{"id":725,"date":"2021-11-29T16:02:13","date_gmt":"2021-11-29T15:02:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=725"},"modified":"2021-11-29T16:03:55","modified_gmt":"2021-11-29T15:03:55","slug":"barrierearme-bildungshaeppchen-und-digitale-prekarisierung-huch92","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/11\/barrierearme-bildungshaeppchen-und-digitale-prekarisierung-huch92\/","title":{"rendered":"Barrierearme Bildungsh\u00e4ppchen und digitale Prekarisierung &#8211; HUch#92"},"content":{"rendered":"\n<p>| von  Pilar Caballero Alvarez |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsaccounts auf Instagram erfreuen sich vor allem seit dem letzten Jahr einer schnell wachsenden Aufmerksamkeit. Doch trotz der enormen gesellschaftlichen Relevanz dieser neuen Medien, die immer mehr die L\u00fccken und Fauxpas der klassischen Medien ausb\u00fcgeln, bleibt die Arbeit hinter den Kulissen dieser Bildungsaccounts auf Social Media extrem prek\u00e4r.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-1024x687.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-729\" width=\"515\" height=\"345\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-1024x687.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-768x515.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-1536x1030.jpg 1536w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-2048x1373.jpg 2048w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-24x16.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-36x24.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-09-TAKEN-s-2-48x32.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 515px) 100vw, 515px\" \/><figcaption>Bild: Loup Deflandre<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Seit mittlerweile \u00fcber einem Jahr schr\u00e4nken wir pandemiebedingt unsere sozialen Kontakte und unsere Aufenthaltszeit an \u00f6ffentlichen Orten besonders ein. Die eigenen vier W\u00e4nde sind f\u00fcr Viele, die den relativen Luxus besitzen, von Zuhause aus studieren, arbeiten und leben zu k\u00f6nnen, wesentlich wichtiger geworden. Die Zeit, die auf Instagram, YouTube, Twitter und Co. verbracht wird, um die fehlenden sozialen Kontakte mit Social Media zu kompensieren, hat sich seit dem Beginn der Coronapandemie entsprechend vervielfacht.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> Damit steigt nat\u00fcrlich auch die Bedeutung, die wir diesen Plattformen beimessen. Umso wichtiger ist deshalb die Erkenntnis, dass auf Social Media wie in allen sozialen R\u00e4umen Machtgef\u00fcge, Hierarchien, Diskriminierungen und letztendlich auch Gewalt reproduziert werden. Eine unglaublich positive und schnelle Entwicklung, die im letzten Jahr im deutschsprachigen Raum vor allem auf Instagram zu beobachten war, sind deswegen die zahlreichen Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsprojekte, die sich f\u00fcr das barrierearme Reflektieren und die Vertiefung des Wissens \u00fcber soziale, politische und \u00f6konomische Strukturen einsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2020:\nGeburtsjahr erfolgreicher Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsinitiativen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele der\nunabh\u00e4ngigen Gruppen, Kollektive und auch Einzelpersonen, die\ndigitale Bildungsarbeit leisten, erhielten in wenigen Monaten massiv\nAufmerksamkeit auf Instagram und z\u00e4hlen teilweise mehrere\nzehntausende Follower_innen. Viele\nvon ihnen haben sich erst im Jahr 2020 gegr\u00fcndet. Beispiele f\u00fcr\nneue und kollektive Bildungsaccounts auf Instagram sind Formate wie\n@erklaermirmal, die sich mit Infotafeln und Videos konkreten\nThemengebieten aus (post)migrantischer und queerer Perspektive widmen\noder @rise.and.revolt, die unterschiedliche feministische Str\u00f6mungen\nkompakt und trotzdem differenziert erkl\u00e4ren und somit komplexe\nTheorien zu Care, Rassismus und Kapitalismus barrierearm aufbereiten.