11.2.2014 PM: Kritisches Hinterfragen wird an der HU jetzt polizeilich unterbunden

11.2.2014 Pressemitteilung:

Die Kritik mehrerer Student_innen an rassistischen Inhalten einer Vorlesung der Erziehungswissenschaften an der HUB ist am Montag in einem Polizeieinsatz gegipfelt.
Vermittlung von Stereotypen und Vorurteilen in universitären Bereich
Kritisches Hinterfragen wird an der HU jetzt polizeilich unterbunden

Die Kritik einer Gruppe Student_innen an Inhalten der Vorlesung bezog sich darauf, dass in der Vorlesung rassistische und anderweitig diskriminierende Teile aus Texten unkritisch gelehrt und sogar verteidigt wurden. Kolonialrassistische Begriffe aus Texten wurden wiederholt und dabei zwar als abwertend gekennzeichnet, aber nicht als rassistisch kontextualisiert. Das gleiche galt für sexistische Inhalte der Vorlesung, wie uns mitgeteilt wurde.
Daraufhin luden Student*innen kritische Texte auf die Online-Lernplattform Moodle hoch.
Der Professor drohte daraufhin zunächst mit der "Plattmachung des Forums", untersagte in der nächsten Vorlesung "zu kritische" Fragen und verlangte, dass nur noch "Verständnisfragen" gestellt werden.
Im Laufe des Semesters entstand eine längere Auseinandersetzung zwischen Professor und kritischen Student_innen. Am Montag, den 10. Februar 2014 fand in der Vorlesung eine lautstarke Intervention statt, die mit einem Polizeieinsatz endete.
 
"Es ist unglaublich. Das kritische Hinterfragen von Texten und die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, gerade in den  Erziehungswissenschaften, sollten zentrale  Bestandteile unseres Studiums sein. Stattdessen aber wurde verboten, kritische Gedanken zu äußern. Uns wurde unterstellt, ein drohendes Verhalten zu haben. Auch unsere Emailadresse  wurde offensichtlich gehackt und nun taucht die Polizei in der Vorlesung  auf", sagt eine der  Protestierenden, die ungenannt bleiben möchte.
"Die  Verortung und die geschichtlichen Umstände, in denen Autor_innen gelebt  haben, müssen benannt werden, um eine vielfältige Auseinandersetzung  mit ihnen und ihren Erkenntnissen zu ermöglichen. Gerade weil diese  Personen in ihren historischen und teilweise problematischen Kontext  eingebettet sind, können bestimmte Aussagen dort nicht unreflektiert und unkritisch herausgelöst werden", sagt dazu eine Teilnehmer_in der  Vorlesung.
"Es mutet wie eine Realsatire an, dass kritisches Hinterfragen von Texten an der HU polizeilich unterbunden und durch einen Dozenten verboten wird", sagte Elisa Weidenhammer, Referentin für Hochschulpolitik im RefRat.
Eine Beschwerde liegt bereits der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor.

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Bestimmte geschichtliche Ereignisse können zur Tradierung und Normalisierung bestimmter Stereotypen und Denkweisen führen, wenn diese unkritisch innerhalb von Seminaren und Vorlesungen behandelt werden.
Weltweit anerkannte Philosoph_innen wie Hegel, Rousseau oder Kant verbreiteten aus einer eurozentristischen weißen Perspektive rassistische Ansichten -  so seien die Bewohner_innen von Afrika nicht reif genug für die Freiheit, daher wäre es notwendig, dass sie von den Europäer_innen „erzogen“ werden (Ayim 1992: 35, vgl. ebd. 1997: 127).
Diese Texte vermitteln [diffizile] Begriffe unreflektiert weiter; ebenfalls werden in unkritischer Form historische Ereignisse widergegeben. Das ist bedeutend für die Vermittlung von Normen, Identitäten und Machtverhältnissen und für die weitere Bildung von Denkweisen (vgl. Hornscheidt 2012). 
Eine unreflektierte Auseinandersetzung mit diesen Inhalten kann dazu führen, dass Diskriminierungen und Rassismen als Normalität re_produziert werden! Gleichzeitig macht ein Nichtbeschäftigen mit kritischem Wissen andere Perspektiven unsichtbar.
 
Im [universitären] Bildungsbereich sollte die Bildungs_politische Ver_pflichtung wahrgenommen werden, rassifizierende Inhalte, Texte, Sprach_handlungen, Normierungen etc. stets zu kritisieren und  deren Re_produktion zu verhindern.
Es sollte von allen angehenden Akademiker*innen (insbesondere im pädagogischen Bereich) verlangt werden, sich kritisch und aktiv mit diesen Inhalten auseinanderzusetzen, anstatt sie durch Polizeieinsätze zum Schweigen zu bringen.
 
Nichts legitimiert Rassismen, nichts legitimiert die Kolonialgeschichte, denn die Kolonialisierung unterstützte die Versklavung, Ausbeutung, Unterdrückung, Misshandlung und Ermordung von Menschen (vgl. Fanon 1981: 32).

Referat für AntiRassismus
Referat für Hochschulpolitik
Referat für queer_feminismus
Referat für Lehre und Studium
Referat für Soziales
Referat für Ökologie und Umweltschutz
Referat für Studierende mit Kind(ern)
im Referent_innenRat (gesetzl. AStA) der HUB
 
Kontakt:
hopo@refrat.hu-berlin.de
adb@refrat.hu-berlin.de
erstellt: 11.02.14, 19:57 | geändert: 22.10.14, 13:26 | lesen | nach oben
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