SCHREIBEN GEGEN ALLE WIDERSTÄNDE – HUch #99

| Marie Eisenmann & Felix Prokein |


Gedichte, das geschriebene Wort in poetischer Form, ist nicht nur ästhetisches Vergnügen und Einladung zur emphatischen Hinwendung. Es kann prägen und hat für Menschen mit ihren Biographien verschiedene Bedeutungen. Marie Eisenmann und Felix Prokein nehmen das Erscheinen von „Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist“ zum Anlass, einigen Perspektiven im Kontext von Fluchterfahrungen auf den Grund zu gehen.

Das Poetry Project ist ein Berliner Verein, der seit 2016 literarische Dialogprojekte für junge Menschen mit Fluchthintergrund organisiert. In regelmäßigen Workshops kommen sie zum autobiografischen Schreiben zusammen, in den Sprachen Arabisch, Kurdisch, Persisch und Ukrainisch und präsentieren ihre Texte anschließend deutschlandweit auf der Bühne. In Ländern wie Iran oder Afghanistan spielt Poesie auch im Alltag eine wichtige Rolle, so hatte es Projektgründerin und SPIEGEL-Auslandskorrespondentin Susanne Koelbl immer wieder auf ihren journalistischen Reisen erlebt. Das Poetry Project gründet auf dieser Erzähltradition, die von einer besonderen sprachlichen Dichte und emotionalen Tiefe lebt. Dinge, die zunächst unsagbar scheinen mögen, werden so in ein kunstvolles Gespräch verwandelt.

Von 2023–24 wurde The Poetry Project mit dem Projekt „Zeitzeug_innen der Zukunft — Geschichten der Deutschen von morgen“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ, ehem. BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ sowie von der bpb und der Postcode Lotterie gefördert. Das Projekt fand im Tandem mit dem PEN Berlin statt, dessen Autor_innen mit eigener Flucht- bzw. Migrationsgeschichte die jungen Schreibenden literarisch begleiteten. Zum Abschluss des Projekts publizierte der Verbrecher Verlag im November 2024 die Anthologie „Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist“. Die Projektleiter_innen Levke Nissen, Theresa Rüger und Birgit Schmitz trugen dafür eine Auswahl an Gedichten und Kurzprosa von insgesamt 32 geflüchteten Poet_innen zusammen. Wir wollten genauer wissen, welche Biografien und Perspektiven mit den Texten verbunden sind. Daher traf sich unsere Autorin Marie Eisenmann mit drei der Autor_innen der Anthologie zu zwei verschiedenen Gesprächen. In einem ersten Gespräch mit Mariia Kaziun sprachen wir über den russischen Angriffskrieg und die Bedeutung von Heimat für das eigene Schreiben, in einem zweiten Gespräch mit Ali Alzaeem und Tayebah Joya ging es um das politische Schreiben in Deutschland sowie in Syrien und Afghanistan.

„EIN GEDICHT KANN EIN HAUS SEIN, ABER NICHT HEIMAT“

Mariia Kaziun ist 21 Jahre alt. Ursprünglich kommt sie aus der ukrainischen Stadt Kyjiw, wo sie Grafikdesign zu studieren begann. Seit März 2022 ist sie jedoch in Berlin. An der Humboldt-Universität hat sie nun zusätzlich drei Semester Kunstgeschichte studiert. Wir treffen uns für das Interview an einem Sonntag in der Bibliothek.

HUch: Was bedeutet dir deine Zeit beim Poetry Project?

Mariia: Es ist ein Platz, wo ich mit anderen einfach meine Erfahrungen und Gefühle teilen kann. Es war meine Psychotherapie. Seit dem Anfang des Krieges gab es dafür nicht oft die Möglichkeit.

HUch: Warum schreibst du?

Mariia: Ich mag meine Sprache. Ich mag viele Wörter, aus de- nen meine Sprache zusammengesetzt ist. Wenn ich richtig intensive Gefühle habe, kann ich sie nur so ausdrücken. Das ist sehr wichtig für mich. Ich würde sagen, dass viele ukrainische Menschen Gedichte für sich selbst schreiben, aber sie mit niemandem teilen. Das Projekt hilft mir zu verstehen, dass es okay ist, meine Gedichte zu teilen.

