Gelb sehen – HUch#89

Von Nora Hillermann

Hinter dem heterogenen und zunächst verdächtig uneindeutigen Aufstand der Gilets Jaunes in Frankreich verbergen sich emanzipative Potentiale, die es zu entdecken und an die es anzuknüpfen gilt.

Seit beinahe einem halben Jahr widersprechen die Gilets Jaunes der alten Formel sowie der anfänglichen Vermutung, dass sie ebenso schnell verschwinden würden, wie sie aufgetaucht sind. Denn der gelbleuchtende Widerstand verschwindet nicht, obwohl er wie aus dem Nichts aufgetaucht ist.1 Seit dem 17. November 2018, dem ersten Tag der massiven Mobilisierungen fast überall in Frankreich, trägt die Bewegung jede Woche das Lied der Revolte auf die Straßen. Es ist zu einem Ohrwurm geworden, der ständig zurückkehrt und einem einflüstert, was man nicht hören will – oder vielleicht auch das, was man sich heimlich ersehnt. Weder die Annullierung der Reform der Kraftstoffsteuer, noch die scheinheiligen Versprechen einer Erhöhung des Mindestlohns, und erst recht nicht die verzweifelten Versuche, einen Grand Débat (große Debatte) mit der in Rage geratenen Bevölkerung zu inszenieren2 – keine Maßnahme der Regierung hält die Zehntausenden von Menschen davon ab, weiter zu demonstrieren, zu blockieren und sich zu organisieren. Die andauernde Motivation versetzt einen ins Staunen und man fragt sich, weshalb die Bewegung derart beständig ist und inwiefern dieses Bestehen wünschenswert ist, wenn man einen emanzipativen Anspruch an sie stellt – einen Anspruch auf den Umsturz des Systems als Ziel revolutionären Handelns.

Aus dem Schema fallen

Ein erster Grund dafür, dass die Kraft dieser Bewegung im Laufe der Monate nicht im Sand verlaufen ist, besteht darin, dass sie sich jeder Einordnung in ein traditionelles Links-Rechts-Schema entzieht; ein Schema, an dem nicht nur die Parteipolitik der liberalen Demokratie, sondern auch die Sozialwissenschaften und die intellektuelle Linke festhalten. Diese Kategorien erleichtern Orientierung und Organisation auf dem politischen Feld, denn sie erlauben, Freund*innen von Feind*innen zu unterscheiden. Ihr Nutzen für die theoretische Orientierung hängt allerdings davon ab, inwiefern sie der praktischen Organisation auch tatsächlich zugrundeliegen. Viele der Gilets Jaunes gehen jedoch zum ersten Mal in ihrem Leben demonstrieren, haben sich keiner Partei oder politischen Linie verschrieben und bezeichnen sich mithin sogar als unpolitisch. Solche Selbstbezeichnungen lassen aus linker Perspektive erst einmal alle möglichen Alarmanlagen im Kopf angehen. Denn was sich unpolitisch gibt, entpuppt sich nicht selten als rechter Wolf im Schafspelz. Die Gefahr eines Abrutschens nach rechts, die Anfangs zweifellos bestand, scheint inzwischen jedoch weitgehend abgewendet. Denn die Verweigerung politischer Einordnung birgt auch aus linker Perspektive nicht nur Risiken, sondern ebenso das Potential, die soziale Frage auf den Plan zu rufen. Was die Gilets Jaunes nämlich vereint, ist keine politische Ideologie, sondern zunächst einmal eine gemeinsame prekäre sozioökonomische Situation – die harte Erkenntnis, dass es nicht mehr geht. Durch Begegnungen bei Demonstrationen oder Blockaden von Verkehrskreiseln, sowie durch den Austausch über soziale Netzwerke haben diese Menschen schlicht und ergreifend festgestellt, dass sie alle in der gleichen Scheiße stecken, dass nicht nur ihnen selbst, sondern so vielen anderen auch das Wasser bis zum Hals steht – obwohl sie sich abmühen, obwohl sie ackern den ganzen Tag, obwohl sie mehrere Jobs gleichzeitig haben, um ihre Familie zu ernähren, obwohl sie weiter arbeiten, weil die Rente nicht reicht.3

