{"id":512,"date":"2021-02-04T13:59:42","date_gmt":"2021-02-04T12:59:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=512"},"modified":"2021-02-04T14:04:03","modified_gmt":"2021-02-04T13:04:03","slug":"mit-hammer-und-spaten-huch91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/02\/mit-hammer-und-spaten-huch91\/","title":{"rendered":"Mit Hammer und Spaten &#8211; HUch#91"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Elio Nora Hillermann |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Materialistischer Feminismus und Queerfeminismus werden h\u00e4ufig gegeneinander ausgespielt. Dabei w\u00e4re es f\u00fcr beide Theorietraditionen von Vorteil, stattdessen gemeinsame Sto\u00dfrichtungen auszumachen.  <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-938x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-525\" width=\"360\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-938x1024.png 938w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-275x300.png 275w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-768x838.png 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-22x24.png 22w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-33x36.png 33w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3-44x48.png 44w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/HUCH-91-Bildseiten10-3.png 1017w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><figcaption>Bild: Mariana Papagni<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ein hartn\u00e4ckiges Hirngespinst durchzieht die feministischen Diskurse der Gegenwart: Queere Theorie, queere Handlungsweisen und queerer Feminismus erscheinen immer wieder im grellen Gegensatz zu den Perspektiven eines materialistischen Feminismus, der sich auf \u00f6konomische und strukturelle Fragen konzentriert. Historisch gewachsene Konflikte zwischen zwei divergent erscheinenden Positionen werden versch\u00e4rft, statt hinterfragt, und beide werden so sehr auf bestimmte Aspekte reduziert, dass die eine Position die andere auszuschlie\u00dfen scheint, wo dies gar nicht der Fall sein m\u00fcsste. Zwei Fronten werden aufgezogen, wo Allianzen geschmiedet werden k\u00f6nnten, Verachtung und Zur\u00fcckweisung werden gesch\u00fcrt, wo Menschen Seite an Seite gegen das Patriarchat k\u00e4mpfen k\u00f6nnten. Auf theoretischer wie praktischer Ebene bedeutet das ein Kreisen um die immergleichen Differenzen und einen R\u00fcckzug in die eigenen Kreise \u2013 kurz, einen l\u00e4hmenden Stillstand, der blockiert, anstatt voranzubringen.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gr\u00e4ben zuschaufeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text soll ein Versuch sein, an den Rand der scheinbar un\u00fcberwindbaren Gr\u00e4ben zu treten, einen Spaten in die Hand zu nehmen, und damit zu beginnen, sie zuzuschaufeln. Ich m\u00f6chte dies tun, indem ich anhand zweier Aspekte \u2013 Prekarit\u00e4t und Care-Arbeit \u2013 zeige, dass Themen, die zumindest in der Theoriebildung bisher vornehmlich vom materialistischen Feminismus in den Blick genommen wurden, eigentlichebenso zentrale Anliegen queerer Perspektiven sind. Dabei soll deutlich werden, dass es einerseits keinen Sinn ergibt, dem Queerfeminismus die F\u00e4higkeit abzusprechen, \u00f6konomische Fragestellungen mitdenken zu k\u00f6nnen, und dass es andererseits feministischen Debatten und K\u00e4mpfen wenig dienlich ist, den materialistischen Feminismus zu verwerfen, nur weil er <em>auch<\/em> problematische \u2013 beispielsweise essenzialisierende [1] \u2013 Positionen