{"id":857,"date":"2022-04-22T18:43:50","date_gmt":"2022-04-22T16:43:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=857"},"modified":"2022-04-23T07:38:12","modified_gmt":"2022-04-23T05:38:12","slug":"imagine-hier-aujourdhui-huch93","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/04\/imagine-hier-aujourdhui-huch93\/","title":{"rendered":"Imagine hier aujourd\u2019hui &#8211; HUch#93"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Elio Nora Hillermann |<\/p>\n\n\n\n<p><em>In der Betrachtung des eigenen Umgangs mit dem, was im Rahmen sozialer Bewegungen erlebt wurde und wird, lassen sich Spuren einer bestimmten Form der pers\u00f6nlichen Erinnerung finden, die als politische Praxis in der Gegenwart gedacht werden kann.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-1024x865.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-858\" width=\"489\" height=\"412\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-1024x865.png 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-300x253.png 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-768x649.png 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-24x20.png 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-36x30.png 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio-48x41.png 48w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/elio.png 1089w\" sizes=\"auto, (max-width: 489px) 100vw, 489px\" \/><figcaption><em>Bild: HUch-Redaktion<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Mehr als zwei Jahre ist es nun her, dass ich an dieser Stelle in der HUch#89 meinen ersten Artikel zu den <em>Gilets Jaunes<\/em> ver\u00f6ffentlicht habe.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> Verfasst habe ich ihn, als ich selbst noch in Paris war und, vom Strudel des politischen Geschehens bewegt, den Versuch unternahm, zu erfassen, was um mich herum geschah. Viel Zeit ist vergangen, seit diese turbulenten Ereignisse mich eingenommen haben und der Alltag \u2013 zur\u00fcck in Berlin \u2013 hat die Erfahrungen dieser Monate in den Hintergrund r\u00fccken lassen. Vor einigen Wochen hat mich ein Dokumentarfilm \u00fcber die Gilets Jaunes unerwartet in diese Zeit zur\u00fcckkatapultiert und Gedanken losgetreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits war ich Teil dieser Bewegung, weil ich an Demonstrationen und Versammlungen teilgenommen habe, und andererseits war ich nie <em>wirklich<\/em> Teil von ihr, da ich im Gegensatz zu den meisten Gilets Jaunes, die aus erdr\u00fcckender Prekarit\u00e4t auf die Stra\u00dfe gegangen sind, die Absicherung finanzieller und emotionaler Stabilit\u00e4t im R\u00fccken hatte, die mit meinem b\u00fcrgerlichen Hintergrund einhergeht, und einen gro\u00dfen Unterschied zu den Protagonist_innen der Gelbwestenbewegung bedeutet hat. Treffender w\u00e4re also zu sagen, dass ich aus Solidarit\u00e4t teilgenommen habe an dem, wof\u00fcr andere den Weg bereitet haben und enorme Risiken eingegangen sind. Dennoch, oder auch gerade deshalb, war diese Zeit so einschneidend und hat meine Perspektive auf die Welt in vielerlei Hinsicht ver\u00e4ndert und Prozesse in mir angesto\u00dfen, die auch heute noch nicht beendet sind. Unglaublich dankbar bin ich den Menschen, die dies m\u00f6glich gemacht haben. Neben diesen warmen Gedanken hat das aktive Zur\u00fcckzublicken auf diese Zeit auch Fragen nach dem Umgang mit meinen eigenen Erinnerungen, sowie nach dem Verh\u00e4ltnis von aktivem Gestern und vermeintlich passivem Heute aufgeworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht mir in diesem Text also weniger um linkes Erinnern im Allgemeinen \u2013 also nicht darum, wie wir etwa mit dem Erbe der des Realsozialismus der Sowjetunion, der 68er Bewegung oder vergangenen revolution\u00e4ren K\u00e4mpfen rund um den Globus umgehen sollten \u2013 sondern darum, wie sich unsere <em>eigenen<\/em> Erfahrungen von Widerstand, emanzipativer Praxis oder kollektiven linken Erlebnissen