{"id":761,"date":"2021-12-19T14:02:55","date_gmt":"2021-12-19T13:02:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=761"},"modified":"2021-12-19T14:02:58","modified_gmt":"2021-12-19T13:02:58","slug":"von-affen-hummern-und-incels-huch92","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/12\/von-affen-hummern-und-incels-huch92\/","title":{"rendered":"Von Affen, Hummern und Incels &#8211; HUch#92"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Kofi Shakur |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Internet hat R\u00e4ume erm\u00f6glicht, in denen Maskulinisten Phantasien und Bilder patriarchaler Gewalt austauschen. Sie legitimieren ihre Weltanschauung, indem sie sich mit Tieren vergleichen und f\u00fcrchten nichts mehr als den Verlust m\u00e4nnlicher Privilegien.  <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-687x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-766\" width=\"465\" height=\"692\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-687x1024.jpg 687w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-1030x1536.jpg 1030w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-16x24.jpg 16w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-24x36.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/01-13-32x48.jpg 32w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><figcaption>Bild: Loup Deflandre<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>2020\nerschienen die ersten B\u00fccher, die sich im deutschen Kontext mit dem\nbisher vor allem aus der Internetkultur bekannten Ph\u00e4nomen der\nIncels<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>\nbesch\u00e4ftigen.<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>\nSo\nbetrachtet die Journalistin Susanne Kaiser in ihrem Buch <em>Politische\nM\u00e4nnlichkeit: Wie Incels, Fundamentalisten und Autorit\u00e4re f\u00fcr das\nPatriarchat mobilmachen<\/em>\ndie Bewegung der Incels und bettet sie ein in das Konzept der\npolitischen M\u00e4nnlichkeit. Sie\nbilden\nbei ihr einen Ausschnitt aus einer breiteren Masse an\nmaskulinistischen und patriarchalen Str\u00f6mungen, die sie in ihrer\nm\u00e4nnlichkeitskritischen Analyse in Zusammenhang mit m\u00e4nnlicher\nautorit\u00e4rer Herrschaft bringt, wie sie prominent durch Donald Trump\nund Jair Bolsonaro verk\u00f6rpert wird. Veronika Kracher hingegen widmet\nsich in ihrem Buch <em>Incels<\/em>\nmit dem passenden Untertitel <em>Geschichte,\nSprache und Ideologie eines Online-Kults<\/em>\nvoll und ganz den <em>Incels\n<\/em>und\nrei\u00dft makropolitische Analysen nur an. Um sich mit den Begriffen,\ndie in den R\u00e4umen der <em>Incels<\/em>\ngel\u00e4ufig sind, vertraut zu machen, finden Lesende in Krachers Buch\nein Glossar, das die g\u00e4ngigsten Konzepte und Begriffe verst\u00e4ndlich\nerkl\u00e4rt. Beide B\u00fccher erg\u00e4nzend sich perfekt, um sowohl das\nPh\u00e4nomen der <em>Incels<\/em>\nausf\u00fchrlich zu analysieren als es auch in einen globalen\nZusammenhang unterdr\u00fcckender m\u00e4nnlicher Herrschaft einzubetten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kracher\nund Kaiser erkl\u00e4ren dabei zun\u00e4chst den Weg, den der Begriff und die\n<em>Incel-Community<\/em>\nhinter sich haben. Denn entgegen der heute offen zur Schau gestellten\nFrauen- und Menschenfeindlichkeit,\nstand am Anfang \u00bbdie Idee einer inklusiven Community f\u00fcr Menschen,\ndie aufgrund von sozialen Phobien, Marginalisierung oder\npsychologischen Problemen keinen Sex hatten und mit ihrer Situation\nunzufrieden waren\u00ab<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a>.