{"id":581,"date":"2021-03-05T13:54:02","date_gmt":"2021-03-05T12:54:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=581"},"modified":"2021-03-08T12:15:35","modified_gmt":"2021-03-08T11:15:35","slug":"leben-in-die-theorie-bringen-huch91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/03\/leben-in-die-theorie-bringen-huch91\/","title":{"rendered":"Leben in die Theorie bringen &#8211; HUch#91"},"content":{"rendered":"\n<p>| von  Pia K\u00fcnzel |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die <\/em>Bedeutung von Klasse<em> von bell hooks spiegelt das Leben der Autorin, das sich zwischen aktivistischer Praxis und akademischer Arbeit bewegte \u2013 und dabei insbesondere die Theorie mit Leben erf\u00fcllte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-724x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-582\" width=\"470\" height=\"665\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-724x1024.png 724w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-212x300.png 212w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-768x1086.png 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-1086x1536.png 1086w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-1448x2048.png 1448w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-17x24.png 17w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-25x36.png 25w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut-34x48.png 34w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/HUCH-91-Bildseiten5_cut.png 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><figcaption>Bild: Mariana Papagni<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Kaum ein_e Autor_in schafft es, so vielschichtige Themen in einem einzigen Buch aufzugreifen, wie bell hooks \u2013 diese Aussage \u00fcber ihre eigene Person w\u00fcrde ihr jedoch nicht gefallen. Sie will nicht glorifiziert, sondern ernst genommen werden f\u00fcr das, was sie schreibt. In ihrem Buch <em>Die Bedeutung von Klasse<\/em>, welches im Mai 2020 im Unrast Verlag in deutscher \u00dcbersetzung erschienen ist, thematisiert bell hooks in 14 Kapiteln, weshalb die Klassenanalyse in antirassistischen und feministischen Debatten oft zu kurz kommt. Sie analysiert daf\u00fcr das Zusammenwirken von Klassismus, Rassismus und Sexismus und zeigt Perspektiven f\u00fcr eine breit gedachte Solidarit\u00e4t auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch Kulturkritik, einer der Schwerpunkte in ihrer Forschung, wird in ihrem Buch artikuliert. Diese Themenfelder werden vor allem anhand von autobiographischen Erinnerungen skizziert und mit Theorie verwoben. Dabei geht es bell hooks um unterschiedliche Formen der Vermittlung \u2013 darum, dass die eigene Biographie auch in der theoretischen Verortung eine Rolle spielt. Ihre Sprache wechselt zwischen dem sanften, poetischen Schreiben \u00fcber den Schmerz, den sie als Schwarze Frau aus der US-amerikanischen Arbeiter_innenklasse erlebt hat, und einer k\u00e4mpferischen Absage an die Zust\u00e4nde dieser Gesellschaft. Indem sie ihre Theorie in einer zug\u00e4nglichen Sprache ausdr\u00fcckt, gelingt es ihr, die Ausschl\u00fcsse, die sie im akademischen Bereich erlebt hat, selbst nicht zu reproduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale Rolle von Praxis in bell hooks\u2018 Denken kann man aus jeder Seite des Buches herauslesen: Ihr Ziel ist es, die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern \u2013 und daf\u00fcr sind politische Kampfansagen vonn\u00f6ten. Einige Passagen aus dem Buch k\u00f6nnte man auch als Redebeitrag auf einer Demonstration halten \u2013 bell hooks kann \u00fcberzeugen. Dass sie ihre eigene Geschichte