesprochen wird und die halbjährlichen Besuche im Schwabenland bei der Familie — wenig Bezug zu meinem Geburtsland. Jedoch waren die internationalen Fußballturniere immer ein Grund, mich vom Vergangenen zurück locken zu lassen — vom Sommermärchen 2006 bis hin zur Krönung als Weltmeister in Brasilien. Gute Leistung auf dem Platz zieht Fans und Anhänger_innen an. Scheinbar hat niemand Lust, einer Mannschaft, die dauernd verliert, zuzuschauen. Gute Leistung wird im Fußball von allen Seiten, von Gesellschaft und Politik gelobt. Während andere Länder ihre Superstars haben, kontert Deutschland mit „Die Mannschaft“, ein Kader der zusammen stark ist. Kein einziges wichtiges Länderspiel vergeht ohne den Schwenk der Kamera auf die Tribüne, wo die Staatsoberhäupter friedlich nebeneinandersitzen und ihre Aufmerksamkeit dem Spiel widmen.

Die Bilder, wie Kanzlerin Merkel zwischen den verschwitzten Spielern in der Kabine steht und dem oberkörperfreien Mesut Özil nach dem 4:0 gegen Argentinien 2010 die Hand gibt, sind fest in mein Gehirn eingebrannt.

Ein internationales Fußballturnier unpolitisch zu betrachten, ist demnach unmöglich. Brasilien, Russland, Katar laden die Welt zu sich ein, um sich von ihrer besten Seite zu präsentieren; der Preis sind Einschränkungen der Meinungsfreiheit, massive Menschenrechtsverletzungen und tote Arbeitskräfte. Für 30 Tage wird eine globale Gleichheit inszeniert und jeder muss nach denselben Regeln spielen, nur damit in den autokratischen Staaten danach wieder alles zum Alten zurückkehrt. Von der Eröffnungsfeier bis zur Medaillenübergabe — teilweise sogar durch Staatsoberhäupter — ist der Einfluss der Politik und dem damit verbundenen Nationalismus immer präsent.

Wer ist Fan seiner Mannschaft wegen des guten Fußballs? Wer ist Fan seiner Mannschaft, da er sich nicht gegen den Staat stellen darf ? Wer ist Fan seiner Mannschaft, weil er sein Land liebt? Wer ist Fan seiner Mannschaft, weil er den Gegner hasst? Wer ist Fan seiner Mannschaft und würde gewalttätig werden? Fans, welche sich bewusst vor einem Spiel ein Trikot überstreifen, tragen alle die gleichen Farben. In der Menschenmasse im Stadion geht der Einzelne unter, kommt jedoch in der Kneipe zum Vorschein.

Während 2018 Deutschland in der Gruppenphase in Russland ausscheidet, bestehe ich meine Sprachtests und werde im Sommer Luxemburger Staatsbürger. Immer wieder hat mein Identitätsgefühl zwischen Deutschland und Luxemburg geschwankt. Ich wollte einen Beweis für meine luxemburgische Identität, den mir niemand mehr wegnehmen kann.

2024 hat sich einiges geändert, die Euphorie für die Nationalmannschaft ist verschwunden, bei den zwei letzten Turnieren ist man in der Gruppenphase ausgeschieden, der Torwart leiste sich zu viele Patzer, mein deutscher Pass ist seit zwei Jahren abgelaufen und meine persönlichen Bezüge zu Deutschland schwinden. Zeitgleich können ältere Luxemburger meinen Akzent nicht einordnen und fragen, ob ich im Norden oder Süden von Luxemburg aufgewachsen bin, worauf ich antworte: „Ich bin in Mannheim geboren.“ Ich bin stolz darauf, Luxemburger zu sein. Mein Vater hat sich den Verbleib im Land durch viele Arbeitsstunden und wenig Zeit mit der Familie hart erarbeitet, genauso wie ich über 15 Jahre brauchte, um perfekt Luxemburgisch zu sprechen.

Endlich habe ich eine Kneipe gefunden, die das Testspiel zeigt. Der Wirt lässt lieber seine Schlagerplaylist laufen als den Ton des Spiels, doch das kümmert die wenigen Gäste kaum. Zwei von ihnen beugen sich über einen klebrigen Merkur-Automaten, der Wirt lässt sich alle paar Minuten an einem Stammtisch neben dem Bartresen nieder und im Hinterzimmer wird feuchtfröhlich ein Dart-Turnier ausgetragen.

