{"id":830,"date":"2022-02-18T16:15:55","date_gmt":"2022-02-18T15:15:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=830"},"modified":"2022-02-18T16:18:26","modified_gmt":"2022-02-18T15:18:26","slug":"kontinuitaet-des-kampfes-huch93","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/02\/kontinuitaet-des-kampfes-huch93\/","title":{"rendered":"Kontinuit\u00e4t des Kampfes &#8211; HUch#93"},"content":{"rendered":"\n<p>| von G\u00fcnseli Yilmaz |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Um der Scheinheiligkeit der deutschen, b\u00fcrgerlichen Erinnerungskultur entgegenzutreten, wird in diesem Beitrag die Wichtigkeit der wilden Streiks der 1970er Jahre f\u00fcr unser k\u00e4mpferisches Ged\u00e4chtnis betont.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-831\" width=\"480\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni.png 1015w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-300x298.png 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-150x150.png 150w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-768x762.png 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-100x100.png 100w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-24x24.png 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-36x36.png 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/gueni-48x48.png 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><figcaption><em>Bild: HUch-Redaktion<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zur b\u00fcrgerlichen Erinnerungskultur stellt linkes Erinnern eine andere Form des Gedenkens dar. In der b\u00fcrgerlichen Form des Gedenkens steht die Erinnerung an die eigene deutsche T\u00e4terschaft im Vordergrund und wird aus diesem Grund h\u00e4ufig kritisiert. In diesem Fokus manifestiere sich, so die Kritiker_innen, das Bild des guten Deutschen, der aus der eigenen T\u00e4terschaft gelernt habe; eine analysierende und kritisierende Herangehensweise und damit einhergehend tats\u00e4chliche politische Umbr\u00fcche &#8211; beispielsweise die Installation eines antifaschistischen Staates oder eine umfangreiche Entnazifizierung &#8211; hat in der BRD bis heute keinen Platz. Stattdessen steht das Erinnern f\u00fcr den symbolischen Beweis einer Lehre, die das deutsche Volk aus der eigenen Geschichte gezogen haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Linkes Erinnern m\u00f6chte es besser machen, indem es weder die Perspektive der T\u00e4ter_innen in den Vordergrund stellt, noch die potenzielle eigene T\u00e4ter_innenschaft leugnet. Wie kann dieses Erinnern aussehen? Wie kann erinnert werden, ohne ohnm\u00e4chtig zu gedenken? Im Folgenden wird eine Version dieses linken Erinnerns vorgestellt, die nicht still und statisch betrauert, sondern Erkenntnisse in der Vergangenheit ausmacht, die zur notwendigen Voraussetzung der Er\u00f6ffnung der M\u00f6glichkeit einer anderen Lebensweise werden. Um den l\u00e4hmenden Charakter des Erinnerns zu limitieren, gilt es ein Beispiel der Geschichte zu finden, das sowohl das Scheitern der deutschen Zust\u00e4nde belegt, als auch Hoffnung bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Arbeitsk\u00e4mpfe und andere Vereinigungen progressiver Kr\u00e4fte verweisen auf eine Kontinuit\u00e4t des Kampfes und der Hoffnung auf die M\u00f6glichkeit einer gesellschaftlichen Ordnung frei von Ausbeutung und Knechtung und erinnern gleichzeitig an die Unzul\u00e4nglichkeit der Umsetzung aufgrund der verfehlten Vollst\u00e4ndigkeit der Ver\u00e4nderungen. In den wilden Streiks der 1970er Jahre beispielsweise f\u00fchrte diese fehlende Umf\u00e4nglichkeit der Durchsetzung des Progressiven in einen allgemeinen vern\u00fcnftigen Zustand zum Erstarken der Reaktion auf Emanzipation in ihrer regressivsten Dimension.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcber die herrschende Regression<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl, bei der die AfD<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> \u00fcber 10 Prozent der Stimmen f\u00fcr sich gewinnen konnte, sondern auch die st\u00e4ndig herrschenden Gewalttaten gegen Gefl\u00fcchtete und die Ermordung von ausl\u00e4ndischen Personen widerlegen dieses Selbstverst\u00e4ndnis der BRD. F\u00fcr das Jahr 2019 wurden 22342 politisch motivierte Straftaten der rechten Szene vom Bundeskriminalamt gelistet.