{"id":721,"date":"2021-11-16T11:14:34","date_gmt":"2021-11-16T10:14:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=721"},"modified":"2021-11-16T11:14:36","modified_gmt":"2021-11-16T10:14:36","slug":"die-plattform-variante-huch92","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/11\/die-plattform-variante-huch92\/","title":{"rendered":"Die Plattform-Variante &#8211; HUch#92"},"content":{"rendered":"\n<p>| von  Anna Lena Menne |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pandemiebedingt sind heute mehr Menschen online als jemals zuvor, gleichzeitig sinkt die Vorsicht im Umgang mit digitaler Technologie. Dies ist bedenklich, denn im digitalen Raum bedroht eine neue Herrschaftsform unsere Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-687x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-722\" width=\"431\" height=\"642\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-687x1024.jpg 687w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-768x1145.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-1030x1536.jpg 1030w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-1373x2048.jpg 1373w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-16x24.jpg 16w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-24x36.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN-32x48.jpg 32w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-11-s-TAKEN.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><figcaption>Bild: Loup Deflandre<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Es\nist paradox: Trotz Kontaktverfolgungs-Apps, verst\u00e4rkter \u00dcberwachung\nund einem regelrechten Digitalisierungsschub von Staat und\nGesellschaft scheinen Datenschutzbedenken in Europa tendenziell zu\nsinken.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>\nHeute h\u00e4lt eine Pandemie die Welt in Atem und\nkommunikationstechnische Infrastrukturen schaffen den ersehnten\nAusgleich zu Kontakt- und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Doch gerade\ndeshalb ist es wichtiger denn je, f\u00fcr Datenschutz zu k\u00e4mpfen.\nWarum? Eine kritische Perspektive hilft zu offenbaren, dass\nKapitalismus, Kolonialismus und Patriarchat globale Gesellschaften\nbis heute dominieren und seit den 90er Jahren zu einer neuen Variante\nmutieren konnten: der Plattform-Variante. Bedingt durch die\ntechnischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte dominiert nun diese\nneue Variante den digitalen Raum. Sie zeichnet sich insbesondere\ndurch Machtk\u00e4mpfe um den gr\u00f6\u00dften Vorratsspeicher an Informationen\nf\u00fcr Profit aus, da mit den meisten Daten auch eine Vormachtstellung\n\u00fcber menschliche Wahrnehmung von Realit\u00e4t einhergeht. Dies ist\nproblematisch, denn darunter leidet die Souver\u00e4nit\u00e4t von Staaten\nund Individuen. Der Digitalisierungskatalysator COVID-19 legitimiert\nzudem die Daseinsberechtigung digitaler Infrastrukturen und verst\u00e4rkt\nsomit die Logik der Plattform-Variante weiter. So wachsen\nUngleichheiten zwischen jenen, die Plattformen bereits souver\u00e4n\nnavigieren und jenen, die mit ihren Daten unwissentlich auch ihre\nRealit\u00e4t gef\u00e4hrden. Aber was sind eigentlich Daten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daten,\nWissen und Realit\u00e4tskonstruktion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere ganze Welt besteht aus Daten. Eine einheitliche Definition gibt es nicht, denn ihre Bedeutung unterscheidet sich kontextual. In der elektronischen Datenverarbeitung k\u00f6nnen Daten beispielsweise als noch nicht verarbeitete Symbole, wie Zahlen oder Buchstaben verstanden werden.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> Laut der Open Knowledge Foundation Deutschland werden Daten wiederum zu Informationen, wenn sie strukturiert und in einen Kontext zueinander gestellt werden und Informationen werden zu Wissen, wenn sie sinnvoll interpretiert wurden.