Die Gäste sind überwiegend männlich, teils noch in Arbeitskleidung — aber nicht mehr in Arbeitsstimmung. Während ich mein Bier trinke, kann ich alle Gäste beobachten und ihnen zuhören, dabei schaue ich entweder auf die Leinwand oder aktualisiere Instagram. Neben der Fachsimpelei über Torwartfehler: „Wenn Neuer so spielt wie in der Bundesliga, fliegen wir haushoch raus“ oder: „Ich tippe auf 1:1 beim Eröffnungsspiel gegen die Schotten“, fallen von Zeit zu Zeit auch härtere Bemerkungen. Es steht mittlerweile 0:1, und einer der Gäste beginnt über Griechenland zu sprechen. Er meint, nach Gyros werde ihm immer schlecht und wirft „Die Griechen, die riechen“ in die Runde. Auch wenn keine Reaktion aus dem Raum kommt, kommt der Gast richtig in Fahrt. „Wenn Adolf das sehen würde!“ Ja, was dann? In meinen Gedanken frage ich ihn: „Was ist deine erhoffte Reaktion des Diktators und Massenmörders über die schlechte Performance der deutschen Nationalmannschaft?“

Ein weiterer Gast sitzt zwei Stühle neben mir am Tresen. In der Halbzeit bemerke ich, wie er nuschelnd nach einem weiteren Glas fragt, woraufhin der Barkeeper sanft und liebevoll, aber deutlich vorschlägt, ihm das Glas gerne nächstes Wochenende auszuschenken.

Ein Stammgast, welcher den Wirt beim Vornamen kennt und direkt neben der Theke an dem Tisch steht, wo sich Letzterer alle 10 Minuten eine neue Zigarette anzündet, kündigt an, dass er ihn zum Taxi begleitet, da „Uber und mit dem Handy nicht so klappt.“ Fünf Minuten später (wir sind schon in der zweiten Halbzeit) kommt der Stammgast wieder und regt sich über die ausländischen Taxifahrer auf, die kein Deutsch könnten und fängt an, über diese zu schimpfen. „Ja der Hermannplatz, eigentlich sollte der in Hassanplatz umbenannt werden.“ Deutschland hat mittlerweile den Ausgleich geschossen. Der Wirt, der zum Schichtwechsel gekommen ist, beginnt, die Bar mit Deutschlandfahnen zu dekorieren. Da er am Tresen eine Girlande befestigt, kommt es zu einer kurzen Interaktion, in der ich mich ducke und er mich anschaut und selbstbestimmt sagt, dass ich ruhig sitzen bleiben könne. „Die Fahnen darf man ja jetzt aufhängen“, auch hier gibt es keine Antwort, weder von mir noch aus dem Raum. Für mich fühlt es sich so an, als ob diese Kommentare immer von Personen in den Raum geworfen werden, um zu testen, wer im Publikum sitzt. Ich bin groß gewachsen, männlich gelesen, kaukasische Hautfarbe, passe gut zum Publikum. Den Fußball und das Fassbier habe ich mit ihm gemeinsam. Meine Handtasche auf dem Hocker neben mir macht mich aber subtil zum Fremdkörper. Ein Satz über meine politische Einstellung oder meine sexuelle Orientierung könnte mich entblößen.

Warum sage ich nichts? Auch ich setze den Männern nichts entgegen. Unter meinem dicken Pulli kann man die verschwitzten Achseln nicht sehen. Ich habe Angst. Angst, in der Unterzahl zu sein. Angst, Zivilcourage zu zeigen. Angst vor Homophobie. Angst vor Aggressionen. Angst vor Gewalt.

Durch all die Erfahrungen in den Kneipen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe, habe ich überlegt, inwieweit ich das Hobby Fußballschauen noch mit mir vereinbaren kann. Eine Sportart, in der kein professioneller Spieler geoutet ist? Fans, die rechte Parolen in Kneipen von sich geben? Im Nationalfußball kämpft ein Land gegen das andere. Allzu schnell befeuert das auch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gegenüber der gegnerischen und „fremden“ Mannschaft.

Während sich mein zweites Glas leert, schießt Pascal Groß kurz vor der Nachspielzeit den Siegtreffer, interessiert in der Kneipe aber, ehrlich gesagt, die meisten Gäste eher weniger.