\nEs existieren aber auch viele weitere, teils prim\u00e4r von\nEinzelpersonen gef\u00fchrte Erkl\u00e4r-Accounts, wie jener der\nantirassistischen Autorin und Bildungstrainerin Tupoca Ogette\n(@tupoka.o), dem Inklusions- und Barrierefreiheits-Aktivisten Raul\nKrauthausen (@raulkrauthausen) sowie zahlreichen Journalist_innen.\nDer rasante Aufstieg dieser Accounts h\u00e4ngt sicherlich mit der\nlangsam fortschreitenden gesamtgesellschaftlichen Besch\u00e4ftigung mit\nThemen der sozialen Macht und Mechanismen der sozialen Ausgrenzung\nzusammen. Au\u00dferdem war es vielen Menschen im letzten Jahr\ndank Kurzarbeit und massiv verringerter Mobilit\u00e4t m\u00f6glich, sich\nmehr Zeit zu nehmen, um sich Gedanken \u00fcber die Gesellschaft und den\neigenen Platz darin zu machen. Ausschlaggebend waren ohne Zweifel\nauch politische Initiativen wie Black Lives Matter, Migrantifa,\nInitiative 19. Februar und die vielen feministischen, j\u00fcdischen,\nanti-klassistischen, anti-ableistischen Stimmen, die im Laufe letzten\nJahres vermehrt Geh\u00f6r in der digitalen \u00d6ffentlichkeit\nfanden.<br>\n<br>\nBildungs- und Aufkl\u00e4rungsaccounts betreiben\nessenzielle Bildungsarbeit. Komplexe Inhalte wie Umweltrassismus,\nGastarbeiter_innengeschichten, Care-Feminimus oder Abolitionismus \u2013\num nur einige Beispiele zu nennen \u2013 werden von eben diesen Accounts\nin vertr\u00e4gliche und barrierearme H\u00e4ppchen verpackt, tausendfach\ngeteilt, geliked und vor allem gelesen. Damit werden einem meist\njungen Publikum Inhalte nahegebracht, die keinen sicheren Platz im\nschulischen Lehrplan haben und die oftmals auch nicht in den\nherk\u00f6mmlichen Medien aufgegriffen werden \u2013 erst recht nicht in\nihren feinen Nuancen. Vor allem werden auf Instagram diese Inhalte\nvon denen vermittelt, die sich durch eigene Erfahrungen oder durch\neine aus besonderem Interesse entstandene N\u00e4he mit den betreffenden\nThemenbereichen besonders gut auskennen und aufgrund dieser\nBetroffenheit die richtigen Akzente in der Vermittlung legen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prekarisierte\nArbeit und die Wiederholung alter Profitmuster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Produktion\ndieser Bildungsinhalte ben\u00f6tigt viel Vorbereitung und Zeit. Inhalte\nm\u00fcssen korrekt und gezielt aufgearbeitet und die geballte Thematik\nin ein paar wenige Story Slides oder Postbilder auf Instagram\nzusammengefasst und verst\u00e4ndlich dargestellt werden. Zudem fallen\nSachkosten an: F\u00fcr Video oder guten Sound wird eine einigerma\u00dfen\ngute Kamera, ein solides Tonaufnahmeger\u00e4t und die dazugeh\u00f6rige\nSchneidesoftware, sowie die entsprechende Bearbeitungszeit ben\u00f6tigt.\nAll dies sind Kosten und Zeit, die zun\u00e4chst unbezahlt bleiben. Und\nes ist Arbeit, die zumeist von Personen geleistet wird, die\nmarginalisierten Gruppen angeh\u00f6ren und selbst von den Themen\nbetroffen sind. Jedoch profitieren nicht sie selbst von der eigenen\nArbeit \u2013 sondern die Mehrheitsgesellschaft. Diejenigen, die diese\nBildungsproduktionen kostenlos konsumieren, profitieren davon, indem\nsie die neu gewonnenen Erkenntnisse gewinnbringend in Arbeit und\nStudium einbringen k\u00f6nnen. Dieses krasse Ungleichgewicht perpetuiert\nbereits bestehende Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse gegen Menschen, die\naufgrund von Geschlecht, race, Klasse, Be*Hinderung usw.