beinhalten <em>kann<\/em>. Diese abstrakten \u00dcberlegungen m\u00f6chte ich an queeren Lebensrealit\u00e4ten konkretisieren, indem ich Leslie Feinbergs <em>Stone Butch Blues<\/em>, den vermutlich bekanntesten queeren Roman, zurate ziehe. Dass Feinberg sich selbst als Kommunist_in bezeichnet, den Roman nach einem langen Kampf um Urheber_innenrechte vom kapitalistischen Markt genommen und ihn \u201eden Arbeiter_innen und Unterdr\u00fcckten dieser Welt zur\u00fcckgegeben\u201c hat, indem er online frei zug\u00e4nglich gemacht wurde, unterstreicht das Anliegen dieses Beitrags, klassenk\u00e4mpferische und queere Perspektiven zusammen zu denken. [2] <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prekarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fragen materieller Ungleichheit und \u00f6konomisch bedingter Marginalisierung werden klassischerweise eher von materialistischen und klassenpolitischen Ans\u00e4tzen verhandelt. Dabei wird der Kapitalismus als wirtschaftliches System, das auf der Ausbeutung von Arbeitskraft beruht, auch hinsichtlich der Kategorie Geschlecht hinterfragt. Es wird untersucht, inwiefern sich das Geschlecht von Menschen auf ihre Positionierung in der Produktions- oder Reproduktionssph\u00e4re auswirkt, welchen Einfluss unterschiedliche Klassenzugeh\u00f6rigkeiten auf Menschen desselben Geschlechts haben usw. Diese Untersuchungen machen zum Beispiel sichtbar, dass Frauen und weiblich gelesene Personen im Kapitalismus mit einer gr\u00f6\u00dferen finanziellen Prekarit\u00e4t konfrontiert sind, oder dass Frauen bzw. weiblich gelesene Menschen mit Migrationshintergrund h\u00e4ufig einer Doppelbelastung ausgesetzt sind, weil sie Care-Arbeit als Lohn- und als Hausarbeit leisten.  <\/p>\n\n\n\n<p>Prekarit\u00e4t\nund ihre Gr\u00fcnde werden bei\ndiesen Ans\u00e4tzen h\u00e4ufig\nentlang von\nKategorien\nwie \u00bbMann\u00ab und \u00bbFrau\u00ab erkl\u00e4rt,\nda sich mit diesen\nZuordnungen die dominierende\nStruktur der Gesellschaft\nhinsichtlich Geschlecht\nerfassen l\u00e4sst.\nDie Gefahr dabei ist jedoch,\n<em>nur noch <\/em>von \u00bbFrauen\u00ab\nund \u00bbM\u00e4nnern\u00ab zu sprechen, also auszuklammern, dass diese\nvorherrschenden\nGeschlechtskategorien nicht\ndie einzigen sind. Nat\u00fcrlich\ngilt es, diese\nKategorien in ihrer\nFunktionsweise weiterhin zu kritisieren (und damit eben auch zu\nverwenden), wenn sie aber\nausschlie\u00dflich genutzt\nwerden, werden\ndie\nLebensrealit\u00e4ten von denjenigen Menschen ausgeklammert, die diesen\nKategorien nicht entsprechen. Umgekehrt\nbedeutet die Adressierung\nvon nicht den Normen\nentsprechenden Geschlechtsidentit\u00e4ten\nund queeren Perspektiven\nkeinesfalls, nicht mehr \u00fcber systemische oder \u00f6konomische Fragen zu\nsprechen \u2013 im Gegenteil:\nGerade queere Menschen\nbekommen die Gewalt des\nSystems\noft besonders hart zu sp\u00fcren\nund sind \u00fcberproportional\nvon Prekarit\u00e4t und\nkapitalistischer Ausbeutung\nbetroffen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nGrund f\u00fcr diese Prekarit\u00e4t\nist, dass sich queere\nMenschen h\u00e4ufig nicht auf ihre\nbiologische Familie als \u00f6konomische Absicherung verlassen k\u00f6nnen.\nViele queere Personen\nhaben ein schwieriges\nVerh\u00e4ltnis zu Eltern und Familie, h\u00e4ufig weil sie deren\nErwartungen nicht erf\u00fcllen\nund daher\nnicht verstanden, nicht anerkannt, nicht geliebt oder\nnicht unterst\u00fctzt werden.