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> In Hanau wurden neun migrantische Personen von einem deutschen Faschisten get\u00f6tet. Der NSU ist immer noch nicht vollst\u00e4ndig aufgekl\u00e4rt und der Prozess wie die Verurteilung war in Anbetracht der Straftaten und Ermordungen durch die faschistischen Hauptt\u00e4ter und V-M\u00e4nner eine Zumutung und Respektlosigkeit f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der Opfer und f\u00fcr alle anderen \u00dcberlebenden.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zust\u00e4nde in Deutschland sind seit dem Scheitern der Installation eines antifaschistischen, sozialistischen Staats nach 1945 und der damit verbundenen gescheiterten Entnazifizierung der BRD in Bezug auf Rassismus und Gewalt gegen\u00fcber nichtdeutschen Personen \u00e4hnlich: Nichtdeutsche Personen in Deutschland sind in allen Bereichen tendenziell schlechter gestellt als ihre deutschen Mitmenschen, indem sie unter schlechteren Arbeitsbedingungen unattraktiven T\u00e4tigkeiten nachgehen und damit einhergehend ihre Lebensweise und -gestaltung stark eingeschr\u00e4nkt wird. Sie werden auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert, finden schwerer besser bezahlte Jobs und ihre Leistungen in Bildungsst\u00e4tten werden weniger honoriert als die ihrer deutschen Mitsch\u00fcler_innen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Geschichte der Zuwanderung nichtdeutscher Arbeitskr\u00e4fte in der BRD<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuwanderung ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte war nach dem Sieg \u00fcber das faschistische Deutschland notwendige Voraussetzung der kapitalistischen BRD, um die Produktion zu steigern, da es nach Kriegsende an Arbeitskr\u00e4ften mangelte. Es wurden Abkommen geschlossen, unter anderem mit dem t\u00fcrkischen und dem italienischen Staat und anderen, die eine Zuwanderung von Arbeitskr\u00e4ften nach Deutschland insbesondere f\u00fcr ihren Einsatz in der deutschen Bau-, Schwer-, Auto-, und Chemieindustrie erm\u00f6glichte. Es entstand das Ph\u00e4nomen der Gastarbeiter_innenschaft, die einen Aufenthalt auf Zeit vorsah, worauf schon die Bezeichnung selbst hinweist. Andere Bedingungen der Aufnahme der Arbeitskr\u00e4fte waren gesundheitliche Voruntersuchungen und andere sogenannte Vorsichtsma\u00dfnahmen des deutschen Staats, die zur Entmenschlichung der Arbeiter_innen beitrugen. Insbesondere der Anspruch ledig zu sein und damit leicht unterzubringen, f\u00fchrte diese Form der Arbeiterschaft an die Grenzen der Menschenw\u00fcrdigkeit. Zudem f\u00fchrten die Gastarbeiter_innen meist T\u00e4tigkeiten aus, die von deutschen Arbeitskr\u00e4ften nicht geleistet werden wollten: Dazu geh\u00f6rte die Flie\u00dfbandarbeit, die Arbeit in der Chemieindustrie und in den Stahlwerken, so wie andere schwere k\u00f6rperliche T\u00e4tigkeiten. Sie wurden schlechter bezahlt als ihre deutschen Kolleg_innen und durch ihre prek\u00e4re Lebensweise waren sie sowohl Arbeiter_innen als auch Menschen zweiter Klasse. Diese deutsche \u00dcberlegenheit best\u00e4rkte die rassistische Grundgesinnung der Deutschen und entlud sich in den unterschiedlichsten Formen von \u00dcbergriffen und Gewalt gegen\u00fcber nichtdeutschen Arbeiter_innen. Die deutsche Vormachtstellung sowohl am Arbeitsplatz als auch daraus folgend in der Ordnung der Gesellschaft f\u00fchrte zu einem neuen deutschen Selbstbild: die guten Deutschen, die ihren Reichtum und ihre Arbeit mit Nichtdeutschen teilen.