HUch: Sind Gedichte ein großer Teil der ukrainischen Kultur?

Mariia: Ich weiß nicht genau. Aber wir haben richtig viele gute Poeten und Poetinnen in unserer Geschichte. Und ich würde sagen, das liegt sehr an unserer Sprache, weil sie sehr melodisch ist und viele Synonyme hat, für manche Wörter sogar fünf oder mehr. Also kann man die Wörter austauschen, um genau das auszudrücken, was man will.

HUch: Viele Leute aus der Ukraine haben nach Kriegsbeginn kein Russisch mehr gesprochen. Wie war das bei dir?

Mariia: Viele Leute haben in ihrem Leben nie Ukrainisch gesprochen. Und das war eines der größten Probleme. Bei meiner Familie war das auch so, sie konnten Ukrainisch, aber sie sprachen es nicht. Ich habe damals studiert und dadurch mit meinen Mitstudierenden auf Ukrainisch gesprochen, nicht auf Russisch. Als meine Familie dann am Anfang des Krieges mehr auf Ukrainisch oder nur noch auf Ukrainisch gesprochen hat, half es sehr, dass ich es besser konnte als sie. Inzwischen spreche ich auch besser Ukrainisch als Russisch.

HUch: Was bedeutet dir denn das Schreiben in deiner eigenen Sprache?

Mariia: Du versuchst alles präziser und mit den richtigen Wörtern zu sagen. Du lernst deine Sprache nochmal, um zu schreiben. Und das ist dann ein kleines Geheimnis für dich selbst. Du suchst neue Wörter, neue Wege, um alles zu sagen und nicht nur um den Sinn zu übermitteln. Das ist die eigentliche Arbeit während des Schreibens.

HUch: Es gibt in dem Buch „Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist“ eine Einleitung zu den kurdischen Gedichten. Meral Şîmşek schreibt dort: „Diese Gedichte wurden mein neues Zuhause. […] Aus der Heimat der Poesie sende ich respektvolle Grüße.“ Du schreibst in einem deiner Gedichte auch von der „verzweifelten Liebe zur Heimat“. Können für dich Gedichte diese Heimat sein ?

Mariia: Ich fing an zu schreiben, weil ich nicht mehr in der Ukraine sein konnte. Ich bin nicht mehr ‚in meiner eigenen Sprache‘ und es hilft mir dabei, hier in Deutschland zu sein. Aber ich kann die Ukraine nicht durch die Gedichte ersetzen. Ich würde alle meine Gedichte dafür eintauschen, dass wieder alles gut ist in der Ukraine und ich zurück kann. Ich kann gerade nicht in der Ukraine sein, also bin ich in meinen Gedichten. Gedichte sind wie eine andere Welt. Eine Welt, wo du alles sagen und neu fühlen kannst. Sie sind ein Haus, aber keine Heimat.

HUch: Für wen schreibst du?

Mariia: Manchmal für mich selbst. Viel für die Ukraine. Ich möchte, dass die gesamte Ukraine mich hört. Wenn ich für mich selbst schreibe, will ich etwas in mir finden, vielleicht Gefühle. Wenn du für jemand anderen schreibst, möchtest du, dass er das hört! Deine Gedanken, deine Gefühle, du willst das einfach teilen. Das fühlt sich an wie ein Liebesgedicht zu schreiben. Und ich liebe die Ukraine.

HUch: War diese Heimatliebe für dich immer schon da?

Mariia: Das ist schwer zu sagen, aber ich wusste, dass ich die Ukraine liebe und dass diese Liebe groß ist. Aber es ist einfacher diese Liebe zu verstehen, wenn du nicht mehr dort bist. Wenn du etwas hast, dann weißt du vielleicht gar nicht, dass du es hast. Aber wenn es weg ist, weißt du genau, dass du es möchtest.