Zudem hat die formale Links-Rechts-Verweigerung dazu beigetragen, dass weder der Front National, noch rechtsextreme Gruppen auf irgendeine Weise Einfluss auf die Ziele und das Selbstverständnis, und vor allem nicht auf die mediale Einordnung der Bewegung nehmen konnten. Und sie hat dazu geführt, dass sich keine etablierte politische Kraft gegen sie gestellt hat – außer der Regierung haben die Gilets Jaunes keinen ausgesprochenen Feind, dessen aktiver Gegenwehr sie ausgesetzt wären. Im Gegenteil: die gewaltvolle, unerhörte und betäubende Repression, welche die Regierung mithilfe der Polizei auf die Bewegung ausübt, ist eher zu einem Grund geworden, sich mit ihr zu solidarisieren, als sich gegen sie zu richten. Die mediale Präsenz der körperlichen Versehrungen – von Gummigeschossen zerstörte Augen, von Granaten zerfetzte Hände – spielt aufseiten der Gilets Jaunes. Neben den Erfahrungen der Aktionen selbst ist es dieses Erleben erbarmungsloser Repression, das zu einer Politisierung vieler der sich anfangs als unpolitisch verstehenden Teilnehmer*innen geführt hat.

Enfiler un gilet (eine Weste überziehen)

Ein weiteres Moment, das der Beständigkeit der Bewegung in die Hände spielt, ist eine Offenheit, die den Mobilisierungshorizont enorm erweitert. Sie lässt sich ganz praktisch ausformulieren. Es ist unglaublich leicht, Teil der Bewegung zu werden: man besorgt sich eine gelbe Leuchtweste, zieht sie sich über, checkt einmal auf Facebook, wo was läuft, und los gehts. Jede*r, die oder der sich in gelb einer samstäglichen Demonstration, einer assemblée générale (Vollversammlung) oder einer Aktion auf einem rond-point (Verkehrskreisel) anschliesst, wird automatisch ein Gilet Jaune. Natürlich führt diese Offenheit ebenfalls dazu, dass wirklich irgendwer bei den Demonstrationen mitlaufen kann und etwa rechte Hooligans weiterhin präsent sind – allerdings wurden Rechtsradikale zuletzt effektiv von Antifas in die Flucht geschlagen. So bildet die große Zugänglichkeit in erster Linie einen Vorzug, nämlich eine unglaublich niedrige Hürde, um politisch aktiv zu werden. Für all diejenigen, für die politische Aktivität immer außerhalb ihres Handlungshorizonts lag, die nicht gewusst hätten, wo sie anfangen sollten, sich zu engagieren, und die in ihrem sozialen Umfeld keinen Anstoß erfuhren, dies überhaupt zu tun – für all diese Menschen bedeuten die Aktionen und entstehenden Netzwerke der Gilets Jaunes nicht nur einen unglaublich leicht zugänglichen Raum, in und mit dem sich etwas tun lässt (anstatt nur zu reden, wie es die Politik sonst tut), sondern auch einen Ort, an dem es den allermeisten anderen ebenso geht. Und das wiederum bedeutet, dass es keine politisch erfahrene Avantgarde oder gar Kader gibt, die einen Wissensvorsprung hätten, sondern dass ein Wissen aus der Erfahrung der Aktionen entsteht – dass sich eine praktische Intelligenz formiert, die sowohl bildet und politisiert, als auch zusammenschweißt und Solidarität schafft.

