{"id":57,"date":"2017-10-13T21:48:59","date_gmt":"2017-10-13T19:48:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=57"},"modified":"2020-04-11T14:35:15","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:15","slug":"zerbrechende-landschaften-aspekte-von-maren-kames-halb-taube-halb-pfau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2017\/10\/zerbrechende-landschaften-aspekte-von-maren-kames-halb-taube-halb-pfau\/","title":{"rendered":"Zerbrechende Landschaften. Aspekte von Maren Kames\u2018 halb taube halb pfau \u2013 HUch#86"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Von Matthias Ubl<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Mit <i>halb taube halb pfau<\/i> hat Marens Kames ein bemerkenswertes Deb\u00fct vorgelegt, das sprachlich zum wohl Sch\u00f6nsten z\u00e4hlt, was die j\u00fcngere deutsche Gegenwartsliteratur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Nichts findet man hier von dem \u00bbichverseuchten\u00ab (Jonathan Meese) und unertr\u00e4glich ironisch-hippen Geschreibsel ihrer Kolleg*innen. Und das, obwohl es um das Subjekt, als In- und Dividuum, als Verlorenes und auch um die Autorin selbst geht:<\/p>\n<p lang=\"zxx\">\u00bbMein Name ist Kames, ich habe etwas aufzugeben\u00ab<\/p>\n<p lang=\"zxx\"><!--more--><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a name=\"firstHeading\"><\/a> So steht es in diesem Buch, ganz vereinzelt auf dem Wei\u00df einer sonst leeren Seite. Der in silber-grauem Einband gefasste Text erschien im Herbst 2016 im secession-Verlag und wagt einen literarischen und \u00e4sthetischen Grenzgang. Bl\u00e4ttert man das Buch zun\u00e4chst auf, so liegt der Eindruck nah, es mit einem Lyrikband oder <span style=\"font-size: medium;\">e<\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">inem komplex <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">gesetzten, langen Gedicht <\/span><\/span><\/span>zu tun zu haben, wie bei <span lang=\"de-DE\">Mallarm\u00e9<\/span><span lang=\"de-DE\">s<\/span> <i>W\u00fcrfelwurf. <\/i>Bl\u00e4ttert man weiter, so finden sich leere Seiten, Einzeiler, Satzbl\u00f6cke, Dialoge, Gedichtf\u00f6rmiges und QR-Codes, die eine unvermessene (es gibt keine Seitenzahlen), textuelle <i>Landschaft <\/i>bilden. Auch inhaltlich wird dieses Bild wieder und wieder bem\u00fcht: Kames zeichnet eine winterliche Seelenlandschaft, die zwischen schmelzenden und zerbrechenden Polen sich aufspannt, in der Stimmen an den Rand eines Sees gesp\u00fclt werden, W\u00f6lfe &amp; Erinnerungen lauern. Das Zerbrechen der Schollen, das Tauen, das Fragmentiertsein, sowohl semantisch als auch typographisch, erzeugen dabei eine Bewegung durch und gegen diese Landschaft, die als Reise beschrieben werden muss. Die Reise durch dieses nicht begrenzte Gebiet kennt kein Ziel, ihr Modus ist die mediale Unterbrechung, der Wechsel der Plateaus, gerade dann, wenn man sich verliert, so wie auch das zentrale sprechende Ich, eine Stimme unter Vielen, verloren ist. Das \u00bbIch\u00ab ist in diesem Text gleichzeitig Durchquerendes und Durchquertes: also Landschaft und Wanderer. Die Beschreibung der Landschaft hat dabei nichts Nostalgisches, verliert sich eben nicht in einer Natrurromantik oder dem Schwelgen \u00fcber scheinbar Unber\u00fchrtes. Diese Landschaft verf\u00e4llt und ist im Werden. Dabei ist sie sch\u00f6n, aber sie hetzt uns, das Tanzen wird in ihr zum Zwang und das Ich findet sich manchmal aufwachend aus <span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif;\">\u2013<\/span>und doch wieder in der Landschaft: morgens um halb 8 nach einer kr\u00e4ftezehrenden Klubnacht.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Was hier beschrieben wird, das sind wir, was hier aufgef\u00fchrt wird, ist die Durchkreuztheit des Subjekts, unbekannt und fremd und das ist auch Kames\u2018 Lektion: In dieser Landschaft ist kein wahres Ich, Selbstfindung findet hier nicht statt. Das Ich ist ein Kampfschauplatz von unbekannten M\u00e4chten, eine wilde Ein\u00f6de. So hei\u00dft es an einer Stelle:<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\u00bbMan droht sich alle paar Meter zu verlaufen. Die Suche nach einem Zusammenhang im Land gestaltet sich schwierig, die Infrastrukturen scheinen nahezu aufgel\u00f6st. Es gibt keinen Wegweiser. Es gibt so viele freie Fl\u00e4chen, offenbar handelt es sich zu gro\u00dfen Teilen um nicht erforschtes, nicht besiedelbares Gebiet. Vage Vektoren zeichnen sich als momentane Marschrouten \u00fcber das Revier, aber es gibt so viele unterschiedliche Richtungsm\u00f6glichkeiten. Und vielleicht ist es so: An diesen Schollen ist das Land zusammengen\u00e4ht. Hier wird es rei\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Oder einfach:<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\u00bbIch glaub ich spuke.