{"id":593,"date":"2021-03-19T10:48:35","date_gmt":"2021-03-19T09:48:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=593"},"modified":"2021-03-19T10:48:37","modified_gmt":"2021-03-19T09:48:37","slug":"ich-krieg-die-krise-huch91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/03\/ich-krieg-die-krise-huch91\/","title":{"rendered":"Ich krieg die Krise! &#8211; HUch#91"},"content":{"rendered":"\n<p>| von  Jasper Janssen und Jordi Ziour | <\/p>\n\n\n\n<p><em>Das in Coronazeiten allgegenw\u00e4rtig gewordene Gerede \u00fcber Resilienz im Studium scheint sich um unser aller Wohlergehen zu sorgen. In Wirklichkeit aber f\u00fchrt es zur Individualisierung und Entpolitisierung der Krisenbew\u00e4ltigung.  <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-636x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-595\" width=\"451\" height=\"725\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-636x1024.jpg 636w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-186x300.jpg 186w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-768x1236.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-954x1536.jpg 954w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-1272x2048.jpg 1272w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-15x24.jpg 15w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-22x36.jpg 22w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-30x48.jpg 30w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten_cut-scaled.jpg 1590w\" sizes=\"auto, (max-width: 451px) 100vw, 451px\" \/><figcaption>Bild: Mariana Papagni<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Kombination aus Unsicherheit und hohem Druck ist Gift\u00ab<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>, titelte <em>Zeit Campus<\/em> am 17. Juni 2020. Seit dem Sommersemester wird online studiert, mehr Seminarleistungen kommen hinzu und soziale Kontakte werden reduziert. Die Tagesstruktur bricht ein, Arbeits- und Freizeit verschmelzen vollends: Selbstorganisation wird zum Credo. Zu allem \u00dcberfluss ist auch noch der Job weg und das Konto leer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle k\u00f6nnen mit diesen Anforderungen umgehen. \u00bbSt\u00e4rke deine Resilienz und werde zum Stehauf-Menschen!\u00ab, r\u00e4t das Internetportal <em>Studis-Online<\/em> und erkl\u00e4rt weiter: \u00bbBleib cool! Stressverst\u00e4rker abk\u00fchlen, innere Haltung \u00e4ndern\u00ab und \u00bbMach mal locker!\u00ab<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a> Die Vizepr\u00e4sidentin der Uni Hamburg postuliert, das Semester k\u00f6nne \u00bbgelingen, wenn wir die Herausforderungen auch als Chance begreifen\u00ab<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt absurd, aber ist da nicht etwas Wahres dran? N\u00fctzt es nicht, die Situation anzunehmen, wie sie ist? Ein strukturierter Alltag hilft bei der Stressbew\u00e4ltigung. Wenn uns die Decke auf den Kopf f\u00e4llt, dann suchen wir Halt bei Freund_innen. Einen Umgang mit dem Stress zu finden ist wichtig \u2013 sei es durch Achtsamkeitsmeditationen, Yogakurse oder einen Abend vor dem Bildschirm. Von Esoteriker_innen \u00fcber Linke bis hin zu Unternehmensberater_innen \u2013 f\u00fcr sie alle ist Resilienz l\u00e4ngst zum neuen Zauberwort im Umgang mit Druck und Unsicherheiten avanciert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Resilienz \u2013 was hei\u00dft das eigentlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist das Resilienz-Konzept nicht neu. \u00bbResilire\u00ab steht im Lateinischen f\u00fcr \u00bbZur\u00fcckspringen\u00ab