HUch: Hast du das Gefühl, dass andere deine Situation besser verstehen, wenn du deine Gedichte bei Lesungen vorträgst ?

Mariia: Weißt du, manchmal hören Leute einfach nicht zu! Es ist leichter das zu verstehen, wenn du in der gleichen Situation bist, weil du es genauso fühlst. Aber wenn du das liest, bist du einfach ein Leser und nicht ein Mensch in dieser Situation. Aber ja, vielleicht können Menschen durch Gedichte mehr verstehen als durch Zeitungsartikel. Ich würde sagen, Gedichte sind ein bisschen wie Gemälde. Aber Gemälde brauchen auch einen ‚Autor‘, der sagt: „Ich hatte diese Gefühle und deswegen habe ich das gemalt.“

HUch: Zum ukrainischen Teil des Buches schreibt Anna Melikova einführend: „Krieg ist ein Narzisst. Er verlangt bedingungslose Anerkennung, ausschließliche Aufmerksamkeit. Er duldet kein anderes Thema um sich herum. Er vereinnahmt das Gehirn. Er verursacht Schuldgefühle. Darf man über etwas anderes schreiben? Über etwas anderes sprechen? Über etwas anderes nachdenken?“ Ist das eine Frage, die dich auch beschäftigt?

Mariia: Wenn ich eine Idee habe, die nichts mit dem Krieg oder der Ukraine zu tun, frage ich mich nicht, ob ich darüber schreiben darf. Natürlich darf ich das. Das ist mir auch wichtig. Aber ich fühle mich sicherer, wenn ich über den Krieg schreibe, weil das zurzeit sehr wichtig ist. Manchmal gibt es Situationen, wo ich das Gefühl habe, ich muss darüber einen Post auf Social Media machen.

HUch: Ist Schreiben also ein politischer Akt für dich?

Mariia: Früher hätte ich das nicht gesagt, aber jetzt ist es so. Alles ist jetzt politisch. Wir können nicht über etwas anderes schreiben, bis unsere Leute nicht mehr ermordet werden.

„DIE LITERATUR IST DAS GRÖSSTE ARCHIV UNSERER GESCHICHTE“

Ali Alzaeem ist 25 und kommt aus dem syrischen Idlib. Mit seiner Familie flüchtete er 2015 aufgrund des syrischen Bürgerkrieges nach Deutschland. Inzwischen studiert er in Berlin Logistik. Tayebah Joya, geboren 1997, engagierte sich in Afghanistan in verschiedenen literarischen Vereinen. Außerdem arbeitete sie als Dozentin und erhielt ein Doktorand_innenenstipendium für persische Literatur und Linguistik. 2022 musste sie das Land jedoch verlassen, da die Taliban Frauen verbot, zu arbeiten. Unser Interview findet online statt. Wenn wir uns aufgrund von Sprachbarrieren gegenseitig nicht verstehen, nutzen wir Online-Übersetzer und KI.

HUch: Habt ihr vor eurer Teilnahme beim Poetry Project bereits geschrieben?

Ali: Ich habe schon geschrieben, vor allem Gedichte auf Arabisch. Arabisch ist eine wunderbare und vielfältige Sprache. In der Schulzeit hatte ich Arabischunterricht, der mich beeinflusst und beeindruckt hat. Außerdem ist mein Vater Schriftsteller, ich habe also auch vieles von ihm gelesen. Als ich etwa 13 Jahre alt war, habe ich selbst versucht zu schreiben. Meine ersten Versuche waren eher traurig und chaotisch. Ich habe versucht, mich den bekannten arabischen Dichtern und Dichterinnen anzunähern. Im Projekt habe ich dann mehr nach meiner eigenen Art und Weise geschrieben.