\nDas Internet-Forum <em>Alana\u2019s\nInvoluntary Celibacy Project<\/em>\nwurde 1997 von einer queeren Studentin gegr\u00fcndet, die, nachdem sie\neine Partnerin gefunden hatte, anderen helfen wollte, ihre\nUnsicherheiten zu \u00fcberwinden. Sie wollte vermitteln, dass die\nEinsamkeit nur vor\u00fcbergehend sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nandere Foren legten Wert auf einen hilfsbereiten Umgang miteinander\nund warnten davor, sich allzu negativen Gef\u00fchlen hinzugeben, die\nSchuld an der empfundenen Einsamkeit auf sich oder andere zu\nschieben. \u00bbWenn sexuell frustrierte M\u00e4nner \u00fcber ihre sexuelle\nFrustration sprechen, ist Misogynie jedoch nie weit\u00ab, so Kracher.\n\u00bbEs ist Teil einer patriarchalen Sozialisation, vermittelt zu\nbekommen, man h\u00e4tte ein irgendwie geartetes Recht auf weibliche\nAufmerksamkeit\u00ab<a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>So suchen <em>Incels<\/em> seit Anfang der 2000er Jahre die Schuld f\u00fcr ihre Lage vor allem bei Frauen, die sich weigern w\u00fcrden, ihnen die verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Entwicklung steht auch zunehmend unter Einfluss rechter Blogger_innen und dem Publikum immer rechter werdender Imageboards wie 4Chan.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rote Pille<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An\ndiesem Punkt kommt die Ideologie der <em>Incels<\/em>\nins Spiel, die auf der sogenannten <em>Blackpill\n<\/em>aufbaut,\nwelche wiederum mit der sogenannten <em>Redpill<\/em>\nzusammenh\u00e4ngt. Begriffe wie diese machen das Ph\u00e4nomen der <em>Incels<\/em>\nf\u00fcr Au\u00dfenstehende schwer zu verstehen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kracher beschreibt die <em>Redpill <\/em>als eine auf \u00bbAntifeminismus, Antisemitismus, Antikommunismus und Rassismus basierende Verschw\u00f6rungsideologie, welche besagt, dass wir nicht im warenproduzierenden Patriarchat, sondern in einer \u203aFemokratie\u2039 leben w\u00fcrden, in der heterosexuelle M\u00e4nner permanent von Frauen unterdr\u00fcckt w\u00fcrden. Nur das Schlucken der (metaphorischen) roten Pille l\u00e4sst einen diese Wahrheit erkennen und den Kampf gegen Feminismus und kulturellen Marxismus aufnehmen\u00ab<a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a>. Diese <em>Redpill-Verschw\u00f6rungsideologie<\/em> ist wiederum oft mit der rassistischen und antisemitischen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung des \u00bbGro\u00dfen Austauschs\u00ab oder der \u00bbUmvolkung\u00ab verbunden: Der sogenannte Westen, der als aufgekl\u00e4rt und \u00fcberlegen stilisiert wird, soll darin von einem als bedrohlich konstruierten Anderen \u00fcberrannt werden. Dieses bedrohliche Andere wird dabei wiederum meist muslimischen Menschen, aber auch oft einer imaginierten j\u00fcdischen Elite zugeschrieben, die zum Beispiel die Ausl\u00f6schung Deutschlands planen w\u00fcrde<a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p>So werden rassistische und antisemitische Ideologien oft mit Sexismus und Misogynie vermischt. Die konstruierte Erz\u00e4hlung lautet dabei wie folgt: Durch den Feminismus und die damit einhergehende Verweichlichung deutscher M\u00e4nner, die der migrantisierten Konkurrenz nicht gewachsen seien, k\u00f6nne man(n) sich nur wehren, \u00bbindem man die \u203aRote Pille\u2039 schluckt, dem Feminismus den Kampf ansagt und seine urspr\u00fcngliche, harte M\u00e4nnlichkeit wiederentdeckt\u00ab<a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a>. Dies versuchen allerhand Gruppen wie Pick-Up-Artists oder <em>Men going their own way<\/em> aktiv zu praktizieren. W\u00e4hrend erstere Frauen objektifizieren, wollen sich letztere so umfassend wie m\u00f6glich von Frauen isolieren, da sie sich in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis w\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Schwarze