{"id":847,"date":"2022-03-26T11:03:33","date_gmt":"2022-03-26T10:03:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=847"},"modified":"2022-04-06T10:15:04","modified_gmt":"2022-04-06T08:15:04","slug":"the-same-old-story-huch93","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/03\/the-same-old-story-huch93\/","title":{"rendered":"The Same Old Story &#8211; HUch#93"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Tilman B\u00e4rwolff |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein aktives linkes Erinnerns ist wichtig, um die Geschichtsschreibung nicht den Herrschenden zu \u00fcberlassen. Ebenso relevant ist es, dass dieses Erinnern allen zug\u00e4nglich ist \u2013 und also auch in der Gegenwart entsprechenden, digitalen Formaten stattfindet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-999x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-848\" width=\"514\" height=\"527\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-999x1024.png 999w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-293x300.png 293w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-768x787.png 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-24x24.png 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-36x36.png 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman-48x48.png 48w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/tilman.png 1089w\" sizes=\"auto, (max-width: 514px) 100vw, 514px\" \/><figcaption><em>Bild: HUch-Redaktion<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In Gespr\u00e4chen \u00fcber die Relevanz der Geschichte und Vergangenheit linker Bewegungen wird immer wieder ein \u00e4hnlicher Einwand angebracht: Warum sollten wir uns mit Ereignissen besch\u00e4ftigen, die bereits hunderte Jahre zur\u00fcck liegen? Dieser Einwand kann als symptomatisch daf\u00fcr verstanden werden, welchen Stellenwert die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte heute in linken und emanzipatorischen Kreisen hat. Eine kurze Einsch\u00e4tzung w\u00fcrde an dieser Stelle lauten: keinen besonders hohen. Im selben Zusammenhang steht, dass linke Politik heute oftmals in einem geschichtslosen Raum agiert. Gruppen und Kampagnen fangen in ihrer Arbeit immer wieder bei null an, ohne auf die Erkenntnisse des vergangenen Jahrhunderts linker Geschichte zur\u00fcckzugreifen. So bietet sich erst gar nicht die M\u00f6glichkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, bei der Erfolge und Misserfolge evaluiert werden. Vielmehr wird die b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung, welche \u2013 \u00dcberraschung \u2013 an der linken Historie oft kein gutes Haar l\u00e4sst, oftmals unkritisch \u00fcbernommen. Damit stellt sich also die Frage, warum es heute \u00fcberhaupt noch linke Erinnerungsarbeit braucht. Was kann sie bewirken und welchen Stellenwert sollte sie in unserer politischen Arbeit einnehmen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr eine linke Erinnerungskultur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warum es wichtig ist, sich der eigenen Geschichte bewusst zu machen, beschrieb der linke Historiker Howard Zinn bereits 1970 in seinem Essay <em>What is Radical History?<\/em>.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> Der Autor des Bestsellers <em>A People\u2019s History of the United States<\/em> zeigt hier, ausgehend von der Fragestellung, wie die Geschichtsschreibung Menschen in eine humanistische Richtung weisen k\u00f6nne, f\u00fcnf grundlegende Annahmen einer radikalen Geschichtsschreibung, welche bis heute fundamental f\u00fcr eine linke Erinnerungskultur sein k\u00f6nnen.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst biete sie die M\u00f6glichkeit, unsere Wahrnehmung daf\u00fcr zu sch\u00e4rfen, dass wir alle gleicherma\u00dfen Opfer desselben Systems sind. Denn auch, wenn unsere Probleme global oft dieselben sind \u2013 Ausbeutung, patriarchale Unterdr\u00fcckung, Abbau von B\u00fcrger_innenrechten, um nur einige zu nennen \u2013 machen die eigenen Privilegien oder regionale Besserstellung das geteilte (Klassen-)Interesse oft vergessen. Nach Zinn k\u00f6nne es durch den Blick in die Geschichte einfacher sein, diese Trennung zu durchsto\u00dfen. Ein Blick in die Vergangenheit gebe Problemen, die heute verg\u00e4nglich wirken, Tiefe und Intensit\u00e4t. Nach Zinn: \u00bbIf the same situation appears at various points in history, it becomes not a transitory event, but a long-range condition, [\u2026] a structural deformity requiring serious attention\u00ab.