{"id":743,"date":"2021-12-13T15:13:53","date_gmt":"2021-12-13T14:13:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=743"},"modified":"2021-12-17T10:38:16","modified_gmt":"2021-12-17T09:38:16","slug":"diasporische-soundkulturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/12\/diasporische-soundkulturen\/","title":{"rendered":"Diasporische Soundkulturen &#8211; HUch#92"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Johann Erdmann |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Rassistische Unterscheidungen zwischen \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039 schlagen sich nicht nur kulturell nieder, sondern erfahren auch auf dieser Ebene Widerstand \u2013 wie im Fall Diasporischer Soundkulturen, die im Mix aus kulturellem Erbe und lokalen Einfl\u00fcssen neue musikalische Ausdrucksformen schaffen, die gleichzeitig die Verh\u00e4ltnisse kritisieren, denen sie erwachsen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-687x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-753\" width=\"483\" height=\"720\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-687x1024.jpg 687w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-768x1145.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-1030x1536.jpg 1030w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-1373x2048.jpg 1373w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-16x24.jpg 16w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-24x36.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s-32x48.jpg 32w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/02-03-s.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><figcaption>Bild: Loup Deflandre<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In unserer Gesellschaft wird immer noch eine entscheidende Trennung gemacht, und zwar zwischen denen, die vermeintlich zu einer Nation geh\u00f6ren und denen, die davon ausgeschlossen sind. Diese Aufteilung erfolgt weiterhin anhand rassistischer Denkmuster, die mit Bezug auf vermeintlich nat\u00fcrliche Unterschiede zwischen einem \u203awir\u2039 und einem \u203adie\u2039 trennen. Wohin diese von der Mehrheitsgesellschaft erzeugten Unterscheidungen in \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039 traurigerweise oftmals f\u00fchren, erkennen wir nicht zuletzt am rassistischen Attentat von Hanau am 19. Februar 2020. M\u00f6ge an dieser Stelle der Opfer gedacht sein. Dabei ist es wichtig, zu betonen, dass die rassistischen Trennlinien zwischen \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039, zwischen zugeh\u00f6rig und fremd, deutsch und ausl\u00e4ndisch, nicht nur von Neonazis aufrechterhalten werden, sondern vielmehr zur Norm geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich muss mich immer wieder fragen, ob ich nun zum \u203awir\u2039 oder zum \u203adie\u2039 geh\u00f6re. Dabei habe ich es als Russlanddeutscher oft leicht, weil mich die Mehrheitsgesellschaft durch mein Aussehen, sprich <em>wei\u00df-<\/em>Sein, nicht direkt als fremd markiert und sich mein russischer Akzent im Deutschen allm\u00e4hlich zu einem deutschen Akzent im Russischen gewandelt hat. Ich wei\u00df aber auch, dass Angeh\u00f6rige anderer Diaspora-Gruppen sehr wohl einer Fremdmachung, einem <em>othering<\/em> ausgesetzt sind, welches sie als nicht zugeh\u00f6rig zu den Orten betrachtet, an denen sie m\u00f6glicherweise bereits seit Generationen leben. Damit herrschen also st\u00e4ndig Widerspr\u00fcche f\u00fcr diejenigen Personen, die als nicht zugeh\u00f6rig gesehen werden, es aber durch das Aufwachsen und Leben an einem bestimmten Ort dennoch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Spannungen, die sich ma\u00dfgeblich um Kultur und Identit\u00e4t drehen, m\u00f6chte ich hier genauer auf den Grund gehen. Ich will zeigen, dass stereotype Trennungen zwischen fremd und zugeh\u00f6rig nicht den tats\u00e4chlich gelebten Realit\u00e4ten entsprechen und herk\u00f6mmliche Vorstellungen von Kultur und Identit\u00e4t oft viel zu