Pille<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Incels\njedoch gehen oft noch einen Schritt weiter, denn sie haben es\naufgegeben, sich in diesem imaginierten Kampf\nbehaupten zu wollen. Sie halten ihren Zustand schlicht f\u00fcr\nunwiderruflich. An diesem Punkt wird die <em>Redpill<\/em>\nzur <em>Blackpill<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u00bbSich\nselbst nennen sie entlehnt aus der Evolutionslehre \u203aBeta-Males\u2039,\ndie ganz pessimistischen auch \u203aDeltas\u2039 oder \u203aEpsilons\u2039, in\nAbgrenzung zum \u203aAlphamann\u2039. \u203aAlpha\u2039 meint meist das m\u00e4nnliche\nIdeal, einen Mann mit bestem genetischen Material, der bei den Frauen\nErfolg hat. Alphas werden auch als \u203aChads\u2039 bezeichnet. In der\nIncel-Theorie ist der typische Chad ein klischiertes Abbild von einem\nMann\u00ab<a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nweibliche \u00c4quivalent des Chad in dieser Verschw\u00f6rungstheorie ist\n\u00bbStacy\u00ab, eine ebenso durch Klischees definierte, meistens blonde\nFrau. Das Problem im Ideologiegebilde der Incels: \u00bbObwohl Chads nur\n20 Prozent der M\u00e4nner ausmachen, haben sie die sexuelle Verf\u00fcgung\n\u00fcber ausnahmslos <em>alle<\/em>\nFrauen\u00ab<a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\ndie <em>Incels\n<\/em>sich\nselbst am untersten Ende ihrer Attraktivit\u00e4tsskala verorten und\ndiese in ihrer Vorstellung f\u00fcr sie genetisch bedingt ist, gibt es\nf\u00fcr sie in der Regel keinen Ausstieg. Einige versuchen zwar, durch\nSelbstoptimierung, etwa sogenanntes \u00bbLooksmaxxing\u00ab oder\n\u00bbMoneymaxxing\u00ab, etwas an ihrer konstruierten Situation zu \u00e4ndern,\nwerden jedoch in den Foren immer wieder darauf hingewiesen, dass sie\nihre vermeintlich genetisch ausweglose Lage nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen.\nManche versuchen, durch Seminare von Pick-Up-Artists an das\nvermeintliche Geheimnis von sexuellem Erfolg zu gelangen, scheitern\njedoch auch mit deren sexistischen Anleitungen<a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a>.\nDaraus folgt schlie\u00dflich noch mehr Hass auf Frauen, die einem die\n\u00bbrechtm\u00e4\u00dfige\u00ab Aufmerksamkeit verweigern w\u00fcrden und ein noch\ngr\u00f6\u00dferer Minderwertigkeitskomplex gegen\u00fcber den sog. Chads, die\nihnen die Frauen \u00bbwegnehmen\u00ab w\u00fcrden. Als letzter realistischer\nAusweg bleibt somit das \u00bb\u203aBeta\nMale Uprising\u2039, das in der Vorstellung der unfreiwillig\nEnthaltsamen zu einem neuen Gesellschaftssystem f\u00fchrt, in dem sie\nherrschen und neue Regeln f\u00fcr den Beziehungsmarkt pr\u00e4gen k\u00f6nnen\u00ab<a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a>.\nDer Begriff \u00bbgovernment assigned girlfriend\u00ab beschreibt dabei die\nVorstellung der <em>Incels<\/em>,\ndass nach ihrem Aufstand jeder im Sinne einer \u00bbgerechten Verteilung\u00ab\neine Partnerin zugewiesen bekommt. Einige fantasieren\nauch offen von Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch<a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange\nhandelte sich bei <em>Incels\n<\/em>in\nder \u00f6ffentlichen Wahrnehmung um ein skurriles Internet-Ph\u00e4nomen.