\nmarginalisiert werden. Mit einer scheinbaren Demokratisierung von\nInformationsplattformen werden also alte und ausgrenzende Muster der\nfehlenden Bezahlung von Bildungsarbeit \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Personen hinter Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsaccounts werden f\u00fcr ihre Arbeit jedoch nicht nur schlecht bis gar nicht bezahlt, sie sind dar\u00fcber hinaus oftmals auch noch einer starken psychischen Belastung durch Hassnachrichten in Kommentarspalten und DM\u2018s<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> ausgesetzt. Kommentarspalten sind zwar wichtig, um ein Gespr\u00e4ch rund um das Thema zu erm\u00f6glichen sowie auch relevante, im Post nicht behandeltet Aspekte oder Kritiken f\u00fcr alle sichtbar zu \u00e4u\u00dfern, doch k\u00f6nnen sie auch zu Schaupl\u00e4tzen von Shitstorms und menschenverachtenden \u00c4u\u00dferungen werden. Und es ist nicht so, als ob sich diese<em> comments sections <\/em>einfach ignorieren lie\u00dfen: Alle Kommentare m\u00fcssen einzeln auf ihre Konformit\u00e4t mit den jeweiligen Richtlinien der Netiquette<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a> gepr\u00fcft und gegebenenfalls einzeln gel\u00f6scht werden. Beim Account @erklaermirmal geschah ein Shitstorm im September 2020, als ein Post, der verschiedene gendersensible Bezeichnungen f\u00fcr Familienmitglieder aufz\u00e4hlte, in rechten Chatgruppen zu zirkulieren begann und eine regelrechte Flut an beleidigenden, trans-, nicht-bin\u00e4r- und agenderhassenden Kommentaren unter besagtem Post geschrieben wurde. Eine solche Wucht an Hassnachrichten ist schwer zu handhaben \u2013 vor allem, wenn die Arbeit hinter diesen Accounts in der Freizeit geleistet werden muss. Den ganzen Hass immer und immer wieder zu lesen, belastet ungemein \u2013 insbesondere, wenn sich dieser gegen dich und\/oder deine Freund_innen richtet. Manchmal l\u00e4sst sich kollektiv das Blatt ein wenig wenden, wie im Fall von @erklaermirmal, wo nach Bekanntmachung des Shitstorms die Follower_innenschaft mit zahlreichen richtigstellenden und unterst\u00fctzenden Messages zu dem Post reagierte. Es handelte sich dabei um einen solidarischen Moment innerhalb dieser digitalen Praxis, der aber leider keinesfalls gen\u00fcgend Schutz vor zuk\u00fcnftigen Shitstorms bietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres\nBeispiel, das sowohl den Profit der ohnehin Privilegierten dank\nunbezahlter Arbeit der Marginalisierten, als auch die psychische\nBelastung der Bildungsarbeitenden verdeutlicht, ist die von Moshtari\nHilal und Sinthujan Varatharajah angesto\u00dfene Debatte um \u203aMenschen\nmit Nazihintergrund\u2039. Als widerst\u00e4ndige Replik auf den\naltbekannten, problematischen Ausdruck \u203aMenschen mit\nMigrationshintergrund\u2039 f\u00fchrten die beiden den Begriff des\n\u203aNazihintergrunds\u2039 \u00fcber Instagram in den \u00f6ffentlichen Diskurs\nein. Es entstand eine riesige Debatte, die mitunter auch in\nMeinungsartikeln etablierter Medienh\u00e4user weitergef\u00fchrt wurde \u2013\nund diesen nicht zuletzt \u00f6konomischen Gewinn einbrachte. Ganz\nkonkret zeigt sich hier, wie herrschende Positionen von der\nBildungsarbeit marginalisierter Menschen nicht nur pers\u00f6nlich und\npolitisch, sondern auch materiell profitieren. Hilal und Varatharajah\nhingegen werden f\u00fcr ihre Arbeit keinen Cent gesehen haben \u2013\nsondern mussten mit der psychischen Last rechter Hassbotschaften\numgehen: Doppelte Benachteiligung also f\u00fcr gesellschaftlich\nnotwendige Arbeit.