in unsere Gegenwart einschreiben. Ich m\u00f6chte die Frage stellen, inwiefern Erinnern als Alltagspraxis verstanden werden kann und wie diese Formen des Erinnerns sich auf die M\u00f6glichkeit zuk\u00fcnftiger K\u00e4mpfe auswirken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bilder im Dunkeln und pers\u00f6nliches Erinnern<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Film, den ich vor kurzem sehen durfte und der diese Gedanken angesto\u00dfen hat, tr\u00e4gt den Titel <em>Imagine demain on gagne, <\/em>was auf Deutsch so viel hei\u00dft wie <em>Stell&#8216; dir vor, wir gewinnen morgen<\/em>.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Er handelt von einer Gruppe Gilets Jaunes, die in Saint-Nazaire \u2013 einer kleinen Stadt an der franz\u00f6sischen Atlantikk\u00fcste \u2013 im Winter 2018 gemeinsam ein Geb\u00e4ude besetzten und zu einem sogenannten <em>maison du peuple <\/em>(Volkshaus) machten. Das Haus diente nicht nur der politischen Arbeit wie der Vorbereitung von Blockaden und Demonstrationen, und der Abhaltung der <em>assembl\u00e9e des assembl\u00e9es <\/em>(Versammlung der Versammlungen),<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup> sondern war auch ein Wohnort, an dem Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergr\u00fcnden einen Alltag teilten. Indem dieser Alltag ins Zentrum des Films gestellt wird, steht letzterer im Gegensatz zu vielen anderen filmischen Repr\u00e4sentation der Gelbwestenbewegung,<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup> denn er verzichtet weitgehend auf dramatische Gewaltdarstellungen. Er konzentriert sich stattdessen auf das, was seine Protagonist_innen im Alltag tun: Gemeinsam essen, bauen, diskutieren, erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film er\u00f6ffnet damit einen Raum f\u00fcr die Gedanken und Geschichten von Einzelpersonen, ihre Motive und \u00c4ngste. Damit wird die pers\u00f6nliche Erfahrung politischer Praxis archiviert, und so im Nachhinein ein Nachvollziehen von emanzipativem, kollektivem Handeln erm\u00f6glicht, welches \u00fcber das Spektakel im \u00f6ffentlichen Raum hinausgeht. Wird der Film also als ein St\u00fcck Erinnerung an diese Bewegung betrachtet, so ruft er auf den Plan, was f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Erinnerung, das ich hier entwickeln m\u00f6chte, wichtig ist: dass Erinnerung zutiefst pers\u00f6nlich ist, und sich kein Begriff von ihr fassen l\u00e4sst, in dem das erinnernde Subjekt und seine emotionale Verbindung zum Gewesenen aus der Gleichung herausgestrichen werden k\u00f6nnte. Es ist dies auch insofern eine zutiefst feministische Perspektive auf den Erinnerungsbegriff, als dass politische Erinnern damit immer auch ein pers\u00f6nliches Erinnern ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dinge anders tun und Erinnern als Praxis<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Element der Vorstellung von Erinnerung, die ich hier ansprechen m\u00f6chte, findet sich in dem, was der Film \u2013 laut den Machern des Films selbst<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> \u2013 im Kern aussagt: dass die Gilets Jaunes in einem gewissen Sinne tats\u00e4chlich gewonnen haben, n\u00e4mlich insofern sich f\u00fcr sie in ihrem Leben Dinge radikal und \u2013 f\u00fcr manche \u2013 zum Guten ver\u00e4ndert haben. Dies zeigt sich deutlich in einer Szene zu Ende des Films, in der einige Jugendliche, die sich in der <em>maison du peuple <\/em>kennengelernt haben, ihre Gedanken zu den vorangegangenen Monaten teilen. Sie erz\u00e4hlen, dass sie zum ersten Mal wirklich ein Leben im Kollektiv erfahren haben; dass sie Menschen in ihr Leben gelassen haben, an denen sie vorher auf der Stra\u00dfe vorbeigelaufen w\u00e4ren, ohne aufzusehen; dass sie unz\u00e4hlige praktische Dinge zu tun gelernt haben, an die sie vorher nicht auch nur gedacht h\u00e4tten; und dass sie Worte gelernt haben f\u00fcr gesellschaftliche