nicht ausklammert, sondern in ihre Analyse mit einflie\u00dfen l\u00e4sst, ist eine der gro\u00dfen St\u00e4rken dieses Buches. Ohne den subjektiven Faktor l\u00e4sst sich Theorie schlie\u00dflich nicht denken. bell hooks schreibt \u00fcber ihre Erfahrungen mit Klassismus, dar\u00fcber, wie diese ihren Aktivismus gepr\u00e4gt haben, und geht gleichzeitig \u00fcber diese hinaus, indem sie sie theoretisch fasst und einordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>bell hooks ist eine Klassenaufsteigerin. Aufgewachsen in Hopkinsville, Kentucky, in einem Arbeiter_innenhaushalt, hat sie an der University of California promoviert und lehrt mittlerweile Appalachian Studies<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/sup> am Berea College in Kentucky. Sie thematisiert die Angst, ihre Wurzeln zu verlieren: Um im akademischen Raum angenommen zu werden, wird allzu oft verlangt, die eigene Vergangenheit aufzugeben und sich zu assimilieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung von Klasse wird zun\u00e4chst durch episodenhaft erz\u00e4hlte Ausschnitte aus ihrer eigenen Biographie deutlich gemacht. Ihre Gro\u00dfeltern lebten als Selbstversorger_innen auf dem Land. Das Haus der Gro\u00dfeltern war f\u00fcr bell hooks \u00bbdie Verk\u00f6rperung einer verzauberten Erinnerung\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/sup>, voll mit Objekten der Vergangenheit, die wiederverwertet wurden. Diese f\u00fcr bell hooks so offensichtliche Sch\u00f6nheit des einfachen Lebens ihrer Gro\u00dfeltern war f\u00fcr Andere jedoch Grund, die Familie als \u00bbhinterw\u00e4ldlerisch\u00ab zu diffamieren. So versuchte bell hooks Mutter, ihrer Herkunft und dem damit einhergehenden Lebensstil zu entfliehen, indem sie sich den Habitus der Mittelklasse aneignete.<\/p>\n\n\n\n<p>bell hooks schreibt dar\u00fcber, dass viele Arbeiter_innenkinder mit einem st\u00e4ndigen Gef\u00fchl des Mangels aufwachsen \u2013 ihre Grundbed\u00fcrfnisse sind oft nicht gesichert und dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen sie sich genau jene materiellen G\u00fcter, die im Kapitalismus \u00fcber Status entscheiden, nicht leisten. Auch wenn sie versteht, dass Menschen der Arbeiter_innenklasse der \u00bbKultur des Konsums\u00ab verfallen, in einer Welt, in der Geld haben \u00fcber allem steht, z\u00e4hlen f\u00fcr sie doch andere Werte. Das sind genau die Werte, die ihr in ihrer Kindheit vermittelt wurden und die sie bis heute mit Stolz erf\u00fcllen: die Solidarit\u00e4t und der Zusammenhalt unter armen Schwarzen Menschen, die ihnen allen half, ein m\u00f6glichst angenehmes, wenn auch einfaches Leben zu f\u00fchren. Damit macht sie eine Dichotomie zwischen dem Streben nach mehr Konsum und dem Idealbild des einfachen Lebens auf, die moralisch begr\u00fcndet ist. Trotzdem wird deutlich, dass es ihr nicht nur um moralische \u00dcberlegenheit, sondern um Klassenkampf geht. Eine befreite Gesellschaft kann f\u00fcr sie nur erreicht werden, wenn man G\u00fcter gemeinschaftlich teilt und sich gegenseitig hilft, auch im Hier und Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Werte wurden bell hooks vor allem durch ihre christliche Erziehung in der Kirche und ihre religi\u00f6sen Eltern beigebracht, welche sie sp\u00e4ter auch f\u00fcr ihre patriarchalen Strukturen kritisierte. Dennoch spielen die Erinnerungen an die christliche Community ihrer Kindheit und deren helfendes Netz bis heute eine wichtige Rolle in ihrem Leben \u2013 hier kn\u00fcpfen ihre Erfahrungen an die anderer Schwarzer christlich-religi\u00f6ser Menschen in den USA an, f\u00fcr die die Kirche oft einer der wenigen R\u00fcckzugsr\u00e4ume war.