\nDabei ist ihre Ideologie keine Ausnahme, sondern das Extrem der\nnormalisierten hegemonialen M\u00e4nnlichkeit. \u00bbSie sind als Spitze\neiner Gesellschaft zu begreifen, in der die Abwertung, Erniedrigung,\nAusbeutung und Zerst\u00f6rung von Frauen Teil des Systems\u00ab und\n\u00fcbergriffiges Verhalten wie Stalking normalisiert ist und\nromantisiert wird<a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a>,\nschreibt Veronika Kracher. Immer wieder gelangen dabei misogyne\nKonzepte wie das der <em>friendzone<\/em>,\ndie in R\u00e4umen der <em>Incels<\/em>\nentwickelt oder popularisiert wurden, in die breitere Popul\u00e4rkultur,\nwo sie dank der vorherrschenden hegemonialen M\u00e4nnlichkeitsdiskurse\nbreiter rezipiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide B\u00fccher schildern auch die Attentate von Alek Minassian und Eliot Roger, der f\u00fcr die <em>Incels<\/em> als <em>Supreme Gentleman<a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a> <\/em>bekannt ist. Veronika Kracher widmet der Analyse von Rogers Manifest ein ganzes Kapitel, in dem sie dessen privilegierte Kindheit, sein patriarchales Anspruchsdenken und schlie\u00dflich seine frauenverachtenden Ansichten durchleuchtet. Er war davon \u00fcberzeugt, durch seine teure Markenkleidung allein die Aufmerksamkeit von Frauen verdient zu haben. Als diese ausblieb, fing er an, Frauen mehr und mehr zu hassen und f\u00fcr diese \u00bbUngerechtigkeit\u00ab ihm gegen\u00fcber bestrafen zu wollen. In seinem Manifest kulminierte der Frauenhass in genozidalen Ausl\u00f6schungsphantasien. F\u00fcr seinen Anschlag suchte er sich das Haus einer Studentinnenverbindung mit den \u2013 seiner Meinung nach \u2013 attraktivsten Mitgliedern aus. Mit \u00bbgoing ER\u00ab hat Roger zudem einen Begriff gepr\u00e4gt, der als Synonym f\u00fcr die Ausf\u00fchrung eines Attentats dient.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00e4nnlich wie Hummer und Schimpansen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nHass auf Frauen ist als Ursache t\u00e4glicher Gewalt, t\u00f6dlicher\nAnschl\u00e4ge und reaktion\u00e4rer politischer Bewegungen von Politik und\nSicherheitsbeh\u00f6rden lange vernachl\u00e4ssigt worden. Mit Verweis auf\nden Soziologen Michael Kimmel beschreibt Susanne Kaiser einige der\nFaktoren von Gewalt gegen Frauen in einem Patriarchat in der Krise:\n\u00bbdas Gef\u00fchl von bedrohter M\u00e4nnlichkeit durch Kontrollverlust und\ndas Empfinden, einen Anspruch auf Gewaltanwendung zu haben\u00ab<a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese\nvermeintliche Krise des Patriarchats ist das Ergebnis feministischer\nK\u00e4mpfe, die gegen den massiven Widerstand der Herrschenden \u00fcber\nJahrhunderte ausgefochten wurden und deren Ziele mittlerweile in\nAns\u00e4tzen rudiment\u00e4r verwirklicht wurden. Kaiser schreibt dazu:<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u00bbEinerseits\nbestehen m\u00e4nnliche Privilegien bis heute fort und sind strukturell\ntief in unserer Gesellschaft verankert; andererseits ger\u00e4t das\nPatriarchat ethisch, normativ und diskursiv in Bedr\u00e4ngnis.\u00ab<a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4nnerrechtler\neignen sich in dieser Situation bedrohter Privilegien die Rhetorik\nvon Feminist_innen und Antirassist_innen an, um von der imaginierten\nPosition einer unterdr\u00fcckten Minderheit aus\ndas\nRecht auf militanten Widerstand f\u00fcr\nsich zu\nbeanspruchen, mit dem sie sich aus ihrer vermeintlichen Unterdr\u00fcckung\nbefreien wollen<a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a>.\nSelbst erkl\u00e4rte M\u00e4nnlichkeitsexperten wie Jordan Peterson und Jack\nDonovan bieten zudem allerhand Vergleiche mit dem Tierreich \u2013\ngenauer mit Bonobos, Schimpansen und Hummern<a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a>\n\u2013, um zu erkl\u00e4ren, wie vermeintlich nat\u00fcrlich m\u00e4nnliche\nVerhaltensweisen und m\u00e4nnliche Vorherrschaft aussehen w\u00fcrde<a href=\"#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\nallem die Ablehnung der sogenannten \u00bbGender-Ideologie\u00ab bietet ein\nenormes politisches Mobilisierungspotential \u00fcber das konservative\nSpektrum hinweg. Rechte Bewegungen machen sich weltweit die\nVerschr\u00e4nkungen von religi\u00f6sem Fundamentalismus, Nationalismus,\nAntisemitismus