Unterdr\u00fcckungsformen, mit denen sie nun einordnen und kanalisieren k\u00f6nnen, was vorher nur als diffuse Unmut in ihnen war. Eine Person sagt sogar, dass sie ein anderer Mensch geworden sei. All diese jungen Individuen werden, nachdem die <em>maison du peuple <\/em>ger\u00e4umt wurde und sich die Gelbwestenbewegung im Sande verlaufen hat, Dinge in ihrem Alltag <em>anders <\/em>getan haben und tun, sie werden seither \u00fcber die Gesellschaft <em>anders <\/em>nachdenken, und sie werden immer das Wissen um die M\u00f6glichkeiten eines Lebens im Kollektiv in sich tragen, das sich st\u00e4ndig aktualisieren l\u00e4sst. Diese Perspektive auf eine der wichtigsten sozialen Bewegungen der letzten Jahre verweist auf etwas, was als zentrales Moment des hier untersuchten Verst\u00e4ndnisses von linker Erinnerung gefasst werden kann: dass (linkes) Erinnern ein praktischer Prozess ist, der mit einem Ereignis beginnen mag, und auch noch viel sp\u00e4ter in unseren Alltag hineinreicht. Sich zu erinnern bedeutet, etwas von dem, was war, im Hier und Jetzt immer wieder umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Verst\u00e4ndnis von Erinnerung als Praxis in der Gegenwart ist durchaus nicht neu.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup> So findet sich schon bei Walter Benjamin, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb, eine Perspektive auf Erinnerung, die einerseits ihren Gegenwartsbezug, und andererseits ihren praktischen Gehalt sichtbar macht. In seinem viel zitierten Text <em>\u00dcber den Begriff der Geschichte<\/em> schreibt er: \u00bbAuf den Begriff der Gegenwart, die nicht \u00dcbergang ist, sondern in der Zeit einsteht und zum Stillstand gekommen ist, kann der historische Materialist nicht verzichten. Denn dieser Begriff definiert eben <em>die <\/em>Gegenwart, in der er f\u00fcr seine Person Geschichte schreibt. Der Historismus stellt das \u203aewige\u2039 Bild der Vergangenheit, der historische Materialist eine Erfahrung mit ihr, die einzig dasteht.\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup> Benjamin artikuliert Erinnerung hier im Kontext der Methode des Historischen Materialismus, der in seinem Verst\u00e4ndnis den Umgang mit der Vergangenheit als etwas betrachtet, was wir in der Gegenwart tun, also eine Erfahrung des Gewesenen im Hier und Jetzt. Dadurch wird die Vorstellung eines starren Kontinuums zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufgesprengt,<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\" id=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup> und das Gewesene mit dem Gegenw\u00e4rtigen in ein produktives Wechselverh\u00e4ltnis gestellt. Es ist dieses \u00fcber die Praxis vermittelte Verh\u00e4ltnis von Gegenwart und Vergangenheit, das bei ihm unter den Begriff des Eingedenkens f\u00e4llt.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\" id=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup> Noch viel deutlicher kommt das Erinnern als Praxis bei Benjamin in seinem Text <em>Der Erz\u00e4hler <\/em>zum Ausdruck, in dem er ein emanzipatives Erinnern als die von Generation zu Generation verlaufende m\u00fcndliche Weitergabe des Gewesenen darstellt.<sup><a href=\"#sdfootnote11sym\" id=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a><\/sup> Zudem wird dort der kollektive und allt\u00e4gliche Charakter des Erinnerns deutlich gemacht: \u00bbGeschichten erz\u00e4hlen ist ja immer die Kunst, sie weiter zu erz\u00e4hlen, und die verliert sich, wenn die Geschichten nicht mehr behalten werden. Sie verliert sich, weil nicht mehr gewebt und gesponnen wird, w\u00e4hrend man ihnen lauscht.