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mittel, um Bezahlung und den finanziellen Spielraum von digitalen Bildungsangeboten zu sichern, bieten Plattformen wie Steady oder Patreon. Diese Plattformen bieten Contentschaffenden \u2013 Bildungskollektiven, Podcasthosts, freien Journalist_innen, Blogsschreibenden u.v.m \u2013 eine M\u00f6glichkeit, regelm\u00e4\u00dfige Finanzierung durch den Verkauf von Abos an Unterst\u00fctzer_innen zu erreichen. Die H\u00f6he der Beitr\u00e4ge kann individuell von den Contentschaffenden gesetzt werden und beginnt meist bei unter 5 Euro pro Monat. Bei einem Vergleich der Follower_innenzahlen vieler gro\u00dfer Bildungsaccounts auf Instagram und den Mitgliedern, die sie regelm\u00e4\u00dfig finanzieren, f\u00e4llt jedoch ein ungemein gro\u00dfes Defizit auf. Accounts, die mehrere Zehntausend Follower_innen auf Instagram besitzen, werden auf ebendiesen Finanzierungsplattformen von wenigen hundert F\u00f6rdermitgliedern finanziert. Die effektiven Betr\u00e4ge, die \u00fcber die Plattformen erm\u00f6glicht werden, reichen also f\u00fcr eine faire Bezahlung der Teams von verschiedenen Menschen, die hinter den gr\u00f6\u00dferen Bildungs- und Aufkl\u00e4rungskan\u00e4len stecken, nicht auch nur ansatzweise aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen von\nPlattformen wie Steady oder Patreon besteht die \u00fcblichste Form,\nAccounts auf Instagram zu finanzieren, im Platzieren gesponserter\nInhalte. Das hei\u00dft, dass Werbung f\u00fcr bestimmte Produkte oder Marken\nin den eigenen Posts oder Stories des Accounts gezeigt, besprochen\nund markiert wird. Die Accountbetreiber_innen werden dann von den\nbeworbenen Firmen meist mit Produkten und\/oder finanziellen\nLeistungen entlohnt \u2013 wenn die Accounts denn eine ausreichend gro\u00dfe\nReichweite haben. Manche Podcasts, die Aufkl\u00e4rungsarbeit leisten,\nsuchen sich m\u00f6glichst faire und nicht-ausbeuterische\nWerbepartner_innen, mit denen sie zusammenarbeiten. Doch die Anzahl\nvon fairen Unternehmen oder Organisationen, die sinnvolle Produkte\noder Leistungen anbieten, und welche an Werbung \u00fcber Instagram\ninteressiert sind, ist sehr stark begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> \u00d6ffentlich-rechtliche Medien und bildungspolitische Verantwortung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Zust\u00e4nde\nerscheinen noch bedauerlicher, wenn man sich die rassistischen,\nsexistischen oder generell diskriminierenden Fauxpas von Sendungen\n\u00f6ffentlich-rechtlicher Kan\u00e4le vor Augen f\u00fchrt, die sich wiederholt\nbeobachten lassen und auf das Nichterf\u00fcllen ihres Bildungsauftrags\nhinweisen. Beispielhaft daf\u00fcr steht das Format <em>Die letzte Instanz<\/em>\ndes WDR. In der Sendung vom 29. Januar 2021 sprachen prominente G\u00e4ste\naus dem klassischen Fernsehprogramm \u00fcber die rassistische\nBezeichnung von Sinti_zze und Rom_nja und reproduzierten den\nrassistischen Begriff mehrfach.<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup>\nDas Gespr\u00e4ch der auf Debatten ausgelegten Sendung lie\u00df weder\nInteresse an einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Thematik\nerkennen, noch konnten die geladenen G\u00e4ste jegliche Expertise\nvorzeigen. Im Gegenteil, die Auseinandersetzung in der Sendung\nverlief weitestgehend bevormundend, einseitig und reproduzierte dabei\nrassistische Klischees. Dieser diskriminierende Vorfall bei einem\n\u00f6ffentlich-rechtlichen Sender, der zurecht starke Kritik auf\nInstagram und Twitter hervorrief, ist dabei nur ein Beispiel in einer\nReihe von diskriminierenden Inhalten, denen leider viel zu sparsam\nentgegengewirkt wird. Die Konsequenz daraus ist, dass eigenst\u00e4ndig\nproduzierte und prek\u00e4r bezahlte Formate wie Podcasts,\nInstagram-Accounts oder YouTube-Videos den gesellschaftlichen Schaden\ninformativ ausb\u00fcgeln und Wissensleerstellen f\u00fcllen m\u00fcssen, die die\nklassischen Medien produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>So lud, in\nReaktion auf den Skandal des WDR, die Komikerin und Moderatorin\nEnissa Amani verschiedene G\u00e4ste zu einer YouTube-Sendung ein, welche\nin klarer Anlehnung an die WDR-Sendung <em>Die beste Instanz <\/em>benannt\nwurde.