{"id":572,"date":"2021-02-26T11:41:09","date_gmt":"2021-02-26T10:41:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=572"},"modified":"2021-02-26T11:42:18","modified_gmt":"2021-02-26T10:42:18","slug":"kartoffel-ist-keine-selbstbezeichnung-huch91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/02\/kartoffel-ist-keine-selbstbezeichnung-huch91\/","title":{"rendered":"\u00bbKartoffel\u00ab ist keine Selbstbezeichnung &#8211; HUch#91"},"content":{"rendered":"\n<p>|  von Phu Nguyen |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Begriffe \u00bbAlman\u00ab und \u00bbKartoffel\u00ab sind zur Zeit von allen Seiten zu h\u00f6ren. Dabei wird jedoch wenig beachtet, wie problematisch es ist, wenn sich wei\u00df-deutsche Personen diese Identit\u00e4ten aneignen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-691x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-574\" width=\"524\" height=\"777\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-691x1024.jpg 691w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-202x300.jpg 202w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-768x1138.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-16x24.jpg 16w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-24x36.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut-32x48.jpg 32w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten16_cut.jpg 1012w\" sizes=\"auto, (max-width: 524px) 100vw, 524px\" \/><figcaption>Bild: Mariana Papagni<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Seitdem ich mich politisch organisiere, in <em>wei\u00df<\/em>-dominierten Politgruppen aktiv bin und meinen politischen Schwerpunkt auf Antirassismus und Intersektionalit\u00e4t lege, treffe ich des \u00f6fteren auf <em>wei\u00dfe <\/em>Personen, die den Begriff \u00bbKartoffel\u00ab oder \u00bbAlman\u00ab als Selbstbezeichnung f\u00fcr sich verwenden. Aussagen wie \u00bbUnsere Gruppe ist schon sehr kartoffelig\u00ab oder \u00bbIst es okay, wenn wir Kartoffeln euch bei eurer BIPoC<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Veranstaltung unterst\u00fctzen?\u00ab begegnen mir regelm\u00e4\u00dfig. Die W\u00f6rter h\u00f6re ich also h\u00e4ufig \u2013 sowohl von BIPoCs, als auch von <em>wei\u00dfen <\/em>Menschen. Was mir dabei jedoch besonders in Erinnerung bleibt, sind vor allem die Blicke der <em>wei\u00dfen<\/em> Personen, die mich, nachdem  einer der Begriffe gefallen ist, meist erwartungsvoll anschauen. Dies hinterl\u00e4sst bei mir meist ein Gef\u00fchl des Unbehagens.  <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhatte schon viele Unterhaltungen mit BIPoC-Freund_innen, in denen wir\nuns fragten, ob \u00bbKartoffel\u00ab nicht das \u00bbK-Wort\u00ab f\u00fcr <em>wei\u00dfe<\/em>\nMenschen sei: \u00bbK-Wort\u00ab deshalb, weil es so schien, als ob nur <em>wei\u00dfe<\/em>\nMenschen den Begriff benutzen und sich aneignen d\u00fcrften.\nIn diesen Diskussionen ging es oft auch um mein Unbehagen mit der\nBezeichnung. Was dieses Gef\u00fchl genau ausl\u00f6st und was ich daran als\nverkehrt wahrnehme, konnte ich jedoch lange nicht benennen. Erst in\neinem Gespr\u00e4ch mit einer anderen PoC-Freundin wurde mir meine Kritik\nklarer. Wir sammelten \u00bbMerkmale einer <em>wei\u00dfen<\/em>\nlinken Zecke\u00ab, sprachen \u00fcber die Verwendung des\n\u00bbKartoffel\u00ab-Begriffs in diesen Kontexten und kamen zu folgendem\nSchluss: \u00bbDiese Personen nennen sich selbst Kartoffel, um sich\nweniger angegriffen zu f\u00fchlen!