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Man denke hier nur an den Kolonialismus, welcher hierzulande erst seit einigen Jahren im \u00f6ffentlichen Diskurs angelangt ist und dort kritisch reflektiert wird, aber schon seit Jahrhunderten die Lebensrealit\u00e4t der Menschen im globalen S\u00fcden pr\u00e4gt, was ein kurzer Blick in die Geschichte leicht best\u00e4tigen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus kann es eine radikale Geschichtsschreibung schaffen, subtile Ideologien, die unsere Kultur durchziehen, zu exponieren. Ideen wie jene, dass wir in der besten aller Gesellschaften leben, der Westen der Verteidiger der <em>Freiheit<\/em> auf der Welt sei, oder dass jede_r es gleicherma\u00dfen schaffen k\u00f6nne, durch individuelle Anstrengung zu Ruhm und Reichtum zu gelangen. Mit einer radikalen Geschichtsauffassung seien wir in der Lage, die Nat\u00fcrlichkeit des status quo, der uns umgibt, zu durchbrechen und sie im historischen Kontext in ihrer L\u00e4cherlichkeit zu entlarven, so Zinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber biete eine radikale Geschichtsschreibung uns die Chance, die wenigen Momente in der Zeit greifbar zu machen, in denen die M\u00f6glichkeit einer besseren Welt gezeigt wurde: \u00bbHistory cannot provide information that something better is inevitable; but it can uncover evidence that it is conceivable\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>, so Zinn.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Digitalisierte Erinnerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit linker Geschichte kann heute mehr sein, als sich durch staubige Archive zu w\u00e4lzen, sondern l\u00e4sst sich perfekt in das t\u00e4gliche Scrollen durch die eigenen Social-Media-Kan\u00e4le integrieren. Vorreiter dieser digital-kompatiblen Erinnerungsarbeit d\u00fcrfte ohne Zweifel der Kanal Working Class History (WCH)<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup> sein. Schon seit 2014 hat sich das Kollektiv der emanzipatorischen Geschichte (lohn-)arbeitender Menschen \u2013 der Working Class \u2013 verschrieben. Und das in Form von leicht verdaulichen Posts, Podcasts, einem YouTube Kanal und auch in physischer Gestalt von Kalendern oder B\u00fcchern. Von der Geschichte der Gewerkschaft International Workers oft the World, kurz IWW, in Kanada, \u00fcber ein Zeitzeugengespr\u00e4ch mit einem Mitglied der Group 43, einer Gruppe britischer Antifaschist_innen in der Nachkriegszeit, bis zur herzerw\u00e4rmenden Erz\u00e4hlung vom griechischen \u203aRiot Dog\u2039 Loukanikos, welcher in Athen \u00fcber Jahre hinweg Demonstrationen und Riots<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> begleitete \u2013 quer \u00fcber das (links-)politische Spektrum hinweg ordnet WCH diese Erz\u00e4hlungen und Augenzeugenberichte in die Geschichte weltweiter emanzipatorischer Bewegungen ein und macht sie so auch aus heutiger Perspektive greifbar. Unter dem Motto \u00bbHistory isn\u2019t made by kings and politicians, it is made by us\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup> setzt WCH einen Gegenpol zur Geschichtsschreibung b\u00fcrgerlicher Historiker_innen, bei denen die Perspektive <em>von unten<\/em> oft zu kurz kommt oder gar nicht in der offiziellen Geschichtsschreibung erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr digitale linke Geschichtsarbeit in Deutschland ist das Portal Autonome Geschichte<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup>, das haupts\u00e4chlich auf Twitter linksradikale und au\u00dferparlamentarische Geschichte dokumentiert. Ein Schwerpunkt ist hier vor allem die (prim\u00e4r west-)deutsche Autonome Bewegung der 1980er und 90er