{"id":715,"date":"2021-11-05T15:53:03","date_gmt":"2021-11-05T14:53:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=715"},"modified":"2021-11-05T15:53:05","modified_gmt":"2021-11-05T14:53:05","slug":"ueber-studentische-archive-huch92","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/11\/ueber-studentische-archive-huch92\/","title":{"rendered":"\u00dcber (studentische) Archive &#8211; HUch#92"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Fabian Bennewitz |<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Die Geschichtslosigkeit der Linken ist so notorisch wie vielbeklagt.\u201c<\/em><sup><em><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/em><\/sup><br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine kritische Geschichtsschreibung der eigenen Hochschule sollte mehr als eine nette Nebenbesch\u00e4ftigung sein, tr\u00e4gt sie doch zum Selbstverst\u00e4ndnis heutiger studentischer Politik bei: \u00dcber die M\u00f6glichkeiten, studentische und widerst\u00e4ndige Hochschulgeschichte zu erhalten und nutzbar zu machen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-687x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-716\" width=\"442\" height=\"659\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-687x1024.jpg 687w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-768x1145.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-1030x1536.jpg 1030w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-1373x2048.jpg 1373w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-16x24.jpg 16w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-24x36.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN-32x48.jpg 32w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/01-10-s-TAKEN.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 442px) 100vw, 442px\" \/><figcaption>Bild: Loup Deflandre<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Lange\nRegale voller verstaubter Aktenordner. Ein dunkles Kellergew\u00f6lbe\nohne Tageslicht. Eine einzelne Nutzerin, die an einem Tisch in\nstapelweise aufgeschlagene Akten vertieft ist und m\u00fcde nach\nHinweisen und Belegen sucht. Solche und andere Assoziationen zu\nArchiven lassen bei den allermeisten keine gro\u00dfe Begeisterung,\nHoffnung auf eine bessere Welt oder gar Aufbruchsgef\u00fchle aufkommen.\nKurzum: viele finden das Archiv einfach langweilig. Doch Archiv ist\nnicht gleich Archiv. Diese spezielle Form von Wissenssammlung ist\nmehr als nur die Futterstelle f\u00fcr die n\u00e4chste\ngeschichtswissenschaftliche Arbeit. Ich m\u00f6chte in diesem Text einen\nBlick auf die M\u00f6glichkeiten des Archivs werfen, und zwar am Beispiel\nder Dokumentation studentischer und widerst\u00e4ndiger\nHochschulgeschichte, sowie die Beziehung zwischen Archiv und\npolitischer Arbeit untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zur\nFunktion des Archivs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nallgemein gefasst ist ein Archiv eine Institution, die Archivgut\naufbewahrt, benutzbar macht und erh\u00e4lt. In den allermeisten F\u00e4llen\nsind das Schriftst\u00fccke in Form von Akten, Protokollen, losen\nDokumenten oder handschriftlichen Notizen. Es werden aber auch Filme,\nFotos oder einzelne Gegenst\u00e4nde aufbewahrt, die meist durch ihre_n\nBenutzer_in einen besonderen historischen Wert erfahren haben.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup>\nDie gr\u00f6\u00dften und bekanntesten Archive in Deutschland sind in\nstaatlicher Hand und befassen sich inhaltlich mit der Arbeit von\neinzelnen Beh\u00f6rden und Staatsorganen, wie etwa das Bundesarchiv, das\ndie Unterlagen von Verfassungsorganen, Bundesbeh\u00f6rden und\nBundesgerichten archiviert. Im Kontrast dazu stehen die Gattungen der\nsogenannten Bewegungsarchive und der freien Archive. Letztere sind in\nerster Linie solche, die unabh\u00e4ngig von den klassischen\nstaatlichen Archiven agieren und deswegen frei von einem engeren\ninstitutionellen Charakter sind. Die Archive der sozialen Bewegungen\nsind ebenfalls in den allermeisten F\u00e4llen von staatlichen Strukturen\nunabh\u00e4ngig und bewahren vor allem (Schrift-)St\u00fccke\naus sozialen und linken Bewegungen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise\ntut sich dabei allerdings eine gewisse Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen\ndem