Keine DolmetscherInnen für gebärdensprachige Studierenden
Gebärdensprachige Studierende werden defacto vom Studium ausgeschlossen.
Präsident der Humboldt-Universität Berlin, Prof. Dr. Markschies, erklärt
sich für nicht zuständig.
Auf eine Anfrage des Studierendenparlaments zur Situation
gebärdensprachiger Studierender und der Handhabe von Nachteilsausgleichen
an der Humboldt Universität vom 28.01.08 entgegnet Präsident Markschies
schriftlich: "Alle Berliner Hochschulen haben [...] diese Aufgabe und die
Mittel an das Studentenwerk Berlin übertragen." Damit begeht die HU
Rechtsbruch nach § 9 Abs. 2 BerlHG, der die Hochschulen zur Ermöglichung
des Studiums für alle Studierenden mit Behinderung verpflichtet. Das
Nichtverhalten der HU-Leitung zur sinnvollen Umsetzung des
Nachteilsausgleichs führt dazu, dass gebärdensprachigen Studierenden
derzeit das Recht auf Bildung verwehrt bleibt, da eine
Gebärdensprachübersetzung von Lehrveranstaltungen nicht stattfindet.
Hintergrund der unhaltbaren Situation ist das leider sehr übliche
Desinteresse von Universität und Senat an Enthinderungsfragen.
"Bei den gegebenen Regelungen für den Nachteilsausgleich von
gebärdensprachigen Studierenden handelt es sich um ein halbherziges
Gleichstellungspflästerchen. Die Zuständigkeiten sind so intransparent,
dass die Betroffenen keine Anlaufstelle haben. Es wird zu wenig bewilligt,
die Maßgaben sind weltfremd. Die HU stellt sich z.B. auf den Standpunkt,
dass einE DolmetscherIn volle zwei Zeitstunden komplexen
wissenschaftlichen Inhalts übersetzen soll. Die Vergütung ist der
Tätigkeit nicht angemessen. Vom Stundensatz von im Höchstfall 40 Euro
bleiben den DolmetscherInnen nach laufenden Kosten und Steuern in etwa 9."
so Silvia Gruß, Referentin für Soziales des ReferentInnenrates der HU.
Die GebärdensprachdolmetscherInnen sehen sich unter den aktuellen
Arbeitsbedingungen nicht dazu im Stande ihren Schwerpunkt im
Hochschulbereich zu setzen. Gebärdensprachdolmetschen an der Uni setzt ein
Verständnis für die konkreten zuvermittelnden wissenschaftlichen Inhalte
voraus, erfordert intensive Vor- und Nachbereitung, die ebenso wenig
vergütet wird wie die Fahrtzeiten.
"Im Wintersemester konnte ich einigermaßen normal Studieren. Dies war nur
möglich, weil die Dolmetscher_innen aus Solidarität eine Monat
unterbezahlt gearbeitet haben. Dieses Semester bin ich faktisch vom
Studium ausgeschlossen.", sagt Andy Bittner, Mitbegründer von BIgS
(Berliner Initiative gebärden-sprachiger Studierender).
Der Präsident verweist derweil auf die nächsten
Hochschulvertragsverhandlun-gen und eine mögliche Erhöhung des Etats. "Bei
den Verhandlungungen haben die Unis ganz andere Prioritäten und akuter
Handlungsbedarf besteht jetzt. Der Präsident verschanzt sich hinter
unklaren Zuständigkeiten und spielt auf Zeit während Studierende vom
Studium ausgeschlossen sind.", sagt Silvia Gruß. "Es ist ja klar, dass wir
es hier mit einem strukturellen Problem zutun haben. Aber die Universität
ist nach BerlHG dazu verpflichtet es zulösen.".