Die Anschlussfähigkeit gilt dabei nicht nur für einzelne Personen, sondern auch für andere politische Kämpfe. Mitte Dezember gab es zumindest in Paris einige Mobilisierungen in Schulterschluss mit den Gilets Jaunes, die von verschiedenen linken Kollektiven organisiert wurden. Darunter waren studentische Politgruppen, das Comité pour Adama (ein antirassistisches Kollektiv, das insbesondere gegen Repression mobilisiert) und ein queerer Block. Obwohl die Gilets Jaunes häuptsächlich französische, weiße Personen umfassen, gibt es durchaus eine Sensibilität dafür, niemanden aufgrund von Herkunft, sozialer bzw. religiöser Zugehörigkeit, Sexualität oder race auszuschließen. Das bedeutet nicht, dass es innerhalb der Bewegung keine rassistischen, antisemitischen oder sexistischen Einzelpersonen und Vorfälle gibt. Aus der Mehrzahl der öffentlichen Positionierungen spricht jedoch eine eindeutige Ablehnung solcher Formen der Diskriminierung.4

Ein Faktor der Offenheit der Bewegung ist auch die Tatsache, dass es sich nicht um einen Arbeitskampf handelt, der sich im Bereich der Produktion abspielt, und in dem eine bestimmte Berufsgruppe für bessere Entlohnung oder bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße geht, sondern um einen Aufstand seitens der Konsument*innen, die einen Kampf um Marktpreise führen und mit ihren Aktionen in die Warenzirkulation eingreifen.5 Dieser Umstand führt dazu, dass die Bewegung nicht die Sache einer spezifischen Gruppe bleibt, sondern zu einer Sache aller werden kann – denn alle unterliegen den Preisregelungen des Marktes, alle unterliegen der staatlichen Steuerpolitik, und alle, mit Ausnahme der politischen Elite selbst, unterliegen deren Machtspiel.

Gegen jede Repräsentation

Ein drittes, für die Langlebigkeit der Gilets Jaunes zentrales Moment besteht in ihrer Verweigerung gegenüber jeglicher Form der Repräsentation. Diese Ablehnung speist sich zunächst aus der geteilten Wut gegenüber der Politik der repräsentativen Demokratie – eine Politik, die zu einem elitären und auf Expertentum reduzierten Geschäft mutiert ist; mit einem Startup-Parlament, das Macron in neoliberalster Manier und wie ein kleiner König dirigiert, und mit einer Regierung, die jeder Äusserung der wirklichen Bedürfnisse und Nöte der Bevölkerung rau über den Mund fährt. Dieser heuchlerischen Form der Demokratie setzen die Gilets Jaunes einen Ansatz von Basisdemokratie entgegen, der sich in der Forderung nach einem RIC (Référendum d‘Initiative Citoyenne, einem auf Bürgerinitiative beruhenden Referendum) verkörpert. Angestrebt wird damit nichts weniger als ein Abbau der professionellen Politik zugunsten einer Politik von unten.6 An diese Forderung nach einer Verringerung der vermeintlich repräsentativen Dimension der demokratischen Struktur schliesst sich eine unmissverständliche Verweigerung jeglicher Repräsentation der Bewegung selbst an. Bis heute gibt es keine Einzelperson, die sich als Anführer*in der Bewegung profiliert hätte, und keine formale Struktur, die eine Vorlage zur Schaffung von Hierarchien geben würde. Da die Organisation der Aktionen von Anfang an über soziale Netzwerke stattgefunden hat, sind es recht wilde und unstrukturierte Informationskanäle, über die jegliche Vorbereitung abläuft. In diesen Netzwerken gibt es zwar Personen mit öffentlichkeitswirksameren Accounts, über die Informationen effektiver verbreitet werden können und deren Träger bekannte Gesichter der Bewegung geworden sind. Diese Personen beanspruchen jedoch keine Entscheidungsgewalt, sondern sehen sich lediglich als Sprachrohre der Bewegung – als Instanzen, die eine klarere Formulierung von Zielen und Forderungen gegenüber der medialen Öffentlichkeit ermöglichen. Diese Absage an Repräsentant*innen bedeutet auch, dass es weder innere Machtkämpfe, noch Streit über ideologische Differenzen verschiedener Wortführer*innen gibt. Damit arbeitet die Bewegung permanent gegen Kapazitäten fressende Spaltungs- und Differenzierungstendenzen an – was wiederum zu ihrer Langlebigkeit beiträgt.