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Aber es sind nicht nur Computer, die Daten strukturieren, auch Lebewesen und Organismen tauschen Daten aus, um sich zu verst\u00e4ndigen. Je nach kulturellem Kontext tauschen wir wertaufgeladene Symbole mit anderen Menschen<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup> und zunehmend auch mit Kommunikationstechnologien.<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup> In diesem kommunikativen Austausch von Daten konstruieren wir dann Informationen und Wissen sowie eine subjektive Wahrnehmung der Realit\u00e4t.<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> Wer also Kommunikation beeinflusst und Daten bestimmt oder pr\u00e4gt, kann auch die Realit\u00e4t ihrer Empf\u00e4nger_innen graduell formen. In modernen Gesellschaften definiert vor allem eine dominante Version von Wissen die Realit\u00e4tswahrnehmung vieler Menschen, n\u00e4mlich jenes, das akademisch produziert wird.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup> Und da aktuelle Forschungsparadigmen noch immer von Kapitalismus, Kolonialismus und Patriarchat bestimmt werden, beeinflussen sie auch heute noch gesellschaftliche Prozesse, wie Digitalisierung, Globalisierung und Plattformisierung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Coronavirus\nund Plattformisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Plattformen\nwie Facebook, Amazon oder Google durchdringen inzwischen fast alle\nBereiche des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens. Insbesondere im Zuge\nvon Kontakt- und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen ist dieser Einfluss stark\ngewachsen. So nahm in nur einer Woche Lockdown der Datenverkehr im\nM\u00e4rz 2020 europaweit um 15 bis 20% zu.<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup>\nDar\u00fcber hinaus entpuppten sich Plattformen f\u00fcr orts\u00fcbergreifende\nKommunikation, wie Zoom, Anbieter von Cloud-Ressourcen wie Google\nCloud, Plattformen f\u00fcr Onlinehandel wie Amazon und Streamingdienste\nwie Netflix als die \u00f6konomischen Gewinner_innen der Pandemie.<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup>\nDer sogenannte Plattformisierungsprozess beschreibt diese\nTransformation auf insbesondere drei Ebenen: Daten-Infrastruktur,\n-M\u00e4rkte und -Regulierung.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup>\n \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daten-Regulierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZuge der symbolisch-ideologischen Herrschaft des neoliberalen\nKapitalismus \u00fcberlie\u00df man vielen Plattformunternehmen ihre eigene\nRegulierung. In Deutschland wurde die staatliche Netzstruktur der\nPost in den 90er Jahren privatisiert<sup><a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a><\/sup>\nund auch in den USA regulieren sich private Tech-Firmen heute\ngr\u00f6\u00dftenteils allein. Dies f\u00fchrte unter anderem zur Monopolbildung\nund Machtausweitung dieser Plattformunternehmen. Als quasi-souver\u00e4ne\nAkteur_innen schaffen Plattformen v\u00f6llig neue\nAbh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse zwischen Staat, Individuum und\nWirtschaft. Sie gef\u00e4hrden also die Selbstbestimmung sowohl\ndemokratischer, als auch autorit\u00e4rer Staaten.<sup><a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/sup>\nZus\u00e4tzlich bedrohen sie mit ihrer Infrastruktur und Marktlogik die\nAutonomie ihrer Nutzer_innen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daten-Infrastruktur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nder Begriff der Plattform im allgemeinen Sprachgebrauch das Bild\neines flachen und wertfreien Konstrukts zeichnet, verbirgt sich\nhinter diesem sprachlichen Symbol ein wertaufgeladenes und\nvielschichtiges Netzwerk an menschlich geschaffenen und deshalb auch\n(um-)programmierbaren Infrastrukturen. Diese erm\u00f6glichen und\ngestalten personalisierte Interaktionen zwischen Endnutzer_innen und\nDrittanbieter_innen, wie z.B. App-Entwickler_innen. Au\u00dferdem\nzeichnen sich Infrastrukturen durch systematisches Erfassen und\nalgorithmisches Verarbeiten sowie darauffolgendes Monetarisieren und\nWeiterverbreiten von Daten aus.