statisch und von alten v\u00f6lkischen Denkmustern befallen sind. Um das zu erkunden, lade ich dazu ein, sogenannten diasporischen Soundkulturen Beachtung zu schenken. Denn in meinen Augen dienen Kunst, und dabei gerade die Musik, als wichtige Vehikel, um Erfahrungen selbstbestimmt und jenseits von Fremdzuschreibungen auszudr\u00fccken. Beispielsweise zeigt uns die Entstehungsgeschichte der Hip-Hop-Kultur, wie es prekarisierte Bev\u00f6lkerungsgruppen geschafft haben, eine selbsterm\u00e4chtigende Kulturform zu kreieren. Dass diese Bev\u00f6lkerungsgruppen gr\u00f6\u00dftenteils Afroamerikaner_innen oder Angeh\u00f6rige anderer Diaspora-Gruppen waren, ist kein Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diasporische Soundkulturen als \u203aDritter Stuhl\u2039<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zahlreiche Musikgenres auf der Welt, die auf der Grundlage diasporischer Erfahrungen entstanden sind, weshalb ich vorschlage, sie als diasporische Soundkulturen zu bezeichnen. Der Grund, warum ich nicht explizit von Migrationsbiografien spreche, ist, dass viele Menschen, die einer Diaspora-Gruppe angeh\u00f6ren, oftmals gar keine eigenen Migrationserfahrungen gemacht haben. Trotzdem werden sie in ihrer \u203aHeimat\u2039 von der Mehrheitsgesellschaft nicht als zugeh\u00f6rig wahrgenommen. Diesen Umstand brachte die deutsche Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry im Jahr 1992 mit \u00bbKein Ausl\u00e4nder und doch ein Fremder\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> auf den Punkt, ebenso wie die K\u00fcnstlerin Ebow im Jahr 2013 mit \u00bbBin hier geboren, doch man sagt ich bin so different\u00ab.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a> <\/sup>Diasporische Soundkulturen zeigen uns die Widerspr\u00fcche zwischen Dazugeh\u00f6ren und Fremd-Sein auf und r\u00fccken die kulturellen und politischen Missst\u00e4nde dahinter in den Vordergrund. Sie kl\u00e4ren dar\u00fcber auf, dass es nicht nur das \u203awir\u2039 oder das \u203adie\u2039 gibt, sondern dass die Lebensrealit\u00e4t vieler Menschen aus einem Mix verschiedener Einfl\u00fcsse besteht \u2013 und sozusagen einen \u203aDritten Stuhl\u2039 zwischen den St\u00fchlen bildet, wie es Rapperin Aziza A aus Berlin treffend beschreibt.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Der \u203aDritte Stuhl\u2039 ist damit ein Symbol f\u00fcr die Aufhebung kulturrassistischer Trennlinien, den sich Diasporit_innen durch ihre vielen verschiedenen kulturellen Einfl\u00fcsse bauen. Das kann im konkreten Sinne bedeuten, dass sowohl der D\u00f6ner als auch die Wei\u00dfwurst in Deutschland zur Esskultur geh\u00f6ren \u2013 und anstatt sich f\u00fcr das eine oder andere entscheiden zu m\u00fcssen, ein Wei\u00dfwurst-D\u00f6ner als \u203aDritter Stuhl\u2039 entstehen kann (zugegeben vielleicht nicht die beste kulinarische Kombi, aber you get the point). Der \u203aDritte Stuhl\u2039 zeigt, dass strikte Trennungen zwischen \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039 keinen Sinn ergeben. Und er zeigt auf, was es hei\u00dft, sich mit diesen Unterscheidungen, die leider trotzdem gemacht werden, auseinanderzusetzen und den Widerspr\u00fcchen der eigenen Identit\u00e4t Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The struggle of diasporic culture<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Entstehung des \u203aDritten Stuhls\u2039 im Falle diasporischer Soundkulturen aussehen kann und dabei eine Antwort auf soziale Ungleichheiten darstellt, m\u00f6chte ich anhand eines Blicks in die Geschichte der Diaspora in Gro\u00dfbritannien illustrieren. Entgegen der Vorstellung des dominanten Diskurses, der Migration heutzutage mit naturgewaltartigen Str\u00f6men Richtung Europa assoziiert, hei\u00dft das Migrationsverh\u00e4ltnis, das den Grundstein f\u00fcr unsere globalisierte Welt legte, Kolonialismus \u2013 und ging prim\u00e4r von Europa aus. So hat das British Empire mit transatlantischer Versklavung und Plantagen\u00f6konomie nicht nur die sogenannte industrielle Revolution, sondern auch zahlreiche Migrationsbewegungen initiiert.