Der rote Kern

Mögen die Gilets Jaunes in ihrer Absage an politische Einordnung, in ihrer Verweigerung von Repräsentation sowie in ihrer Offenheit die Züge einer sozialen Bewegung vorzeichnen, so darf doch ein Aspekt nicht unerwähnt bleiben, der an ihrem emanzipativen Potential zweifeln lassen mag: die Attribute und Assoziationen, welche die Bewegung symbolisch prägen. Es erweckt nämlich ein durchaus mulmiges Gefühl, mit einer Horde Trikolore-schwenkender und nicht selten die Marseillaise anstimmender, hauptsächlich weißer, männlicher Menschen durch die Straßen von Paris zu ziehen. Und auch die Tatsache, dass vornehmlich politische Forderungen innerhalb des Rahmens der liberalen Demokratie im Raum stehen (Steuersenkung, mehr politische Partizipation durch das RIC, Rücktritt Macrons usw.7), weist eher in eine reformistische als in eine revolutionäre Richtung.

Der erste Punkt – die Bezugnahme vieler Gilets Jaunes auf die französische Nation und auf die schlußendlich bürgerliche Französische Revolution – scheint zunächst mit einer von fundierter Nationalismuskritik informierten, linken Perspektive unvereinbar. Diese Symbolik wird allerdings vor dem Hintergrund verständlicher, dass sie in Frankreich schlicht die naheliegendste ist, wenn es um Revolution geht. Und es sind Symbole, die alle kennen, zu denen die meisten einen Bezug haben, die vereinend wirken. Die Marseillaise müssen in Frankreich alle in der Schule lernen, was bedeutet, dass dieses Lied alle gemeinsam singen können, sodass also das gemeinsame Singen, und nicht unbedingt der Inhalt zählt. Zudem ist die Kritik an Nationalstaatlichkeit an Diskurse gebunden, die der herrschenden Ideologie entgegengesetzt und nicht für alle ohne weiteres zugänglich sind – oft ist ein bestimmtes Milieu Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt mit solcher Kritik in Berührung kommen. Die Bewegung für eine unkritische Übernahme nationalistischer Symbolik zu verurteilen, wäre also falsch – auch deshalb, weil sie keineswegs einen rechten Einschlag bedeutet: die Jahreszahl 1789 wird nämlich gängiger Weise durch die Reihe 1871, 1968 und schließlich 2018 ergänzt. Es sind also ebenso, wenn nicht sogar eher die linken revolutionären Narrative, die im Vordergrund stehen.

Der zweite Punkt – der Mangel an Radikalität in den konkreten politischen Forderungen und ihre Beschränkung auf den Möglichkeitsraum der bestehenden politischen Strukturen – hat sich im Laufe der Monate durchaus verschoben. Erstens hat die vollständige Taubheit der Regierung gegenüber den Forderungen der Gilets Jaunes viele ebendieser in ein Zweifeln darüber versetzt, ob eine wirkliche Veränderung ihrer Lebensumstände innerhalb des bestehenden Systems überhaupt möglich ist; und zweitens weist etwa der Umstand, dass die Gilets Jaunes sich seit Monaten gegen einen Dialog mit der Regierung sperren, darauf hin, dass sich die Bewegung mit Zugeständnissen innerhalb des status quo nicht zufrieden geben will und wird. Es scheint sich also ein roter Kern herauszuschälen – ein sozialer Kampf, der emanzipatives Potential birgt.

