{"id":837,"date":"2022-03-07T17:48:14","date_gmt":"2022-03-07T16:48:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=837"},"modified":"2022-03-07T17:48:17","modified_gmt":"2022-03-07T16:48:17","slug":"fuereinander-sorgen-um-zusammen-stark-zu-sein-huch93","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/03\/fuereinander-sorgen-um-zusammen-stark-zu-sein-huch93\/","title":{"rendered":"F\u00fcreinander sorgen, um zusammen stark zu sein &#8211; HUch#93"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Cay K. |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zwischen Bedrohung von Nazis online und Alltagsdiskriminierung auf der Stra\u00dfe erk\u00e4mpfen sich Queers in der Ukraine ihre R\u00e4ume und Solidarit\u00e4t. Ein Erfahrungsbericht.<\/em><a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/cay.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-838\" width=\"518\" height=\"490\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/cay.png 568w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/cay-300x284.png 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/cay-24x24.png 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/cay-36x34.png 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/cay-48x45.png 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 518px) 100vw, 518px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In der Ukraine queer zu sein \u2013 und insbesondere queer und politisch aktiv zu sein \u2013 ist schwer und gef\u00e4hrlich. Die Situation hinsichtlich der Rechte von LGBTQIA* ist in der Ukraine weiterhin sehr problematisch und die queere Community ist mit einer Menge an Schwierigkeiten und Opposition konfrontiert. Trotzdem f\u00fchren queere Aktivist_innen ihren Kampf fort, und die Situation verbessert sich graduell. Im Laufe der letzten zwei Jahre ist die anarcha-queere Bewegung in der Ukraine gewachsen. Wir haben Proteste organisiert und unsere eigenen Reihen in der Pride in Kiew und Charkiw organisiert, haben Bannerdrops durchgef\u00fchrt und Graffiti gemalt, haben Netzwerke f\u00fcr gegenseitige Hilfe aufgebaut und vieles mehr. Dennoch stehen wir weiterhin systemischer Queerphobie, Transphobie und dem Widerstand der extremen Rechten gegen\u00fcber. Und obwohl die Nazis keine Sitze im Parlament haben, ist ihre Macht auf der Stra\u00dfe gro\u00df. Sie intervenieren bei linken Demonstrationen, bel\u00e4stigen und attackieren queere Menschen auf der Stra\u00dfe, erpressen und bedrohen uns online. Nazis versuchen es so aussehen zu lassen, als sei die gesamte ukrainische Gesellschaft rassistisch, queerphob und misogyn. Tats\u00e4chlich gibt es eine kleine Gruppe rechter Personen, die es geschafft haben, sich innerhalb der Regierungsstrukturen zu etablieren und Medienpr\u00e4senz zu erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Verbindungen in die staatlichen Strukturen hinein zeigen sich in dem Schutz von Rechten durch die Polizei. W\u00e4hrend jeder Pride Parade versuchen Rechte, Demonstrant_innen anzugreifen, werden daf\u00fcr aber nicht festgenommen oder aber nach wenigen Stunden wieder entlassen. W\u00e4hrenddessen bedanken sich Liberale am Ende der Parade demonstrativ bei der Polizei f\u00fcr ihren Schutz. Einmal im Jahr wird dieses Schauspiel f\u00fcr die westlichen Staaten aufgef\u00fchrt, w\u00e4hrend queere Menschen den Rest des Jahres weiterhin Queerphobie und Transphobie ausgesetzt sind. Die Pride Parade ist also paradigmatisch f\u00fcr das, was tagt\u00e4glich geschieht: Rechte attackieren Menschen, die queer sind \u2013 oder auch nur so aussehen \u2013 auf der Stra\u00dfe und werden im Nachhinein nicht daf\u00fcr zur Verantwortung gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser Attacken ist die Pride Parade wichtig f\u00fcr unsere queere Solidarit\u00e4t und Sichtbarkeit, und sie ist auch ein Ergebnis politischer K\u00e4mpfe. Obwohl es in der Ukraine seit 2012 Versuche gab, eine Pride Parade zu veranstalten, fand sie erst 2015 zum ersten Mal statt, n\u00e4mlich nach der Revolution der W\u00fcrde, auch als Euromaidan bekannt, und nachdem die Vereinigten Staaten 190 Millionen Dollar f\u00fcr eine Polizeireform zur Verf\u00fcgung gestellt hatten. Seit der Revolution wird die ukrainische Gesellschaft allm\u00e4hlich weniger homophob. Viele Menschen haben begonnen, die Vorstellungen von Gleichheit, Toleranz und sozialer Gerechtigkeit zu akzeptieren. Jedes Jahr versammelt die Pride Parade mehr und mehr Menschen und trotz der anhaltenden Gefahr und den Attacken der extremen Rechten gehen queere Personen und <em>allies<\/em><sup><em><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/em><\/sup>auf die Stra\u00dfe, um ihren Raum zu beanspruchen und um gleiche Rechte und Respekt einzufordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Revolution der W\u00fcrde hat auch ein Florieren der extremen Rechten eingeleitet. Die Linken haben es nicht geschafft, in den Protesten sichtbar zu sein