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup> Die deutsche Selbstgef\u00e4lligkeit l\u00e4sst sich verst\u00e4rkt in der b\u00fcrgerlichen, besitzenden Klasse verorten, also diejenige Klasse, die die ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte einstellte und zur Produktion von Waren ben\u00f6tigte. Durch die \u00dcberzeugung von der eigenen \u00dcberlegenheit der Deutschen in Verbindung mit der tats\u00e4chlichen Vormachtstellung derselben entstanden absurde Anspr\u00fcche an die nichtdeutschen Arbeiter_innen. Sie waren gezwungen sich unterzuordnen, dankbar zu sein, obwohl sie weniger verdienten und ihre Entmenschlichung und Schlechterstellung in ihrer T\u00e4tigkeit hinzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den deutschen Teilen der proletarischen Klasse war die Einstellung der \u00dcberlegenheit durch die eigene Vormachtstellung zwar ebenso verbreitet, allerdings muss an dieser Stelle die Konkurrenzsituation erw\u00e4hnt werden, die im Umgang mit der starken Abneigung der Arbeiter_innen untereinander auch in den folgenden Beispielen eine wichtige Rolle gespielt hat. Durch die Beschaffung ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte geraten die deutschen Arbeitskr\u00e4fte unter Druck, da sie zun\u00e4chst einmal um ihren eigenen Arbeitsplatz f\u00fcrchten m\u00fcssen, wenn neue Arbeiter_innen den Arbeitsmarkt betreten. Diese Konkurrenz sorgt daf\u00fcr, dass die Angestellten durch die st\u00e4ndige Bef\u00fcrchtung, ersetzt zu werden, in dem prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnis bleiben und sich vereinzeln. Durch die ausl\u00e4ndischen Arbeiter_innen wird ein Niedriglohnsektor geschaffen, der die Lage aller durch die daraufhin m\u00f6gliche Bedrohung des Ersetztwerdens durch billigere Arbeitskr\u00e4fte verschlechtert. Insbesondere der deutsche Staat hat durch die europ\u00e4ische Vormachtstellung die M\u00f6glichkeit entweder \u00fcber Arbeitsmigration oder Outsourcing die Kosten der Produktion durch die niedrige Entlohnung zu senken. Die damit verbundene st\u00e4ndige Bedrohung der Arbeitslosigkeit schafft bei der lokalen Arbeiterschaft Existenz\u00e4ngste und erh\u00f6ht ihre Folgebereitschaft, was sich unter anderem an der vermehrten Milde und Kompromissbereitschaft deutscher Gewerkschaften ablesen l\u00e4sst. Es verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen der Deutschen ebenso wie die der ausl\u00e4ndischen Arbeiter_innen, auch wenn der Niedriglohnsektor zun\u00e4chst f\u00fcr nichtdeutsche Arbeitskr\u00e4fte eingerichtet worden ist. Diese Spannungen innerhalb der proletarischen Klasse und die Situation auf dem Arbeitsmarkt spitzten sich immer weiter zu und f\u00fchrten in den 70er Jahren zu einigen wilden Streiks der sogenannten Gastarbeiter_innen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Arbeitsk\u00e4mpfe der sog. Gastarbeiter_innen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im erfolgreichsten Streikjahr von 1973 streikten mindestens 275.000 Arbeiter_innen und Angestellte in rund 335 Betrieben spontan und unabh\u00e4ngig von den Gewerkschaften.<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup> Diese Form der wilden Streiks wurde gew\u00e4hlt, weil die Gastarbeiter_innen<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> von deutschen Gewerkschaften kaum repr\u00e4sentiert wurden, da die proletarische Klasse in vielen Betrieben tief gespalten war und die neuen Arbeiterkr\u00e4fte nicht als zur eigenen Klasse zugeh\u00f6rig wahrgenommen wurden. Einerseits verdienten die Gastarbeiter_innen faktisch weniger und entlasteten durch ihre Leistung &#8211; die \u00dcbernahme niederer T\u00e4tigkeiten &#8211; die deutschen Arbeiter_innen auf eine Art, dass diese kein Interesse haben konnten an diesen Zust\u00e4nden etwas zu ver\u00e4ndern, andererseits best\u00e4rkte die materielle &#8211; also tats\u00e4chliche &#8211; Schlechterstellung dieser migrantischen Arbeitskr\u00e4fte die rassistischen \u00dcberzeugungen der Deutschen, die auch nach der offiziellen Beendigung des faschistischen Regimes weiter vorherrschten. So ignorierte die IG Metall beispielsweise die Inklusion der Forderungen dieser Arbeiter_innen, weswegen diese sich dann f\u00fcr einen wilden Streik entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zwei bekanntesten Streiks waren der Streik im Sommer 1973 bei Pierburg und bei Ford in K\u00f6ln. Der Streik bei Pierburg fing damit an, dass griechische Arbeiterinnen Flugbl\u00e4tter in verschiedenen Sprachen im Betrieb verteilten, in denen sie \u00fcber die Zust\u00e4nde ihres Arbeitsverh\u00e4ltnisses aufkl\u00e4rten und zum Streik aufriefen. Sie wurden daraufhin von \u00f6ffentlicher Seite kriminalisiert und von den Arbeitgebern eingesch\u00fcchtert. Als die Polizei kam, um sie festzunehmen, wehrten sich die Frauen, die Polizei beleidigte die Arbeiterinnen rassistisch und setzte k\u00f6rperliche Gewalt ein, um die Frauen festzunehmen. Durch dieses rassistische und herablassende Verhalten der Polizei solidarisierten sich die deutschen Kolleginnen, nachdem sie von den betroffenen Frauen erfuhren, was geschehen war und streikten gemeinsam mit den nichtdeutschen Arbeiterinnen unter der Forderung \u201e1 Mark mehr!