\nManche werden nach\nihrem Coming-out\nversto\u00dfen, viele entscheiden von sich aus, zu gehen. Nicht wenige\nerleben physische und psychische Gewalt, die\nsie ein Leben lang pr\u00e4gt. Diese\nhomophoben und\ntransfeindlichen Muster\nder Zur\u00fcckweisung sind strukturelle Mechanismen des Kapitalismus,\nder historisch auf\neiner naturalisierten und\nzwanghaften Heterosexualit\u00e4t\nund cisgeschlechtlichen\nBinarit\u00e4t beruht.\nDabei ist nat\u00fcrlich nicht\ndas Problem, dass Menschen cis und hetero sind, sondern dass alle\nMenschen, die es nicht sind, abgewertet und ausgeschlossen werden,\nweil sie die herrschende Ordnung in Frage stellen. Jedenfalls\nentziehen diese systemischen\nMechanismen der Zur\u00fcckweisung\njungen queeren Menschen oft\nsowohl die\n\u00f6konomische, als auch die\npsychische\nGrundlage, um in\nkapitalistischen Gesellschaften\nzurecht\nzu kommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Strukturelle\nHindernisse wie die in vielen\nL\u00e4ndern notwendige elterliche Unterst\u00fctzung bei der\nStudienfinanzierung sind\nbeispielhaft f\u00fcr diese\naus der Normabweichung entstehende\nPrekarit\u00e4t, da solche\nRegelungen\nMenschen von besseren Abschl\u00fcssen und damit h\u00f6heren Einkommen\nausschlie\u00dfen.\nDer Familienausschluss\naufgrund von Normabweichung, gepaart mit der Abh\u00e4ngigkeit von\nfamili\u00e4rer Unterst\u00fctzung f\u00fchrt\nalso zu\neiner\nstrukturellen\nPrekarisierung queerer Personen. Und\ngerade weil diese Prekarisierung h\u00e4ufig\nan Ausschlusserfahrungen\ngekn\u00fcpft ist, impliziert\nsie Subjektivierungsformen, die gepr\u00e4gt sind von einer Ablehnung des\nSystems und der\nMehrheitsgesellschaft, die queeren\nSubjekten wiederholt einredet, dass sie nicht dazugeh\u00f6ren.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nBeispiel von Jess, Protagonist_in von<em> Stone Butch Blues<\/em>,\nl\u00e4sst sich dieser Aspekt\nsehr deutlich aufzeigen. Jess w\u00e4chst in den\n50er Jahren\nin Buffalo auf und k\u00e4mpft\ndurch Kindheit und Jugend hindurch mit der Weiblichkeit, die Jess\nimmer wieder\nzu- und vorgeschrieben\nwird, sowie mit der\ngewaltsamen Ausgrenzung und Abwertung, die mit der eigenen Abweichung\nvon den herrschenden\nGeschlechternormen einhergeht. Eines\nTages wird Jess von den Eltern dabei erwischt, wie Jess den Anzug des\nVaters anprobiert. Die Eltern stecken Jess daraufhin in eine\ngeschlossene Anstalt und\nlassen Jess\nohne Unterlass\nsp\u00fcren, dass sie das eigene\nKind weder lieben noch akzeptieren.\nDas bewegt Jess zu dem\nEntschluss, von zu\nHause abzuhauen.\nZu einer Umsetzung kommt\ndieser\nPlan\nerst einige Jahre und\neine ganze Reihe traumatischer Erfahrungen sp\u00e4ter,\nals Jess einen Job in einer\nDruckerei hat. Mit der Flucht von Zuhause bricht\nJess den\nKontakt zu den Eltern vollst\u00e4ndig ab und k\u00e4mpft sich von da an ohne\nderen\nUnterst\u00fctzung durchs Leben. Mit\n15\nJahren vollst\u00e4ndig von der Lohnarbeit abh\u00e4ngig, wird die Arbeit in\nder Fabrik zu einem\nbestimmenden und immer auch\nbelastenden Faktor, der sich\ndurch das ganze\nLeben von\nJess zieht. Gleichzeitig\nist die Erfahrung der Fabrikarbeit\nf\u00fcr Jess Motor\nf\u00fcr eine \u2013 zwar langsame und nicht immer bewusste, aber\nkonstante \u2013 Politisierung,\ndenn die Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz und die M\u00f6glichkeit, sich\nmit Menschen gewerkschaftlich\nzu organisieren,\nf\u00fchren Jess immer wieder dazu, sich an Arbeitsk\u00e4mpfen zu\nbeteiligen. Sowohl der\nMechanismus der Zur\u00fcckweisung aufgrund von Normabweichung durch die\nEltern, der eine \u00f6konomische und soziale Prekarisierung nach sich\nzieht,\nals auch die Widerst\u00e4ndigkeit, die damit einhergeht, finden sich\nalso in Jess\u2018 Lebenslauf wieder.