Charakter sozialer Bewegungen und jenem\nvon Archiven auf. Erstere sind in der Regel durch eine gewisse\nSchnelllebigkeit gekennzeichnet, wodurch einige gerade noch hei\u00df\ndebattierte Themen nach kurzer Zeit schon wieder vergessen sind. In\nZeiten, in denen sehr aktiv Demonstrationen und Proteste organisiert\nwerden, Gruppen sich bilden oder weiterentwickeln, B\u00fcndnisse\ngeschlossen oder Streiks vorbereitet werden, scheint das Sammeln von\nSchriftzeugnissen (in analoger oder digitaler Form) nebens\u00e4chlich \u2013\ninsbesondere \u00fcber den eigenen Dunstkreis hinaus. Ein Archiv ist\nhingegen ein Ort, der versucht, sich der Verg\u00e4nglichkeit durch\nDokumentation zu widersetzen und gleichzeitig ganz aktiv Geschichte\nformt und herausbildet. So erm\u00f6glicht er es, die Gegenwart in den\nVergleich und in die Beziehung zur Vergangenheit zu setzen. Hier\nzeigt sich der Widerspruch besonders deutlich, denn schnelllebigen\nsozialen Bewegungen fehlt oft genau diese Vergangenheitsvermittlung,\ndie eigentlich f\u00fcr die Herausbildung eines kollektiven Ged\u00e4chtnisses\nessenziell w\u00e4re. Daher h\u00e4ngt die generations\u00fcbergreifende\n\u00dcbermittlung des Bewegungswissens oft von einzelnen Individuen ab\nund geschieht eher zuf\u00e4llig.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Um\nWissens\u00fcbermittlung zwischen verschiedenen Bewegungsgenerationen\nm\u00f6glich zu machen, erf\u00fcllen daher freie Archive und Archive\nsozialer Bewegungen eine wichtige Funktion. Sie erm\u00f6glichen den\nZugang zu Praktiken, Ideen und Alternativen, die keinen Eingang in\ndie g\u00e4ngige Geschichte gefunden haben. Sie sind ein Baustein\noppositioneller und linker Geschichtsschreibung und dadurch genuin\npolitisch, da sie Geschichten bewahren, die Alternativen zum\nBestehenden aufzeigen und an den Rand verdr\u00e4ngtes in den Mittelpunkt\nr\u00fccken. Feministische Archive, wie etwa das Frauenforschungs-,\n-bildungs- und -informationszentrum (FFBIZ) erm\u00f6glichen so zum\nBeispiel eine detaillierte und intensive Auseinandersetzung mit der\nFrauen- und Geschlechtergeschichte in Deutschland und vor allem den\ndamit verbundenen politischen K\u00e4mpfen<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freie\nArchive an den Hochschulen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nan Hochschulen br\u00e4uchte es diese Vermittlung von vergangenem\nWiderstand und einen Zugang zu den Zeugnissen fr\u00fcherer K\u00e4mpfe von\nStudierenden. Es f\u00e4ngt damit an, dass es inspirierend sein kann, zu\nerfahren, dass Studierende schon immer versucht haben, sich aus ihrer\ninstitutionellen Entm\u00fcndigung zu befreien, die diese Gesellschaft\nund damit auch die Hochschulen bedeuten. Dazu geh\u00f6rt es auch, den\nMythos von 1968 zu entzaubern, da er den Fixpunkt darstellt, an dem\nimmer wieder neue Studierendengenerationen und ihre Versuche\npolitischer Aktion gemessen werden. Die historische Konstellation,\naus der sich die sogenannte \u00bbStudentenbewegung\u00ab entwickelt hat, war\neine sehr spezielle und ist damit schwierig mit den heutigen\nVerh\u00e4ltnissen in der BRD zu vergleichen. Stattdessen kann eine\nernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erkennbar machen,\ndass es auch nach \u201868 noch viele eigenst\u00e4ndige studentischen\nBewegungen und Proteste gab, die ihren Weg nicht in das\nbundesdeutsche Selbstverst\u00e4ndnis gefunden haben. Beispielsweise\nfindet sich auch in der offiziellen Geschichtsschreibung unserer\nlokalen Berliner Hochschulen wenig dar\u00fcber, wie viele interne\nKonflikte \u00fcber die Jahrzehnte ausgetragen wurden, bevor sich das\nKonzept \u00bbexzellenter\u00ab Universit\u00e4ten durchsetzte, mit\ndem sich heute beispielsweise auch die drei gro\u00dfen Berliner\nUniversit\u00e4ten nach au\u00dfen schm\u00fccken.\nGerade im Zuge des in den Nullerjahren entstandenen\nHochschulmarketings gibt es innerhalb der Universit\u00e4t heute noch\nweniger Interesse an Br\u00fcchen, Widerst\u00e4nden und Widerspr\u00fcchlichem.