\u201c. Durch diesen Zusammenschluss zwangen sie durch die Niederlegung der Arbeit die Vorgesetzten zur Abschaffung der untersten Lohngruppe, die f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Arbeiterinnen eingerichtet worden war. Der Lohn wurde allgemein auf 65 Pfennig pro Stunde erh\u00f6ht.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Der Streik bei Ford verlief \u00e4hnlich, nur, dass sich dort die deutschen Arbeiter und die Gewerkschaften gegen die streikenden nichtdeutschen Arbeiter<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup> stellten. Ausl\u00f6ser des Streiks war die Entlassung 300 Arbeiter, die versp\u00e4tet aus dem Urlaub zur\u00fcckgekommen waren. Die haupts\u00e4chlich t\u00fcrkischen Gastarbeiter beschwerten sich \u00fcber diese Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit und solidarisierten sich mit den Entlassenen, da diese in der T\u00fcrkei lediglich ihre Familie und Freunde besucht hatten. Ein weiterer Faktor war die bereits erw\u00e4hnte Ignoranz der Forderungen der Gastarbeiter durch die eigene Gewerkschaft IG Metall. Als die durch die 300 Entlassungen entstandene Mehrarbeit von den \u00fcbrigen migrantischen Arbeitskr\u00e4ften \u00fcbernommen werden sollte, spitzte sich die Lage in K\u00f6ln zu: Es wurde sieben Tage lang vorwiegend von t\u00fcrkischen Arbeitern gestreikt, einige italienische und deutsche Arbeiter schlossen sich dem Streik an, in dem unter anderem eine Mark mehr Lohn, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Wiedereinstellung der Entlassenen gefordert wurde. Der Betriebsrat f\u00fchrte erfolglose Gespr\u00e4che mit der Betriebsleitung. Die Gewerkschaften spalteten die Belegschaft, indem sie sich auf die Seite der Forderung nach friedlicher Umsetzung der Vorsitzenden stellten. Das hatte zur Folge, dass die deutschen Arbeiter_innen mit den Gewerkschaften gegen den Streik der Gastarbeiter_innen demonstrierten. W\u00e4hrend dieser Demonstrationen forderte die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung Polizeikr\u00e4fte an, die den Streik gewaltsam beenden sollten. Eine Person, die als Streikf\u00fchrer ausgemacht wurde, wurde in die T\u00fcrkei ausgewiesen, weitere 100 Streikende wurden fristlos entlassen und 600 Gastarbeiter innen wurden zur K\u00fcndigung gezwungen. Der Betriebsrat unternahm nichts gegen dieses gewaltsame Vorgehen der Gesch\u00e4ftsleitung.<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\" id=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr die Notwendigkeit eines Linken Erinnerns<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeitsk\u00e4mpfe von 1973 belegen den Einfluss rassistischer \u00dcberzeugungen im Arbeitskampf und ihren Einsatz durch b\u00fcrgerlich-konservative Kr\u00e4fte zur Spaltung der proletarischen Klasse. Bis heute f\u00fchren \u00e4hnliche Herangehensweisen der Betriebsleitungen zur Vereinzelung der Arbeiter_innen und zur Subjektivierung des Leids. Dass sich ausgerechnet die Gastarbeiter_innen aus der T\u00fcrkei, aus Italien und aus Griechenland solidarisierten und zum Arbeitskampf vereinigten, lag an den Zust\u00e4nden der L\u00e4nder aus denen sie stammten, in denen revolution\u00e4re K\u00e4mpfe gegen das Kapital gef\u00fchrt wurden und starke gesellschaftliche Umbr\u00fcche zur Verbreitung des sozialistischen Wissens und Kampfes f\u00fchrten.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\" id=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup> Sie erinnerten sich an die eigene F\u00e4higkeit zur Erm\u00e4chtigung und wussten von der Umsetzung von Streik und Arbeitskampf. Linkes Erinnern muss dieses Wissen konservieren und weitertragen! Ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte arbeiten bis heute in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen, es bilden sich neue Formen derselben. Die Arbeitsmigration wird durch die politischen Entscheidungen und Handlungen der BRD aufrechterhalten. Auf diese Weise bleibt die rassistische Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise des deutschen Staates erhalten. Erinnernd an die progressiven Kr\u00e4fte und K\u00e4mpfe von 1973 besteht die Notwendigkeit des Antifaschismus und Antirassismus, der Vereinigung deutscher und nichtdeutscher Arbeiter_innen und der Solidarisierung mit \u201efremden\u201c K\u00e4mpfen entgegen der rassistischen Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise. Darin enthalten ist die Erkenntnis der eigenen potenziellen T\u00e4ter_innenschaft und die Erkenntnis \u00fcber die Entscheidungsf\u00e4higkeit \u00fcber dieses negative Potenzial hinaus zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kurze Anmerkung zur Identit\u00e4tspolitik und ihrer Kritik<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Haltung folgt die strikte Zur\u00fcckweisung des Bei\u00dfreflexes in Zusammenhang mit identit\u00e4tspolitischen Zusammenschl\u00fcssen. Die Geschichte der Arbeitsk\u00e4mpfe und anderen progressiven Entgegensetzungen nichtdeutscher Personen beweist die Dringlichkeit dieser K\u00e4mpfe in der Umsetzung des progressiven Allgemeinen, die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise und die darin enthaltene Ausbeutung und Knechtung von Arbeiter_innen, von weiblich gelesenen Subjekten und ausl\u00e4ndischen Personen im Besonderen. Die Vereinnahmung identit\u00e4tspolitischer Zusammenschl\u00fcsse durch die b\u00fcrgerliche Ideologie in Form von Repr\u00e4sentationspolitik gilt es weiterhin abzulehnen. Die urspr\u00fcngliche Notwendigkeit identit\u00e4rer Zusammenschl\u00fcsse nichtdeutscher Personen allerdings resultierte aus dem Ausschluss dieser Personen aus politisch progressiven Zusammenschl\u00fcssen, einerseits aufgrund von rassistischen Vorbehalten, andererseits aus eigenen deutschen Interessen der Erhaltung der Misere der betroffenen Nichtdeutschen. Dieses negative Potenzial, weiter oben als potenzielle T\u00e4ter_innenschaft bezeichnet, anzunehmen und zu \u00fcberwinden, bedeutet das Motiv identit\u00e4rer Politik nichtdeutscher Personen anzunehmen und in der Solidarisierung mit den K\u00e4mpfen und der Unterst\u00fctzung \u00fcber die Gruppengrenzen hinaus gemeinsam zu \u00fcberwinden. Die Unterstellung regressiver Absichten aufgrund einer solchen Organisationsweise verkennt das eigene negative Potenzial, befeuert die Vereinnahmung dieser progressiven Kr\u00e4fte durch die b\u00fcrgerliche Ideologie und seinen Vertretern und reproduziert auf die herablassenste Art die eigene deutsche Vormachtstellung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fazit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Kontinuit\u00e4t der Arbeitsk\u00e4mpfe in der Geschichte und aus ihr l\u00e4sst sich progressives Handeln ableiten. Das Erinnern an 1973 verhindert Stagnation und reaktion\u00e4re Anwandlungen in heutigen Entscheidungs- und Handlungsfragen. Es gibt positives Potenzial auch in der geschw\u00e4chten Position des Progressiven heute, man darf nur nicht m\u00fcde werden daran zu erinnern. Im Wissen der bisherigen K\u00e4mpfe liegt die Notwendigkeit zur Einigung deutscher und nichtdeutscher Arbeitskr\u00e4fte gegen die Verh\u00e4ltnisse unter denen die proletarische Klasse geknechtet und ausgebeutet wird. Die Verbreitung der Erinnerung an gelungene gemeinsame K\u00e4mpfe erm\u00f6glicht einen Zusammenschluss gegen die herrschende Regressivit\u00e4t in Form der kapitalistischen Produktionsweise und der darin enthaltenen hierarchischen Ordnung von Gesellschaft &#8211; ihren Rassismen und Sexismen.