\n \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nweiterer Aspekt,\nder die Prekarisierung\nqueerer Menschen verdeutlicht, ist\ndie Frage medizinischer\nVersorgung. Best\u00e4ndiger Teil\nqueerer Lebensl\u00e4ufe sind Kosten\nf\u00fcr Operationen und Hormone,\nsowie das\nBed\u00fcrfnis nach psychologischer\nUnterst\u00fctzung im\nUmgang mit Fragen\nwie Dysphorie, Alltagsdiskriminierung\noder Gewalterfahrungen.\nDa der Zugang zu\ndiesen medizinischen\nLeistungen\nentweder an ausreichende finanzielle Ressourcen oder gut\nfunktionierende und inklusive Gesundheitssysteme gebunden ist, beides\nim Kapitalismus gerade\nf\u00fcr marginalisierte Gruppen aber kaum\ngegeben ist, bedeutet dies\nf\u00fcr queere Subjekte h\u00e4ufig einen enormen finanziellen Druck, der\ninsbesondere psychologische\nBelastungen\nerh\u00f6ht.\nViele Personen finden sich so\nin einem Teufelskreis, in dem sie kaum wirklich arbeiten k\u00f6nnen,\nweil es ihnen psychologisch schlecht geht, aber arbeiten m\u00fcssen, um\nbeispielsweise eine Therapie\nfinanzieren zu k\u00f6nnen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf Transitionen ergeben sich \u00e4hnlich prek\u00e4re Bedingungen. Alle Personen, die nicht krankenversichert sind, oder deren Transidentit\u00e4t im pathologisierenden Prozess der Antragstellung f\u00fcr Geschlechtsumwandlungen [3] nicht anerkannt wird, sind darauf zur\u00fcckgeworfen, das Geld f\u00fcr die kostspieligen Operationen und Hormone selbst zu beschaffen. Nicht wenige trans Personen entscheiden sich vor diesem Hintergrund und dem gleichzeitigen Leidensdruck dann h\u00e4ufig f\u00fcr Sexarbeit, da dies ein Arbeitsbereich ist, in dem ohne gro\u00dfe b\u00fcrokratische H\u00fcrden verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel Geld in kurzer Zeit verdient werden kann \u2013 mit der entsprechenden psychischen Belastung. Die Notwendigkeit medizinischer Versorgung und ihr beschr\u00e4nkter Zugang f\u00fchren also zu einem zus\u00e4tzlichen Abdr\u00e4ngen queerer Menschen in prek\u00e4re Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse, denen sie kaum entkommen k\u00f6nnen, wollen sie nicht ihre eigene Identit\u00e4t leugnen und unter den kaum ertr\u00e4glichen psychologischen Folgen einer solchen Negation leiden.  <\/p>\n\n\n\n<p>In Jess\u2018 Fall zeigt sich dieser Punkt sehr deutlich an der Entscheidung f\u00fcr eine Transition und ihren Umst\u00e4nden. In den USA der 50er Jahre als Butch [4] zu leben, bedeutet eine st\u00e4ndige Alltagsdiskriminierung sowie die regelm\u00e4\u00dfige Erfahrung von Polizeigewalt, da es nicht erlaubt ist, als Frau bzw. weiblich gelesene Person weniger als drei Teile \u00bbFrauenkleidung\u00ab zu tragen und die Polizei bei jeder Gelegenheit von der eigenen Macht Gebrauch macht und Butches beispielsweise bei Razzien in queeren Bars festnimmt, vergewaltigt und brutal zusammenschl\u00e4gt. Vor dem Hintergrund dieser st\u00e4ndig drohenden Gefahr im \u00f6ffentlichen Raum entscheidet sich Jess irgendwann, Testosteron zu nehmen und eine Brustentfernung durchf\u00fchren zu lassen \u2013 obwohl beides zu dem Zeitpunkt medizinisch kaum erforscht, bekannt oder regul\u00e4r zug\u00e4nglich, also risikoreich und prek\u00e4r ist. Um das Geld f\u00fcr die Behandlungen zusammenzukratzen, nimmt Jess mehrere Jobs gleichzeitig an und verzichtet \u00fcber Monate auf jegliches Leben au\u00dferhalb der Lohnarbeit. Der operative Eingriff selbst geschieht unter