Materialismus in Gelb

Eine sozial-emanzipative Revolution kommt ohne eine ökonomische Kritik und eine Berücksichtigung der materiellen Dimension im politischen Kampf nicht aus. Diese zeigt sich bei den Gilets Jaunes weniger in ihrem Diskurs, als vielmehr in ihren Handlungsweisen. Obwohl die Forderungen primär an das politische System gerichtet sind, spielen sich die Aktionen großteils im ökonomischen Bereich ab. Es wird hauptsächlich die Waren- und Dienstleistungszirkulation blockiert: Verkehrskreisel werden stillgelegt; es gab Blockaden in Rungis, einem zentralen Lebensmittelumschlagspunkt im Süden von Paris; es fanden Aktionen an Amazon-Logistikzentren statt usw. Damit haben die Gilets Jaunes, auch ohne eine theoretische Kapitalismuskritik auszuformulieren, ihre Angriffspunkte zielsicher dort angesetzt, wo die Ursache ihrer Prekarität verortet ist.

Ein zweiter materieller Angriffspunkt ist die Infrastruktur der Städte. Banken, Luxusgeschäfte, Regierungsgebäude und architektonische Machtmonumente in blankgeputzten bürgerlichen Quartieren zu beschädigen, bedeutet, Symbole des wirtschaftlichen und politischen Systems in ihrer Unversehrtheit anzugreifen und damit mediale Effekte zu erzielen – dass der Arc de Triomphe mit »Les gilets jaunes triompheront« (Die Gilets Jaunes werden triumphieren) besprayt wurde, hatte einen riesigen Skandal zur Folge. In den Handlungsweisen der Bewegung offenbart sich also ein gezieltes Eingreifen an der ökonomischen Basis, das auf ideologischer Ebene Wellen schlägt und so die Stabilität des Systems ins Wanken bringt. Es wird in Frankreich nicht umsonst von der Krise gesprochen. Es scheint also, als würden die Gilets Jaunes in ihrer revolutionären Praxis einen emanzipativen Charakter (re)produzieren, der über das bestehende System hinausweist.

Beziehungen knüpfen

Das vielleicht eindrucksvollste Indiz des emanzipativen Potentials der Bewegung besteht in ihrer Fähigkeit zur Schaffung von Netzwerken und zum Knüpfen von zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn die spektakulären samstäglichen Demonstrationen sind zwar der medienwirksame Schauplatz dessen, was die Gilets Jaunes bewegen – die kleinteiligere und nachhaltigere Arbeit geschieht jedoch bei verschiedenen Aktionen unter der Woche und in den Prozessen ihrer kollektiven Planung. In unzähligen Städten bilden sich Ortsgruppen der Gilets Jaunes heraus – zusammengewürfelte Ansammlungen von Menschen, die sich regelmässig treffen, um gemeinsam an den Demonstrationen teilzunehmen, aber auch, um lokale Aktionen und Projekte zu realisieren. An Verkehrskreiseln oder in Wohnquartieren errichteten Gilets Jaunes beispielsweise sogenannte cabanes, selbstgebaute Hütten, die zu Orten der Begegnung geworden sind. Und auch im Straßenbild machen sich die Gilets Jaunes bemerkbar; manche – etwa Angestellte von Lieferdiensten – tragen ihre gelbe Weste bei der Arbeit, andere beim Fahrradfahren, bei vielen liegt sie demonstrativ hinter der Windschutzscheibe des Privatwagens. Durch diese Sichtbarkeit werden Momente des spontanen Austauschs möglich – man nickt sich zu oder lächelt sich an, und nicht selten ergeben sich unverhoffte Gespräche, weil zwei Personen voneinander merken, dass sie beide in Bezug zu den Gilets Jaunes stehen. Die Bewegung wird also zunehmend in den Alltag hineingetragen. Dabei ergeben sich Begegnungen zwischen Menschen, die sonst niemals miteinander in Kontakt gekommen wären – es treffen Studis auf Azubis, Berufstätige auf Berufslose, politisch Organisierte auf politische Grünschnäbel. Ob in einer Bahnhofshalle, die blockiert und in der miteinander getanzt wird; ob bei einer assemblée générale in der Uni, zu der ein versehrtes Gilet Jaune geladen und angehört wird; ob bei Demonstrationen, wo blutjunge Antifas älteren Damen mit Serum gegen Tränengas aushelfen – überall entwickeln sich Solidaritäten, die Kraft und Motivation stiften, weiterzumachen. Und selbst wenn die Bewegung schlussendlich nichts am Rahmen von Kapitalismus und Scheindemokratie ändern können sollte, so bleiben doch diese Beziehungen, die durch die Bewegung entstanden sind und wesentlich emanzipativen Charakter aufweisen – denn sie werden auf Basis von Solidarität und einer Absage an Diskriminierung und Unterdrückung geknüpft.