\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote12sym\" id=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a><\/sup> Das Erinnern wird hier also in den Kontext der handwerklichen Arbeit eingebettet und l\u00e4sst sich entsprechend unter dem Blickwinkel einer Alltagspraxis fassen. An dieses Verst\u00e4ndnis m\u00f6chte ich f\u00fcr die hier betrachtete Form der Erinnerung anschlie\u00dfen. Dabei geht es mir weniger darum, wie wir mit Geschichten umgehen, die vor unserer Zeit geschehen sind, sondern um die Erinnerungsspanne des eigenen Lebens, des eigenen Erfahrungshorizonts. Es geht darum, dass wir in unserem Alltag, gemeinsam mit anderen Menschen, auf unterschiedliche Art und Weise das wiederaufleben lassen, was wir zuvor durchlebt haben \u2013 und dass dies als praktisches Erinnern gefasst werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gelerntes ausgraben<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Optik einer Alltagspraxis des Erinnerns spielt der Aspekt des Lernens eine zentrale Rolle. Wenn wir in bestimmten Momenten unsere Lebens Dinge <em>neu <\/em>getan haben, eine <em>andere, <\/em>spezifische Qualit\u00e4t des Zusammenlebens erfahren oder uns in als befreiend erlebten Praktiken wiedergefunden haben, so sind all dies Situationen, in denen wir bestimmte Praktiken <em>erlernt <\/em>haben. Und gerade wenn diese als positiv erlebt wurden, ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass wir sie sp\u00e4ter in unserem Alltag wiederholen. Dabei kann es sich um unglaublich viele unterschiedliche Dinge handeln: um eine Art und Weise, in der Gruppe Konsensentscheidungen zu treffen; um das Erlebnis, gemeinsam zu kochen und zu essen und sich dabei die Aufgaben zu teilen; um einen Moment, in dem wir gemeinsam zum ersten Mal etwas tun, was wir uns zuvor oder alleine nie getraut h\u00e4tten; um Situationen der Konfrontation mit anderen Lebensrealit\u00e4ten und Geschichten, die uns dazu bringen, unsere eigene Position in der Welt in einem neuen Licht zu betrachten und zu hinterfragen \u2013 die Liste lie\u00dfe sich lange fortf\u00fchren. Es handelt sich also beim Erinnern um einen Prozess der allt\u00e4glichen Integration von erlernten Praktiken und Erfahrungswissen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unbewusste und hierarchiefreie(re) Erinnerung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn linkes, emanzipatives Erinnern auf diese Art und Weise als Alltagspraxis verstanden wird, l\u00e4sst sich ein weiterer Charakterzug dieser Form der Erinnerung aufzeigen: sie ist weniger als bewusste Erinnerung pr\u00e4sent, sondern tritt h\u00e4ufig in den Hintergrund, ins Unbewusste, ist aber immer unterschwellig da und wirkt sich auf das aus, was wir tagt\u00e4glich tun. Sie begleitet uns. Gleichzeitig l\u00e4sst sich vor dem Hintergrund des Lernens ebenso feststellen, dass die Prozesse des Erlernens von Praktiken, die sp\u00e4ter in der Erinnerung aktualisiert werden, nie abgeschlossen sind. In jedem Moment der Gegenwart sto\u00dfen wir potenziell auf Praktiken, die wir lernen und sp\u00e4ter in Erinnerung neu umsetzen. So wird der Prozess des Erinnerns zu einem sich fortw\u00e4hrend aufbauenden Band, in dem die Vergangenheit mit der Gegenwart verwoben ist. Mit dieser Perspektive verliert auch das Gewesene seine Exklusivit\u00e4t, und es l\u00e4sst sich die Hierarchisierung von \u203agro\u00dfen politischen Ereignissen\u2039 der Vergangenheit gegen\u00fcber den kleinen Revolutionen im Alltag der Gegenwart (oder umgekehrt) ein St\u00fcck weit aufl\u00f6sen. Denn es schreibt sich ebenso wie das Barrikadenbauen auch das sorgsame Nachfragen und Zuh\u00f6ren in einen Strang an Praktiken ein, an dem wir uns immer wieder festhalten k\u00f6nnen. Die Erfahrung der M\u00f6glichkeit solidarischer Praxis wird somit auch ein Faktor der Stabilit\u00e4t, von dem ausgehend sich emanzipative Fluchtlinien f\u00fcr die Zukunft denken lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was wir morgen damit tun<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist die Frage nach der Rolle des Erinnerns f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten einer solidarischen, emanzipativen und vielleicht sogar revolution\u00e4ren Praxis in der Zukunft gestellt. Denn das