<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup>\nBei den G\u00e4sten handelte es sich in diesem Fall um\nBildungstrainer_innen, Aktivist_innen, Journalist_innen,\nWissenschaftler_innen und Autor_innen, die ihre informierten\nKenntnisse zu Rassismus, Antisemitismus und Sexismus teilen konnten.\nDer WDR lud erst mehrere Wochen sp\u00e4ter zu einem Themenabend ein, der\neinen Austausch \u00fcber die stark kritisierte Sendung erm\u00f6glichen\nsollte. Viele der anfangs geladenen G\u00e4ste, darunter auch Amani,\nschlugen die Einladung ab \u2013 unter anderem aufgrund des auf eine\npolarisierende Debatte ausgelegten Formates, irref\u00fchrenden\nTitelentw\u00fcrfen und schlechter interner Kommunikation.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Geschehnisse lassen stark vermuten, dass wichtige Kompetenzen in den entscheidungstragenden Ebenen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender hinsichtlich gesellschaftlich immer mehr an Relevanz und Interesse gewinnenden Themenbereiche fehlen. Vermisst werden auch hinreichende Kontrollinstanzen, welche die produzierten Inhalte durchgehend auf diskriminierende und\/oder menschenverachtende Inhalte und Kontexte \u00fcberpr\u00fcfen. Die Auswahl der G\u00e4ste der WDR-Sendung l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass es in erster Linie um Einschaltquoten ging \u2013 nur leider auf Kosten des gesellschaftlichen Bildungsauftrags der \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender. Wenn man dieses Beispiel im breiteren Zusammenhang des \u00f6ffentlichen deutschsprachigen Mediendiskurses betrachtet, wird hierbei die strukturelle Komponente der <em>wei\u00df<\/em>-sozialisierten Deutungshochheit und der strukturell bedingten Verdr\u00e4ngung von marginalisierten, insbesondere BIPoC-Perspektiven klar erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei der\nF\u00f6rderung von Nachwuchstalenten werden sehr sparsam Moderator_innen\nund Redakteur_innen aus nicht-klassischen Ausbildungskontexten oder\nf\u00fcr die Branche ungew\u00f6hnlichen Lebensrealit\u00e4ten engagiert, welche\nlangsam neue Schwerpunktsetzungen und neue Formen der\nDiskussionskultur auf den Tisch bringen k\u00f6nnten.<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup>\nMedien- und Contentschaffende, die genau diese Kompetenzen aufweisen,\nExpertise zu gesellschaftlichen Machtstrukturen besitzen und diese\nbarrierearm erkl\u00e4ren k\u00f6nnen finden zurzeit kaum Platz in der\ntraditionellen Medienlandschaft. Sie greifen daher auch aus\ngesellschaftlicher Notwendigkeit heraus auf ihre eigenen Formate in\nden sozialen Medien zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Produzent_innen von kritischer, politischer Bildungsarbeit in den Sozialen Medien sind also in vielerlei Hinsicht \u2013 und gerade in Bezug auf die M\u00f6glichkeiten der Finanzierung \u2013 immer wieder vor gro\u00dfe strukturelle H\u00fcrden gestellt. Und dennoch erreicht die schiere Masse an interessanten, aufkl\u00e4rerischen und kostenlosen Online-Bildungsangeboten in Form von Videos, Podcasts, Instagram-Posts und anderen Channels immer mehr Menschen und ist f\u00fcr viele Follower_innen der Accounts gar nicht mehr wegzudenken. Digitale Bildungsarbeit kann gesellschaftlich extrem viel bewegen und zu einem neuen politischen Bewusstsein und erweiterten Wissenshorizonten