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl bell hooks Familie auf ihre Lebensweise stolz war, kam auch viel Scham daf\u00fcr auf, der Arbeiter_innenklasse anzugeh\u00f6ren. bell hooks schreibt, dass ihr erst viel sp\u00e4ter die Klassenscham bewusst wurde, die dahintersteckte, dass in ihrer Kindheit nie \u00fcber Geld geredet wurde. Das ist ein Punkt, der sich konsequent durch ihr Buch zieht: Es wurde und wird nicht \u00fcber Klasse geredet. Die Unf\u00e4higkeit der privilegierteren Menschen dieser Gesellschaft, \u00fcber Klasse nachzudenken, wurde bell hooks im Studium besonders deutlich gezeigt. Dieses begann sie an der Universit\u00e4t in Kentucky. Sie traf dort auf <em>wei\u00dfe<\/em>, \u00fcberwiegend b\u00fcrgerliche Frauen, die ihr mit Verachtung und Ausschluss begegneten. \u00bbWir kamen nicht vom gleichen Planeten\u00ab, schreibt bell hooks dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fl\u00fcchtete sich in B\u00fccher und wechselte schlussendlich an die University of Stanford, in der Hoffnung, dort einen Ort zu finden, an dem man sie besser akzeptieren w\u00fcrde. Doch: \u00bbAusgerechnet an der Universit\u00e4t, wo sich der Gr\u00fcnder Leland Stanford vorgestellt hatte, dass sich verschiedene soziale Schichten treffen, musste ich feststellen, wie sehr Menschen mit Klassenprivilegien die Arbeiter_innenklasse f\u00fcrchteten und hassten.\u00ab Hier zeigt sich, dass auch diejenigen unter ihnen, die sich als Marxist_innen oder Sozialist_innen begreifen, oft keine tats\u00e4chliche Verbindung zu den Arbeiter_innen und armen Menschen haben, mit denen zusammen sie doch eigentlich f\u00fcr eine bessere Welt k\u00e4mpfen sollten. F\u00fcr ihre Lebensweise interessieren sie sich nicht, genauso wenig daf\u00fcr, Arbeiter_innen und arme Menschen ernst zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Verhaltensebene zu fassen, orientiert sich bell hooks\u2018 Begriff von Klasse auch daran, welche Vorstellungen man vom Leben hat, wie man f\u00fchlt, wie man handelt, wie man denkt. Gerade dieser Punkt scheint ihr sehr wichtig zu sein: Als privilegierte Person kommt es darauf an, diese Verhaltensweisen zu reflektieren und \u2013 vor allem \u2013 gemeinsam f\u00fcr eine klassenlose Gesellschaft zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser gemeinsame Kampf f\u00fcr eine bessere Welt ist f\u00fcr bell hooks\u2018 Denken zentral. Besonders deutlich wird dies in ihren Beitr\u00e4gen zum Feminismus. Schon in ihrem ersten Buch <em>Ain\u2018t I a woman<\/em> schreibt bell hooks \u00fcber den Ausschluss von BIPoC<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/sup> aus dem <em>wei\u00dfen<\/em>, b\u00fcrgerlichen Feminismus. Die Erfahrungen schwarzer und armer Frauen<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/sup> werden ausgeblendet, genau wie deren wissenschaftliche Arbeiten im universit\u00e4ren Diskurs. Zwar werden nach bell hooks mittlerweile einige BIPoC von b\u00fcrgerlichen Feminist_innen rezipiert und zu Ikonen stilisiert, jedoch finden die meisten nicht-<em>wei\u00dfen<\/em> Theoretiker_innen keinen Eingang in den akademischen Kanon. Besonders deutlich wird das Schweigen \u00fcber Fragen des Rassismus im b\u00fcrgerlichen, <em>wei\u00dfen<\/em> Feminismus laut bell hooks im Kampf gegen sexuelle Gewalt: Es wird sich auf die Befreiung von K\u00f6rpern bezogen und dar\u00fcber hinaus v\u00f6llig vergessen, dass es auch beim Rassismus um die Kontrolle und Zurichtung von K\u00f6rpern geht, was sich unter Anderem in kolonialen und post-kolonialen Praxen besonders deutlich zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die spezifische Situation armer Frauen wird vonseiten des