\u00ab Ich will an diese Diskussion\nankn\u00fcpfen und versuchen zu erkl\u00e4ren, warum es leider ziemlich\nunsolidarisch und vor allem selbstgerecht ist, sich als <em>wei\u00dfe\n<\/em>und deutsch\nsozialisierte Person eine Kartoffel-Identit\u00e4t anzueignen und damit\neinen Beitrag zum Diskurs um <em>wei\u00dfe<\/em>\nSelbstbezeichnungen er\u00f6ffnen, der bisher vor allem von <em>wei\u00dfen<\/em>\nPersonen ziemlich un\u00fcberlegt gef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kolonialismus und rassistische Kontinuit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nKampf um die Existenzberechtigung marginalisierter Identit\u00e4ten und\ndie Befreiung von der Unterdr\u00fcckung durch<em>\nwei\u00dfe <\/em>existiert, \nseit es den Kolonialismus gibt \u2013 das hei\u00dft seit mindestens 500\nJahren. Unsere Widerstands- und Befreiungsk\u00e4mpfe gingen immer schon\nmit der weltweiten, von <em>wei\u00dfen<\/em>\nverursachten und betriebenen Gewaltherrschaft einher. Diese Tatsache\nhat die <em>wei\u00df<\/em>-deutsche\nLinke mittlerweile auch verstanden und versucht sich zu\nsolidarisieren, wenn es sich beispielsweise um Klimagerechtigkeit\noder um rassistische Politik auf europ\u00e4ischer\nEbene handelt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Doch\nder Kolonialismus zeigt sich nicht nur an den geraubten G\u00fctern in\ndeutschen Museen und der Zurschaustellung der\nKultur von Schwarzen\nund Indigenen Menschen sowie People\nof Color, sondern auch im Sprachduktus \u00fcber Antirassismus und dessen\npolitischer Behandlung. Kolonial-rassistische Kontinuit\u00e4ten ziehen\nsich auch in unserer Gegenwart noch durch Schulen, Sprache,\nInstitutionen, Sch\u00f6nheitszuschreibungen, Politik, die eigenen\nBeziehungen und bis ins eigene Unbewusste. Vor diesem Hintergrund\nsind Reaktionen der deutschen Regierung und Gesellschaft auf\nMigration oft wenig \u00fcberraschend: Der deutsche Migrationsdiskurs ist\ndurchzogen von rassistischen Zuschreibungen wie \u00bbpotentielle\nVergewaltiger\u00ab, \u00bbTerroristen\u00ab und \u00bbDrogendealer\u00ab \u2013 um nur\neinige Beispiele zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit den Migrationswellen in der Geschichte der BRD, die verschiedene Diaspora-Identit\u00e4ten und Narrative er\u00f6ffneten, sind in Deutschland immer wieder auch neue antirassistische Debatten angesto\u00dfen worden. Durch diese Diskurse, in denen nun auch ab und an Betroffene zu Wort kommen, wurde und wird deutlich, wie viele verschiedene Generationen von Migrant_innen unter Rechtsextremismus, allt\u00e4glicher Ausgrenzung, rassistischer Polizeigewalt und Sanktionen durch Institutionen und \u00c4mter leiden.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Selbstbezeichnungen als Befreiung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor\ndem Hintergrund dieses Leidens zeigt sich, warum Identit\u00e4ten wie\nBIPoC wichtige Selbstbezeichnungen sind. Dies hat weniger mit\nAbgrenzung von einer <em>wei\u00dfen<\/em>\nGesellschaft zu tun, sondern mehr und prim\u00e4r mit einem Kampfbegriff,\nder sich gegen ein <em>wei\u00dfes<\/em>\nund neo-koloniales Narrativ und gegen Spaltungsversuche durch\nRassismus stellt \u2013 und das aktiv. Um sich \u00fcberhaupt eine solche\nIdentit\u00e4t