dubiosen Bedingungen, in einem Krankenhaus, in dem Jess nicht erw\u00fcnscht ist, nicht \u00fcber die Operation informiert wird, direkt nach der OP mit einer Handvoll Schmerztabletten wieder nach Hause geschickt wird und ohne Folgebehandlung bleibt. Jess\u2018 Geschichte macht also kenntlich, welche enormen Belastungen f\u00fcr queere Personen durch medizinische Fragen entstehen und wie sehr sie den Alltag prekarisieren k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nvielleicht am eindeutigsten\n\u00f6konomische Dimension queerer\nPrekarit\u00e4t ist\nder Arbeitsmarkt. Auch\nhier ist die strukturelle\nDiskriminierung queerer Identit\u00e4ten\nder Hintergrund f\u00fcr die\nerh\u00f6hte Wahrscheinlichkeit ihrer\nPrekarisierung. Den\nherrschenden Geschlechternormen\nnicht zu entsprechen oder eine als inkoh\u00e4rent gelesene\nGenderperformance zu verk\u00f6rpern,\nbedeutet auf der Jobsuche sowie am Arbeitsplatz regelm\u00e4\u00dfig\ndiskriminiert, nicht\nrespektiert, nicht ernst genommen, nicht anerkannt oder\nausgeschlossen zu\nwerden. All dies\nerschwert\neinerseits, \u00fcberhaupt an anst\u00e4ndig bezahlte Jobs zu kommen, und\nandererseits, am Arbeitsplatz Aussichten auf Bef\u00f6rderung zu haben.\nDie herrschenden\nGeschlechternormen\nf\u00fchren also dazu, dass queere Personen nicht nur oft\nprek\u00e4r sind, sondern auch\nmit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit prek\u00e4r bleiben. Gerade\nf\u00fcr trans\nPersonen\nbedeutet die h\u00e4ufig bestehende Diskrepanz zwischen zugewiesenem\nGeschlecht und der eigenen Genderperformance bei\njeder Bewerbung, bei jedem\nVorstellungsgespr\u00e4ch und an\njedem Arbeitsplatz ein hohes\nRisiko, abgewiesen\nzu werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\n<em>Stone Butch Blues <\/em>zeigt\nsich diese Problematik\nan einer Situation nach Jess\u2018\nTransition. Jess arbeitet \u2013\nals Mann angeheuert \u2013 in einer Plastikgie\u00dferei.\nNach\neinigen Vorf\u00e4llen in der\nFabrik entscheidet sich die\nBelegschaft f\u00fcr einen Streik.\nEs wird sich um\ngewerkschaftliche Unterst\u00fctzung bem\u00fcht und dabei taucht ein alter\nBekannter auf, der Gewerkschafter Duffy, mit dem Jess Jahre zuvor\nerfolgreich einen Streik\ngef\u00fchrt hatte. Da er Jess\nals Frau\nkennengelernt hatte, rutscht Duffy in einem Moment ein \u00bbsie\u00ab\nheraus, als er in Anwesenheit\nder ganzen Belegschaft \u00fcber\nJess spricht. Dadurch fliegt\nJess\u2018 zum eigenen Schutz angelegte m\u00e4nnliche\nGeschlechtsperformance auf\nund Jess verliert im\nAnschluss direkt den Job in der Gie\u00dferei. Die\nWahrheit \u00fcber die Transgeschlechtlichkeit f\u00fchrt hier direkt zur\nArbeitslosigkeit und zeigt, wie unsicher der eigene Platz in der\nArbeitswelt f\u00fcr queere Menschen ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Punkte zeigen, dass ganz grunds\u00e4tzliche, materielle Aspekte queerer Lebensrealit\u00e4ten von einer hohen Wahrscheinlichkeit der Prekarisierung gepr\u00e4gt sind, die queere Personen unabh\u00e4ngig von ihrer urspr\u00fcnglichen Klassenzugeh\u00f6rigkeit proletarisiert. Entsprechend wichtig ist es, \u00f6konomische Fragen in queere Theorie zu integrieren, und nicht in einen Individualismus zur\u00fcckzufallen, der genau die Anonymisierungen des Kapitalismus reproduziert, die ein jeder Feminismus als revolution\u00e4re Bewegung abzulehnen hat. <em>Dass <\/em>queerer Feminismus diese materiellen und systemischen Fragen so h\u00e4ufig au\u00dfer Acht l\u00e4sst, h\u00e4ngt sicherlich auch mit seiner Akademisierung zusammen. Wenn n\u00e4mlich diejenigen, die queere Theoriebildung und damit einen queeren Feminismus pr\u00e4gen, b\u00fcrgerliche, wei\u00dfe Personen sind, dann f\u00fchrt dies zu einer ganz anderen Schwerpunktsetzung, als wenn beispielsweise BIPoC-Personen [5] aus der Unterschicht in diesen Debatten federf\u00fchrend sind. Solche Dynamiken gilt es aufzubrechen und andere Perspektiven in die Theoriebildung miteinzubeziehen.