<sup><a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><\/sup>\nJede Interaktion im digitalen Raum, jeder Like, jeder Kommentar, jede\nSekunde, in der sich etwas angesehen wird, hinterl\u00e4sst winzige\nDatenspuren. Diese werden gespeichert, in einen Kontext zueinander\ngestellt und liefern so beispielloses Wissen \u00fcber menschliches\nSozialverhalten. Deshalb spricht man im Datenschutzrecht auch von\npersonenbezogenen Daten, und meint damit \u201ealle Informationen, die\nsich auf eine identifizierte oder identifizierbare nat\u00fcrliche Person\nbeziehen.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a><\/sup>\nViele Nutzer_innen sind sich dem Gebrauch und Missbrauch dieser\nMechanismen f\u00fcr Profit leider nicht bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daten-M\u00e4rkte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nNetflix-Dokumentation <em>The\nSocial Dilemma<\/em>\nzeigte vergangenes Jahr, wie digitale Infrastrukturen gezielt private\nGespr\u00e4che, Gedanken und W\u00fcnsche stimulieren, diese \u00fcberwachen und\nals Daten in Wissen \u00fcbersetzen, um sie an Meistbietende zu\nverkaufen. Somit werden Menschen zur Handelsware.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKommunikationswissenschaftler Nick Couldry und Ulises A. Mejias\nbezeichnen diesen Handel im digitalen Raum auch als\nDaten-Kolonialismus.<sup><a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><\/sup>\nIhr Vergleich verweist also zun\u00e4chst auf die bereits angedeutete\nAusbreitung bestehender Herrschaftsstrukturen. Im Kontext dieses\nTextes deutet der Vergleich aber auch eine Mutation zur neuen\nPlattform-Variante an, da moderne Herrschaftsstrukturen als\nTransformationen fr\u00fcherer Hierarchien verstanden werden k\u00f6nnen<sup><a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a><\/sup>\n\u2013 ganz \u00e4hnlich der andauernden Replikation und Mutation von Viren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom\nHerrschaftsvirus zu Plattform-Variante<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\nein Gro\u00dfteil der neuen Herrschaftsform im digitalen Raum also\nklassischen Herrschaftsstrukturen \u00e4hnelt, hat sie auch eigene\nDynamiken. So geht die Plattform-Logik z.B. \u00fcber den altbekannten\nKapitalismus hinaus. Firmen verkaufen nicht unbedingt Daten selbst,\nsondern die daraus gewonnenen Informationen, also versprochenes\nNutzungs- oder Kaufverhalten, welches wiederum zur Optimierung von\nGeheimhaltungs- und Profitlogik genutzt wird.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nWirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff belegt in ihrer\nrenommierten Theorie zum \u00dcberwachungskapitalimus, dass Plattformen\nvorausschauendes Wissen gewinnen, um gezielt zu manipulieren.<sup><a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a><\/sup>\nSo zahlten beispielsweise Gesch\u00e4fte im Rahmen des Spiels Pokem\u00f3n Go\nim Voraus f\u00fcr garantierte Laufkundschaft und nichts ahnende\nSpieler_innen wurden somit zum Kauf gedr\u00e4ngt. Die Plattform-Variante\nn\u00e4hrt sich also von pr\u00e4dikativen Daten, das hei\u00dft Informationen\n\u00fcber zuk\u00fcnftiges Nutzungsverhalten. Hierin liegt auch die erh\u00f6hte\nAnsteckungsgefahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nder Masse an Daten wachsen Plattformunternehmen organisch mit. Je\nmehr und vielf\u00e4ltiger die Daten sind, umso besser sind\nVerhaltensvorhersagen und umso leiser die Eingriffe in menschliches\nHandeln und Realit\u00e4t. Denn durch konstantes Anpassen ihrer\nInfrastrukturen umgehen Plattformen das