aneignen zu k\u00f6nnen und zu d\u00fcrfen, hat es jahrelange\nantirassistische kollektive Arbeit zum\nBeispiel im Kontext der\nSegregationsgesetze in den USA gebraucht. Es waren und sind Schwarze\nMenschen, die diese Bezeichnungen gepr\u00e4gt, etabliert und in den\n\u00f6ffentlichen Diskurs getragen haben, um gegen koloniale\nKontinuit\u00e4ten und die Gewaltstrukturen von <em>wei\u00dfer<\/em>\nVorherrschaft und Unterdr\u00fcckung zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dies noch einmal deutlicher zu erkl\u00e4ren: Was Rassismus mit uns als Gesellschaft macht, ist, dass er uns alle voneinander trennt und dazu beitr\u00e4gt, uns in zwei entgegengesetzte Positionen zu bringen: eine der Herrschaft und eine des Unterdr\u00fccktwerdens. Dies wird zum Beispiel auch durch rassistische Zuschreibungen und Beleidigungen verfestigt: das N-Wort, das K-Wort, das Z-Wort und das F-Wort sind dabei Variationen der gleichen rassistischen Sprache. Privilegierte Positionen werden oft bis gar nicht benannt, da sie die Norm sind \u2013 und die Norm ist unsichtbar.  <\/p>\n\n\n\n<p>Doch\nwie alle Unterdr\u00fcckungsformen funktioniert und existiert Rassismus\nnicht ohne die dominante <em>wei\u00dfe\n<\/em>Position.\n\u00bbBio-deutsch\u00ab, \u00bbKartoffel\u00ab, \u00bbAlman\u00ab und \u00bb<em>wei\u00df\u00ab<\/em>\nsind alles Begriffe, die dazu dienen, diese unsichtbare und\ngewaltsame Position zu benennen und ihre Konstruktion zu kritisieren.\nSie sind dabei jedoch keinesfalls rassistische Beleidigungen, weil\nsie nicht aus einer strukturellen Machtposition heraus gesetzt\nwerden, die unterdr\u00fcckt und Menschen ausbeutet. Es sind Begriffe,\ndie von BIPoC-Personen aus ihrer unterdr\u00fcckten Perspektive heraus\nf\u00fcr die Bezeichnung <em>wei\u00dfer<\/em>\nMenschen verwendet werden, um die Unterdr\u00fcckung sprachlich sichtbar\nzu machen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend\nproblematisch ist es, wenn <em>wei\u00dfe\n<\/em>Menschen sich diese\nBegriffe aneignen. Denn sie versuchen damit die Umdeutung \u2013 in Form\neiner Entkr\u00e4ftung \u2013 von Begriffen, die nichts mit irgendeiner Form\nvon Befreiung zu tun hat, und \u00fcben damit doppelte Gewalt aus: Sie\nnehmen BIPoC die Deutungshoheit \u00fcber Begriffe, die im\nantirassistischenBefreiungskampf\nBedeutung annehmen, und sie beanspruchen die Selbsterm\u00e4chtigung der\nAneignung f\u00fcr sich, obwohl sie sich bereits in der m\u00e4chtigeren\nPosition befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wichtig die Prozesse der Aneignung hingegen f\u00fcr BIPoC sind, zeigt sich darin, dass Rassismus die Gesellschaft nicht nur hierarchisiert, sondern uns gemeinsam mit dem Kapitalismus und anderen Unterdr\u00fcckungssystemen auch von uns selber trennt und damit einsam macht. Sich individuell einer Identit\u00e4t und einer Positionierung zu bekennen \u2013 sie sich anzueignen \u2013 ist daher ein langer, schmerzvoller aber auch befreiender Prozess, mit welchem sich BIPoC ihr ganzes Leben besch\u00e4ftigen m\u00fcssen. W\u00e4hrend <em>wei\u00dfe <\/em>Menschen, strukturell gesehen, meistens selbst entscheiden k\u00f6nnen, wer sie sein wollen, ohne Angst durch das Leben gehen und einen Aktivismus betreiben k\u00f6nnen, der f\u00fcr sie oft um ein Vielfaches ungef\u00e4hrlicher ist als f\u00fcr BIPoC, k\u00e4mpfen viele (Post)Migrant_innen mit