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> Wenn wir also beispielsweise von der gro\u00dfen afro-karibischen Diaspora in Gro\u00dfbritannien sprechen, dann m\u00fcssen wir uns bewusst machen, dass sie deshalb existiert, weil die \u00f6konomischen Machtinteressen des British Empire sie hervorbrachten. Und ebendiese Diaspora hat mitunter f\u00fcr den \u00f6konomischen Aufschwung Gro\u00dfbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg gesorgt.<sup><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-admin\/post.php?post=743&amp;action=edit#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Von unterbezahlter Arbeit und dem europ\u00e4ischen Kolonialrassismus blieb die Schwarze Diaspora dabei aber nicht verschont. Doch sp\u00e4testens die zweite Einwander_innen-Generation hat seit den 1970er Jahren mit verschiedensten kulturellen Ausdrucksformen auf die abwertenden Ausschl\u00fcsse seitens der Mehrheitsgesellschaft reagiert.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> Es war eben auch die erste Generation, die sich fremd im eigenen Land f\u00fchlte, die reflektiert hat, was es bedeutet, an einem Ort aufzuwachsen, der nur <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen als vollwertige B\u00fcrger_innen betrachtet \u2013 was es hei\u00dft, <em>Black <\/em>und <em>British <\/em>zugleich zu sein.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Diese Reflexionen fanden oftmals in der Musik statt, deren Klang sich am kulturellen Erbe orientierte, das zusammen mit den Menschen der Schwarzen Diaspora nach Gro\u00dfbritannien gereist ist, wie z.B. Reggae-Musik aus Jamaika. Doch mit der Zeit haben sich Klang und Inhalt der Musik durch lokale Einfl\u00fcsse in Gro\u00dfbritannien ver\u00e4ndert und zu musikalischen Produkten wie dem Anfang der 2000er Jahre entstandenen Grime gef\u00fchrt.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup> Grime ist ein Paradebeispiel f\u00fcr den Mix aus kulturellem Erbe mit lokalen Einfl\u00fcssen in der Diaspora: wenn z.B. die Reggae-Platte der Eltern im Wohnzimmer l\u00e4uft, und gleichzeitig der Alltag im Arbeiter_innenviertel Ost-Londons bestritten wird, wo elektronische Tanzmusik gang und g\u00e4be ist, entsteht ein ganz neues Soundsystem als \u203aDritter Stuhl\u2039 und nennt sich in diesem Fall eben Grime.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prekarisierung und diasporische Musik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Beispiel aus der britischen Geschichte wird deutlich, dass die rassistische Trennlinie zwischen einem \u203awir\u2039, das in der Hierarchie oben steht, und einem \u203adie\u2039, das unten steht, vornehmlich dazu diente und heute noch dient, bestimmte gesellschaftliche Gruppen abzuwerten und \u00f6konomisch auszubeuten. Nicht zuf\u00e4llig erledigen Diaspora-Gruppen im drastischen Ma\u00dfe die am schlechtesten bezahlten Jobs.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> Diasporische Soundkulturen dokumentieren diesen Zustand kontinuierlich, ob in Gro\u00dfbritannien, Deutschland, den USA oder an anderen Orten. Immer wieder lassen sich Parallelen in den Aussagen finden, die verschiedene diasporische K\u00fcnstler_innen in Bezug auf prek\u00e4re Positionen treffen. Das Thema ist kontinuierlich pr\u00e4sent: 1992 rappt Toni L von Advanced Chemistry \u00bbKaum einer ist da, der \u00fcberlegt, auf das Wissen wert legt, warum es diesem Land so gut geht\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> \u2013 mit Bezug auf die Arbeit von Gastarbeiter_innen. Weiter geht es mit Celo im Jahr 2017: \u00bbKampf um Existenz, Gastarbeiter\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> und Ebow im Jahr 2019:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIn mir drinnen stecken 1000 Leben [\u2026] Hab Flure geputzt, H\u00e4user gebaut, wurde ausgenutzt, wurde ausgesaugt\u00ab.