b\u00fcrgerlichen, <em>wei\u00dfen<\/em> Feminismus nicht gesehen. Entsprechend kritisiert bell hooks an letzterem, dass er schon zu seinen Anfangszeiten die Befreiung der Frau haupts\u00e4chlich durch deren Integration in den Arbeitsmarkt vorsah. Dass arme Frauen schon immer arbeiten mussten, um sich und ihre Familien zu ern\u00e4hren, wird dabei vergessen. Und auch heute ist die von b\u00fcrgerlichen Frauen errungene Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt nur durch die Ausbeutung von Arbeiter_innen m\u00f6glich: Jemand muss schlie\u00dflich die Care-Arbeit erledigen, von der sich privilegierte Frauen durch ihre berufliche Emanzipation lossagen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann man Feminismus nun anders fassen, sodass ein gemeinsamer Kampf m\u00f6glich wird? Die Idee, dass Solidarit\u00e4t unter Frauen vor allem durch eine gemeinsame Unterdr\u00fcckungserfahrung generiert werden sollte, lehnt bell hooks ab \u2013 denn eine solche Voraussetzung verschleiert und mystifiziert die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse, in denen Frauen in verschiedenen sozialen Realit\u00e4ten leben. Wer sich selbst nur als Opfer sieht, ist oft unf\u00e4hig, die eigenen Verstrickungen in Rassismus, Klassismus und Sexismus zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Solidarit\u00e4t unter Frauen ist laut bell hooks dennoch essenziell. Was den feministischen Kampf n\u00e4mlich eigentlich eint, ist sein politisches Ziel: das Ende aller sexistischen Unterdr\u00fcckung. Was hier f\u00fcr den Feminismus gesagt wird, kann ebenso auf andere K\u00e4mpfe angewendet werden: \u00bbFrauen m\u00fcssen lernen, auch f\u00fcr K\u00e4mpfe, die sie nicht direkt als Individuen betreffen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Feministische Bewegungen, genau wie andere radikale K\u00e4mpfe in unserer Gesellschaft, leiden darunter, wenn individuelle Probleme und Priorit\u00e4ten der einzige Grund sind, sich an ihren zu beteiligen. Wenn wir hingegen kollektiv verschiedene K\u00e4mpfe angehen, st\u00e4rken wir unsere Solidarit\u00e4t.\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Diese theoretisch begr\u00fcndete Notwendigkeit der Sorge um das Kollektiv \u00fcberf\u00fchrt bell hooks direkt in praktische Ans\u00e4tze, Klassenk\u00e4mpfe mit antirassistischen und feministischen K\u00e4mpfen zu vereinen. Beispielsweise schl\u00e4gt sie das Bilden von Wohnungsgenossenschaften nach feministischen Prinzipien vor und zeigt damit, dass sich diese K\u00e4mpfe nicht voneinander trennen lassen, wenn man es ernst damit meint, Unterdr\u00fcckung abzuschaffen. F\u00fcr bell hooks geht es darum, dass b\u00fcrgerliche, <em>wei\u00dfe<\/em> Feministinnen lernen, zuzuh\u00f6ren \u2013 dass man gegenseitig voneinander lernt. Gleichzeitig bleibt die Perspektive auf eine bessere Gesellschaft universell.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt, den bell hooks aufgreift, betrifft die Spaltung innerhalb der US-amerikanischen Arbeiter_innenklasse. Trotz des immer gravierenderen Unterschiedes zwischen Arm und Reich gibt es wenig Solidarit\u00e4t unter armen Menschen. Dabei spielt nat\u00fcrlich der Rassismus vieler <em>wei\u00dfer<\/em> Arbeiter_innen eine Rolle. Solange Schwarz sein mit arm sein verkn\u00fcpft ist, k\u00f6nnen sich <em>wei\u00dfe<\/em> arme Menschen immer noch ein St\u00fcck \u00fcberlegen f\u00fchlen. <em>Wei\u00dfe<\/em> Armut ist nicht sichtbar, sie wird medial nur selten aufgegriffen. Dass auch <em>wei\u00dfe<\/em> Personen, sofern sie nicht privilegiert sind, jederzeit alles verlieren k\u00f6nnen, wollen sie nicht wahrhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>bell