{"id":603,"date":"2021-03-26T09:47:01","date_gmt":"2021-03-26T08:47:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=603"},"modified":"2021-03-26T09:50:04","modified_gmt":"2021-03-26T08:50:04","slug":"umverteilung-in-krisenzeiten-huch91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/03\/umverteilung-in-krisenzeiten-huch91\/","title":{"rendered":"Umverteilung in Krisenzeiten &#8211; HUch#91"},"content":{"rendered":"\n<p>| Interview mit  C.S., gef\u00fchrt von Joana Splieth |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Dezentrale Community Mietrettungs-Fonds aus Berlin erprobt Konzepte au\u00dferstaatlicher Umverteilung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-939x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-604\" width=\"477\" height=\"519\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-939x1024.jpg 939w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-275x300.jpg 275w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-768x838.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-22x24.jpg 22w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-33x36.jpg 33w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut-44x48.jpg 44w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten26_cut.jpg 1014w\" sizes=\"auto, (max-width: 477px) 100vw, 477px\" \/><figcaption>Bild: Mariana Papagni<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wer in den letzten Monaten in den sozialen Netzwerken aktiv war, kam nicht umhin, die zunehmende Popularit\u00e4t von Spendenaufrufen und Crowdfunding-Kampagnen zu bemerken. Viele von ihnen reagierten auf die Krisenhaftigkeit unseres globalen (Wirtschafts-)Systems, die immer offensichtlicher wird: Waren Anfang des Jahres noch die Br\u00e4nde im Amazonas und in Australien Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine erneute Debatte \u00fcber die Klimakatastrophe, verlagerte sich die weltweite Aufmerksamkeit mit Beginn der Corona-Krise auf die Probleme in der lokalen und globalen Gesundheitsversorgung. Fast im Wochenrhythmus l\u00f6ste ein Thema das n\u00e4chste ab, wobei jede einzelne Krise gravierende Missst\u00e4nde zur Diskussion brachte: Die fehlende Versorgung von wohnungslosen Personen lie\u00df einmal mehr den systeminh\u00e4renten Klassismus durchscheinen. Die Situation in den Lagern f\u00fcr gefl\u00fcchtete Personen in Griechenland, die rassistischen Morde in Hanau durch einen Rechtsterroristen oder in Minneapolis durch die Polizei waren eindr\u00fcckliche Beweise daf\u00fcr, dass Rassismus und Neokolonialismus keineswegs verschwunden sind. Und auch das Patriarchat h\u00f6rte auf sich zu verstecken und trat in der zunehmenden Gewalt gegen FLINT*-Personen in den vom Lockdown betroffenen Haushalten oder in den ausbleibenden staatlichen Hilfen f\u00fcr unangemeldete Sexarbeiter_innen zum Vorschein. Einmal mehr wurde deutlich, dass Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t im (neoliberalen) Kapitalismus gerade dort verweigert wird, wo sie eigentlich dringend n\u00f6tig wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Als\nReaktion auf diese Umst\u00e4nde sind im letzten Jahr viele Initiativen\nentstanden, die ohne explizite\nVereinsorganisation \u00fcber die\ndurchaus umstrittenen Webseiten\nPaypal\noder gofundme\nf\u00fcr Betroffene, Freund_innen und Genoss_innen schnell\nund effektiv Geld sammeln. Auch\ndas Berliner Projekt Dezentraler\nCommunity Mietrettungs-Fondsarbeitet\nseit Beginn der Covid-19-Krise\nmit diesen Tools und\nverteilt \u00fcber sie Gelder von Einzelspenden, die\ndirekt auf das Paypal-Konto von\nPersonen eingezahlt werden,\ndie ihre Miete nicht zahlen k\u00f6nnen oder andere finanzielle Probleme\nhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Selbstbeschreibung auf Telegram,\nwo die finanzielle Koordination des\nProjekts in einem Kanal\nstattfindet<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>,\nschreibt das Team, dass vor allem \u00bbBIPoC<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup>,\nMigrant_innen, queere Personen und Personen mit Schwerbehinderung(en)\nund\/oder chronischen Erkrankungen\u00ab unterst\u00fctzt werden sollen, die\n\u00bbkeine M\u00f6glichkeit haben, Hilfe von \u00c4mtern zu erhalten (z.B.