und Patriarchat zunutze, und bilden breite Allianzen,\ndie durch Antifeminismus und Anti-Genderismus verbunden sind<a href=\"#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl\nKaiser als auch Kracher bieten wertvolle Erkenntnisse \u00fcber das\nInternet als Ort der Vernetzung von <em>Incels<\/em>,\nMaskulinisten und anderen Rechten. Krachers Werk k\u00f6nnte im deutschen\nSprachraum zu einem Standardwerk f\u00fcr die Auseinandersetzung mit dem\nPh\u00e4nomen <em>Incel<\/em>\nwerden. An einer Stelle wird es befremdlich, wenn sie eine Gruppe wie\n<em>Men\ngoing their own way <\/em>als\n\u00bbgegen das weibliche Geschlecht gerichtete BDS-Bewegung\u00ab<a href=\"#sdfootnote21sym\"><sup>21<\/sup><\/a>\nbeschreibt \u2013 ein \u00e4u\u00dferst polemischer Vergleich, der an vielen\nStellen hinkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nBuch von Susanne Kaiser hingegen ist weit weniger ausf\u00fchrlich in\nBezug auf <em>Incels<\/em>,\ndoch es kontextualisiert sie innerhalb des patriarchalen Backlashs\ndeutlicher. Allerdings vertritt die Autorin an einigen Stellen\nThesen, die der <em>girlboss\nculture<a href=\"#sdfootnote22sym\"><sup>22<\/sup><\/a>\n<\/em>zuzuordnen\nsind und zeichnet allgemein ein sehr positives Bild von den Frauen an\nder Spitze kapitalistischer Staaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus\nbeiden Werken geht deutlich hervor, dass auch die ideologischen\nGrundlagen der extremsten Formen misogyner, homophober und\ntransfeindlicher Gewalt nicht sehr weit von gesellschaftlich und\nsozial akzeptierten patriarchalen Denkmustern entfernt sind. So ist\ndas mediale und juristische Framing sexistischer \u00dcbergriffe und\nGewalttaten, die oft die Schuld der M\u00e4nner auf Frauen und weiblich\ngelesene Personen projizieren, nur ein weiteres von unz\u00e4hligen\nBeispielen, wie versucht wird, ein gesellschaftliches Machtverh\u00e4ltnis\nzu naturalisieren und dessen Folgen mit vermeintlichen biologischen\nUrsachen zu entschuldigen. Die Ideologie der <em>Incels<\/em>\nsetzt also dort an, wo patriarchale Anspruchshaltung bereits besteht,\nund st\u00fctzt sich dabei auf ein misogynes Frauenbild, dass politisch\nund kulturgesellschaftlich weit verbreitet ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ob im Beruf oder im Privaten \u2013 wie M\u00e4nner auf Zur\u00fcckweisung durch Frauen reagieren, sagt viel dar\u00fcber aus, was sie in ihrem Denken und Handeln mit <em>Incels<\/em> verbindet. Konservative und Rechtsextreme haben dabei verstanden, dass sie hegemoniale Formen von M\u00e4nnlichkeit \u2013 wie die der <em>Incels \u2013<\/em> f\u00fcr sich nutzen k\u00f6nnen, weil diese die Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr ihr politisches Programm bereits in sich tragen. So wird die menschenfeindliche Ideologie der <em>Incels<\/em>, statt bek\u00e4mpft zu werden, durch konservative Politiken aus ihrer extremen Position heraus immer weiter in die Gesellschaft hineingetragen, wo sie auf offene Ohren st\u00f6\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>___________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>\n\tIncel ist die Kurzform von <em>involuntary celibate<\/em> und bedeutet\n\tso viel wie \u203aunfreiwillig z\u00f6libat\u00e4r\u2039. Der Begriff wird vor\n\tallem f\u00fcr misogyne rechte Cis-M\u00e4nner und Cis-M\u00e4nnergruppen\n\tverwendet. \n\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>\n\tEl Ouassil, Samira: Zwischen manischer Keuschheit und Hass auf\n\tFrauen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>\n\tKaiser 2021: 25<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>\n\tKracher 2020: 28<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a>\n\tEbd.: 249<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a>\n\tEbd.: 