Gelb sehen

Auch wenn die Analogie zum Marxschen Klassenkampf nicht vollständig aufgeht, so kann man in den Gilets Jaunes dennoch die Arbeiter*innenklasse erkennen, die sich in der Härte ihres Kampfes der Dimension ihrer Unterdrückung bewusst wird – und in der Repression das Zittern der Bourgeoisie. Denn es sind nicht die linken Gruppen, die diese Bewegung tragen, sondern die Bauarbeiter*innen, Pfleger*innen, Supermarktangestellten und nicht zuletzt Rentner*innen, denen an ihrem Lebensabend die Mittel zum Überleben fehlen. All diese Menschen haben irgendwann rot gesehen und in ihrer Wut beschlossen, etwas zu bewegen. Sie haben sich Leuchtwesten angezogen und dafür gesorgt, dass die traditionelle Linke nur noch gelb sah. Und das ist gut so. Denn dieses Verhältnis erzeugt einen wichtigen Abbau des insbesondere in der intellektuellen, aber auch in der Bewegungslinken präsenten mépris de classe (Klassenhass, oder wörtlich Verachtung der Klasse), der handlungsunfähig macht. Das bedeutet nicht, zu ignorieren, dass weiterhin allerhand Ecken und Kanten an der Bewegung kritisiert werden können; es bedeutet, ihren roten Kern zu erkennen und von diesen revolutionären Elementen ausgehend weiterzudenken – und zu handeln. Es geht darum, allen sich rassistisch äussernden Gilets Jaunes die Erkenntnis zuzutrauen, dass Ressentiment gegen Immigrant*innen nicht hilft, sondern dass wir uns als Revolutionär*innen mit Ihnen zusammenschliessen müssen, wenn wir gewinnen wollen. Es geht darum, nicht vor der Trikolore zurückzuschrecken, sondern auf die Menschen zuzugehen und darüber zu sprechen, welche Wut und welche Hoffnungen wir teilen. Es geht darum, das eigene Denken und Urteilen zu erweitern durch die Lehren einer ungewissen Praxis. Es geht darum, Diversität und Dissens, kollektive Kraft und Kreativität und das Fehlermachen zuzulassen. Es geht darum, den Mut zu fassen, mit Menschen auf die Straße zu gehen, die nicht schon alles durchdacht haben und trotzdem so viel wissen.8 Mut zu fassen also, sich eine gelbe Weste zu besorgen und sich hineinzubegeben in diesen einzigartigen Protest.