und als sie \u2013 die im Gegensatz zu den Rechten unbewaffnet waren \u2013 ihre eigenen Formationen gr\u00fcndeten, wurde dies von den bewaffneten Rechten verhindert. Dennoch waren Linke \u2013 entgegen der Darstellung in den Medien \u2013 an den Protesten beteiligt. Sie schafften es aber nicht zu verhindern, dass die extreme Rechte die Agenda der Proteste allm\u00e4hlich von einer pro-demokratischen zu einer nationalistischen hin ver\u00e4nderte. Obwohl queere Menschen also aktiv an den Euromaidan Protesten und dem Krieg in der Ukraine teilgenommen haben, waren sie gezwungen, ihre Sexualit\u00e4ten und Identit\u00e4ten zu verstecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg mit Russland begann, beteiligte sich die extreme Rechte aktiv und bildete Bataillone, wodurch in der Bev\u00f6lkerung das Vertrauen f\u00fcr sie zunahm. Rechte pr\u00e4sentierten sich als Nationalist_innen, die f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine k\u00e4mpfen, was ihnen dabei half, Sympathien unter den Liberalen zu gewinnen. Die Rechte begann, <em>trendy<\/em> zu werden und selbst die Extremsten unter den Rechten, wie beispielsweise Sergey Korotkikh<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup>, wurden als Teilnehmer_innen am Krieg gegen Russland zu TV-Shows eingeladen und als Helden gefeiert, w\u00e4hrend unter den Tisch gekehrt wurde, dass sie Nazis waren. Tats\u00e4chlich passiert es weiterhin, dass Nazi-Organisationen, wie Tradition and Order, National Resistance oder S14 auf ihren Demonstrationen Hitlergr\u00fc\u00dfe zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der aktiven Phase des Kriegs bewegte sich die ukrainische Agenda zunehmend von einer pro-demokratischen zu einer nationalistischen und extremen Rechten. Den Nazis gelang es, in der Ukraine eine starke rechtsextreme Bewegung aufzubauen, die Verbindungen in hohe Ebenen der staatlichen Strukturen hatte und die ihre eigenen Bataillone und Trainingslager unterhielt, w\u00e4hrend sie ihre Ansichten hinter der patriotischen Marke der \u203aTeilnehmenden im Krieg gegen Russland\u2039 versteckten. Gleichzeitig kamen zunehmend Nazis aus Russland und Belarus in die Ukraine, um sich den rechtsextremen Organisationen anzuschlie\u00dfen, w\u00e4hrend Nazis aus Europa und den USA anreisten, um Kontakte zu kn\u00fcpfen und Kampferfahrung zu sammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Nazis keine Sitze im Parlament haben, verf\u00fcgen sie also dennoch \u00fcber eine ganze Menge Macht und ausreichend Ressourcen, um das Leben marginalisierter Communities schwer zu machen. Zurzeit ist Cyber-Mobbing eine der Hauptmethoden der Nazis gegen Linke und Queers. In ihren Telegram Kan\u00e4len posten sie pers\u00f6nliche Informationen wie Social-Media-Links, Telefonnummern, Wohnadressen oder <em>deadnames<\/em><sup><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>\u00fcber queere Personen. Folge dieser Verbreitung ist, dass queere Menschen online und per Telefon bel\u00e4stigt werden, Todesdrohungen erhalten oder Bilder von ihren Wohnorten mit dem Versprechen, dass man sie finden werde. Dabei dienen nicht nur Aktivist_innen als Zielscheibe, sondern auch Personen, die einfach nur queer aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Umst\u00e4nde f\u00fchren dazu, dass queere Menschen sich nicht sicher f\u00fchlen, aber sie radikalisieren uns auch und zwingen uns, aktiver zu k\u00e4mpfen. Die queere Community in der Ukraine ist nicht sehr gro\u00df, aber aufgrund all der H\u00fcrden, denen wir ausgesetzt sind, k\u00fcmmern wir uns umeinander und vereinen uns in Solidarit\u00e4t. Wir tragen Sorge f\u00fcreinander, um zusammen stark zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>__________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Der Text wurde im Oktober 2021 verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Selbst nicht betroffene Personen, die mit marginalisierten \u2013 in diesem Fall queeren \u2013 Personen solidarisch sind.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> Ein Mitglied des neonazistischen Azow-Regiments, das aktiv am Krieg in der Ukraine beteiligt war. [Anm. d Red.]<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> Name, der einer trans* Person bei Geburt zugewiesen wurde, der von der Person aber nicht mehr verwendet wird und entsprechend eine sensible und potenziell verletzende Information darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Cay K. | Zwischen Bedrohung von Nazis online und Alltagsdiskriminierung auf der Stra\u00dfe erk\u00e4mpfen sich Queers in der Ukraine ihre R\u00e4ume und Solidarit\u00e4t. Ein Erfahrungsbericht.1<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-837","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=837"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":840,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/837\/revisions\/840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}