schwerwiegenden, allt\u00e4glichen Hindernissen. Der jahrelange Schmerz, die st\u00e4ndigen grenz\u00fcberschreitenden Gewalterfahrungen und die t\u00e4glichen Mikroaggressionen f\u00fchren zu Burnout und haben starke psychische Folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich hat es befreit, mich zu anfangs als PoC, dann als Teil der BIPoC-Community, dann als Woman of Color, dann als asiatisch-deutsche Person und schlussendlich als <em>asian<\/em> zu bezeichnen und mich von Beleidigungen wie  \u00bbSchl*tzauge\u00ab und \u00bbF**dschi\u00ab  und Zuschreibungen wie s\u00fc\u00df, h\u00f6flich, flei\u00dfig, unterw\u00fcrfig, introvertiert und sch\u00fcchtern zu entkoppeln. F\u00fcr mich war es enorm wichtig, zu lernen und zu erkennen, dass Ich ganz allein entscheide, Wer und Was ich in dieser Welt bin.  <\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch ist es mir m\u00f6glich geworden, zu Teilen von mir zur\u00fcckzukehren, die ich durch den erfahrenen Rassismus sehr tief verdr\u00e4ngen und von mir abgrenzen musste. Es ist eine Befreiung, die ich mir selbst zugestehe, um mich den allt\u00e4glichen  Gewalterfahrungen, denen ich so oft machtlos unterworfen bin, zu entziehen. Gleichzeitig hei\u00dft meine Selbstbezeichnung auch, dass ich mich mit Menschen solidarisiere, die \u00e4hnliche Lebensrealit\u00e4ten, Identit\u00e4tskrisen und Perspektiven teilen. Indem wir uns \u00fcber unsere Selbstbezeichnungen zusammenfinden, realisieren wir einen Empowerment-Ansatz, der aus fr\u00fcheren Generationen von K\u00e4mpfen Schwarzer, Indigener und People of Color stammt: Die sogenannten \u00bbBIPoC Safer Spaces\u00ab, sprich Schutzr\u00e4ume, in welchen marginalisierte Menschen ihre Erfahrungen in einer Mehrheitsgesellschaft untereinander teilen und Community Building betreiben k\u00f6nnen. In BIPoC-R\u00e4umen k\u00f6nnen wir gesehen werden, einander begegnen, gemeinsam heilen und widerst\u00e4ndig werden. Wenn ich also sage: \u00bbIch bin asian und finde mich im BIPoC-Begriff und dessen Community wieder\u00ab, dann zeige ich damit, dass meine Existenz politisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Drehen wir den Spie\u00df mal um?! <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Viele privilegierte und auch linke privilegierte Menschen kritisieren identit\u00e4tspolitische Arbeit und werfen den Akteur_innen und marginalisierten Personen Abgrenzung und reaktion\u00e4re politische Positionen vor. Oft geht dies mit dem Argument einher, dass diese Form von Arbeit f\u00fcr gemeinsame K\u00e4mpfe hinderlich sei. Im Zuge dieser Kritik kommt es jedoch oft dazu, dass marginalisierte, BIPoC, (post)migrantische und FLINT*<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Personen, die identit\u00e4tspolitisch aktiv sind, aus <em>wei\u00dfen<\/em> linken R\u00e4umen ausgeschlossen werden. Ich frage mich dann h\u00e4ufig: Sind dies nun \u00bbAlmans only\u00ab oder \u00bbKartoffel only\u00ab R\u00e4ume, die <em>wei\u00dfe <\/em>Deutsche empowern sollen? Denn manchmal kommt es mir so vor, als w\u00fcrden <em>wei\u00df<\/em>-deutsche Menschen unreflektiert und unbewusst genau diese R\u00e4ume schaffen, weil sie sich von BIPoC-Safer Spaces angegriffen und ausgeschlossen f\u00fchlen. <br><\/p>\n\n\n\n<p>Etwas \u00c4hnliches passiert, wenn <em>wei\u00dfe<\/em> Personen h\u00f6ren oder lesen, wie BIPoC-Personen W\u00f6rter wie <em>wei\u00df<\/em>, \u00bbbio-deutsch\u00ab, \u00bbKartoffel\u00ab und \u00bbAlman\u00ab verwenden: Sie werden verlegen, rot, unsicher, schweigen, schauen weg und warten, bis der unangenehme Moment vorbei ist. Diese Mechanismen zeigen, dass <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen sehr ungern von ihrer privilegierten Bestimmungsposition ablassen: Kontrolle und Macht \u00fcber den Rassismus-Diskurs und \u00fcber die eigene<em> wei\u00dfe <\/em>Identit\u00e4t soll zur\u00fcckgewonnen werden. Es ist n\u00e4mlich komisch f\u00fcr <em>wei\u00dfe <\/em>privilegierte Menschen, wenn sie auf ihre privilegierte Positionen \u00bbreduziert werden\u00ab. Das Aufbauen einer <em>wei\u00dfen<\/em> Kartoffel-Identit\u00e4t funktioniert hier also als unbewusster Abwehrmechanismus. Beispiele hierf\u00fcr sind Momente, in denen <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen auf BIPoC treffen und versuchen, die Kartoffel-Bezeichnungen von BIPoCs zu entsch\u00e4rfen, indem sie selbst Witze \u00fcber Almans vorwegnehmen oder sich untereinanderAlman-Memes hin- und herschicken, um mit \u00bbreflektierten\u00ab Insiderwitzen ihr eigenes Unbehagen zu bew\u00e4ltigen \u2013 sodass es sich beinahe wie Community Building anf\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies\nist jedoch mehr als fatal, weil mit einem \u00bbAlman\u00ab- und\n\u00bbKartoffel\u00ab-Sein immer auch ein <em>wei\u00dfes\n<\/em>Deutsch-Sein gemeint\nist, dem sich die bezeichneten Personen nicht ironisch entziehen\nsollten. Denn <em>wei\u00df<\/em>\nsein in Deutschland bedeutet in jedem Fall rassistisch sozialisiert\nworden zu sein \u2013 von \u00dcberbleibseln nationalsozialistischer\nIdeologie bis hin zum allgegenw\u00e4rtigen Anti-Migrations-Diskurs.\nDeutsch-Sein als Identit\u00e4t \u2013 selbst als Kartoffel-Identit\u00e4t \u2013\nklingt f\u00fcr mich daher unreflektiert, reaktion\u00e4r und rechts. Und um\nhier noch einmal einen wichtigen Punkt zu betonen: Auch die<em>\nwei\u00dfe<\/em> Linke, die\nvermeintlich einen antirassistischen Anspruch an sich stellt und sich\nklar gegen Faschist_innen und Neurechte positionieren m\u00f6chte, darf\nvon dieser Kritik nicht verschont bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Solidarit\u00e4t auf Augenh\u00f6he lernen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\n<em>wei\u00dfe<\/em>\nLinke ist also nicht weniger frei von der Reproduktion rassistischer\nKontinutit\u00e4ten, als es die Mehrheitsgesellschaft ist. Dass hinter\ndem Reflektieren von Privilegien mehr steckt, als zu Black\nLives Matter<em>&#8211;<\/em>Demos\nzu gehen und anzuerkennen, dass es keinen Rassismus gegen\u00fcber <em>wei\u00dfen\n<\/em>gibt, sollte\nmittlerweile Konsens sein. Deshalb m\u00fcsste\ndie<em> wei\u00dfe<\/em>\nLinke auch verstehen, dass die Selbstbezeichnung als \u00bbKartoffel\u00ab\noder \u00bbAlman\u00ab einen nicht automatisch zu einer verb\u00fcndeten Person\nmacht. Denn dahinter steckt die Einbildung, man k\u00f6nne dadurch mit\nBIPoCs und (Post)Migrant_innen auf einer Augenh\u00f6he reden und stehen,\nweil man sich ja schlie\u00dflich dar\u00fcber bewusst sei, eine Kartoffel\noder ein Alman zu sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wei\u00dfe<\/em>\nMenschen nehmen damit aber marginalisierten Personen erneut die\nDeutungshoheit \u00fcber Bezeichnungen im antirassistischen Diskurs: Sie\nnehmen ihnen die