Bewusstsein ihrer\nNutzer_innen. Dieses in sich geschlossene \u00dcberwachungssystem mit\nAusweitungstendenz bietet der Instanz mit den meisten Daten auch den\nl\u00e4ngsten Hebel \u00fcber unsere soziale Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daten\nund Manipulation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\n\u00dcberwachungskapitalismus vorrangig von \u00f6konomischem Profit\nangetrieben wird, bewiesen die Enth\u00fcllungen um Edward Snowden sowie\nder Skandal um Cambridge Analytica, dass der Wettkampf um Daten auch\nandere Interessensgruppen wie Parteien oder Staaten anlockt. So\ngestand Cambridge Analyticas Daten-Analyst Christopher Wylie, dass er\nSteve Bannons \u201epsychologisches Kriegsger\u00e4t\u201c entworfen h\u00e4tte,\nund bezieht sich damit u.a. auf die Verbindungen des\nDatenanalyse-Unternehmens mit der US-Wahlkampfkampagne von Donald\nTrump.<sup><a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a><\/sup>\nEdward Snowden bewies auf der anderen Seite, dass auch\nNachrichtendienste digitale Infrastrukturen f\u00fcr ihre\n\u00dcberwachungspraktiken nutzen.<sup><a href=\"#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Allein\ndie Existenz dieser Whistleblower_innen belegt \u00fcber die\nGeheimhaltungspraktiken der quasi-souver\u00e4nen Akteure hinaus auch die\nGefahren f\u00fcr unsere Autonomie und Selbstbestimmungsrechte. Denn wer\ndie Infrastrukturen schafft, bestimmt auch, was Nutzer_innen\nwahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Plattform-Patriarchat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Menschliche\nSchaffer_innen digitaler Infrastrukturen \u2013 im Silicon Valley oft\n<em>wei\u00df<\/em>,\ntechnisch versiert und m\u00e4nnlich \u2013 implementieren unweigerlich\neigene wertaufgeladene Symbole in Computertechnik. Interaktion\ninnerhalb des digitalen Raums wird also zwangsl\u00e4ufig von ihren\nWertvorstellungen geleitet. Es ist wichtig, dies hier zu betonen,\ndenn weltweit stellen nordamerikanische Plattformunternehmen noch\nimmer einen Gro\u00dfteil der digitalen Infrastruktur.<sup><a href=\"#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a><\/sup>\n \n<\/p>\n\n\n\n<p>Folglich\npr\u00e4gen auch kapitalistische, koloniale und patriarchale Werte des\nglobalen Nordens gro\u00dfe Teile der Technik, die wir tagt\u00e4glich\nnutzen. Dr. Safiya Umoja Noble, Mitbegr\u00fcnderin des UCLA Centers for\nCritical Internet Inquiry, deckte diese symbolische Herrschaft zum\nBeispiel in Googles Suchmaschinenalgorithmus auf.<sup><a href=\"#sdfootnote21sym\"><sup>21<\/sup><\/a><\/sup>\nSo zeigte ihre Suche nach \u201eblack girls\u201c 2012 als erstes Ergebnis\nnoch \u201eHotBlackPussy.com\u201c und ihre Maps-Suche nach \u201eN**** House\u201c\n2016 zu Zeiten Obamas Pr\u00e4sidentschaft eine Wegbeschreibung zum\nWei\u00dfen Haus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Digitale\nUngleichheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\ndie digitale Revolution ein goldenes Zeitalter f\u00fcr Chancengleichheit\nversprach, bescherte sie uns noch ein weiteres Symptom sozialer\nUngleichheit: epistemische Ungleichheit<sup><a href=\"#sdfootnote22sym\"><sup>22<\/sup><\/a><\/sup>.\nSie beschreibt in diesem Kontext nicht nur ungleichen Zugang zum\nWissen \u00fcber uns selbst sondern auch zur Macht \u00fcber unsere Realit\u00e4t.