Tayebah: Ich habe auch vor dem Projekt schon geschrieben, insbesondere Gedichte, Essays und kurze Geschichten. Als ich sehr jung war, also 19 oder 20 Jahre alt, hatte ich ein großes Interesse, über meine Gefühle und Gedanken zu schreiben. Schreiben war für mich wertvoll und beruhigend, und insgesamt hatte ich ein besonderes Interesse für Literatur. Später wollte ich selbst Teil davon werden und meine Familie hat mich sehr ermutigt und unterstützt. Die Dari-persische Literatur ist sehr reich und war deshalb immer ein Teil meines Lebens und meiner Mitmenschen. Dieses Projekt hat meine Leidenschaft für das Schreiben in einer neuen Umgebung nach der Migration wiederbelebt.

HUch: Aus welchem Grund schreibt ihr?

Tayebah: Wenn man schreibt, kann man sich selbst und anderen helfen, richtig zu denken. Schreiben gibt mir die Möglichkeit, das auszudrücken, was ich nicht sagen konnte und es mit anderen zu teilen. Außerdem hilft mir das Schreiben, besser mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen und kreative Lösungen zu finden. Es ermöglicht mir, eine neue Welt für mich selbst zu erschaffen.

Ali: Ich habe angefangen zu schreiben, weil ich Sprache mochte. Und um mich selbst besser zu verstehen. Es ist wichtig, dass man schreibt, denn die Literatur bleibt das größte Archiv unserer Geschichte. Besonders für Geflüchtete. Keiner hat unsere Geschichte bisher aufgeschrieben. Wenn sich die deutsche Gesellschaft unsere Geschichte anschaut, erinnert sie sich, wie die Geflüchteten an Bahnhöfen in Deutschland ankamen, wie sie aufgenommen wurden und wie sie integriert worden sind. Aber woher und warum sie kamen, wird nicht intensiv diskutiert. Das Projekt bietet also auch die Gelegenheit, den Deutschen diese Geschichten zu erzählen. Auch deswegen mache ich bei diesem Projekt mit. In 100 oder 200 Jahren müssen die Leser und Leserinnen von uns erfahren.

HUch: Ist Schreiben für euch politisch?

Ali: Ja und nein. Unsere Geschichten sind nicht nur da, um zu erklären, wie die politische Lage in unseren Ländern ist, sondern auch um zu zeigen, wie die Menschen hier ankamen und von null neu anfingen. Wie sie begannen hier Schulen zu besuchen, versuchten neue Arbeit zu suchen und sich in eine neue Gesellschaft zu integrieren, diese Sprache und diese Kultur verstehen zu lernen. Dieser Kampf war für viele Geflüchtete hart. Man sieht das auch an den Texten des Projekts. 2017, 2018 und 2019 waren das vor allem Erzählungen über den Weg nach Deutschland, aber 2020 waren die Texte über das Überleben und die Integration in Deutschland.

Tayebah: Die Aufgabe jedes Dichters ist es, seine Zeit zu reflektieren. Es ist unsere Pflicht, die aktuellen Zustände zu dokumentieren und zu hinterfragen. Das Schreiben gibt mir die Möglichkeit, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen und eine Stimme für die Menschen zu sein, die selbst nicht sprechen können. Ich habe in einer Situation gelebt, in der es immer Krisen gab, die mein Leben und somit auch mein Schreiben beeinflusst haben. Daher wird immer ein Teil meines Schreibens politisch bleiben.

HUch: Also ein Mitschreiben, was andere nicht aufschreiben?

Tayebah: Ja, das Schreiben gibt mir die Möglichkeit, einzigartige Perspektiven und persönliche Erfahrungen auszudrücken. Jeder Schriftsteller hat seine eigenen Geschichten und Erfahrungen, die anderen helfen können, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. In Afghanistan ist die Situation der Frauen sehr herausfordernd, und das Schreiben gibt mir die Gelegenheit, diese Probleme darzustellen. Ich kann klar sagen, dass afghanische Frauen Opfer einer globalen Politik waren und sind, und die Weltgemeinschaft hat bisher nichts für sie getan. Außerdem ist es mir wichtig, zu sagen, dass Krieg, Gewalt und Terrorismus in keiner Welt akzeptabel sind. Ich kann immer wieder dagegen aufstehen und Nein dazu sagen.

