{"id":55,"date":"2017-10-13T21:37:03","date_gmt":"2017-10-13T19:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=55"},"modified":"2020-04-11T14:35:16","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:16","slug":"unter_bau-oder-der-optimismus-bericht-ueber-die-gruendung-einer-transformationsorganisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2017\/10\/unter_bau-oder-der-optimismus-bericht-ueber-die-gruendung-einer-transformationsorganisation\/","title":{"rendered":"Unter_bau oder der Optimismus. Bericht \u00fcber die Gr\u00fcndung einer Transformationsorganisation \u2013 HUch#86"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Von Joshua Schultheis<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Programmschrift der neuen basisdemokratischen Gewerkschaft der Frankfurter Goethe-Universit\u00e4t beginnt mit einer Feststellung: \u00bbWir leben sicher nicht in der besten aller m\u00f6glichen Welten.\u00ab Eine Feststellung, zu der, seit Voltaire sie seinen tragischen Anti-Helden Candide hat machen lassen, jede Generation von neuem gelangen muss. Sie stand auch am Beginn der gro\u00dfen Studierendenrevolte der 1960er Jahre. In der BRD die Verachtung f\u00fcr die NS-Vergangenheit der eigenen Eltern und der politischen und akademischen Elite, in den USA der Verlust des Glaubens in die eigene moralische \u00dcberlegenheit und die Emp\u00f6rung \u00fcber die Verwicklung der Universit\u00e4ten in imperialistische Kriege. Was einen heute so alles aus der Illusion rei\u00dft, man lebe in einer guten Welt, muss nicht extra erw\u00e4hnt werden. Damals wie heute folgt daraus eine weitere Feststellung: Wir studieren, lehren und arbeiten nicht in den besten aller m\u00f6glichen Hochschulen! Unter_bau hat sich vorgenommen, hieran etwas zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><!--more--><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das, wogegen sich unter_bau auflehnt, scheint allm\u00e4chtig, denn es geht nicht blo\u00df gegen die \u00bbunternehmerische Universit\u00e4t\u00ab. Dieses mehr schlecht als recht durchgesetzte neue Modell der Hochschule, welches die Uni zu einem marktwirtschaftlichem Betrieb und die Studierenden zu dessen Kund_innen (und dessen Produkten) macht, ist nicht zu l\u00f6sen aus seinem globalen und gesamtgesellschaftlichem Zusammenhang. Auch unter_bau hat dies erkannt und sieht seine gewerkschaftliche Arbeit nur dann als sinnvoll, wenn der Horizont einer anderen, besseren Gesellschaft nicht aufgegeben wird. Dass die Universit\u00e4t sich als Ausgangspunkt einer Transformation der ganzen Gesellschaft gut eignet, daf\u00fcr spricht f\u00fcr unter_bau einiges. Wie geforscht, wie gelehrt und gelernt wird, hat eine gro\u00dfe Auswirkung auf den Rest der Gesellschaft. Beinahe 50% aller Schulabg\u00e4nger_innen studieren mittlerweile. W\u00fcrden die Universit\u00e4ten diese\u00a0Chance nutzen und ihren Studierenden eine echte Bildung zukommen lassen, das hei\u00dft die Bildung\u00a0zu kritischen, selbstbestimmten Subjekten, dann w\u00e4re viel getan.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Auf der Suche danach, wie eine solche Hochschule aussehen k\u00f6nnte, ist man ohne historisches Vorbild. Wie schon die Studierenden der 60er Jahre lehnt man einerseits die alte Ordinarienuniversit\u00e4t und deren falsches Verst\u00e4ndnis von der Freiheit der Wissenschaft als unengagierte Weltferne, als auch deren drohende Transformation im wirtschaftsliberalem Sinne ab. Gegen diese zweite Tendenz erscheint heute die, auch durch Studierendenproteste erk\u00e4mpfte, Gruppenuniversit\u00e4t (durch die der Anspruch auf echte Mitbestimmung der Studierenden ohnehin nie wirklich eingel\u00f6st wurde) als Pyrrhussieg. War die unternehmerische Universit\u00e4t in den 60ern mehr Drohung als Realit\u00e4t, ist sie heute allgegenw\u00e4rtig und ein Diskurs \u00fcber die Hochschule jenseits einer \u00f6konomischen Effizienzlogik v\u00f6llig verschwunden.