{"id":792,"date":"2022-01-19T14:40:09","date_gmt":"2022-01-19T13:40:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=792"},"modified":"2023-05-01T04:04:44","modified_gmt":"2023-05-01T02:04:44","slug":"die-hoelle-in-der-wir-leben-huch93","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/01\/die-hoelle-in-der-wir-leben-huch93\/","title":{"rendered":"Die H\u00f6lle, in der wir leben &#8211; HUch#93"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Tea Medar Collot | <\/p>\n\n\n\n<p><em>Die\nErfolgsserie Squid Game will eine Allegorie auf den modernen\nKapitalismus sein. Doch das gelingt ihr nur bedingt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/tea.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-793\" width=\"448\" height=\"574\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/tea.png 569w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/tea-234x300.png 234w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/tea-19x24.png 19w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/tea-28x36.png 28w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/tea-37x48.png 37w\" sizes=\"auto, (max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><figcaption>Bild: HUch-Redaktion<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Serie <em>Squid Game<\/em> ist die neue Netflix-Sensation. In den ersten vier Wochen nach Serienstart hat sie sich mit 111 Millionen Klicks den Platz als meistgestreamte Serie des Milliardenkonzerns gesichert. Dabei hat sich das s\u00fcdkoreanische Horror-Drama zu einem noch nie dagewesenen Internetph\u00e4nomen entwickelt \u2013 auf s\u00e4mtlichen Social-Media-Plattformen gab es wochenlang praktisch kein Entkommen vor ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nHandlung ist simpel: 456 Teilnehmer_innen, die aufgrund prek\u00e4rer\nLebenssituationen und massiver Verschuldung f\u00fcr ihre Teilnahme an\ndem geheimen Turnier ausgew\u00e4hlt wurden, m\u00fcssen in sechs Spielen\ngegeneinander antreten. Dabei hat prinzipiell jede_r die M\u00f6glichkeit,\n45,6 Milliarden Won (etwa 33 Millionen Euro) Preisgeld zu gewinnen.\nWas die Teilnehmer_innen jedoch erst im Verlauf der Spiele\nmitbekommen: Wer eine Spielrunde verliert oder sich disqualifiziert,\nwird auf der Stelle hingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neigener Aussage wollte der Regisseur Hwang Dong-hyuk \u00bbeine Allegorie\nauf den modernen Kapitalismus schreiben\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>.\nDie Bez\u00fcge sind, wenn auch stark bem\u00fcht, dennoch sehr\noffensichtlich: Wir begleiten unseren Protagonisten Seong Gi-Hun und\nerfahren im weiteren Verlauf der Serie, dass dieser vor einigen\nJahren als Fabrikarbeiter bei einem Automobilhersteller angestellt\nwar. In einem kurzen Dialog wird thematisiert, wie zahllose\nArbeiter_innen, darunter auch Gi-Hun, mit Streik und der Besetzung\neines Fabrikgeb\u00e4udes auf eine Entlassungswelle reagierten. Die Serie\nbezieht sich hier auf die realen Streiks, welche sich 2009 beim\ns\u00fcdkoreanischen Automobilhersteller SsangYong ereigneten. Als\nReaktion auf ihre Entlassungen besetzten mehrere tausend entlassene\nArbeiter_innen \u00fcber Monate ein SsangYong-Fabrikgeb\u00e4ude und\nforderten ihre Stellen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Stark bem\u00fcht sind diese Bez\u00fcge, weil die Serie auf eine sehr mechanische Art und Weise nicht m\u00fcde wird zu betonen, wie kritisch sie doch sei. Immer wieder werden anekdotische Verweise auf die Klassenzugeh\u00f6rigkeit der Teilnehmer_innen und ihre finanziellen Probleme eingestreut. Hieran schlie\u00dft sich allerdings ein Problem an, dass bei der Rezeption von <em>Squid Game<\/em>, gerade