Ali: Wenn man sich anschaut, woher die meisten Geflüchteten nach Deutschland kamen, sind das vor allem Kriegsgebiete.1 Es ärgert mich, dass Politiker in Deutschland gesagt haben, Syrer sind Wirtschaftsflüchtlinge. Ich habe darüber geschrieben, dass in Syrien vor dem Krieg niemand dachte, er würde nach Deutschland kommen. Später war das eine Zufallsentscheidung. Es war nicht geplant. Der Weg hat uns nach Deutschland geführt.

HUch: Du schreibst also gegen die Geschichten des Mainstreams an, die immer wieder falsch erzählt werden?

Ali: Ja, es wird immer erzählt, dass die Geflüchteten denken: „Deutschland ist toll, da gehen wir hin.“ Diese Hoffnung gab es gar nicht, die Leute kannten Deutschland überhaupt nicht. Sie wussten nicht, was es dort gibt, ob man da arbeiten kann oder eine Wohnung bekommt. Das wussten wir alles nicht. Wir haben es erst erfahren, als wir in Deutschland ankamen. Ich wusste in der Willkommensklasse zwei Jahre lang nicht, dass ich dort bin, um Deutsch zu lernen.

HUch: Seid ihr mit bestimmten Erwartungen oder Meinungen konfrontiert, wenn ihr Lesungen mit dem Poetry Project macht?

Tayebah: Wenn ich meine Gedichte lese, verstehen die Zuhörer manchmal bestimmte Aspekte meiner Gedichte nicht, weil Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel ist, sondern ein großer Teil der Kultur. Wenn ich zum Beispiel über Kabul schreibe, über Straßen oder bestimmte Namen, fragen mich die Leute danach oft: „Was bedeutet das?“ Aber wenn ich über Krieg, Gewalt oder Hoffnung und menschliche Überzeugungen schreibe, verstehen mich alle. Deshalb mag ich es, über das gemeinsame Schicksal der Menschen zu schreiben und global zu denken.

Ali: Ich kann ein Beispiel geben. Ich komme aus dem Norden Syriens, aus dem Idlib-Gebiet. Manche, die hier die Nachrichten lesen, denken, dort gibt es nur Islamisten. Bei einer Lesung meinte mal eine Person: „Du kommst aus der Stadt, da gibt es ja nur Radikale.“ Nach der Lesung versteht man aber besser, wer ich bin und woher ich komme. Das hat sich natürlich auch verändert, besonders in Berlin. Man hat besser verstanden, dass man in junge Menschen investieren muss. Es gibt immer dieses Vorurteil: Die Männer aus den Nahen Osten wollen uns islamisieren und sie wollen unsere Frauen. Blablabla. Wenn man mit uns spricht, versteht man aber auch, dass wir offen sind und dass wir uns integrieren wollen. Viele haben ihre Meinung dadurch geändert.

HUch: Ist es manchmal anstrengend, in dieser Rolle zu sein?

Ali: Ja, natürlich ist es anstrengend. Man muss es wiederholen und wiederholen und wiederholen.

HUch: Ali, du schreibst in deinem Gedicht Im neuen Jahr die Verse: „Was für ein langweiliger Dichter bin ich geworden! Ich war in keinem Gefängnis und meine Finger wurden nicht gebrochen.“ Und in dem Gedicht Mein roter Reisepass schreibst du: „Kann man wirklich revolutionäre Zeilen schreiben ohne Haftbefehl?“ Wie viel Freiheit braucht für dich das Schreiben ?