hooks thematisiert immer wieder das Trugbild der klassenlosen Gesellschaft, das in den USA vorherrscht, den Glauben an den American Dream. Damit dieses Bild auch bei denen, die die Klassengesellschaft am h\u00e4rtesten trifft, aufrechterhalten werden kann, besteht im Kapitalismus und in der herrschenden Klasse kein Interesse daran, die Arbeiter_innen vereint zu sehen. Genau deshalb fordert bell hooks dazu auf, dass sich progressive Arbeiter_innen zusammenschlie\u00dfen. Wenn Klassenkampf antirassistisch wird, dann \u00bbk\u00f6nnte der Kampf gegen Armut leicht zu einem Thema der B\u00fcrgerrechte mit hoher Anziehung werden, in der sich Gruppen zusammenschlie\u00dfen, die sich vorher noch nie zusammengetan haben, um ihre gemeinsame Hoffnung auf ein demokratischeres und gerechteres Leben zu st\u00fctzen \u2013 in einer Welt, in der allen die Grundbed\u00fcrfnisse zum Leben, entsprechend ihrer individuellen Bed\u00fcrfnisse zur Verf\u00fcgung stehen.\u00ab<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung von Klasse nimmt in bell hooks\u2018 Denken also einen gro\u00dfen Platz ein. Sie versucht ihr Leben danach auszurichten, ansprechbar zu bleiben und jenen eine Stimme zu geben, die im Diskurs keine haben. Sie versteht sich in scharfer, polemischer Kritik und kann L\u00f6sungen aufzeigen, wo meist nur Fragen gestellt oder harte Abgrenzungen gezogen werden. Obwohl ihr Buch <em>Die Bedeutung von Klasse<\/em> bereits vor 20 Jahren erschienen ist, liefert es also wichtige Beitr\u00e4ge auch f\u00fcr aktuelle deutschsprachige Debatten zum Thema Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p>bell hooks vergisst nie, die unterschiedliche Betroffenheit der Menschen in der Klassengesellschaft zu betonen, nicht zuletzt anhand ihrer eigenen Biografie. Wenn es jedoch um politisches Handeln geht, ist es wichtig, sich vor Augen zu f\u00fchren, dass Klassenkampf alle etwas angeht. bell hooks zeigt, wie man ihn gemeinsam k\u00e4mpfen und mit Antirassismus und Feminismus verbinden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>__________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p>[<a href=\"#sdfootnote1anc\">1]<\/a> Die Appalachia sind eine Gebirgskette im Osten Nordamerikas, wo auch bell hooks\u2018 Geburtsort liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>[<a href=\"#sdfootnote2anc\">2]<\/a>  bell hooks: <em>Die Bedeutung von Klasse<\/em>, M\u00fcnster 2020, S. 24.<\/p>\n\n\n\n<p>[<a href=\"#sdfootnote3anc\">3] <\/a>BIPoC ist eine Selbstbezeichnung und bedeutet \u201eBlack, Indigenous, People of Color\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>[<a href=\"#sdfootnote4anc\">4] <\/a>Im Englischen verwendet bell hooks das Wort \u00bbwomen\u00ab, in der deutschen \u00dcbersetzung wird von \u00bbFrauen\u00ab gesprochen, dieser Begriff wird hier \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">[5] <\/a>bell hooks:\u00bbSISTERHOOD. Political Solidarity Between Women\u00ab, in: <em>Feminist Review<\/em>, No. 23, 1986, S. 137. \u00dcbersetzung P.K.<\/p>\n\n\n\n<p>[<a href=\"#sdfootnote6anc\">6]<\/a>  bell hooks: <em>Die Bedeutung von Klasse<\/em>, M\u00fcnster 2020, S. 132.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Pia K\u00fcnzel | Die Bedeutung von Klasse von bell hooks spiegelt das Leben der Autorin, das sich zwischen aktivistischer Praxis und akademischer Arbeit bewegte \u2013 und dabei insbesondere die Theorie mit Leben erf\u00fcllte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=581"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":586,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions\/586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}