seitens linker Stimmen, h\u00e4ufig aufgetreten ist: In heilloser Begeisterung wird eine Netflix-Serie schnell f\u00fcr all das gelobt, was man so gerne in ihr sehen m\u00f6chte \u2013 oder was man, sich selbst als kapitalismuskritisch verstehende Linke, gerne in sie hineininterpretiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stimmt es zwar, dass die Anspielungen auf die s\u00fcdkoreanische Streikgeschichte hier bewusst gew\u00e4hlt wurden, um uns die tragischen Folgen des Kapitalismus durch die Teilnehmenden und ihre Schicksale nahezubringen. Gleichzeitig mischt sich aber diese halbgar umgesetzte Ambition mit ebenjenen plumpen, effekthascherischen Mitteln, die wir von einem profitorientierten Streamingunternehmen wie Netflix schon seit Jahren kennen. Denn es ist kein Zufall, dass diese Serie so erfolgreich geworden ist. Und ihre pseudo-kritische Note, die uns Zuschauer_innen eine besonders tiefgr\u00fcndige Message vorgaukelt, verhilft ihr genau dorthin.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei zutreffende Beobachtungen macht <em>Squid Game<\/em> tats\u00e4chlich: In der zweiten Episode kommt es zu einer Szene, in der die Spieler_innen vor die Wahl gestellt werden, ob sie denn weiter an den t\u00f6dlichen Spielen teilnehmen m\u00f6chten. Die Spielregeln besagen, dass das Turnier jederzeit abgebrochen werden kann, wenn eine Mehrheit der Teilnehmer_innen sich in einer Abstimmung dagegen entscheidet, weiter zu partizipieren. Als diese Situation dann eintritt, kehren alle Teilnehmenden in ihr altes, prek\u00e4res Leben zur\u00fcck \u2013 nur um sich, von ihrer eigenen Perspektivlosigkeit getrieben, dann doch wieder f\u00fcr die Teilnahme am blutr\u00fcnstigen Spiel zu entscheiden und sich damit ihrer allerletzten, traurigen Hoffnung hinzugeben, als Gewinner_in vielleicht die 46 Milliarden Won mit nach Hause zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im weiteren Verlauf der Serie wird zudem immer wieder betont, dass alle Teilnehmenden die gleichen Chancen auf den gro\u00dfen Hauptgewinn bes\u00e4\u00dfen und im Wettbewerb von Grund auf gleich und ebenb\u00fcrtig behandelt w\u00fcrden, um absolute Fairness zu garantieren \u2013 eine Fairness, die so nat\u00fcrlich nie gegeben ist. Ob nun gewollt oder nicht, in dieser Darstellung entzaubert <em>Squid Game<\/em> zwei gro\u00dfe liberale L\u00fcgen: sowohl die Illusion von Freiheit und &#8222;freier Wahl&#8220; im Kapitalismus als auch eine Gleichheitsideologie, welche \u00f6konomische und materielle Unterschiede der sozialen Herkunft verschleiert, um ein imagin\u00e4res Prinzip von Fairness und Wettbewerbsgleichheit hochzuhalten. Leider sind diese wertvollen Observationen der Serie zugleich diejenigen, die am unbeabsichtigten wirken und zwischen Effekthascherei und affektiv-r\u00fchrseligem Kitsch beinahe komplett untergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\ngesamte Aufmachung von <em>Squid\nGame<\/em> wirkt, als h\u00e4tte man\neinen Algorithmus mit der f\u00fcr das Actiongenre \u00fcblich \u00fcberladenen,\ngrell-bunt-brutalen Netflix-\u00c4sthetik (siehe z.B. die Erfolgsserie\n<em>Haus des Geldes<\/em>),\nvorhersehbaren Spielverl\u00e4ufen und billigen Schockmomenten gef\u00fcttert,\num am Ende ein m\u00f6glichst erfolgversprechendes Endprodukt zu\ngenerieren. Dabei bleiben die bereits dargelegten Ans\u00e4tze von Kritik\nnur noch unter der Lupe erkennbar. Hier reichen sich die\nkulturindustriell ausgefeilte Form der Serie und ihr verk\u00fcrzter\nInhalt liebevoll die Hand: Die kleine Prise mehrheitsf\u00e4higer\nGesellschaftskritik leistet nicht sehr viel mehr als etwas\nwillkommene W\u00fcrze, um auf dem hart umk\u00e4mpften Streamingmarkt\nhervorzustechen. Denn