\naufgrund der Aufenthaltssituation) und weil es sonst auch keine\nNetzwerke gibt, die unterst\u00fctzen k\u00f6nnten\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\ndie Beweggr\u00fcnde\nhinter dem Projekt sowie \u00fcber\ndie Konzepte au\u00dferstaatlicher\nUmverteilung haben wir mit\nC.S., einer\nder Organisator_innen des\nMietrettungsfonds, gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Au\u00dferstaatliche\nUmverteilung, das klingt nach\neinem\nziemlich komplexen Thema. Was\nbedeutet das f\u00fcr Euch\nund warum ist es Euch\nso wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nJa, das stimmt. Ich versuche das mal\nzu erkl\u00e4ren. Au\u00dferstaatliche Umverteilung braucht es leider\ndauerhaft im kapitalistischen System, da es immer Menschen gibt, die\ndurch die Maschen von staatlichen Unterst\u00fctzungsnetzen fallen, durch\ndie sie eigentlich an Geld, soziale und psychologische Unterst\u00fctzung\noder Wohnraum kommen sollten. Dies passiert nat\u00fcrlich nicht\nvollkommen willk\u00fcrlich, sondern betrifft\nvor allem\nPersonen, die ohnehin\nschon prekarisiert sind und\/oder waren: Menschen, deren\nAufenthaltsstatus unsicher ist; Menschen, die aufgrund von Trans- und\nHomofeindlichkeit ausgeschlossen werden; Menschen, die von Rassismus\nund Klassismus betroffen sind, etc. \u2013 diese Liste k\u00f6nnte man noch\nsehr weit fortf\u00fchren.\nDa wir der Meinung sind, dass das Recht auf Wohnraum und\nauf menschenw\u00fcrdige Lebensumst\u00e4nde f\u00fcr alle gegeben sein sollte,\ndies aber vom System, in dem wir leben, nicht garantiert wird,\nversuchen wir durch ein solidarisches Miteinander, uns zumindest ein\nwenig gegenseitig durch den Alltag zu helfen und die konkreten,\ndringenden Bed\u00fcrfnisse aufzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hei\u00dft, Umverteilungsprojekte wie der Fonds sollen L\u00fccken schlie\u00dfen, die in der staatlichen Unterst\u00fctzung bewusst ignoriert werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfinde, an dieser Stelle ist es sehr wichtig, zwischen \u00bbsollen\u00ab und\n\u00bbk\u00f6nnen\u00ab zu unterscheiden. In meiner idealen\nGesellschaftsvorstellung sollte es nicht n\u00f6tig sein, dass privat\norganisierte Projekte Versorgungsl\u00fccken schlie\u00dfen m\u00fcssen. Deshalb\nglaube ich auch nicht, dass Projekte wie das unsere die langfristige\nL\u00f6sung sein sollten. Gesellschaftlich und politisch muss sich noch\nvieles tun. Der\nZugang zu Wohnraum muss f\u00fcr alle gesichert sein, menschenw\u00fcrdige\nLebensumst\u00e4nde f\u00fcr  Asylsuchende m\u00fcssen durchgesetzt werden und es\nbraucht eine konsequente Bek\u00e4mpfung des inh\u00e4renten Ableismus im\npolitischen System \u2013 um nur einige der aktuellen Probleme zu\nnennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis dies aber geschieht, denke ich, dass solidarische Umverteilungsprojekte, die \u00fcber das Engagement individueller Menschen funktionieren, andere Mitmenschen in ihrem (\u00dcber)Leben unterst\u00fctzen k\u00f6nnen \u2013 auch wenn sie nicht in der Lage sind, die gro\u00dfen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen anzusto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nich die Frage\nh\u00f6re, muss ich zudem auch an einige Kritiken an unserem Projekt\ndenken: Uns wurde unter anderem vorgeworfen, dass der Fonds\n\u00bbein B\u00fcndnis mit dem Neoliberalismus\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup>\neingehe. F\u00fcr mich ist das ein sehr fauler Vorwurf. Denn ich kann\ngleichzeitig strukturelle Missst\u00e4nde bek\u00e4mpfen, Ver\u00e4nderungen\nfordern und trotzdem konkret im Hier und Jetzt versuchen, im Kleinen\netwas zu ver\u00e4ndern, mich solidarisch zu zeigen und eben\numzuverteilen.