oder \u00bbAbprallen\u00ab und markiert den etymologischen Ausgangspunkt des Resilienz-Begriffs. Dieser ist eigentlich der Werkstoffphysik entlehnt und beschreibt urspr\u00fcnglich die \u00bbEigenschaft elastischer Materialien, nach Verformung wieder in die Ausgangsposition zur\u00fcckzukehren\u00ab<a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor rund f\u00fcnfzig Jahren \u00fcbertrug Crawford Stanley Holling diese Logik auf die \u00d6kologie und stellte sein Modell der \u00bbecological resilience\u00ab<a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a> vor. Seine Annahme: Die Anpassungs- und Regenerationsf\u00e4higkeiten (sozial-)\u00f6kologischer Systeme werde (erst) durch externe Einfl\u00fcsse und Schocks herausgebildet, die so zentral f\u00fcr deren fortschreitende \u00bbEvolution\u00ab werden. Auf Hollings Grundlagen aufbauend, beschreibt Resilienz heute die grunds\u00e4tzliche Widerstands- und Anpassungsf\u00e4higkeit von Systemen, Institutionen, Gruppen oder Einzelpersonen \u2013 ihre F\u00e4higkeit also, mit einschneidenden Ereignissen, Krisen oder Schocks umzugehen. Somit fragt Resilienz nicht mehr danach, wie <em>externe St\u00f6rungen<\/em> beseitigt oder verhindert werden k\u00f6nnen, sondern nimmt die Herausbildung einer \u00bb<em>interne[n] St\u00f6rverarbeitungskompetenz\u00ab<a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/em> in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Psychologie entwickelte sich in den 1950ern ein Resilienz-Konzept, das die \u00bbpsychische Widerstandskraft\u00ab von Menschen in den Fokus r\u00fcckt. Resilienz wird als erlernbare Eigenschaft des Menschen aufgefasst, um Krisen und Stress ohne nachhaltige Sch\u00e4den zu \u00fcberstehen. Damit wird Resilienz zu einer Bew\u00e4ltigungsstrategie, welche die Verwundbarkeit des Menschen gegen\u00fcber Ersch\u00f6pfung, Krisen und Stress reduzieren soll. Sie zielt auf ein optimiertes Individuum, das Krisen standhaft ertr\u00e4gt.<a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4ngst ist Resilienz als \u00bbtransformatives Paradigma\u00ab<a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a> des Menschen auch im Studium angekommen. Im Interview mit dem Bayrischen Rundfunk empfiehlt die promovierte Psychologin und Yogalehrerin Nora-Corina Jacob den Studierenden, w\u00e4hrend der Coronazeit positiv zu denken, sich Zeit f\u00fcr Freund_innen zu nehmen und soziale Kontakte zu suchen.<a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a> Die <em>FAZ<\/em> r\u00e4t dem \u00bbStehaufstudenten\u00ab, \u00bberfolgreich [zu] scheitern\u00ab<a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a>. Und die Universit\u00e4t Konstanz forderte im Webinar \u00bbCorona und Stress: Resilienz in Krisensituationen\u00ab: \u00bbJetzt ist es wichtig, dass du dein Stressmanagement entwickelst und auffrischst\u00ab<a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a>. Turid M\u00fcller empfiehlt auf <em>Studis-Online<\/em>, in Coronazeiten eine Alltagsstruktur aufzubauen: \u00bbSchaffe Dir feste Zeiten, in denen Du lernst, arbeitest, Feierabend und Wochenende hast.\u00ab Aber: \u00bbBegrenze die Zeit, in der Du Dich mit Nachrichten \u00fcber die Krise besch\u00e4ftigst.\u00ab Fehlt Dir Gesellschaft, dann \u00bbhole sie virtuell ins Haus\u00ab. Aber Vorsicht \u2013 Selbstschutz ist wichtig, also achte darauf \u00bbwelche Kontakte dich n\u00e4hren, und welche Kraft saugen\u00ab und vergiss am Ende blo\u00df nicht, \u00bbwie lange dein heimisches \u203aCallcenter\u2039 ge\u00f6ffnet haben sollte.