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> Um damit nur ein paar Beispiele zu nennen, die auf gemeinsame Erfahrungen von Diaspora-Gruppen hinweisen und zeigen, wie hierarchisierte Unterscheidungen zwischen \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039 materielle soziale Ungleichheiten verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p> <strong>Kultur ist kein Monolith<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Hierarchien sind auch heute noch so wirkm\u00e4chtig, weil immer noch die verstaubte Ideologie greift, dass Europa ein f\u00fcr <em>wei\u00dfe <\/em>und christliche Subjekte vorbestimmter Kontinent ist. Da h\u00e4tten Kolumbus 1492 und alle, die darauf folgten, einfach daheimbleiben sollen. Denn wenn jahrhundertelang \u203aBeziehungen\u2039 mit anderen Teilen der Welt eingegangen werden, vermischen und ver\u00e4ndern sich nun einmal Kulturen. Dass das noch keine allgemeine Akzeptanz erreicht hat, zeigt, wie tief diskriminierende Ideologien sitzen. Den eigenen \u00f6konomischen Profit begr\u00fc\u00dfen, aber alle kulturellen Ver\u00e4nderungen, die mit Kolonialismus, Globalisierung und Gastarbeit einhergehen, ablehnen, oder sogar leugnen. Diasporische Soundkulturen sind ein Beweis daf\u00fcr, dass kulturelle Verflechtungen in Europa Teil des Alltags sind \u2013 weil Sound und Inhalt auf Basis dieser Verflechtungen entstanden sind. Sie lassen uns verstehen, dass Kultur und Identit\u00e4t keine fixen Konstrukte sind, sondern st\u00e4ndigem Wandel unterliegen. Es gibt eben keine biologische Essenz, die einen mit Hunger nach Wei\u00dfw\u00fcrsten ausstattet. Kultur und Identit\u00e4t sind keine nat\u00fcrlichen Monolithen. Du isst das, h\u00f6rst das und ziehst das an, womit du sozialisiert wurdest \u2013 was bedeutet, dass sich das alles immer wieder ver\u00e4ndern kann und es keinen Sinn ergibt, zu sagen: \u203aWir\u2039 sind eben so und \u203adie\u2039 sind eben anders. Deshalb ist es auch ein riesiges Problem, dass im \u00f6ffentlichen Diskurs immer noch von \u203adeutscher Identit\u00e4t\u2039 oder Leitkultur gesprochen wird: \u00bbJa, was ist das, was ist die deutsche Identit\u00e4t \u00fcberhaupt?\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> fragt Megaloh von der Gruppe BSMG. Vermutlich gibt es auf die Frage ungef\u00e4hr so viele verschiedene Antworten wie Menschen in Deutschland leben. So geht es bei diasporischen Soundkulturen auch darum, engstirnige Stereotype der Mehrheitsgesellschaft zu durchbrechen, wie es Ebow deutlich macht: \u00bbIhr hasst mich, ihr hasst mich so richtig, denn diese <em>Kanakin <\/em>hier macht sich zu wichtig, ist zu gebildet, sieht zu gut aus, zersprengt eure K\u00e4sten muslimischer Frauen, autsch.\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p> <strong>Wrap-Up<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Beispiel diasporischer Soundkulturen verdeutlicht, dass die strikten Trennlinien zwischen fremd und zugeh\u00f6rig nicht den tats\u00e4chlich gelebten Erfahrungen der Menschen entsprechen, die dar\u00fcber ma\u00dfgeblich kategorisiert werden. Denn die vielen Ph\u00e4nomene des \u203aDritten Stuhls\u2039 heben diese Trennlinien auf, da sich in ihnen verschiedene Einfl\u00fcsse zu neuen kulturellen Ausdrucksformen zusammensetzen. Kulturelle Produkte wie Hip-Hop oder Grime zeigen, wie verbunden die Kulturen auf unserem Globus bereits seit Jahrhunderten sind und dass es keinen Sinn ergibt, sich kulturellen Verflechtungen zu versperren.