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Care-Arbeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fragen und Analysen, die sich rund um Caredrehen, umschreiben ein zweites Feld, das vornehmlich vom materialistischen Feminismus bespielt wird. Als zentrales Konzept innerhalb dessen, was in der Regel als Reproduktionssph\u00e4re bezeichnet wird, ist die Theoretisierung von Care-Arbeit eng mit feministischen Ans\u00e4tzen verbunden, die Fragen der geschlechtlichen Arbeitsteilung in den Blick nehmen. Dabei wird Care-Arbeit entweder als schlecht bezahlte Lohnarbeit oder als unentlohnte Reproduktionsarbeit verstanden, unter die klassische Haushaltst\u00e4tigkeiten ebenso fallen wie emotionale Arbeit. Entsprechend der Verankerung in Analysen der Arbeitsteilung wird Care-Arbeit h\u00e4ufig an Weiblichkeit oder Frauenrollen gekoppelt. Damit wird einerseits benannt, was in unseren Gesellschaften der Fall ist: Es leisten \u00fcberproportional h\u00e4ufig Frauen und weiblich sozialisierte Personen Care-Arbeit. Andererseits wird mit solchen Ans\u00e4tzen eine Verquickung von Care-Arbeit und Weiblichkeit reproduziert, die es aufzubrechen gilt, wenn diese Formen der Unterdr\u00fcckung zerst\u00f6rt werden sollen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nBlick auf queere Lebensrealit\u00e4ten kann\nWege aufzeigen, wie\nCare-Arbeit gefasst\nwerden kann, ohne in essenzialisierende\nMuster zur\u00fcckzufallen. Da in\nqueeren Communities der Reproduktionsbereich der heteronormativen\nFamilie oder der\ntraditionellen,\nheterosexuellen\nund cisgeschlechtlichen\nPaarbeziehung wegf\u00e4llt, verlagert sich die\n\u00dcbernahme von Care-Arbeit\nauf ein Kollektiv an Menschen, die als Freund_innen, Wahlgeschwister\noder Wahleltern in einer\nCommunity f\u00fcreinander Sorge\ntragen und Care-T\u00e4tigkeiten unabh\u00e4ngig von starren oder\nzugewiesenen Rollen \u00fcbernehmen. Als\nGruppen an Menschen, die nicht in das misogyne Care-System des\nPatriarchats\npassen, wird f\u00fcreinander gesorgt,\nohne dass diese Arbeit an ein bestimmtes Geschlecht gebunden sein\nmuss. Damit\nwird einerseits Care-Arbeit, die vom Sexismus des Systems abgewertet\noder\ntotgeschwiegen\nwird, wieder aufgewertet, da sie nicht mehr Last f\u00fcr einige sondern\nkollektiv getragene Arbeit von allen f\u00fcr alle ist.\nAndererseits wird Care-Arbeit dadurch von Weiblichkeit entkoppelt,\nsodass es nicht mehr nur darum geht, zu kritisieren, dass Frauen\nund weiblich sozialisierte\nPersonen mehr Care-Arbeit leisten, sondern auch darum, Care-Arbeit\nunabh\u00e4ngig vom\nm\u00e4nnlich-weiblichen Paradigma\nder ungleichen\nBelastungen zu denken. Die\nSorge f\u00fcreinander nimmt so eher die Form der Solidarit\u00e4t an, die\ndarauf beruht, die pers\u00f6nlichen, aber systemisch bedingten K\u00e4mpfe\nder anderen als die eigenen zu begreifen \u2013 und\nsie gemeinsam zu f\u00fchren.\nIndem Care-Arbeit also in der queeren Praxis nicht so sehr als Last\noder Leistung, sondern als intime Solidarit\u00e4t gelebt wird, erlebt\nsie zudem eine\nPolitisierung, die dem feministischen Anliegen, dass das Politische\nvom Privaten nicht getrennt werden kann, Rechnung\ntr\u00e4gt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\ndiese Perspektive\nl\u00e4sst sich an\n<em>Stone Butch Blues <\/em>aufzeigen.