\nDie Plattform-Variante spaltet also Gesellschaften und vergr\u00f6\u00dfert\nden Abstand zwischen dem, was wir f\u00fcr uns selbst tun k\u00f6nnen und\ndem, was uns angetan werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nist unumstritten, dass Technologie heute Familien, Freund_innen oder\nKolleg_innen verbindet, gar ungeahnte Chancen f\u00fcr globale\nGesellschaften bereith\u00e4lt. Ohne digitale Infrastrukturen w\u00e4ren die\nAbst\u00e4nde zwischen uns heute um einiges gr\u00f6\u00dfer und die eigene\nWohnung deutlich kleiner. Um die eigenen Daten zu sch\u00fctzen, ist es\ndeshalb umso wichtiger, Technologien wie Plattformen mit Vorsicht zu\nnutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nProfitmaximierungslogik der Plattformen zeigt jedoch auch, dass mit\nder Menge an Daten zugleich die Resilienz der Plattform-Variante\nsteigt. Denn je mehr Menschen versuchen, die digitalen\nInfrastrukturen zu navigieren, umso mehr Daten werden gesammelt, umso\nbesser und leiser wird das System und umso schwieriger ist es,\neingebaute Fallen zu umgehen, um die eigenen Daten zu sch\u00fctzen. Ein\nDigitalisierungsschub legitimiert die Herrschaftsstrukturen der\nPlattform-Variante also weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Angetrieben\ndurch \u00dcberwachungskapitalismus, das Silicon Valley-Patriarchat und\nDaten-Kolonialismus, konkurrieren heute private und staatliche\nAkteur_innen um den gr\u00f6\u00dften Vorratsspeicher an Daten. So b\u00fcndelten\nsich drei der gewaltvollsten Herrschaftsformen der Moderne zur neuen\nPlattform-Variante. Und so wie auch die Bezeichnungen der SARS-CoV-2\nVarianten ihr jeweiliges Herkunftsland mit ihrem Spitznamen\n\u00f6ffentlich diskriminieren, hei\u00dft diese Mutation hier zurecht die\nPlattform-Variante.<\/p>\n\n\n\n<p> Allerdings ist sie nur eine Mutation von vielen und vor allem ist sie \u2013 genauso wie die Herrschaftsformen, deren Ergebnis sie ist \u2013 sozial konstruiert. Also liegt die Macht, sie zu ver\u00e4ndern, auch wieder bei den Menschen. Um epistemische Ungleichheit auszugleichen, muss Wissen \u00fcber das eigene Nutzungsverhalten sowie die Logik der Plattform-Variante zug\u00e4nglicher werden. Wie im Kampf gegen das Coronavirus gilt also: mehr testen, besser verstehen und aufkl\u00e4rendes Wissen impfen.<\/p>\n\n\n\n<p>_____________________________________<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> GlobalWebIndex: <em>Connecting the dots<\/em>, 2020. Online unter:  <a href=\"https:\/\/www.globalwebindex.com\/reports\/trends-2021\">https:\/\/www.globalwebindex.com\/reports\/trends-2021<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Daniel Chandler, Rod Munday: <em>A Dictionary of Media and Communication <\/em>(Online Version), Oxford University Press, 2020.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Stefan Baack: \u201eDatafication and empowerment: How the open data movement re-articulates notions of democracy, participation, and journalism\u201c, in: <em>Big Data &amp; Society<\/em>, Vol. 2, Nr. 2, Juli 2015, S. 1\u201311.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> Siehe Symbolischer Interaktionismus.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> Nick Couldry, Andreas Hepp: <em>The Mediated Construction of Reality,<\/em> Polity Press, 2017.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> Peter L. Berger, Thomas Luckmann: <em>The Social Construction of Reality: A Treatise in the Sociology of Knowledge<\/em>. Penguin Books, 1966.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> Gernot Saalmann: \u201eThe Epistemological Foundations of Scientific Knowledge\u201c,in:<em>Transcience<\/em>, Vol. 11, Nr. 2, 2020, S. 106\u2013122.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Anja Feldmann, Oliver Gasser, Franziska Lichtblau, Enric Pujol, Ingmar Poese, Christoph Dietzel, Daniel Wagner, Matthias Wichtlhuber, Juan Tapiador, Narseo Vallina-Rodriguez, Oliver Hohlfeld, Georgios Smaragdakis: <em>The Lockdown Effect: Implications of the COVID-19 Pandemic on Internet Traffic, <\/em>Konferenzpapier zu: Proceedings of the ACM Internet Measurement Conference, Virtual Event, Oktober 2020, S. 1\u201318.