\nAn deren Stelle\nwird eine glattgeb\u00fcgelte Version der eigenen Hochschulgeschichte\npr\u00e4sentiert. Ein studentisches, kritisches Archiv h\u00e4tte also die\nAufgabe, Raum f\u00fcr diese Widerspr\u00fcchlichkeiten zu bieten und m\u00fcsste\nversuchen, sie dem Vergessen zu entrei\u00dfen. Eine Auseinandersetzung\nmit den eigenen Vorg\u00e4nger_innen erm\u00f6glicht es linken Studierenden\nzudem, kritisch zu pr\u00fcfen, welche Wege vielleicht nicht mehr\nbeschritten werden sollten, oder welche sinnvollen Ans\u00e4tze zu\nUnrecht vergessen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufbau\neines studentischen Archivs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ansto\u00df\nf\u00fcr diese Reflexion zu linker Geschichtsschreibung an Hochschulen\nist der Versuch von einem Kommilitonen und mir, an der Freien\nUniversit\u00e4t Berlin (FU) ein studentisches Archiv aufzubauen,\nangesiedelt an den dortigen Allgemeinen Studierendenausschuss\n(AStA)<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup>.\nWie k\u00f6nnte also so eine Wissensansammlung aussehen und wie k\u00f6nnte\nsie umgesetzt werden \u2013 auch au\u00dferhalb der FU?<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nKontext von sozialen Bewegungen ist der Begriff des Archivs nicht so\nscharf von dem der Bibliothek abgetrennt, wie es bei klassischen\nArchiven der Fall ist. Stattdessen beherbergen die meisten\nBewegungsarchive neben der Sammlung von Originalmaterialien auch eine\nFachbibliothek mit Publikationen und B\u00fcchern \u00fcber die Themen des\njeweiligen Archivschwerpunkts. Diese Mischform ergibt Sinn, da die\nGrenze zwischen Materialien, die aus einer Bewegung entstehen und\nZeitschriften oder B\u00fcchern \u00fcber und aus einer Bewegung nicht klar\nzu ziehen ist. Selbstreflexion und -kritik, vermittelt etwa \u00fcber\nArtikel in etablierten (linken) Publikationen, ist \u00fcblich und tr\u00e4gt\nebenso zur Charakterisierung einer Bewegung bei, wie Flyer, die auf\nDemonstrationen verteilt werden und Protokolle, die interne\nDiskussionsprozesse belegen. Ein studentisches Archiv w\u00fcrde demnach\nsowohl Spezialliteratur \u00fcber Hochschulen, Studierendenbewegungen\noder Bildungspolitik, als auch Flyer von B\u00fcndnissen wie Students For\nFuture oder der Hochschulgruppe der \u00bbDeutsche Wohnen &amp; Co.\nenteignen\u00ab-Kampagne sammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nist es naheliegend, aber nicht zwingend, dass das Archiv in\nirgendeiner Form an die bestehenden Institutionen angebunden ist, die\nder Studierendenschaft zur Verf\u00fcgung stehen. \u00dcber das\nStudierendenparlament (StuPa) oder den AStA kommt man allerdings\nleichter an Grundlegendes wie R\u00e4umlichkeiten und ein bisschen\nStartfinanzierung, um Ausstattung anzuschaffen. Damit ergibt sich\nauch schon ein Grundstock an Archivmaterial, wie Protokolle oder\nAktenordner mit Notizen und Publikationen, die von der verfassten\nStudierendenschaft herausgegeben wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies\nbedeutet aber, dass ein AStA-\/Stupa-Archiv nicht im klassischen Sinne\nauch gleich ein freies Archiv ist, da es eine Mischung aus\nInstitutions- und Bewegungsarchiv darstellt.  So s\u00e4\u00dfe ein\nstudentisches Archiv an der Schnittstelle von freier Organisation und\ninstitutioneller Hochschulpolitik und h\u00e4tte dadurch durchaus\ncharakteristische \u00dcberschneidungen mit studentischen Bewegungen:\nWenn es gr\u00f6\u00dfere Proteste und politische Aktionen an Berliner\nHochschulen gab, so waren ASten in sehr vielen F\u00e4llen in irgendeiner\nForm involviert und sei es nur, dass finanzielle Mittel und\nInfrastruktur zur Verf\u00fcgung gestellt wurden. Viele der an der\nHochschule politisch aktiven Student_innen stellen sich wiederum zu\nWahlen f\u00fcr das Stupa und den AStA auf, schon alleine um mehr\nAufmerksamkeit f\u00fcr ihr Anliegen zu bekommen. Die gr\u00f6\u00dfere\nTrennlinie, die auch f\u00fcr ein studentisches Archiv sinnvoll w\u00e4re,\nverliefe also nicht zu studentischen Institutionen an der\nUniversit\u00e4t, sondern zu der Institution Universit\u00e4t an sich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Studentische\nBewegungen heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es\nstellt sich nun noch die Frage, wie es denn um die studentische\nBewegung heutzutage gestellt ist, deren Geschichte man in einem\nArchiv dokumentieren, sortieren und zug\u00e4nglich machen m\u00f6chte? Die\nAntwort dazu hei\u00dft heute, wie auch vor der Pandemie: schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn\ndie verschiedensten Versuche hochschul- und bildungspolitischer\nKampagnen<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup>\nan Berliner Hochschulen lassen sich genauso wenig als eine\nzusammenh\u00e4ngende soziale Bewegung bezeichnen, wie die\nHochschul-Ableger von Initiativen und Protesten die st\u00e4rker\nau\u00dferhalb vom Raum der Hochschule angesiedelt sind.