Erfahrungswissen um die reale M\u00f6glichkeit dieser Formen des Zusammenlebens und -handelns in der Gegenwart \u2013 ein Wissen darum, wie es sich anf\u00fchlt, Dinge frei und selbstbestimmt zu tun \u2013 gibt uns das Vertrauen, dass ihre Aktualisierung auch in Zukunft m\u00f6glich sein wird. Entsprechend ist die Erinnerung an diese Erfahrungen und die praktische Integration des Erlernten in unseren Alltag zentral daf\u00fcr, Bedingungen f\u00fcr eine linke politische Praxis zu schaffen, die langfristig die Kraft hat, gesellschaftliche Ver\u00e4nderung zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet auch, dass Erinnern immer politisch ist. Denn die (bewusste oder auch unbewusste) Entscheidung, <em>welche<\/em> meiner erlernten Handlungen ich in der Gegenwart reproduziere, hat einen Einfluss darauf, was f\u00fcr Bilder des Zusammenlebens langfristige Perspektiven erhalten, und welche T\u00fcren wir uns in Kollektiven, Freund_innenkreisen, Wohnzusammenh\u00e4ngen, Beziehungskonstellationen, Arbeitsgruppen und vielen anderen Kontexten er\u00f6ffnen. Diese Idee, dass Erinnerungen und ihre allt\u00e4gliche Aktualisierung in der Praxis das Potential haben, uns neue Welten zu er\u00f6ffnen, findet sich in einem Text zu queeren Utopien von Jos\u00e9 Mu\u00f1oz: \u00bbErinnerung ist ganz bestimmt konstruiert und, viel wichtiger, immer politisch. Wof\u00fcr ich [\u2026] argumentiere, ist, dass unsere Erinnerungen und ihr ritualisiertes Erz\u00e4hlen [\u2026] weltenerschaffende Potentiale aufweisen.\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote13sym\" id=\"sdfootnote13anc\"><sup>13<\/sup><\/a><\/sup> Dies bedeutet, dass Erinnerung zwar ein unbewusster Lernprozess sein kann, der unbemerkt abl\u00e4uft, aber auch, dass sie eine Konstruktion ist, die erst durch das entsteht, was wir jeden Tag tun und wie wir uns zu zuvor Gelerntem verhalten. Entsprechend k\u00f6nnen wir aktiv intervenieren und uns daf\u00fcr entscheiden, bestimmte Praktiken zu erinnern und zu aktualisieren, um sie in die Handlungsweisen unserer Kollektive einzuschreiben. Es geht also darum, langfristig in so vielen R\u00e4umen wie m\u00f6glich emanzipative Praktiken zu etablieren und gemeinsam ein solidarisches Zusammenleben und -handeln zu konstruieren. Es geht darum, Zusammenh\u00e4nge herzustellen, in denen wir uns jeden Tag in unserem Tun gegenseitig daran erinnern, was war, was wir wollen, und wo wir zusammen hingehen m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir uns als Linke vom \u203aRest der Gesellschaft\u2039 abkapseln und uns mit unseren Praktiken um uns selbst drehen sollten. Im Gegenteil: Es ist zentral, dass sich <em>alle<\/em> Menschen \u2013 und vielleicht gerade diejenigen, die wir nicht automatisch zu den bereits bestehenden linken Kreisen z\u00e4hlen w\u00fcrden \u2013 von der Euphorie gelebter Solidarit\u00e4t prinzipiell anstecken lassen k\u00f6nnen. Und dass ganz viele Menschen in ihrem Alltag solidarische, emanzipative Praktiken umsetzen, ohne dass diese notwendigerweise in bestehende linke Narrative verwoben sind, obwohl sie dort hinzugez\u00e4hlt geh\u00f6ren. Es gibt also nicht <em>die eine <\/em>Art und Weise, solidarisch, emanzipativ oder revolution\u00e4r zu handeln. Gesellschaftliche Ver\u00e4nderung l\u00e4sst sich nur denken, wenn so viele Menschen wie m\u00f6glich diesen Funken erleben d\u00fcrfen, der in der Praxis einer solidarischen Gemeinschaft steckt. Und <em>wie <\/em>dieser gez\u00fcndet wird, h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich von den Menschen ab, die sich auf das gemeinsame Projekt einlassen, und ist je nach historischer Situation einzigartig. Die Gilets Jaunes haben dies auf eindr\u00fcckliche Art und Weise gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>_____________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Der Titel des Textes hei\u00dft auf Deutsch so etwas wie: Stell&#8216; dir gestern heute vor.