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a> Tobias Weldemann: \u201eDas sind die Gewinner und Verlierer der Coronakrise in der Tech-Welt\u201c, in: <em>t3n digital pioneers<\/em>, 12. Mai 2020. Online unter: <a href=\"https:\/\/t3n.de\/news\/gewinner-verlierer-coronakrise-1278820\/\">https:\/\/t3n.de\/news\/gewinner-verlierer-coronakrise-1278820\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\n\t<a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a>\n\tThomas Poell, David Nieborg, Jos\u00e9 van Dijck: \u201ePlatformisation\u201c,\n\tin: <em>Internet Policy Review<\/em>, Vol.8, Nr. 4, November 2019.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a> Jeanette Hofman, Ronja Kniep: \u201eWen oder was sch\u00fctzt die Netzpolitik? Eine Retrospektive\u201c, Konferenz von netzpolitik.org im Format <em>Das ist Netzpolitik!<\/em>, Berlin, 11. November 2019. Online unter: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GRHF5vDLEiA\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GRHF5vDLEiA<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a> Julia Pohle, Thorsten Thiel: \u201eDigital sovereignty\u201c, in: <em>Internet Policy Review<\/em>, Vol. 9, Nr. 4, Dezember 2020.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a> Thomas Poell, David Nieborg, Jos\u00e9 van Dijck: \u201ePlatformisation\u201c, in: <em>Internet Policy Review<\/em>, Vol.8, Nr. 4, November 2019.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a> Europ\u00e4ische Union: <em>Begriffsbestimmungen<\/em> (Art. 4 DSGVO), 2018. Online unter: <a href=\"https:\/\/dsgvo-gesetz.de\/art-4-dsgvo\/\">https:\/\/dsgvo-gesetz.de\/art-4-dsgvo\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a> Nick Couldry, Ulises A. Mejias: \u201eMaking data colonialism liveable: how might data\u2019s social order be regulated?\u201c, in: <em>Internet Policy Review<\/em>, Vol. 8, Nr. 2, Juni 2019, S. 1\u201316.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a> Boike Rehbein: \u201eSocial Inequality and Sociocultures\u201c, in: <em>Methaodos. revista de ciencias sociales<\/em>, Vol. 8, Nr. 1, M\u00e4rz 2020, S. 10\u201321.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a> Shoshana Zuboff: <em>The age of surveillance capitalism: the fight for a human future at the new frontier of power<\/em>, Public Affairs, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a> Carole Cadwalladr: \u201e,I made Steve Bannon\u2019s psychological warfare tool\u2019: meet the data war whistleblower\u201c, in: <em>The Guardian, <\/em>18. M\u00e4rz 2018. Online unter: <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/news\/2018\/mar\/17\/data-war-whistleblower-christopher-wylie-faceook-nix-bannon-trump\">https:\/\/www.theguardian.com\/news\/2018\/mar\/17\/data-war-whistleblower-christopher-wylie-faceook-nix-bannon-trump<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\n\t<a href=\"#sdfootnote19anc\">19<\/a>\n\tGUARDINT. (N.A.): <em>About us: Oversight\n\tand intelligence networks: Who guards the guardians?<\/em>.\n\tOnline unter: <a href=\"https:\/\/guardint.org\/about\/\">https:\/\/guardint.org\/about\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote20anc\">20<\/a> Therese Wood: \u201eThe World\u2019s Tech Giants, Ranked by Brand Value\u201c, in: <em>Visual Capitalist, <\/em>4. August 2020. Online unter: <a href=\"https:\/\/www.visualcapitalist.com\/the-worlds-tech-giants-ranked\/\">https:\/\/www.visualcapitalist.com\/the-worlds-tech-giants-ranked\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote21anc\">21<\/a> Sofiya U. Noble: <em>Algorithms of Oppression: How Search Engines Reinforce Racism, <\/em>New York University Press, 2018.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote22anc\">22<\/a> Shoshana Zuboff: \u201eCaveat Usor: Surveillance Capitalism as Epistemic Inequality\u201c, in: Kevin Werbach (Hrsg.): <em>After the Digital Tornado: Networks, Algorithms, Humanity, <\/em>Cambridge University Press, 2020.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Anna Lena Menne | Pandemiebedingt sind heute mehr Menschen online als jemals zuvor, gleichzeitig sinkt die Vorsicht im Umgang mit digitaler Technologie. 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