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup>\nDiese Schw\u00e4che politischer Organisierung ist offensichtlich, kann\naber sowohl als Grund, als auch als Hoffnung f\u00fcr den Aufbau eines\nstudentischen Archivs dienen: Hoffnung f\u00fcr eine langfristige\nPerspektive ergibt sich, wenn es gelingt, ein solches Projekt auch in\neiner Zeit zu etablieren, in der kaum jemand ein Interesse daran hat,\ndie Hochschule als einen Ort politischer Auseinandersetzung zu sehen\noder schlichtweg die Zeit f\u00fcr das politische Engagement fehlt.<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup>\nBegr\u00fcndung und Motivation sehe ich darin gegeben, gerade in Zeiten\nvon fehlender Strategie und kurzfristigen Kampagnen eine langfristige\nStruktur aufzubauen, anstatt zu resignieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\nauch mit viel anf\u00e4nglicher Motivation und Anbindung an studentische\nInstitutionen bleiben g\u00e4ngige Grundprobleme freier Archive: zum\neinen der Mangel an Ressourcen und zum anderen, dass die Kontinuit\u00e4t\noft an wenigen Personen h\u00e4ngt. Das erfordert mindestens eine\nehrliche Auseinandersetzung damit, was man realistisch leisten kann\nund wie so ein Projekt in Zukunft im Zweifel auch ohne seine\nGr\u00fcnder_innen funktionieren k\u00f6nnte. Ein Weg dahin kann in einer\nguten Vernetzung und sichtbaren Aktionen seitens des Archivs\nbestehen. Denn bei dieser Art von archivarischer Wissenssammlung\nhandelt es sich ohne praktische Anbindung schnell um totes Wissen,\nwelches trotz der Anh\u00e4ufung schnell verloren geht, wenn es keine\nAuseinandersetzung damit gibt.<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Erst\nim Austausch und der Vernetzung mit anderen politischen Gruppen und\nInitiativen, die es an einer Hochschule gibt, entfaltet ein\nstudentisches Archiv sein Potenzial und seine Wirkung. Denn \u00fcber\n\u00d6ffentlichkeitsarbeit, eigene Veranstaltungen und Publikationen\nsowie gemeinsame Projekte mit anderen Strukturen erzeugt man die\nLegitimation f\u00fcr das eigene Anliegen der kritischen\nGeschichtsschreibung und bekommt so \u00fcberhaupt erst die Chance,\nMitstreiter_innen zu finden. Ausgangspunkt und Folge dieser\nVernetzung ist der bessere, einfachere und schnellere Zugang zu den\nArchivmaterialien, den Bewegungsarchive als Vorteil gegen\u00fcber\nklassischen staatlichen Archiven mit sich bringen. Einerseits k\u00f6nnen\ndie Archivar_innen meistens\neine gro\u00dfe inhaltliche Kenntnis vorweisen und damit den Kontext\nbesser einordnen. Andererseits besitzen sie oft ein engeres\nVertrauensverh\u00e4ltnis zu Materialspender_innen, da sie oft\nselbst in sozialen Bewegungen aktiv sind oder mindestens in\nVerbindung zu ihnen stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nweitere St\u00e4rke des Archivierens von Protest an Hochschulen kann\ndarin liegen, sich nicht explizit auf studentisches Engagement zu\nbeschr\u00e4nken. Arbeitsk\u00e4mpfe von wissenschaftlichem wie\nnicht-wissenschaftlichem Personal werden ebenfalls kaum dokumentiert\nund sollten nicht als rein gewerkschaftliches Themenfeld begriffen\nwerden. K\u00e4mpfe um eine demokratische Hochschule wurden nie nur von\nStudierenden gef\u00fchrt und die Verbindungslinien von gemeinsamen\nInteressen verschiedener Gruppen zu erkunden sollte Teil einer\nkritischen Hochschulgeschichtsschreibung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein studentisches Archiv kann also ein Baustein f\u00fcr den Aufbau von langfristigen Strukturen sein, die wir ben\u00f6tigen, wenn wir an der Idee festhalten wollen, dass Hochschulen auch Orte der Bildung und Gesellschaftskritik sein k\u00f6nnen. Die Institution Hochschule nimmt zwar innerhalb des kapitalistischen Systems vor allem die Funktion ein, innovative, flexible und kreative Arbeitskr\u00e4fte auszubilden. Gleichzeitig produziert sie dabei aber auch \u00fcbersch\u00fcssiges Wissen. Wir m\u00fcssen uns heute zwar nicht mehr der Illusion der 68er hingeben, die \u00bbIntelligenzija\u00ab w\u00e4re das revolution\u00e4re Subjekt, sollten aber auch das Potential der Wissensproduktion von fundamentaler Kritik an den Universit\u00e4ten nicht aus den Augen verlieren: Studierende, die sich nicht trotz, sondern grade wegen ihres Studiums in Opposition zum bestehenden System befinden, wird es immer geben.