beitragen. Gerade hinsichtlich einer neuen Generation an Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Alltage eng mit sozialen Medien verkn\u00fcpft sind, weckt dies gro\u00dfe Hoffnungen darauf, dass sich Inhalte und Positionen im \u00f6ffentlichen Diskurs emanzipativ wandeln, beispielsweise dadurch, dass Druck auf alteingesessene Medienh\u00e4user ausge\u00fcbt wird. Um diesen Wandel aber zu erm\u00f6glichen, sollten diejenigen, die die finanziellen Mittel besitzen und\/oder in den Redaktionen von Medienunternehmen sitzen, keine Scheu haben, neue Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsprojekte zu finanzieren, um zusammen mit dieser neuen Generation von Bildungsarbeiter_innen auf tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderungen in der deutschsprachigen Medienlandschaft hinzuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>__________________________________<\/p>\n\n\n\n<p>\n\t<a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>\n\tZu den Auswirkungen der Coronapandemie auf Internet- und\n\tSocial-Media-Nutzung in Deutschland im Jahr  2020 siehe die\n\tErgebnisse einer Umfrage von Bitkom Research vom 27.05.2020\n\t<a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Presseinformation\/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an\">https:\/\/www.bitkom.org\/Pre<\/a><a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Presseinformation\/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an\">s<\/a><a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Presseinformation\/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an\">se\/Pressein<\/a><a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Presseinformation\/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an\">f<\/a><a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Presseinformation\/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an\">ormation\/Social-Media-Nutzung-steigt-durch-Corona-stark-an<\/a>\n\tund der ARD\/ZDF-Onlinestudie\n\t<a href=\"https:\/\/www.ard-zdf-onlinestudie.de\/ardzdf-onlinestudie\/pressemitteilung\/\">https:\/\/www.ard-z<\/a><a href=\"https:\/\/www.ard-zdf-onlinestudie.de\/ardzdf-onlinestudie\/pressemitteilung\/\">d<\/a><a href=\"https:\/\/www.ard-zdf-onlinestudie.de\/ardzdf-onlinestudie\/pressemitteilung\/\">f-onlinestudie.de\/ardzdf-onlinestudie\/presse<\/a><a href=\"https:\/\/www.ard-zdf-onlinestudie.de\/ardzdf-onlinestudie\/pressemitteilung\/\">m<\/a><a href=\"https:\/\/www.ard-zdf-onlinestudie.de\/ardzdf-onlinestudie\/pressemitteilung\/\">itteilung\/<\/a>\n\t(Presseerkl\u00e4rung vom 08.10.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> DM steht f\u00fcr <em>direct message, <\/em>also eine direkte Nachricht, die einer anderen Person bzw. einem anderen Profil geschickt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Netiquette beschreibt als Begriff die Gesamtheit der Regeln und Gepflogenheiten einer sozialen Kommunikation im Internet. Es ist ein Begriff f\u00fcr respektvolle Verhaltensweisen online.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> Das Video vom 15.Februar 2021, das die hier beschriebene Debatte ausl\u00f6ste, befindet sich auf dem Instagram-Account von Moshtari Hilal unter <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/tv\/CLU2dZiqvMG\/?igshid=8pz3gd2ijmb3\">https:\/\/www.instagram.com\/tv\/CLU2dZiqvMG\/<\/a>. In diesem Interview vom 19.03.2021 f\u00fcr das Jungendformat <em>ze.tt<\/em> von Zeit Online kommentieren beide K\u00fcnstler_innen die Rezeption ihres Videos und fassen die mediale Kritik kurz