\u00ab<a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei \u00f6konomischen oder \u00f6kologischen Systemen geht es auch hier darum, von Stress und Ersch\u00f6pfung keine langfristigen Sch\u00e4den davonzutragen. Die flexiblen Studierenden sollen widerstandsf\u00e4hig wie ein Baum im Wind dem Orkan trotzen und anschlie\u00dfend wieder stehen wie zuvor. Wenig \u00fcberraschend argumentieren Autor_innen wie Stefanie Graefe und Ulrich Br\u00f6ckling, dass Resilienz zum \u00bbSchl\u00fcsselkonzept des 21. Jahrhunderts\u00ab avanciert sei \u2013 eine Denkfigur, die \u00bbWirklichkeitswahrnehmungen, Probleml\u00f6sungsmodelle und Anleitungen zur Selbst- und Fremdf\u00fchrung beeinflusst und ihre \u00dcberarbeitung nahelegt.\u00ab<a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die ganz normale Krise: Studieren im Neoliberalismus <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Die omnipr\u00e4sente Aufforderung, \u00bban sich selbst zu arbeiten\u00ab<a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a>, die eigene Widerstandskraft zu trainieren und resilienter mit der Krise umzugehen, verweist auf den neoliberalen Imperativ individueller Verantwortung f\u00fcr das eigene Gl\u00fcck und Wohlergehen. Sp\u00e4testens mit den Bologna-Reformen leitet dieser Imperativ auch das Universit\u00e4tsgeschehen. Konkurrenz und Stress erhalten verst\u00e4rkt Einzug in den Bildungsalltag, sodass Studierende das Studium zunehmend als Investition in ihr Humankapital wahrnehmen, von dem sie sich Renditen zu erhoffen haben.<a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen eines Lehrfoschungsprojekts im Jahr 2018<a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a> untersuchten wir zusammen mit vier weiteren Kommiliton_innen, wie Studierende Krisen w\u00e4hrend des Studiums erleben und mit ihnen umgehen. Dabei gleichen unsere Forschungsergebnisse den Diagnosen der Arbeitssoziologie im Bereich der Erwerbsarbeit. Die Interviewten \u00e4u\u00dferten mehrheitlich, dass der Studienbeginn mit seiner neu gewonnenen Autonomie zur \u00dcberforderung f\u00fchre. Die Kombination aus dem Wegfall gewohnter Strukturen, wie Elternhaus oder Schule, und einem flexibilisierten und entgrenzten Studienalltag machen eine weitgehende Selbstorganisation<strong> <\/strong>notwendig. Dabei f\u00e4llt die universit\u00e4re Anforderung des Selbstmanagements mit den W\u00fcnschen nach Autonomie und Selbstverwirklichung zusammen. Wie sich gezeigt hat, m\u00fcndet dieses Dilemma in einen \u00bbKampf um Freizeit\u00ab. Um den Stress zu bew\u00e4ltigen, begannen die Interviewten, ihr Leben umzustrukturieren, \u00e4u\u00dferten den Wunsch, noch \u00bbsystematischer leben\u00ab zu wollen und wurden zu Selbstmanager_innen ihres Daseins.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Befunde verweisen auf das Konzept der Selbstf\u00fchrung als Subjektivierungsform in der Universit\u00e4t. Im Anschluss an Foucault versteht Ulrich Br\u00f6ckling Subjektivierung als \u00bbeinen Formungsprozess, bei dem gesellschaftliche Zurichtung und Selbstmodellierung in eins gehen\u00ab<a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a>. Das Besondere an dem Machttyp der Selbstf\u00fchrung ist, dass er die Freiheit der Subjekte voraussetzt und zugleich einen Handlungsdruck auf sie aus\u00fcbt: \u00bbMan leidet in der flexibilisierten Gegenwartsgesellschaft demzufolge nicht in erster Linie daran [&#8230;], auf die eine oder andere Weise einem <em>fremden<\/em> Willen unterworfen zu werden, als vielmehr daran, den eigenen Willen nicht nur ausleben