41<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a>\n\tEbd.: 42<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a>\n\tKaiser 2021: 27<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a>\n\tKracher 2020: 44<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a>\n\tEbd.: 30<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a>\n\tKaiser 2021: 27<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a>\n\tVgl. Kracher 2020: 102<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a>\n\tEbd.: 140<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a>\n\tIn seinem Manifest beschrieb sich Roger als Idealtyp eines\n\tGentleman, der es verdient und jedes Recht h\u00e4tte, alle\n\tAufmerksamkeit von Frauen zu bekommen. Dieses Selbstbild folgt der\n\tInszenierung der <em>Incels<\/em> als nette Opfer, die unter der\n\tVerweigerung von Aufmerksamkeit durch Frauen leiden. Frauen, die\n\tGewalt erfahren, werden so selbst daf\u00fcr verantwortlich gemacht. Mit\n\tseinem Attentat ist Roger zum Vorbild f\u00fcr viele <em>Incels<\/em>\n\tgeworden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a>\n\tKaiser 2021: 107<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a>\n\tEbd.: 12<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a>\n\tEbd.: 112<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a>\n\tM\u00e4nnliche Hummer w\u00fcrden aggressiv ihr Territorium verteidigen, bei\n\tVersagen drohe ein auf Untergebenheit getrimmtes Gehirn ihr\n\tHauptgehirn aufzul\u00f6sen und ihnen ein zweites, auf Untergebenheit\n\tgetrimmtes Gehirn wachsen zu lassen. Obwohl Peterson hier die\n\tBiologie als Beleg f\u00fcr seine Thesen nutzen will, werden sie von\n\tBiologen als unwissenschaftlich abgelehnt. F\u00fcr Jack Donovan sind\n\tSchimpansen ein Vorbild f\u00fcr M\u00e4nnlichkeit \u2013  Bonobos hingegen\n\tw\u00fcrden M\u00e4nnlichkeit bedrohen, da diese beiden Affenarten sich\n\tjeweils nach den m\u00e4nnlichen, bzw. weiblichen\n\tReproduktionsinteressen richten w\u00fcrden. Schimpansen seien\n\thierarchisch organisiert und aggressiv, Bonobos hingegen friedlich.\n\tDonovan erkl\u00e4rt dies teils damit, dass die Lebensgrundlage von\n\tBonobos relativ gesichert sei und sie daher nicht jagen m\u00fcssten.\n\tFrieden und \u00dcberfluss  sind f\u00fcr Donovan daher gef\u00e4hrlich f\u00fcr die\n\tErhaltung der M\u00e4nnlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote19anc\">19<\/a>\n\tEbd.: 120-140<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote20anc\">20<\/a>\n\tEbd.: 158<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote21anc\">21<\/a>\n\tKracher 2020: 42<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote22anc\">22<\/a>\n\tDabei geht es um Erfolg von Frauen in Institutionen, die bisher\n\tm\u00e4nnlich dominiert waren \u2013 jedoch ohne Ausbeutung und\n\tUnterdr\u00fcckung an sich zu hinterfragen. Der individuelle Aufstieg\n\tgeht oft zu Lasten anderer (migrantisierter) Frauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Kofi Shakur | Das Internet hat R\u00e4ume erm\u00f6glicht, in denen Maskulinisten Phantasien und Bilder patriarchaler Gewalt austauschen. Sie legitimieren ihre Weltanschauung, indem sie sich mit Tieren vergleichen und f\u00fcrchten nichts mehr als den Verlust m\u00e4nnlicher Privilegien.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-761","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=761"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":768,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions\/768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=761"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=761"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=761"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}