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">In dieser ganz und gar nicht revolution\u00e4ren Zeit ist sich auch unter_bau den schlechten Aussichten seines Kampfes bewusst und setzt auf den Aufbau von Strukturen, die bleiben, statt auf blinden Aktionismus, auf einen langfristig angelegten Prozess der Transformation, statt auf die spontane Revolution und unterscheidet sich darin dann doch von so manchen Vorstellungen der 68er. Die Antwort die unter_bau auf die Malaise der Universit\u00e4t findet, ist die einer Gewerkschaft neuen Typs. Eine Gewerkschaft, die die Interessen aller (mit Ausnahme der Professor_innen) an der Hochschule Arbeitenden, einschlie\u00dflich extern Besch\u00e4ftigter (etwas Securities), vertritt und sich so gegen die Vereinzelung in viele unternehmerische Selbste und die Entsolidarisierung der verschiedenen Gruppen an der Hochschule stellt. Eine Gewerkschaft, die basisdemokratisch organisiert ist und so ihrer B\u00fcrokratisierung entgegenwirken m\u00f6chte und in der die Perspektiven und das Wissen aller durch sie Vertretenen mit einflie\u00dft. Eine Gewerkschaft, die flexible Strukturen hat und somit nicht von der Arbeit einzelner Weniger abh\u00e4ngt und die so auch langfristig die Bedingungen f\u00fcr ihr eigenes Bestehen reproduzieren kann.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Um eine solche Gewerkschaft ins Leben zu rufen, haben sich an einem Wochenende Mitte November diesen Jahres um die Einhundert Menschen im Studierendenhaus der Goethe-Universit\u00e4t zusammengefunden. Was zun\u00e4chst wenig klingt, ist, angesichts der an Universit\u00e4ten extrem niedrigen Zahl der in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer_innen, gar kein schlechter Anfang. Dass dies dennoch in keinem Verh\u00e4ltnis zur langfristigen Vision von unter_bau steht, ist allen Beteiligten klar. Mit dem denkbar h\u00f6chsten Anspruch endet die Programmschrift von unter_bau: \u201eAls bewusst eingebundener Teil der Gesellschaft, soll die Hochschule des unter_bau Keimzelle r\u00e4tedemokratischer Strukturen sein, die in der Schale der alten Verh\u00e4ltnisse heranreifen, um sich von diesem engen Geh\u00e4use zu befreien und dar\u00fcber hinauswachsen.\u201c Also ausgehend von der Universit\u00e4t eine Transformation der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Argumente daf\u00fcr, dass genau das nicht klappen kann, kommen ebenfalls aus Frankfurt. Niemand geringeres als Teddy Adorno verk\u00fcndete in einem Radiointerview von 1967, dass es nicht nur aussichtslos, sondern auch ein Fehler sei, zu versuchen die Gesellschaft von der Universit\u00e4t her zu ver\u00e4ndern, da dies die \u00bbherrschende Rancune gegen die Sph\u00e4re des Intellektuellen versch\u00e4rfen wird, und damit der Reaktion den Weg bahnen [&#8230;]\u00ab w\u00fcrde. Auch die geistigen Nachfolger_innen dieses, auf den Campi der Goethe-Universit\u00e4t allgegenw\u00e4rtigen Denkers waren auf dem Gr\u00fcndungskongress anwesend. Auf der Podiumsdiskussion \u00fcber Strategien gegen die neoliberale Hochschule wiesen die Vertreter_innen vom \u00bbForum kritische Wissenschaften\u00ab erbarmungslos auf die