zu <em>k\u00f6nnen<\/em>, sondern dies auch zu<em> m\u00fcssen <\/em>und selbst zu <em>wollen\u00ab<a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a><\/em>. Das Autonomiepotential selbst wird also zur Belastung. Dabei werden die abstrakten W\u00fcnsche der Autonomie, n\u00e4mlich <em>Selbstverwirklichung <\/em>und <em>Selbstbestimmung, <\/em>haupts\u00e4chlich durch den konkreten Bereich der <em>Selbstorganisation <\/em>realisiert, deren Eigenschaften weitestgehend deckungsgleich mit denen der Resilienz sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich Autonomie auch im Studium vor allem in Form von Selbstorganisation realisiert, l\u00e4sst sich durch die dem Studium eigenen Grenzen, also vor allem den expliziten zeitlichen Rahmen der Studienfinanzierung (Regelstudienzeiten, F\u00f6rderungsh\u00f6chstdauer, Kreditrahmen, Langzeitstudiengeb\u00fchren usw.)<strong> <\/strong>und den allgegenw\u00e4rtigen Konkurrenzdruck (Entwertung akademischer Abschl\u00fcsse, Notwendigkeit von Zusatzqualifikationen, steigende Studierendenzahlen usw.) erkl\u00e4ren. Der Anforderungsdruck, der sich aus diesen Rahmenbedingungen ergibt, wirkt als repressiver Motivator auf Studierende und f\u00fchrt zur Ersch\u00f6pfung und \u00dcberforderung, sodass die Ausbildung von Resilienz und Selbstorganisation als Bew\u00e4ltigungsstrategie notwendig wird, um den eigenen Anspr\u00fcchen nach Selbstverwirklichung, aber auch reiner Krisenbew\u00e4ltigung n\u00e4her zu kommen.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die etwas andere Krise: Corona und Studium<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anders als die pandemiebezogene Krisenrethorik nahelegt, hat die Krise also nicht erst mit Corona Einzug in die H\u00f6rs\u00e4le und Studierenden-WGs gehalten. Bereits das Studieren in der Normalit\u00e4t ist von Krisenerfahrungen gepr\u00e4gt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wird Resilienz stets als Praxis der Selbstf\u00fchrung im Umgang mit den \u00bbHerausforderungen\u00ab des Studiums adressiert. Die besonders dramatischen Erfahrungen vieler Studierender in Zeiten der Pandemie stellt dementsprechend keinen Bruch dar, sondern bringt lediglich die Kehrseite von Resilienzstrategien ans Licht. Wie unter dem Brennglas offenbart das Resilienznarrativ seine Tendenz zu sozialdarwinistischen Logiken, die nicht zuletzt auf dessen (sozial)\u00f6kologische Grundlagen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Denn \u00bbdie Herausforderungen als Chance zu begreifen\u00ab und \u00bbaus der Krise zu lernen\u00ab hei\u00dft, Studierende \u2013 aktiv oder durch Unterlassung \u2013 Gef\u00e4hrdungssituationen auszusetzen und an ihre Selbstorganisation zu appellieren.  <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kommt es zu einer impliziten Aufteilung der Studierenden in jene, welche \u00fcber die Mittel verf\u00fcgen, sich vor Risiken zu sch\u00fctzen, und jene, welche die Konditionen ihrer eigenen Verwundbarkeit zu akzeptieren haben. Die unterschiedlichen Grade der Betroffenheit werden dabei kaum thematisiert oder im Rahmen sogenannter Einzelfalll\u00f6sungen verschleiert.