zusammen: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zett\/politik\/2021-03\/ns-familiengeschichte-instagram-diskussion-nazihintergrund-moshtari-hilal-sinthujan-varatharajah\">https:\/\/www.zeit.de\/zett\/politik\/2021-03\/ns-familiengeschichte-instagram-diskussion-nazihintergrund-moshtari-hilal-sinthujan-varatharajah<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> Diese und weitere Kritikpunkte sind in der Presseerkl\u00e4rung vom 01.Februar 2021 des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma nachzulesen unter <a href=\"https:\/\/zentralrat.sintiundroma.de\/wdr-will-mit-rassismus-quote-machen-wdr-sendung-die-letzte-instanz-zeigt-wie-tief-antiziganismus-in-der-gesellschaft-verwurzelt-ist\/\">https:\/\/zentralrat.sintiundroma.de\/wdr-will-mit-rassismus-quote-machen-wdr-sendung-die-letzte-instanz-zeigt-wie-tief-antiziganismus-in-der-gesellschaft-verwurzelt-ist\/<\/a>. Die besagte WDR-Sendung ist in der online ARD-Mediathek bis 2022 abrufbar.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> Die<em> Beste Instanz presented by Enissa Amani <\/em>wurde am 09. Februar 2021 unter folgendem Link ver\u00f6ffentlicht: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/r45_9wvbDoA\">https:\/\/youtu.be\/r45_9wvbDoA<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> Amani ver\u00f6ffentlichte ihre Gr\u00fcnde zur Absage in diesem Instagram-Tweet-Post vom 16. M\u00e4rz 2021: <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CMfjEadJulw\/?igshid=ofc2v8eyac0i\">https:\/\/www.instagram.com\/p\/CmfjEadJulw\/<\/a>. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Absagen zum WDR-Themenabend der S\u00e4ngerin Tayo Awosusi-Onutor, die sich beim Verein RomaniPhen engagiert, der Journalistin Hadija Haruna-Oelker und der Black-Lives-Matter-Organisatorin Perla Londole sind in diesem \u00dcbermedien-Artikel vom 18. M\u00e4rz 2021 zusammengefasst: <a href=\"https:\/\/uebermedien.de\/58416\/warum-drei-schwarze-frauen-bei-der-wdr-runde-zu-rassismus-abgesagt-haben\/\">https:\/\/uebermedien.de\/58416\/warum-drei-schwarze-frauen-bei-der-wdr-runde-zu-rassismus-abgesagt-haben\/<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Hadija Haruna-Oelker und Lorenz Rollh\u00e4user beleuchten im Audio-Feature <em>Dekolonisiert euch! <\/em>vom 24. November 2020 den aktuellen Status-Quo und die \u00c4nderungsbestrebungen bez\u00fcglich sozialer Vielfalt in \u00f6ffentlich-rechtlichen Redaktionen und Sendern: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-oeffentlich-rechtlichen-und-die-migrationsgesellschaft.3682.de.html?dram:article_id=485130\">https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-oeffentlich-rechtlichen-und-die-migrationsgesellschaft.3682.de.html<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Pilar Caballero Alvarez | Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsaccounts auf Instagram erfreuen sich vor allem seit dem letzten Jahr einer schnell wachsenden Aufmerksamkeit. Doch trotz der enormen gesellschaftlichen Relevanz dieser neuen Medien, die immer mehr die L\u00fccken und Fauxpas der klassischen Medien ausb\u00fcgeln, bleibt die Arbeit hinter den Kulissen dieser Bildungsaccounts auf Social Media extrem &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/11\/barrierearme-bildungshaeppchen-und-digitale-prekarisierung-huch92\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eBarrierearme Bildungsh\u00e4ppchen und digitale Prekarisierung &#8211; HUch#92\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-725","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/725","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=725"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/725\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":733,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/725\/revisions\/733"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}