Widerspr\u00fcche des Unterfangens von unter_bau hin. Die Unterschiede im Habitus, der sozialen und \u00f6konomischen Lage zwischen einer Promovendin und einem Security sind einfach zu gro\u00df. Unter_bau negiere die fundamentale Differenz zwischen Kopf- und Handarbeit und ob man denn glaube, eine Putzkraft etwa k\u00f6nne an den Zielen oder den Weiterbildungsma\u00dfnahmen der neuen Gewerkschaft \u00fcberhaupt interessiert sein. Ohnehin sei die Universit\u00e4t nicht aus ihrem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu l\u00f6sen und eine Ver\u00e4nderung hier, ohne eine Ver\u00e4nderung \u00fcberall, nicht denkbar.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Einspr\u00fcche wiegen schwer, aber die Programmschrift von unter_bau zeigt, dass hier\u00fcber kein mangelndes Bewusstsein herrscht. Man sieht die komplizierte Verflechtung der Universit\u00e4t mit anderen Bereichen der Gesellschaft, man ist sich den unterschiedlichen, manchmal kontr\u00e4ren Interessen und Lebenswirklichkeiten der verschiedenen Gruppen an der Uni bewusst, man erkennt, dass auch unter_bau nicht einfach partiell und kurzfristig das herrschende neoliberale Dispositiv, das von Sexismus und Rassismus gepr\u00e4gt ist, au\u00dfer Kraft setzen kann und doch will man einen, wenn auch kleinen, Anfang machen, will Vorbild und Keimzelle einer besseren Gesellschaft werden. Argumente daf\u00fcr, dass dies tats\u00e4chlich m\u00f6glich sein kann, finden wir bei Adornos Freund und geistigem Gegenspieler Herbert Marcuse. F\u00fcr Marcuse l\u00e4sst sich das Verh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis nicht einseitig aufl\u00f6sen. Die Theorie kann Handlungsm\u00f6glichkeiten offenlegen, es bleibt aber Aufgabe der Praxis diese auszutesten und da, wo die Theorie nur noch Totalit\u00e4t und Ausweglosigkeit konstatiert, ist es praktisches Handeln, das durch neue Erfahrungen einen Ausweg finden kann und damit wiederum der Theorie auf die Spr\u00fcnge hilft. Die Universit\u00e4t ist dabei f\u00fcr Marcuse ein denkbarer Ort, an dem eine radikale Ver\u00e4nderung im Denken und Handeln vorbereitet werden kann.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">In einem Interview mit dem Spiegel von 1969 beschreibt Marcuse, wie eine Organisationsform aussehen muss, die der sp\u00e4tkapitalistischen Organisation und Repression noch etwas entgegensetzen kann. Diese m\u00fcsse sich auszeichnen durch \u00bb\u00e4u\u00dferst flexible, ver\u00e4nderbare Methoden der Zusammenarbeit, die die Initiative von unten artikulieren und auf bestimmte politische Ziele ausrichten k\u00f6nnen. Das hei\u00dft, aus der Spontaneit\u00e4t m\u00fcssen Formen der Organisation hervorgehen, die dann ihrerseits wieder die Spontaneit\u00e4t beeinflussen und in eine bestimmte Richtung lenken k\u00f6nnen, die \u00fcber den lokalen Anla\u00df und die lokale Zielsetzung politisch hinausf\u00fchren.\u00ab Wem das zu abstrakt ist, die\/der muss nach Frankfurt am Main schauen, denn dort wird im Moment der Versuch unternommen genau eine solche Organisationsform Realit\u00e4t werden zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Joshua Schultheis Die Programmschrift der neuen basisdemokratischen Gewerkschaft der Frankfurter Goethe-Universit\u00e4t beginnt mit einer Feststellung: \u00bbWir leben sicher nicht in der besten aller m\u00f6glichen Welten.\u00ab Eine Feststellung, zu der, seit Voltaire sie seinen tragischen Anti-Helden Candide hat machen lassen, jede Generation von neuem gelangen muss. 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