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungsintensit\u00e4t \u2013 genauso wie die M\u00f6glichkeit, Resilienzen auszubilden \u2013 ist nicht zuletzt vom sozial-\u00f6konomischen und gesundheitlichen Zustand der jeweils Betroffenen abh\u00e4ngig. Und obwohl der Appell an Resilienzausbildung Faktoren wie finanzielle Unsicherheit, Erkrankungen, Kinder oder Pflegeverpflichtungen zumindest teilweise als Gef\u00e4hrdungs-Multiplikatoren anerkennt, wird die Verantwortung, mit diesen umzugehen, \u2013 genau wie im \u00bbnormalen\u00ab Universit\u00e4tsbetrieb \u2013 weitestgehend zum Gegenstand der Selbstorganisation erkl\u00e4rt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das Endprodukt dieses Vorgehens ist ein Bildungssystem, \u00bban welchem nur privilegierte Menschen teilhaben k\u00f6nnen und welches durch elit\u00e4re und undemokratische Ausleseprozesse gl\u00e4nzt.\u00ab<a href=\"#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a> Jene Studierenden, die nicht resilient genug waren, um die Krise zu meistern \u2013 geschweige denn aus ihr zu lernen \u2013 werden damit f\u00fcr die Universit\u00e4t zum tragischen Kollateralschaden einer unabwendbaren \u00bbh\u00f6heren Gewalt\u00ab<a href=\"#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich ist es nicht die Pandemie an sich, welche die wesentliche Gef\u00e4hrdung des Corona-Semesters darstellt, sondern der institutionelle Umgang mit ihr, der die zuvor schon krisenhaften Studienverh\u00e4ltnisse noch versch\u00e4rft. Das verdeutlichen die vereinzelten positiven Erfahrungen des Semesters: So stehen dem weitgehenden Nicht-Verhalten vieler Lehrinstitutionen vereinzelt auch konkrete Zugest\u00e4ndnisse oder zumindest tempor\u00e4re Reformen gegen\u00fcber, die das erste Corona-Semester f\u00fcr einige Studierende zu einer \u00fcberraschend positiven Ausnahme von der Normalit\u00e4t machten. Studium als Krise zu erleben, ist pl\u00f6tzlich legitim. Pr\u00fcfungsanforderungen werden in einigen F\u00e4llen angepasst und Raum f\u00fcr Pr\u00fcfungsr\u00fccktritte und -wiederholungen geschaffen. Das sind nur zwei praktische Beispiele f\u00fcr Regulationsm\u00f6glichkeiten, die Universit\u00e4ten und Bildungsministerien zur Verf\u00fcgung stehen und das Potential haben, die Krisenerfahrungen von Studierenden abzumildern, indem sie den kollektiven Anforderungsdruck senken.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kleinen Zugest\u00e4ndnisse werden die Durchsetzung des Resilienz-Paradigmas jedoch nicht aufhalten k\u00f6nnen, denn sie stehen in keinem Widerspruch zur Resilienz-orientierten Selbstf\u00fchrung. Letztere hat die Normalisierung der Krise zur Folge, die nicht mehr als Gefahr verstanden, sondern zu einer Wachstumsm\u00f6glichkeit verkl\u00e4rt wird. In der Konsequenz erleben wir eine radikale Entpolitisierung, in der sich die Subjekte immer nur mit den dynamisch ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden ihres Lebens arrangieren, ohne auch nur zu erw\u00e4gen, dass sich die Welt, in der sie leben, auch ver\u00e4ndern lie\u00dfe. <em>Widerst\u00e4ndigkeit <\/em>wird damit von der politischen F\u00e4higkeit, nach Freiheit von konkreten Bedrohungen zu streben, zu einem reaktiven Impuls umgedeutet, in dem politische Utopie keinen Ort mehr hat.<\/p>\n\n\n\n<p>_______________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a><sup> <\/sup>Hannah Bley: <em>Studium und Corona: \u00bbDie Kombination aus Unsicherheit und hohem Druck ist Gift\u00ab<\/em>, in: ZEIT Campus, 17.06.2020, online unter: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/campus\/2020-06\/studium-und-corona-krise-pandemie-universitaet-online-studium\/komplettansicht\">https:\/\/www.zeit.de\/campus\/2020-06\/studium-und-corona-krise-pandemie-universitaet-online-studium\/komplettansicht<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a><sup> <\/sup>Turid M\u00fcller: <em>Corona &amp; Studium: Auswirkungen f\u00fcr Studierende und Studieninteressierte. Was tun in der Corona-Krise f\u00fcr Studium &amp; Beruf? St\u00e4rke deine Resilienz und werde zum Stehauf-Menschen!