Ali: Ich brauche die Freiheit in Deutschland, um zu schreiben, wie ich möchte. Viele arabische Dichter, die die Gesellschaft kritisiert haben, sind entweder im Knast gelandet oder wurden aus dem Land abgeschoben. Ich will die neuen Autoren und Dichterinnen daran erinnern, dass viele Dichterinnen und Dichter geschrieben haben, obwohl sie in einem diktatorischen Regime gelebt haben. Wir dürfen nicht den Mut verlieren, über unser Land und über die Freiheit zu schreiben. Ich komme aus einem Krieg, ich habe schwierige Zeiten miterlebt. Es ist schade, dass ich das erleben musste, aber ich sehe auch, wie ich mein Leben besser lebe, weil es knapp war, dass ich überlebt habe. Knapp, dass ich nicht durch eine Bombe gestorben bin. Ich habe in Deutschland jetzt alles, was ich brauche als Mensch. Deswegen sage ich auch, „ich bin ein langweiliger Dichter geworden“, weil alles da ist und ich nichts Hartes mehr erlebe.

HUch: Entsteht die bessere Literatur in unfreien Zeiten?

Ali: In ruhigen Zeiten entwickelt sich Literatur auch. Aber ich finde die Texte aus den alten Zeiten waren die spannenderen. Wenn wir schauen, was die besten Texte sind, dann sind das meistens die über Krieg und nicht die über schöne Zeiten. Die gibt es auch. Aber die bekannten, die immer gelesen werden, sind natürlich die Texte, die ein bisschen hart sind. Diese bleiben uns im Kopf. Wenn wir uns an die harten und schlimmen Zeiten erinnern, können wir auch besser für die Zukunft vorsorgen. Und deswegen ist es in Deutschland auch immer wichtig, an den Holocaust zu erinnern. Es muss in der Literatur, im Theater, in Filmen darauf geschaut werden, damit man die Geschichte kennt.

HUch: Tayebah, du musstest vor zwei Jahren Afghanistan verlassen, weil du dort als Frau nicht mehr arbeiten durftest. Hat das dein Schreiben oder dein Nachdenken über das Schreiben verändert?

Tayebah: Ich kann natürlich auf keinen Fall sagen, dass die Situation in Afghanistan gut für mich war. Aber gerade durch die Einschränkung in Afghanistan, als Frau nicht arbeiten und nicht studieren zu dürfen, wurde Schreiben für mich zu einem Akt des Widerstands. Jetzt nutze ich die Freiheit in Deutschland, um über die Gleichberechtigung oder die Freiheit der Frauen zu schreiben. Jede Frau muss darüber sprechen, egal ob Autorin oder nicht. Das ist unsere Aufgabe in dieser Zeit! Wir haben erlebt, wie wichtig es ist, eine Stimme zu haben und sie zu nutzen, um Veränderungen zu bewirken. Ein Gedicht ist für mich nicht nur ein Gedicht, es ist auch ein Kampf! Ich glaube auch, dass in Afghanistan nicht mehr lange so weitergemacht werden kann, denn auch für Frauen müssen in meinem Land alle Menschenrechte, einschließlich das Recht auf Arbeit und Bildung, gelten. Und ich bin sicher, dass sich die Situation in meinem Land nicht ändern wird, solange sich die Situation der Frauen in meinem Land nicht ändert. Seit drei Jahrzehnten befindet sich Afghanistan in einem instabilen Zustand, weil alle Frauen isoliert sind.

Ali: Es gibt einen syrischen Dichter2, der dazu einen passenden Satz formuliert hat. Er sagte: „Wie feig ist die Poesie, wenn sie nicht den Zorn reitet?“ Gedichte müssen immer einen Appell an die Gesellschaft haben. Natürlich ist da immer Wut dabei, wie etwa, dass die Lage von Frauen in Afghanistan schlecht ist. Deswegen müssen wir jetzt etwas schreiben!


Das Buch „Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist“ (240 Seiten), herausgegeben von The Poetry Project und PEN Berlin ist 2024 im Verbrecher Verlag erschienen.

  1. Laut eines 2017 erschienenen Berichts des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kamen 67,8% der Asylantragsteller_innen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Statistik/ BundesamtinZahlen/bundesamt-in-zahlen-2016.pdf?__ blob=publicationFile&v=1 ; letzter Aufruf: 06.02.2025 ↩︎
  2. Zitat des syrischen Dichters Nizar Qabbani. ↩︎