es ist mehr als fragw\u00fcrdig, ob die zahllosen\nzerschossenen K\u00f6rper und Blutlachen zwingend notwendig gewesen\nw\u00e4ren, um uns die grausame Natur des Kapitalismus vor Augen zu\nf\u00fchren. Alles, was diese brutalen Bilder von ihrem Publikum wollen,\nist, uns m\u00f6glichst lange vor den Bildschirm zu fesseln und uns\ngerade verst\u00f6rt genug zur\u00fcckzulassen, um direkt die n\u00e4chste Folge\nzu streamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Moralinsauer st\u00f6\u00dft vor allem die letzte Episode auf: Nachdem Gi-Hun das Turnier gewonnen hat, wird die Handlung n\u00e4mlich von Oh Il-nam \u2013 dem eigentlichen Orchestrator der Spiele \u2013 in ihren eigentlichen Rahmen eingebettet, der sowohl Intention als auch Konklusion der Spiele enth\u00fcllen soll. Dies geschieht in Form einer aufgeblasenen Moralpredigt, die s\u00e4mtliche mehr oder minder kritischen Bem\u00fchungen der Serie bis hierhin  zunichtemacht. In einem letzten Gespr\u00e4ch fragt Oh Il-nam Gi-Hun: \u00bbGlaubst du immer noch an die Menschen? Selbst nach dem, was du erlebt hast?\u00ab Dabei bricht die Serie ihre gesamte Systemkritik auf eine einfache Glaubensformel herunter und l\u00e4sst das Publikum letztendlich bei der Annahme stehen, dass Menschen nun einmal grundlegend schlecht seien. Das ist weder eine Analyse von, noch eine Kritik an der H\u00f6lle, in der wir leben, sondern lediglich stumpfe, b\u00fcrgerliche Emp\u00f6rung. Da verwundert es wenig, dass Regisseur Hwang Dong-hyuk von seiner Serie selbst behauptet, sie handele vom \u00bbextremen Wettbewerb des Lebens\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> \u2013 und somit genauso, ob bewusst oder nicht, das erniedrigende Leben im Kapitalismus als Normalzustand naturalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es auch anders geht, zeigt uns z.B. der Spielfilm <em>Parasite<\/em> (2019): W\u00e4hrend dessen Regisseur Bong Joon-ho es schafft, uns die zerm\u00fcrbende Lebensrealit\u00e4t s\u00fcdkoreanischer Arbeiter_innen und den vorherrschenden Klassenantagonismus auf Leinwand zu spiegeln, bleibt Hwang Dong-hyuk bei nicht sehr viel mehr als blutroten Signalfarben, grausamen Kinderspielen und plumpen narrativen Mitteln stecken. <em>Squid Game<\/em> \u00fcbertreibt, \u00fcbersteuert und verzerrt, um seine Zuschauer_innen durch den Affekt zum Binge-Watching zu bewegen. Entgegen vieler Stimmen \u2013 und auch entgegen der Intention des Regisseurs selbst \u2013 findet sich in der Serie kein kapitalismuskritischer Kern, sondern nur eine oberfl\u00e4chliche, ausgeh\u00f6hlte Schale von Kritik: eine Fassade, die auf das altbew\u00e4hrte Netflix-Erfolgsger\u00fcst draufgeschraubt wurde. Nicht umsonst bewerben jetzt auch die Sparkasse K\u00f6ln-Bonn und Internet-Finanzratgeber auf Social-Media-Plattformen ihre Banken und Unternehmen in Memes mit den eing\u00e4ngigen roten Anz\u00fcgen. <em>Squid Game<\/em> ist keine Allegorie auf den Kapitalismus, sondern in letzter Konsequenz vor allem eine sehr gut gelungene Marketing-Strategie. Wahrscheinlich die beste, die der Milliardenkonzern bis jetzt gefahren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>____________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Hwang Dong-hyuk, zitiert nach David Pfeifer: \u00bbSechs Z\u00e4hne verloren und ein Meisterwerk geschaffen\u00ab, in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, 12.10.2021, online unter: www.sueddeutsche.de.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Ebd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Tea Medar Collot | Die Erfolgsserie Squid Game will eine Allegorie auf den modernen Kapitalismus sein. 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