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings sind die rassistischen Trennungen zwischen \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039 leider immer noch Teil der Gesellschaft. Und als \u203adie\u2039 gelten dabei immer die \u203aAnderen\u2039 \u2013 diejenigen, die Alltagsrassismus und struktureller Diskriminierung ausgesetzt sind. Bei rassistischen Attentaten wird immer noch von Einzelf\u00e4llen gesprochen, in der Stuttgarter Polizei wird \u00fcber <em>Stammbaumforschung <\/em>bei Straftaten diskutiert und diasporische Gruppen finden sich mit drastischer H\u00e4ufigkeit in prekarisierten Positionen wieder. Und das sind nur einige Beispiele daf\u00fcr, welche Folgen hierarchische Trennlinien zwischen Bev\u00f6lkerungsgruppen haben. Daher ist es wichtig, kulturelle Produkte wie jene des \u203aDritten Stuhls\u2039 nicht nur als Ergebnisse kulturellen Aufeinandertreffens zu betrachten, sondern sie auch als Widerstandspraktiken zu verstehen. Musikgenres wie Hip-Hop oder Grime sind nicht blo\u00df kulturelle Mischformen, sondern transportieren auch politische Inhalte, die sich gegen Zuschreibungen richten, die von der Mehrheitsgesellschaft auf diasporische Gruppen projiziert werden. Der Aufbau des \u203aDritten Stuhls\u2039 geht entsprechend mit Alltagsk\u00e4mpfen einher, die sich gegen ein immer wieder reproduziertes <em>othering <\/em>richten. Es geht also darum, dass Diasporit_innen nicht einfach zwischen den St\u00fchlen sitzen, aber gleichzeitig auch zu sehen, dass sie dennoch weiterhin als <em>anders<\/em> markiert werden. Damit Ersteres anerkannt und Zweiteres bek\u00e4mpft werden kann, ist es unter anderem enorm wichtig, dem Wiedererstarken von rechtsextremem Gedankengut keinen Raum zu bieten und vielmehr dahin zu kommen, dass wir unsere Unterschiede sch\u00e4tzen k\u00f6nnen und mit ihnen arbeiten, anstatt sie hierarchisch zu bewerten. Damit sich niemand mehr fremd im eigenen Land f\u00fchlen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>_________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-admin\/post.php?post=743&amp;action=edit#sdfootnote1anc\">1<\/a> Advanced Chemistry:  <em>Fremd im eigenen Land<\/em>, 1992.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-admin\/post.php?post=743&amp;action=edit#sdfootnote2anc\">2<\/a> Ebow: <em>Oriental Dollar<\/em>, 2013.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-admin\/post.php?post=743&amp;action=edit#sdfootnote3anc\">3<\/a> Sascha Verlan und Hannes Loh: <em>35 Jahre Hip-Hop in Deutschland<\/em>,  Hannibal 2015, S. 34.<\/p>\n\n\n\n<p>4 vgl. Kwesi Owusu: <em>Black British Culture &amp; Society. A Text Reader.,<\/em> Routledge 2000, S. 1ff.<\/p>\n\n\n\n<p>5 Vgl. Gail Low und Marion Wynne-Davies: <em>A Black British Canon? , <\/em>Palgrave Macmillan 2006, S. 8.<\/p>\n\n\n\n<p>6 Vgl. Eddie Chambers: <em>Roots &amp; Culture: Cultural Politics in the making of Black Britain.,<\/em> I.B.Tauris 2017, S. 6ff.<\/p>\n\n\n\n<p>7 Vgl. Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p>8 Vgl. Jon Stratton und Nabeel Zuberi: <em>Black Popular Music in Britain since 1945.,<\/em> Ashgate Publishing 2014, S. 3ff.<\/p>\n\n\n\n<p>9 In Bezug auf Deutschland siehe Studie des DeZIM-Instituts vom 25. Mai 2020. Vor allem in prek\u00e4ren systemrelevanten Berufen sind Migrant_innen im Vergleich zu ihrem Anteil am Arbeitsmarkt \u00fcberrepr\u00e4sentiert, also z.B. in der Pflege, Reinigung oder Fahrzeugf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>10 Advanced Chemistry: <em>Fremd im eigenen Land<\/em>, 1992.<\/p>\n\n\n\n<p>11 Celo &amp; Abdi: <em>Diaspora<\/em>, 2017.<\/p>\n\n\n\n<p>12 Ebow: <em>K4L<\/em>, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p>13 BSMG. 2017. <em>A Black German Narrative<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>14 Ebow. 2017. <em>Punani Power.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Johann Erdmann | Rassistische Unterscheidungen zwischen \u203awir\u2039 und \u203adie\u2039 schlagen sich nicht nur kulturell nieder, sondern erfahren auch auf dieser Ebene Widerstand \u2013 wie im Fall Diasporischer Soundkulturen, die im Mix aus kulturellem Erbe und lokalen Einfl\u00fcssen neue musikalische Ausdrucksformen schaffen, die gleichzeitig die Verh\u00e4ltnisse kritisieren, denen sie erwachsen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=743"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":755,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/743\/revisions\/755"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}