{"id":812,"date":"2022-02-11T15:44:15","date_gmt":"2022-02-11T14:44:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=812"},"modified":"2022-02-11T15:44:18","modified_gmt":"2022-02-11T14:44:18","slug":"entwaffnende-ehrlichkeit-huch93","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/02\/entwaffnende-ehrlichkeit-huch93\/","title":{"rendered":"Entwaffnende Ehrlichkeit \u2013 HUch#93"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Karla Hecks |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Roman Aydin kontrastiert die angebliche Erfolgsgeschichte des deutsch-t\u00fcrkischen Anwerbeabkommens mit der biografischen Wirklichkeit eines Gastarbeiters und ist dabei auch f\u00fcr die heutige Zeit hochrelevant.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2-690x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-819\" width=\"456\" height=\"676\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2-690x1024.png 690w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2-202x300.png 202w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2-16x24.png 16w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2-24x36.png 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2-32x48.png 32w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/karla-2.png 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 456px) 100vw, 456px\" \/><figcaption><em>Bild: HUch-Redaktion<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Am 30. Oktober 1961, vor mittlerweile 60 Jahren, wurde das deutsch-t\u00fcrkische Anwerbeabkommen vom Ausw\u00e4rtigen Amt in der t\u00fcrkischen Botschaft in Bonn unterzeichnet. Die Folgen dieses Vertrags pr\u00e4gen unsere Gesellschaft bis heute. Von der deutschen und t\u00fcrkischen Regierung wird das Abkommen als Erfolgsgeschichte inszeniert, denn es war ein gutes Gesch\u00e4ft f\u00fcr beide Parteien. Doch aus Sicht der arbeitenden Menschen, die mit ihren K\u00f6rpern f\u00fcr diesen wirtschaftlichen Erfolg bezahlt haben, ergibt sich ein anderes Bild.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Bayraktars im Oktober 2021 erschienener Roman <em>Aydin \u2013 Erinnerung an ein verweigertes Leben<\/em> (Unrast Verlag) zeichnet literarisch die Biografie eines solchen Menschen, n\u00e4mlich von Aydin oder, wie er in seiner Heimat bekannt war, Celal. Dass der Protagonist zwei Namen tr\u00e4gt, steht symbolisch f\u00fcr die Zerrissenheit seines Lebens, die aus dem Zwiespalt zwischen zwei Kulturen erw\u00e4chst. Mit 16 Jahren verl\u00e4sst der Jugendliche das Dorf in den Bergen der T\u00fcrkei, um mit seinem Vater und seinem Bruder in Deutschland Arbeit zu finden. Den Namen Celal tr\u00e4gt er als Erinnerung an seinen gleichnamigen Onkel, der starb, als Aydin noch ein Kind war. \u00bbMir schien, dass der Name Aydin eine Chiffre f\u00fcr ein Familiengeheimnis war, wonach ich besser niemals fragen sollte. Also fragte ich nie danach und ich hatte auch nie weiter dar\u00fcber nachgedacht \u2013 bis heute. Wer ist Aydin?\u00ab<br>Als er nach Deutschland kommt, tr\u00e4gt er den Namen, der in seinem Pass steht. Dort hei\u00dft er Aydin und f\u00fcr Aydin gelten andere Regeln. Zun\u00e4chst wirkt das Leben in Deutschland wie eine Befreiung von den Traditionen und der Enge des Dorfes. Doch schildert der Roman mit messerscharfen Formulierungen auch die Kehrseite dieser Befreiung. Deutschland war nicht an Aydin interessiert, sondern an seiner Arbeitskraft und seinem K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lebt zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder zusammengepfercht auf kleinem Raum, ohne Privatsph\u00e4re. Das Leben ist getaktet durch die Schichtarbeit in der Fabrik. Kurz nach Aydins Vollj\u00e4hrigkeit kehrt sein Vater zur\u00fcck in die T\u00fcrkei. Ein zweites Mal verl\u00e4sst er seinen Sohn. Der Roman erz\u00e4hlt auf individueller Ebene, was auf gesellschaftlicher geschehen ist und wei\u00df beides zu verkn\u00fcpfen. Ganze