<\/em>, online unter: <a href=\"https:\/\/www.studis-online.de\/Studieren\/resilienz-in-studium-und-beruf.php\">https:\/\/www.studis-online.de\/Studieren\/resilienz-in-studium-und-beruf.php<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a><sup> <\/sup>Universit\u00e4t Hamburg: Brief der Vizepr\u00e4sidentin f\u00fcr Studium und Lehre an die Studierenden der Universit\u00e4t Hamburg vom 03.04.2020, online unter: <a href=\"https:\/\/www.uni-hamburg.de\/newsroom\/intern\/2020\/0131-corona-faq\/20200403-studierende.pdf\">https:\/\/www.uni-hamburg.de\/newsroom\/intern\/2020\/0131-corona-faq\/20200403-studierende.pdf<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a><sup>  <\/sup>Ulrich Br\u00f6ckling: <em>Gute Hirten f\u00fchren sanft: \u00fcber Menschenregierungsk\u00fcnste, <\/em>Suhrkamp 2017, S. 2.  <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a><sup> <\/sup>Crawford Stanley Holling: \u00bbResilience and Stability of Ecolocial Systems\u00ab, in: <em>Annual Review of Ecology and Systematics<\/em> 4, 1973, S. 1-23.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a><sup> <\/sup>Brad Evans, Julien Reid: <em>Dangerously exposed: The life and death of the resilient subject,<\/em> Resilience, 1, 2013, S. 84.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a><sup> <\/sup>Vgl. Ulrich Br\u00f6ckling: <em>Gut angepasst? Belastbar? Widerstandsf\u00e4hig? Resilienz und Geschlecht<\/em>, in: Roland Anhorn, Marcus Balzereit (Hg.): <em>Handbuch Therapeutisierung und Soziale Arbeit,<\/em> Springer VS 2016, S. 397, online unter: <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/content\/pdf\/10.1007%2F978-3-658-10870-0.pdf\">https:\/\/link.springer.com\/content\/pdf\/10.1007%2F978-3-658-10870-0.pdf<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a><sup> <\/sup>Stefanie Graefe:<em> Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsf\u00e4higkeit, <\/em>transcript 2019, S.21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a><sup> <\/sup>Martin Moser, Sabine Pusch: <em>Studieren in Zeiten von Corona: Gut durch die Krise kommen &#8211; aber wie?<\/em> Bayrischer Rundfunk: ARD-alpha. M\u00fcnchen, online unter: <a href=\"https:\/\/www.br.de\/fernsehen\/ard-alpha\/sendungen\/campus\/resilienz-corona-krise-ueberleben-tipps-alltag-100.html\">https:\/\/www.br.de\/fernsehen\/ard-alpha\/sendungen\/campus\/resilienz-corona-krise-ueberleben-tipps-alltag-100.html<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a><sup>  <\/sup>Henrik Pomeranz: <em>Stehaufstudenten: So steigert man die Resilienz im Studium \u2013 Blogseminar, <\/em>Frankfurter Allgemeine, Frankfurt, 13.12.18, online unter: <a href=\"https:\/\/blogs.faz.net\/blogseminar\/stehaufstudenten-resilienz-im-studium\/\">https:\/\/blogs.faz.net\/blogseminar\/stehaufstudenten-resilienz-im-studium\/<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a><sup> <\/sup>Stefanie M\u00fcller: <em>Webinar: Corona und Stress: Resilienz in der Krisensituation. Universit\u00e4t Konstanz<\/em>, online unter: <a href=\"https:\/\/www.uni-konstanz.de\/abteilung-studium-und-lehre\/aktuelles-und-veranstaltungen\/veranstaltungen-im-detail-abteilung-studium-und-lehre\/2020\/4\/24\/event\/37352-Webinar-Corona-und-Stres\/tx_cal_phpicalendar\/\">https:\/\/www.uni-konstanz.de\/abteilung-studium-und-lehre\/aktuelles-und-veranstaltungen\/veranstaltungen-im-detail-abteilung-studium-und-lehre\/2020\/4\/24\/event\/37352-Webinar-Corona-und-Stres\/tx_cal_phpicalendar\/<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a><sup>  <\/sup>Turid M\u00fcller: <em>Corona &amp; Studium: Auswirkungen f\u00fcr Studierende und Studieninteressierte. Was tun in der Corona-Krise f\u00fcr Studium &amp; Beruf? St\u00e4rke deine Resilienz und werde zum Stehauf-Menschen!, <\/em>online unter: <a href=\"https:\/\/www.studis-online.de\/Studieren\/resilienz-in-studium-und-beruf.php\">https:\/\/www.studis-online.de\/Studieren\/resilienz-in-studium-und-beruf.php<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a><sup>  <\/sup>Stefanie Graefe: <em>Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsf\u00e4higkeit, <\/em>transcript 2019, S.21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a><sup>  <\/sup>Ebd., S. 67.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a><sup>  <\/sup>Vgl. Richart M\u00fcnch: \u201eBologna oder die Kapitalisierung der Bildung\u201c, in: <em>Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>, 55. Jahrg., Heft 1, 2010, S. 47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a><sup>  <\/sup>Jasper Janssen, Jordi Ziour, Lara Christochowitz, Felix Neubauer, Marie Mohrm\u00fcller, Moritz Otto Schneider: <em>\u00bbIch will mein ganzes Privatleben noch mehr auf dieses Studium ausrichten\u00ab. Die Selbstsorgepraxen Studierender in entgrenzten und subjektivierten Studienverh\u00e4ltnissen.,<\/em> Unver\u00f6ffentlichter Lehrforschungsbericht. Friedrich-Schiller Universit\u00e4t, Jena, 2018. Institut f\u00fcr Soziologie. Betreuende: Stefanie Graefe, Tine Haubner.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a><sup>  <\/sup>Ulrich Br\u00f6ckling: <em>Das unternehmerische Selbst<\/em>, Suhrkamp 2016, S. 31. Vgl. auch: Michel Foucault: <em>\u00c4sthetik der Existenz<\/em>, Suhrkamp 2015, S. 74.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a><sup>  <\/sup>Stefanie Graefe: <em>Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsf\u00e4higkeit, <\/em>transcript 2019, S. 74.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote19anc\">19<\/a><sup> <\/sup>Pluralistische Hochschule<em>: Autonomer Aufruf nicht-traditioneller bzw. benachteiligter Studierender gegen die Durchsetzung eines regul\u00e4ren Pflichtsemesters im Sommersemester 2020 an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t in Jena!, <\/em>Jena, 2020, online unter: <a href=\"https:\/\/www.coolis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Pflichtsemester.pdf\">https:\/\/www.coolis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Pflichtsemester.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote20anc\">20<\/a><sup> <\/sup>Universit\u00e4t Hamburg: <em>Auswirkungen der Corona-Pandemie f\u00fcr Studierende.<\/em> Hamburg 2020, online unter: <a href=\"https:\/\/www.uni-hamburg.de\/newsroom\/intern\/2020\/0323-auswirkungen-studierende.html\">https:\/\/www.uni-hamburg.de\/newsroom\/intern\/2020\/0323-auswirkungen-studierende.html<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Jasper Janssen und Jordi Ziour | Das in Coronazeiten allgegenw\u00e4rtig gewordene Gerede \u00fcber Resilienz im Studium scheint sich um unser aller Wohlergehen zu sorgen. In Wirklichkeit aber f\u00fchrt es zur Individualisierung und Entpolitisierung der Krisenbew\u00e4ltigung.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-593","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=593"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":602,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593\/revisions\/602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}