<\/p>\n\n\n\n<p>___________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Die AfD (Alternative f\u00fcr Deutschland) wird in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet. Aufgrund von personellen und ideologischen \u00dcberschneidungen zur nationalsozialistischen und neofaschistischen Szene Deutschlands kann die AfD als faschistische Partei bezeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Vgl.: Bericht: Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Jahr 2019. Bundesweite Fallzahlen. Ver\u00f6ffentlicht am 12.02.2020<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> Zum Weiterlesen: www.kein-schlussstrich.de\/hintergrund\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> Dieses deutsche G\u00f6nnertum besteht bis heute und erschien zuletzt am deutlichsten in der Frage der M\u00f6glichkeit europ\u00e4ischer Rettungsschirme f\u00fcr die durch die Finanzkrise am meisten gesch\u00e4digten europ\u00e4ischen L\u00e4nder des S\u00fcdens, insbesondere Griechenland und Italien. Unterschlagen wurde jedoch, aus welchem Grund ebendiese L\u00e4nder am meisten durch die Finanzkrise gelitten hatten und welches Handeln in diesem Zusammenhang eine solche Krise in erster Linie ausgel\u00f6st hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\" id=\"sdfootnote5sym\">5<\/a> Vgl.: Efsun K\u0131z\u0131lay: <em>Migration und Arbeitsk\u00e4mpfe: Ein Blick zur\u00fcck in die Zeit der \u00abGastarbeiter*innen\u00bb und ihre K\u00e4mpfe in der BRD der 1970er Jahre, 2020, <\/em>online unter: www.rosalux.de<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\" id=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Im Folgenden wird die Bezeichnung kritisch \u00fcbernommen, um die Einordnung des Ph\u00e4nomens zu vereinfachen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\" id=\"sdfootnote7sym\">7<\/a> Vgl.: Efsun K\u0131z\u0131lay: <em>Migration und Arbeitsk\u00e4mpfe: Ein Blick zur\u00fcck in die Zeit der \u00abGastarbeiter*innen\u00bb und ihre K\u00e4mpfe in der BRD der 1970er Jahre, 2020, <\/em>online unter: www.rosalux.de<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\" id=\"sdfootnote8sym\">8<\/a> Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten haupts\u00e4chlich M\u00e4nner bei dem Autokonzern.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\" id=\"sdfootnote9sym\">9<\/a> Vgl.: Efsun K\u0131z\u0131lay: <em>Migration und Arbeitsk\u00e4mpfe: Ein Blick zur\u00fcck in die Zeit der \u00abGastarbeiter*innen\u00bb und ihre K\u00e4mpfe in der BRD der 1970er Jahre, 2020, <\/em>online unter: www.rosalux.de<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\" id=\"sdfootnote10sym\">10<\/a> Vgl. Ebd.: <em>\u201eViele dieser Arbeiter*innen hatten ein starkes politisches Bewusstsein. Meist stammten sie aus L\u00e4ndern, die zu jener Zeit einschneidende politische Umbr\u00fcche erlebten. In Griechenland, Portugal und Spanien bestanden bis Mitte der 1970er Jahre Diktaturen, in der T\u00fcrkei gab es in den 1970er Jahren eine starke Organisierung von Arbeiter*innen und zahlreiche Streiks, auch aus dem sozialistischen Jugoslawien waren Arbeiter*innen nach Deutschland gekommen.[5] Arbeiter*innen aus Griechenland organisierten von Deutschland aus den Widerstand gegen die Milit\u00e4rjunta und Arbeiter*innen aus der T\u00fcrkei, wo Gewerkschaften unter staatlicher Repression litten, gr\u00fcndeten Vereine in Deutschland. Aus Italien, wo die Kommunistische Partei als zweitst\u00e4rkste Partei im Parlament vertreten war, brachten Arbeiter*innen betr\u00e4chtliche Streikerfahrungen mit nach Deutschland. So versuchten migrantische Arbeiter*innen, die Erfahrungen aus ihren Herkunftsl\u00e4ndern \u00fcber gewerkschaftliche T\u00e4tigkeit in Arbeitsk\u00e4mpfe zu kanalisieren.[6]\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von G\u00fcnseli Yilmaz | Um der Scheinheiligkeit der deutschen, b\u00fcrgerlichen Erinnerungskultur entgegenzutreten, wird in diesem Beitrag die Wichtigkeit der wilden Streiks der 1970er Jahre f\u00fcr unser k\u00e4mpferisches Ged\u00e4chtnis betont.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-830","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/830","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=830"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/830\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":835,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/830\/revisions\/835"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=830"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=830"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=830"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}