\u00ab<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Dieses Zerreissen wird dann auch unmittelbar erlebbar. Das Einscannen der QR-Codes, durch die wir zu verschiedenen Soundcollagen gelangen, die den Text variieren, oder uns repetitiv noch einmal h\u00f6ren lassen, erzeugt einen ungewohnten, doch in seiner Verfremdung konsequenten Effekt. Ist man noch von der Macht der Sprache Kames\u2018 ger\u00fchrt und nimmt das Handy in die Hand um weiterzukommen, ploppt die neueste Facebook-Nachricht oder E-Mail auf, man wird abgelenkt, herausgerissen, nur, um dann von den Collagen wieder in die Landschaft gezogen zu werden. Die \u00e4sthetische Erfahrung, die Versenkung in den Text, wie k\u00f6nnte es hier anders sein, wird somit auch noch einmal medial durchbrochen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">In einer Soundcollage wird in dokumentarischem Stil von den <span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif;\">\u2013 <\/span>schon erw\u00e4hnten <span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif;\">\u2013<\/span> schmelzenden Polen gesprochen. Die Motive der Klimaerw\u00e4rmung, die Erhitzung der Erdatmosph\u00e4re, des Tauens einerseits und jenes der Erkaltung, des Schneetreibens in der seelischen Atmosph\u00e4re, die auch eine soziale K\u00e4lte ist, oszillieren in Kames\u2018 Text. Gleichzeitig denkt man durch die technische Vermittlung der QR-Codes unweigerlich auch an Donna Haraways ironische Figur der Cyborg. Diese Seelenlandschaft, dieses Ich ist nicht etwas der Technik Entgegengesetztes, sie konstituiert sich durch sie und auch ein Song auf Youtube von The Antlers wird pl\u00f6tzlich zur inneren Stimme.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><i>h<\/i><i>alb taube halb pfau<\/i> ist ein romantisches Buch. Landschaft und Natur spiegeln das Innenleben,nur dass das Au\u00dfen selbst schon besch\u00e4digt ist. Bemerkenswert ist, dass Kames auf gewisse Weise auch Friedrich Schlegels Diktum der Universalpoesie einl\u00f6st. Dieser schreibt im ber\u00fchmten 116. Ath\u00e4neumsfragment, die Bestimmung der Universalpoesie sei es, \u00bballe getrennten Gattungen wieder zu vereinigen\u00ab. So finden sich Lyrisches, Prosaisches, Dramatisches, aber eben auch das H\u00f6rspiel hier zu einer ganz neuen Einheit zusammen. Gleichzeitig versperrt sich Kames\u2018 Text der reaktion\u00e4ren Tendenz romantischer Dichtung. Der Literatursoziologe der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab Leo L\u00f6wenthal hat in seinen<i> Studien zum deutschen Roman des 19. Jahrhunderts <\/i>die Dialektik und Ideologie der Romantik eingehend untersucht. In der romantischen Literatur, finde man nach L\u00f6wenthal immer schon die Unzufriedenheit mit dem Wirklichen, also dem reaktion\u00e4ren St\u00e4ndestaat und seinen Widerspr\u00fcchen. Diese Widerspr\u00fcche werden bei den Romantikern jedoch verdr\u00e4ngt und kehren in einer poetischen Gegenwirklichkeit wieder, werden dort aber affirmiert. Somit wird die Fantasiewelt zur \u00bbheimlichen Heimat\u00ab. Auch bei Kames wird eine Gegenwelt erschaffen, der Kampf, das Fragmentiert- und Getriebensein erscheinen hier aber nicht in neuem, affirmativen Gewand. Kames h\u00e4lt die Wunde offen und das grenzt sie von der Romantik ab. Ihre zerbrechende Landschaft, ihre Schollen, das rastlose Wandern, die Verlorenheit und Ruhelosigkeit: Sind das nicht auch wir als \u00bbersch\u00f6pftes Selbst\u00ab (Alain Ehrenberg)<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a>? Bei Kames wird eine poetische Welt erschaffen, die in ganz eigener Sprache <i>bedeutet<\/i>, was wir als neoliberale Subjekte im beschleunigten Kapitalismus, der zunehmend auch unser Innenleben kolonialisiert, tagt\u00e4glich erleben. \u00bbIst das Weltall denn nicht in uns?\u00ab, fragt Novalis (Weltall hier im Sinne des Weltganzen). Ja, m\u00fcssen wir mit <i>halb taube halb pfau <\/i>antworten und uns fragen, was das eigentlich f\u00fcr eine Welt ist.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\u00bbIch stehe im Land. Mit weit offenen Armen und weit offenen Augen laufe ich \u00fcbers Land, auf dass mir was begegne, auf dass sich was bewege gegen diese Schichten impr\u00e4gnierter Stoffe, K\u00e4ppchen, Schutzm\u00e4ntelchen komme unter meine Haut, hier meine Haut, die Angriffsfl\u00e4che, denk ich, ist doch gro\u00df genug. Oder an der K\u00fcste stehe ich und starre in geduldiger Erwartung einer Strandung oder dass sich bestenfalls in einem submarinen Aufruhr ein Vulkan erbreche, der eine Insel nach sich zieht\u00ab<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote\" lang=\"zxx\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1\u00a0<\/a>Siehe hierzu auch David Doells Text in diesem Heft<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Ubl Mit halb taube halb pfau hat Marens Kames ein bemerkenswertes Deb\u00fct vorgelegt, das sprachlich zum wohl Sch\u00f6nsten z\u00e4hlt, was die j\u00fcngere deutsche Gegenwartsliteratur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Nichts findet man hier von dem \u00bbichverseuchten\u00ab (Jonathan Meese) und unertr\u00e4glich ironisch-hippen Geschreibsel ihrer Kolleg*innen. 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