Kaputtlachen. Zu Jakob Noltes »Schreckliche Gewalten« – HUch#87

Von Lucas Mielke

»Ich will nicht sterben und ich will mich nicht langweilen. Ich will kein unbelebter Planet sein, das ist alles. Stell dir vor, wie öde es ist, ein Planet zu sein. Man fliegt immer nur im Kreis. Man beschreibt immer nur Ellipsen, und wenn es hochkommt, kollidiert man alle Jahrmilliarden Jahre mal mit einem anderen Planeten.«

Das Bewegungsgesetz in Jakob Noltes Roman Schreckliche Gewalten (2017) scheint der freie Fall ins Leere zu sein. In einer Metapher von Vereinzelung und Monotonie, in der als Höhepunkt im kalten Immer-Wieder nur das unkontrollierte Aufeinanderprallen, also die Begegnung als Katastrophe denkbar ist, wird der Ernst eines Textes deutlich, der dem Ernst scheinbar eine Absage erteilt.

Die Hauptfiguren Iselin und Edvard Honik sind Kinder des Wehrmachtssoldaten Roberto Fiedler, der im Zuge des deutschen Überfalls mit dem Codenamen »Weserübung« unter Einnahme großer Mengen Pervitin seine alte Identität abgelegt hat und als Gabriel Honik in Norwegen eine neue Heimat findet. Ihre Mutter, Hilma Honik, geborene Holgersson, neigt dazu, sich in Tiere zu verwandeln und tötet ihren Gatten im Jahre 1973 bei einer ihrer Metamorphosen – damit wäre der Ausgangspunkt der verwinkelten histoire des Romans genannt. Nachdem Hilma über den Umweg eines unverhältnismäßig blutig endenden Klinikaufenthaltes die Flucht ergreift, trennen sich auch die Wege der Geschwister.

Iselin, die nach dem Tod ihres Vaters zusammen mit Sunniva und Suzan weiter im elterlichen Haus lebt, forscht nach den Ursachen der bestialischen Verwandlungen und versucht, die Geschichte ihrer Eltern nachzuzeichnen. Auf der ideellen Grundlage des »Heilsversprechen[s] des Historischen Materialismus« erklären die drei Frauen schließlich den Kampf für die Rechte von Sexarbeiterinnen zu ihrem Ziel und wählen dabei Mittel, die getrost als unorthodox bezeichnet werden können.

Edvard hingegen beginnt eine Selbsterfahrungsreise, die ihn durch diverse Sowjetrepubliken und näher an seinen Begleiter Simon heran führt. Die Tötung der heiligen Kuh der evangelisch-lutherisch-buddhistischen Gemeinde Rigas sei an dieser Stelle nur als eine von zahlreichen bemerkenswerten Wegmarken erwähnt. Anregend und erhellend gleichermaßen sind außerdem Details zur sozialistischen Frühgeschichte Haitis und die Lebensansichten eines plattwurmartigen Symbionten, der sich von Adrenalin ernährt.

Der Text besteht aus zwei Teilen, die sich ihrerseits aus Segmenten von oft nur ein bis drei Seiten Länge zusammensetzen und reiht neben der Haupthandlung Enzyklopädisches, Reflexionen und haarsträubend falsche historische Abhandlungen zu einem Panorama, das von der titelgebenden Gewalt als Hauptthema durchzogen wird.

Übertreibung, Extravaganz und ein ausgeprägter Hang zum Artifiziellen umreißen die ästhetische Konzeption des Romans, die dergestalt zumindest teilweise an die von Susan Sontag beschriebene Camp-Ästhetik erinnert – politisiert, freilich, denn in all dem hochironisch-distanzierten Gebaren steckt durchaus politische Substanz: Die Facetten von Gewalt, sei sie nun kriegerischer, terroristischer, animalischer oder zwischenmenschlicher Art, scheinen in all der zur Schau gestellten Abgeklärtheit von der zentralen Frage gerahmt: Wie kann der Mensch mit so viel Kaputtheit umgehen?

Die Einhelligkeit, mit der Schreckliche Gewalten vom Feuilleton gelobt wurde, ist auffällig. Insbesondere Noltes Humor scheint, zumindest nach Einschätzung einiger Kulturredakteur*innen, den Zeitgeist zu treffen:

»Edvards erste Freundin hieß Lena und war, wie ihr Name schon sagt, Lena. […] Ihre Mutter arbeitete in der Führungsetage einer Ölfirma und ihr Vater war früher Astronaut gewesen und nun auf einer Go-Kart-Bahn als Mechaniker beschäftigt. […] Insgeheim sparte sie seit ihrem sechzehnten Geburtstag auf einen gut erhaltenen Jagdpanzer Elefant – wenn es sein müsste auch ohne Geschütz (sie war nicht so streng). Nur wurde ihr nie einer angeboten.«

Man kann dieses überpointiert-aufgesetzte Arrangement von Absurdem durchaus witzig finden oder gar »todkomisch«; womöglich wird hier aber der Versuch erkennbar, durch Überzeichnung und eine Emphasis der Banalität dem Konzept des literarischen Humors einen letzten Funken subversiven Potentials abzuringen.

Der Text liegt in Spannung zwischen sprachlichen Brutalismen wie »Ganz stimmen tut es nicht« oder »Es war hart zu beschreiben« und Passagen luzider Schönheit, wie:

»Seine Heimat, das war der Punkt wo die Symmetrie der Alleen ihren Ursprung hatte, der Schoß oder die Quelle, von der aus er sich immer weiter weg bewegte, seit dem Tag seiner Geburt, und der wie ein Stachel aus seinem Körper ragte. Seine Heimat war ein Zeitpunkt und kein Ort, und er würde nie dorthin zurückkehren können.«

Oder aber: »Sie streichelten sich und hielten sich und dieser verfluchte Mond stand maßlos am Himmel und nach einer Weile dickten sich ihre Gedanken mit Träumen an, und sie schliefen bis zum nächsten Morgen.«

Stark ist der Roman besonders dort, wo er Liebe thematisiert und abseits (oder trotz?) der postironischen Extravaganz nach den Möglichkeiten des Menschseins fragt. Schwach wirkt er dort, wo er zu sehr an Blogeinträge selbstbewusster Großstädter erinnert: »Die Verhältnisse, aus denen sie stammten, waren okay«.

Das Pathos des politischen Kunstwerkes scheint hier vom Irrsinn der Realität eingeholt. Die Haltung des Textes, die leider oft Pose ist, wurde mit Nihilismus beschrieben; weitaus angemessener erscheint mir jedoch Ratlosigkeit, wenn nicht Verzweiflung. Was hier betrieben wird, ist die Suspendierung von Ernst im vollen Bewusstsein, dass die Zustände (und natürlich schreibt Nolte von der Gegenwart) sehr ernst sind. In diesem Sinne ist Schreckliche Gewalten ein trauriges Buch, ästhetisiert es doch die Abstumpfung des Menschen in der Spätmoderne gegen die von ihm und an ihm begangene Zurichtung.

Dem Autor, dessen Werdegang Sie auf Wikipedia nachlesen können, ist ein ideenreicher und unterhaltsamer Text gelungen, der auf formaler Ebene jedoch keine Überraschungen birgt. Unklar bleibt indes, ob es ihn auszeichnet oder disqualifiziert, dass die Leser*innenschaft sich während der Lektüre auch einige Minuten lang Gedanken über den nächsten Einkauf machen kann, ohne wesentliche Aspekte der Handlung zu verpassen.

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