Familien wurden durch das Anwerbeabkommen zerrissen und mussten dies durch \u00f6konomische Zw\u00e4nge in Kauf nehmen. Er macht durch die sinnlichen Eindr\u00fccke der Lebensrealit\u00e4t sogenannter \u203aGastarbeiter\u2039 deutlich, wie die Profitlogik des Kapitals Unmenschlichkeit billigend und bewusst in Kauf nimmt. Die sinnliche Erfahrbarkeit, die Bayraktars gelungene literarische Schilderung m\u00f6glich macht, ist nicht durch kalte Fakten ersetzbar und genau das macht sie so m\u00e4chtig und wirkungsvoll. Man hat das Gef\u00fchl, als Leser_in die Wut und Ohnmacht von Aydin mitzuerleben und in den nahezu analytischen Passagen werden die gesellschaftlichen Gr\u00fcnde daf\u00fcr aufgezeigt. All diesen Menschen, die bei der vermeintlichen Erfolgsgeschichte des Anwerbeabkommens unter die R\u00e4der gekommen sind, gibt das Buch eine Stimme. Er gibt ihnen Selbstbewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es sich bei <em>Aydin<\/em> um einen Roman handelt, der sich durch eine eigene und handwerklich gelungene Komposition auszeichnet, ist der reale Gehalt unverkennbar. Es handelt sich in gewisser Weise um eine authentische Fiktion. Das macht der Autor durch den Ich-Erz\u00e4hler deutlich, der die Perspektive des Neffen von Aydin einnimmt. Die intimen Einblicke in die Gedankenwelt eines trauernden Angeh\u00f6rigen, der mit der kalten Wut \u00fcber die Ungerechtigkeit k\u00e4mpft, die seinem Onkel widerfahren ist, geben der Migrationsgeschichte der \u203aGastarbeiter\u2039 ein reales Gesicht. Diese Wut ist wie ein Motor seines Schreibens: \u00bbDie Wut, und nur die Wut, liefert mir ein Alphabet, eine Sprache, um das hier zu schreiben.\u00ab Der Ich-Erz\u00e4hler ist im Gegensatz zu seinem Onkel, der nie wirklich Bildung erhalten hat, f\u00e4hig, die gesellschaftlichen Strukturen zu erkennen, die Aydin zu einem Au\u00dfenseiter, zu einem nicht mehr Verwertbaren gemacht haben, bis er im Geburtsjahr des Erz\u00e4hlers abgeschoben wurde, n\u00e4mlich 1990\/91. \u00bbW\u00e4hrend in der neuen Hauptstadt die Mauer fiel und einige Bruchst\u00fccke als Souvenir eines Triumphs bewahrt wurden, um die Besiegten zu verspotten, sah Aydin blo\u00df die hohen Gef\u00e4ngnismauern, die einem Ausschnitt von der Sperranlage um den Gazastreifen glichen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Durch zeitgeschichtliche Einsch\u00fcbe und gesellschaftlichen Kontext hebt er die individuelle Geschichte fortw\u00e4hrend auf eine allgemeine Ebene und l\u00e4sst sie im n\u00e4chsten Moment wieder ins Besondere von Aydins Leben fallen. Mensch und Gesellschaft sind miteinander verwoben. Darum ist der Roman <em>Aydin<\/em> f\u00fcr jeden, der heute in Deutschland lebt oder etwas \u00fcber seine j\u00fcngste Geschichte verstehen will, ob migrantisch, post-migrantisch oder nicht-migrantisch, ein absolutes Muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mesut Bayraktar: <\/strong><em><strong>Aydin &#8211; Erinnerung an ein verweigertes Leben.<\/strong><\/em><strong> Unrast Verlag, 148 S., Softcover, 14,- \u20ac, Oktober 2021.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Karla Hecks | Der Roman Aydin kontrastiert die angebliche Erfolgsgeschichte des deutsch-t\u00fcrkischen Anwerbeabkommens mit der biografischen Wirklichkeit eines Gastarbeiters und ist dabei auch f\u00fcr die heutige Zeit hochrelevant.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-812","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/812","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=812"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/812\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":821,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/812\/revisions\/821"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=812"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=812"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=812"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}