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup> Ein studentisches Archiv als Teil einer kritischen Hochschulgeschichtsschreibung kann und sollte zur kritischen Wissensproduktion beitragen und helfen, eine studentische Opposition aufzubauen und zu unterst\u00fctzen, indem es Verbindungslinien aufzeigt und dabei hilft, sich trotz des heutigen Studiensystems nicht entpolitisieren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Bernd H\u00fcttner: \u201eArchive der sozialen Bewegungen &#8211; Eine \u00dcbersicht \u00fcber die Szene\u201c, in: <em>Archive von unten: Bibliotheken und Archive der neuen sozialen Bewegungen und ihre Best\u00e4nde<\/em>, AG-SPAK-B\u00fccher 2003, S.10.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz) bewahrt neben neonazistischen und extrem rechten Kuriosit\u00e4ten auch eine Notebook-Tastatur des Computers auf, der von NSU-Watch zum Protokollieren des M\u00fcnchener NSU-Prozess angeschafft wurde und dreieinhalb Jahre lang an 315 Prozesstagen zur Dokumentation dieses historischen Prozesses beigetragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Vgl. H\u00fcttner 2003, S.10<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> In diesem Fall mit dem Schwerpunkt auf die \u201ezweite oder sogenannte \u201aNeue Frauenbewegung\u2018\u201c. Mehr dazu unter:<a href=\"https:\/\/ffbiz.de\/ueber-uns\/geschichte\/index.html\">https:\/\/ffbiz.de\/ueber-uns\/geschichte\/index.html<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> Der Referent_innenrat (RefRat) an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin (HU) ist gesetzlich das, was an anderen Hochschulen in Berlin und Deutschland ein AStA ist, und ist im Folgenden selbstverst\u00e4ndlich eingeschlossen, wenn von einem AStA gesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> Die letzte gro\u00dfe Kampagne war die um die Verbesserung des studentischen Tarifvertrags (TVStud) in Berlin, die \u00fcber Hochschulen hinweg Studierende in einem gemeinsamen gewerkschaftlichen Kampf zusammengebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> Als j\u00fcngere Beispiele in Berlin sind das etwa 2019 Students For Future-Gruppen als Pendant zu Fridays For Future Protesten, eine hochschul\u00fcbergreifende Deutsche Wohnen und Co. enteignen Gruppe oder Proteste gegen den Einmarsch der t\u00fcrkischen Armee in Nordsyrien im Herbst 2019.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Siehe daf\u00fcr auch meine \u00dcberlegungen in: Fabian Bennewitz: \u201eZeitnot und Organisation\u201c, in: <em>HUch #89,<\/em> Juni 2019, S. 13\u201315.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a> Vgl. Ebd., S. 14.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a> Ausgef\u00fchrt ist die \u00dcberlegung in: Joshua Schultheis: \u201eWarum Hochschulpolitik\u201c, in: <em>HUch #87<\/em>, Januar 2018, S. 21\u201322.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Fabian Bennewitz | \u201eDie Geschichtslosigkeit der Linken ist so notorisch wie vielbeklagt.\u201c1 Eine kritische Geschichtsschreibung der eigenen Hochschule sollte mehr als eine nette Nebenbesch\u00e4ftigung sein, tr\u00e4gt sie doch zum Selbstverst\u00e4ndnis heutiger studentischer Politik bei: \u00dcber die M\u00f6glichkeiten, studentische und widerst\u00e4ndige Hochschulgeschichte zu erhalten und nutzbar zu machen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-715","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/715","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=715"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/715\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":720,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/715\/revisions\/720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=715"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=715"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=715"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}