\nDamit stabilisieren wir keinesfalls bestehende Ungleichheiten,\nsondern versuchen simultan\nzum einen, konkrete Ungerechtigkeiten zu mindern und einen\nsolidarischen Umgang untereinander zu \u00fcben, und zum anderen, dadurch\nKraft zu sch\u00f6pfen, um das gro\u00dfe\nGanze anzugreifen. Denn\nvon der sch\u00f6nsten linken Theorie allein wird weder die Miete\ngezahlt, noch kommt dadurch\nEssen\nauf den Tisch marginialisierter Personen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Danke, dass Du nochmal auf die Kritik eingegangen bist, die Euch begegnet. Um daran anzukn\u00fcpfen: Wo siehst Du Handlungsbedarf und welche politischen Prozesse m\u00fcssten in unserer Gesellschaft in Gang kommen, um die Probleme zu beheben, die durch Corona einmal mehr offensichtlich geworden sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Aspekte habe ich ja bereits genannt. Dar\u00fcber hinaus gibt es viele weitere Details zu nennen, aber im Groben: Ohne eine tiefgehende Kritik am Kapitalismus \u2013 also einem System, das auf Rassismus und Ableismus aufbaut \u2013 werden sich sehr viele Probleme nicht l\u00f6sen lassen. Genauso denke ich, dass die Polizei als Institution \u2013 sowie viele weitere Methoden der Kontrolle und \u00dcberwachung \u2013 durch alternative Strategien ersetzt werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber\nhinaus w\u00e4ren wirkliche Ver\u00e4nderungen auf rechtlicher Ebene ein\nguter\nAnfang:\nbeispielsweise\ndie \u00dcberarbeitung\ndes\nAsylrechts\n(das\nin Deutschland ja de facto in den 1990ern abgeschafft wurde) und von\nGesetzgebungen, die trans und inter Personen in ihrer\nSelbstbestimmung einschr\u00e4nken. Diese Aufz\u00e4hlung erscheint\nvielleicht etwas weit hergeholt\nund wirkt,\nals\nh\u00e4tte sie nichts mit dem Mietrettungsfonds\nzu tun. Ich glaube aber, dass all diese Themen miteinander verwoben\nsind und dazu beitragen, dass Menschen prekarisiert\nwerden und dadurch keinen Zugang zu Ressourcen haben. Und\ngenau an dieser Stelle versucht der Mietrettungsfonds,\nsolidarisch umzuverteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denkt Ihr, dass Projekte wie der Mietrettungsfonds dazu beitragen k\u00f6nnen, nicht nur einzelnen Menschen mehr Ressourcen zur Verf\u00fcgung zu stellen, sondern auch Community-Zusammenhalt zu st\u00e4rken, wie es der Name andeutet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das\nist leider keine so einfache Frage.\nEine der wichtigen Pr\u00e4missen des Projekts ist, dass diejenigen, die\nspenden, und diejenigen, die Gelder erhalten, weitestgehend anonym\nbleiben (k\u00f6nnen). Dadurch soll auch garantiert werden, dass die, die\nunterst\u00fctzt werden, keine Leidensgeschichte performen m\u00fcssen.\nAu\u00dferdem passiert das alles ja online mit wenigen Klicks, was auch\nnicht unbedingt zur pers\u00f6nlichen Community-Vernetzung beitr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube zwar fest daran, dass das gute Regelungen sind, aber ich denke auch, dass Community-Zusammenhalt so vielleicht eher etwas diffuser erlebt wird. Dennoch hoffe ich, dass die Existenz des Fonds und die Tatsache, dass wir bereits um die 30.000 Euro umverteilt haben, insgesamt zeigen, dass diese Form des solidarischen Handelns funktioniert. Im Idealfall tr\u00e4gt das auch dazu bei, die Gemeinschaft zu st\u00e4rken, weil Menschen nicht alleingelassen werden und das Wissen um die M\u00f6glichkeit, dass hier Unterst\u00fctzung erfahren werden kann, und andere Menschen Verantwortung \u00fcbernehmen, verbreitet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>___________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Das Projekt ist unter \u00bbDezentraler Community Mietrettungs-Fonds (beta)\u00ab auf Telegram zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> BIPoC ist eine Selbstbezeichnung und und bedeutet \u00bbBlack, Indigenous, People of Color\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Sebastian Friedrich auf Twitter am 4. April 2020: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/formelfriedrich\/status\/1246375185290276864\">https:\/\/twitter.com\/formelfriedrich\/status\/1246375185290276864<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Interview mit C.S., gef\u00fchrt von Joana Splieth | Der Dezentrale Community Mietrettungs-Fonds aus Berlin erprobt Konzepte au\u00dferstaatlicher Umverteilung.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-603","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=603"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":610,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/603\/revisions\/610"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}