1 Es muss hier das Wie herausgestrichen werden, denn eigentlich ist es kaum verwunderlich, dass sich in dieser Phase ein breiter politischer Widerstand Bahn bricht: Die Reformpolitik von Emmanuel Macron und seiner Regierung hat zwei Jahre lang einen unterschwelligen Druck erzeugt, der sich irgendwann entladen musste. Für eine detailliertere Analyse zu den politischen Entwicklungen vor dem 17. November 2018, siehe:

Étienne Balibar: Gilets jaunes: le sens du face à face, unter: https://blogs.mediapart.fr/ebalibar/blog/131218/gilets-jaunes-le-sens-du-face-face?fbclid=IwAR2m9192yLmj7z5aFXP0vx_IKnrJRwHunr3YcOkkdSQNl2SlDdYafirybE4

bzw. auf Englisch: Étienne Balibar: ›Gilets jaunes‹: the meaning of the confrontation, unter: https://www.versobooks.com/blogs/4191-gilets-jaunes-the-meaning-of-the-confrontation

2 Dieser Grand Débat bestand darin, dass Macron über mehrere Wochen an verschiedenen Orten in Frankreich ins Fernsehen übertragene Diskussionsrunden mit ausgewählten Personen über von der Regierung vorgegebene Themen führte.

3 Eine sehr interessante Wiedergabe der Selbstwahrnehmung vieler Gilets Jaunes findet sich in diesen beiden Interviews mit einem Soziologen, der die Bewegung von Beginn an verfolgt hat:

Michalis Lianos: Une politique expérientielle – Les gilets jaunes en tant que »peuple«, unter: https://lundi.am/Une-politique-experientielle-Les-gilets-jaunes-en-tant-que-peuple

Michalis Lianos: Une politique expérientielle (II) – Les gilets jaunes en tant que »peuple« pensant, unter: https://lundi.am/UNE-POLITIQUE-EXPERIENTIELLE-II-Les-gilets-jaunes-en-tant-que-peuple-pensant

4 Es muss jedoch differenziert werden zwischen einer recht klaren Ablehnung von Rassismus und einer teilweise mangelnden Sensibilität gegenüber Antisemitismus. Letzterer ist tatsächlich ein Problem, man findet beispielsweise nicht wenige eindeutig antisemitische Memes im Sinne von Macron Rothschild auf Gilet Jaune-Accounts. Gleichzeitig werden solche meistens direkt von anderen Gilets Jaunes kritisiert. Und es muss ebenso dazu gesagt werden, dass auch in linken Kreisen in Frankreich die Tendenz zum Antisemitismus ein enormes Problem ist. Der Antizionismus ist dermaßen stark, dass die Differenzierung zum Antisemitismus viel zu häufig verschwimmt und Personen in wirklich eklatanten Antisemitismus rutschen. Es wäre also zu kurz gegriffen, dieses Problem auf die Gilets Jaunes zu reduzieren – es ist in Frankreich omnipräsent.

5 Vgl. Joshua Clover: Les émeutes des ronds-points, unter: https://agitationautonome.com/2018/12/11/les-emeutes-des-ronds-points/?fbclid=IwAR0s7bOFXhmwpj1bnZpmFxMI2e3OVNqT6VRAAXXu4wXx-d5Pt6504ryHGho

bzw. auf Englisch: Joshua Clover: The roundabout riots, unter: https://www.focaalblog.com/2018/12/14/joshua-clover-the-roundabout-riots/

und auf Deutsch: Joshua Clover: Der Brotaufstand ist zurück, unter: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-brotaufstand-ist-zurueck

6 Vgl. insbesondere auch bezüglich problematischer Aspekte des Referendums und der Tatsache, dass auch die Rechte das RIC verteidigt: Samuel Hayat: Les Gilets jaunes et la question démocratique, unter: https://samuelhayat.wordpress.com/2018/12/24/les-gilets-jaunes-et-la-question-democratique/#_ftnref12

7 Für einen umfangreicheren Forderungskatalog, bei dem zudem sichtbar wird, dass aus den Vorstellungen der Gilets Jaunes ein sozialer Geist, eine linke Agenda spricht, siehe: https://www.nouvelobs.com/politique/20181129.OBS6307/gilets-jaunes-on-a-decortique-chacune-des-42-revendications-du-mouvement.html

8 Vielen Dank an Charlotte Cremer für diese wunderbare Wendung.

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