Macht, selbst zu bestimmen, wie sie den Kampf gegen\nRassismus f\u00fchren wollen \u2013 und sie verschleiern ihre eigene\nPosition als Unterdr\u00fccker_innen. Dabei sollten sie lernen,\nzur\u00fcckzutreten, um marginalisierten Positionen Raum f\u00fcr ihre\nStimmen, Sprache und Lebensrealit\u00e4ten zu schaffen, anstatt sich\ndiese erneut anzueignen. Viel zu oft schon zeigt sich <em>wei\u00df<\/em>-Sein\nbereits dadurch, dass es als selbstverst\u00e4ndlich angenommen wird,\nsich andere Kulturen anzueignen und sich jederzeit den Platz zu\nnehmen, den man gerade m\u00f6chte (#kolonialeKontinuit\u00e4ten). \n<\/p>\n\n\n\n<p>Konsequenzen\nf\u00fcr dieses unterdr\u00fcckende Verhalten m\u00fcssen <em>wei\u00dfe<\/em>\nPersonen dabei nie wirklich tragen: Du, als <em>wei\u00dfe<\/em>\nPerson, kannst dich schwarz anmalen, kannst dir Dreads flechten oder\nsogar NS-Witze machen, und deine <em>wei\u00dfen<\/em>\nFriends lachen mit dir dar\u00fcber. Aber du bist nicht Teil von etwas,\nnur weil du dir erneut Identit\u00e4tskonzepte von marginalisierten\nGruppen aneignest. H\u00f6r auf, dem Unbehagen auszuweichen, das deine\nprivilegierte Position mit sich bringt. H\u00f6r auf, dir die Kontrolle\n\u00fcber Fremdbezeichnungen anzueignen. Weder \u00bbAlman\u00ab noch \u00bbKartoffel\u00ab\nist eine empowernde oder verb\u00fcndende Selbstbezeichnung unter\n<em>wei\u00dfen<\/em>\n\u2013 und sollte das auch nicht werden. Wenn ihr euch also als <em>wei\u00dfe\n<\/em>Personen diese\nBegriffe aneignet,\ndann verschleiert und verneint ihr damit ihren Ursprung und die\njahrelangen K\u00e4mpfe um Identit\u00e4ten und f\u00fcr eine selbstbestimmte\nGesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Was <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen deshalb wirklich lernen sollten, ist, dass nicht jeder Begriff und jeder Raum f\u00fcr sie offen steht. Anstatt sich selbst ironisch als Kartoffeln zu bezeichnen, sollte die <em>wei\u00dfe<\/em> Linke lernen, Begriffe wie BIPoC und Rassismus zu verwenden und rassistische Erfahrungen anerkennen. Sie sollte aufh\u00f6ren, BIPoCs ihre Begriffe und die damit einhergehende Emanzipation zu nehmen, sie sollte lernen, den Diskurs \u00fcber Rassismus anderen Personen zu \u00fcberlassen und anfangen, die unangenehmen Gef\u00fchle rund um die eigene Privilegiertheit auszuhalten. Das bedeutet, die eigene <em>wei\u00dfe<\/em> Zerbrechlichkeit zur\u00fcckzustecken, die eigenen R\u00e4ume f\u00fcr nicht-<em>wei\u00dfe <\/em>Personen zu \u00f6ffnen, BIPoC nicht f\u00fcr ihren anti-rassistischen Umgang und ihre Schutzr\u00e4ume zu kritisieren, sondern ihnen stattdessen dabei zu helfen, solche R\u00e4ume m\u00f6glich zu machen. Und es bedeutet, Solidarit\u00e4t zu leben \u2013 nicht nur auf struktureller, sondern auch auf emotionaler und pers\u00f6nlicher Ebene.  <\/p>\n\n\n\n<p>________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">[1<\/a>] BIPoC ist eine Selbstbezeichnung und bedeutet \u00bbBlack, Indigenous, People of Color\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">[2<\/a>] FLINT* ist eine Selbstbezeichnung und bedeutet \u00bbFrauen, Lesben,  inter*, nonbinary*,  trans* Personen\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Phu Nguyen | Die Begriffe \u00bbAlman\u00ab und \u00bbKartoffel\u00ab sind zur Zeit von allen Seiten zu h\u00f6ren. 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