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Ver\u00f6ffentlicht als Nora Hillermann unter dem Titel <em>Gelb sehen, <\/em>HUch#89, S. 5-7. In der Ausgabe 90 erschien dann ein Folgetext, in dem es unter anderem um Subjektivierungsprozesse der Gilets Jaunes geht. Vgl. Elio\/Nora Hillermann: <em>Gelb sehen in gr\u00fcn, <\/em>HUch#90, S. 7-10.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Arthur Thouvenin und Fran\u00e7ois Langlais<em>: Imagine demain on gagne<\/em>,2020<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote4sym\" href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> Diese Versammlungen waren die \u00fcberregionalen Treffen mit Delegiertenstruktur, wo Vertreter_innen lokaler Gelbwesten-Gruppen zusammenkamen.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote5sym\" href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> Wie etwa <em>Un pays qui se tient sage <\/em>(2020) von David Dufresne.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote6sym\" href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> Die beiden Regisseure des Films waren bei der Filmvorstellung anwesend und haben die folgende Kernaussage tats\u00e4chlich sehr genau so formuliert.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote7sym\" href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a>  \u2026 und hochaktuell, wie in dieser von der Rosa-Luxemburg Stiftung gef\u00f6rderten Publikation artikuliert wird: \u00bb<em>Den Prozess des Erinnerns verstehen wir als politische Praxis<\/em>, die es erm\u00f6glicht, \u00fcber pers\u00f6nliche Geschichten Gemeinsamkeiten ausfindig zu machen und in strukturelle Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcberf\u00fchren.\u00ab Lydia Lierke und Massimo Perinelli: \u00bbIntro\u00ab, in: <em>Erinnern st\u00f6ren, <\/em>Berlin : Verbrecher Verlag, 2020. (Hervorheb. E.N.H.)<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote8sym\" href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Walter Benjamin: <em>\u00dcber den Begriff der Geschichte<\/em>, in: <em>Gesammelte Schriften Band I-2<\/em>, Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2017, S. 702.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote9sym\" href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a> Vgl. ebd., S. 701.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote10sym\" href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a> Vgl. ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote11sym\" href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a> Walter Benjamin: <em>Der Erz\u00e4hler<\/em>, in: <em>Gesammelte Schriften Band II-2<\/em>, Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2017, S. 438-465.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote12sym\" href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a> Ebd., S. 447.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote13sym\" href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a> Jos\u00e9 Esteban Mu\u00f1oz: <em>Cruising Utopia: The Then And There Of Queer Futurity<\/em>, New York : New York University Press, 2009, S. 35. \u00dcbers. E.N.H., im Orig.: \u00bbMemory is most certainly constructed and, more important, always political. The case I make [\u2026] posits our remembrances and their ritualized tellings [\u2026] as having world-making potentialities.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Elio Nora Hillermann | In der Betrachtung des eigenen Umgangs mit dem, was im Rahmen sozialer Bewegungen erlebt wurde und wird, lassen sich Spuren einer bestimmten Form der pers\u00f6nlichen Erinnerung finden, die als politische Praxis in der Gegenwart gedacht werden kann.1<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-857","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=857"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":871,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/857\/revisions\/871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}