Jahre. Gespickt mit vielen originalen Demo-Plakaten, Dokumentationen von Mitteilung der mannigfaltigen Kleingruppen und Zeitungsausschnitten ergibt sich auf dem Kanal ein lebendiges Bild dieser Periode j\u00fcngerer linker Zeitgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss nicht alles an dieser modernen Form linker Geschichtsarbeit guthei\u00dfen. Oftmals verk\u00fcrzen diese sehr kondensierten Beitr\u00e4ge den Kontext, in welchem sich ein geschichtliches Ereignis zugetragen hat. Ein Like ersetzt eben nicht die intensive Besch\u00e4ftigung mit einer historischen Begebenheit. Bei aller Kritik bilden die digitalen Formen der Erinnerung vielen (oftmals nur anpolitisierten) Menschen dennoch einen guten Ausgangspunkt, um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus alt mach neu<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig dabei ist: Mit vielen, aber sicherlich nicht allen Problemen, denen emanzipatorische Bewegungen heute gegen\u00fcber stehen, hatten auch lange vor uns schon Menschen zu k\u00e4mpfen. Sei es die Schwierigkeit, den <em>richtigen<\/em> Weg zur Organisierung von arbeitenden und unterdr\u00fcckten Menschen zu finden, der exzessiven Gewalt staatlicher Strukturen zu begegnen oder einfach die leidliche innere Spaltungs- und Zerpfl\u00fcckungstendenz der politischen Linken, welche uns schon seit Anbeginn begleitet. Trotz allem zeigt die Geschichte aber auch: Der Kampf f\u00fcr eine bessere, eine gerechtere Welt wird nicht erst seit gestern gef\u00fchrt. Er ist schon zahllose Generationen alt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Geschichte der politischen Linken k\u00f6nnen wir dabei auf einen breiten Fundus ebendieser Momente zur\u00fcckgreifen: n\u00e4mlich solche, in denen Solidarit\u00e4t vor Vereinzelung stand, in denen versucht wurde, ein Zusammenleben unter der Ma\u00dfgabe der Menschlichkeit und nicht dem des Profits zu erm\u00f6glichen. Dieser Momente sollten wir uns erinnern \u2013 und uns nicht ausschlie\u00dflich der Geschichtsschreibung nach b\u00fcrgerlich-kapitalistischer Fa\u00e7on bedienen. Denn wenn wir nicht unsere eigene Geschichte schreiben, werden es andere f\u00fcr uns tun.<\/p>\n\n\n\n<p>_____________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Howard Zinn: <em>What is Radical History?<\/em>, in: <em>The Politics of History<\/em>, 1970, online unter: www.historyisaweapon.com<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Angemerkt sei, dass sich Zinn in seinem Text v.a. auf die Vereinigten Staaten bezog. Ich halte seinen Essay nichtsdestoweniger relevant f\u00fcr den deutschen und europ\u00e4ischen Kontext.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> \u00dcbersetzung d. Autors: \u00bbWenn dieselbe Situation an verschieden Punkten der Geschichte erscheint, ist sie kein verg\u00e4ngliches Ereignis, sondern eine langanhaltende Bedingung, [\u2026] eine strukturelle Deformit\u00e4t, welche dringende Aufmerksamkeit ben\u00f6tigt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> \u00dcbersetzung d. Autors: \u00bbDie Geschichte kann keine Informationen dar\u00fcber bieten, dass etwas Besseres unvermeidbar ist, aber sie kann Belege daf\u00fcr enth\u00fcllen, dass es vorstellbar ist.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\" id=\"sdfootnote5sym\">5<\/a> Online unter: www.workingclasshistory.com<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\" id=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Zu Deutsch: (gewaltsamer) Aufstand<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\" id=\"sdfootnote7sym\">7<\/a> \u00dcbersetzung: \u00bbGeschichte wird nicht von K\u00f6nigen oder Politiker_innen geschrieben, sondern von uns.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote8sym\" href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Twitter: @RadicalPast, online unter: www.radicalpast.blogsport.eu<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Tilman B\u00e4rwolff | Ein aktives linkes Erinnerns ist wichtig, um die Geschichtsschreibung nicht den Herrschenden zu \u00fcberlassen. 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