\nDer Ort, an dem sich Jess zum\nersten Mal aufgehoben und in\nden eigenen Sorgen verstanden\nf\u00fchlt,\nsind die Freundeskreise, die\nsich in den queeren Kneipen\ntummeln,\ndie Jess irgendwann entdeckt. So\nnehmen Butch Al und ihre Freundin Jacqueline Jess direkt unter ihre\nFittiche, als Jess zum ersten Mal\nin der queeren Bar\nTifka\u2018s auftaucht. Auf ihre\njeweils unterschiedliche Art nehmen in diesem Freundeskreis Femmes,\nButches und Tunten Care-Rollen ein, um einander zu unterst\u00fctzen und\nzu sch\u00fctzen, und um eine\nArt Ersatzfamilie\nzu bilden, in der keine Person allein gelassen wird. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den Hammer rausholen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Care-Arbeit ist also eindeutig kein Thema, das allein im Kontext eines klassischen materialistischen Feminismus diskutiert werden sollte. Wie auch hinsichtlich Prekarit\u00e4t zeigt eine queere Perspektive auf Care-Arbeit, dass materielle und systemische Fragen f\u00fcr einen queeren Feminismus unabdingbar sind \u2013 und gleichzeitig, dass es fruchtbar ist, einen materialistischen Feminismus um queere Perspektiven zu erweitern. Das bedeutet nicht, aus den Augen zu verlieren, dass Queerfeminismus in pure Identit\u00e4tszelebration und materialistischer Feminismus in einen regressiven Essenzialismus zur\u00fcckfallen k\u00f6nnen. Es bedeutet, gemeinsame Fluchtlinien zweier Ans\u00e4tze auszumachen, die h\u00e4ufig als einander ausschlie\u00dfend verstanden werden. Es bedeutet, gemeinsam einen gro\u00dfen, m\u00e4chtigen Hammer zu schmieden, mit dem wir in vielen kleinen und gro\u00dfen Hieben das Patriarchat und den Kapitalismus zertr\u00fcmmern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>________________________________________<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote1anc\">[1<\/a>] Als essenzialistisch werden im Feminismus solche Positionen bezeichnet, die im Zuge einer Ablehnung von M\u00e4nnlichkeit, die als Inbegriff des unterdr\u00fcckenden Patriarchats verstanden wird, Weiblichkeit affirmieren und an K\u00f6rper mit Uterus binden, wodurch Weiblichkeit naturalisiert und als inneres Wesen von \u00bbFrauen\u00ab proklamiert wird. Diese Behauptung einer weiblichen Essenz, die mit k\u00f6rperlichen Gegebenheiten in Zusammenhang gebracht wird, schlie\u00dft jedoch alle jene Personen aus, die sich als weiblich identifizieren, allerdings keinen K\u00f6rper haben, der vom Patriarchat \u2013 und essenzialistischen Feminist_innen \u2013 als weiblich verstanden wird. Letztendlich handelt es sich also um transfeindliche feministische Positionen.  <\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#sdfootnote2anc\">[2<\/a>] Der Roman ist auf Feinbergs Blog  <a href=\"https:\/\/www.lesliefeinberg.net\/\">https:\/\/www.lesliefeinberg.net\/<\/a> als PDF verf\u00fcgbar. In dem Dokument findet sich auch Feinbergs Stellungnahme zu der Entscheidung, das Buch nicht mehr kommerziell zu vertreiben.  <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">[3<\/a>] Der Prozess beinhaltet \u2013 in Deutschland \u2013 die Voraussetzung, dass die Person, die eine Geschlechtsumwandlung oder -angleichung \u00fcber eine Krankenkasse finanzieren lassen m\u00f6chte, ein Gutachten vorlegt, das ihr den nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) gef\u00fchrten \u00bbTranssexualismus\u00ab (F64. 0) attestiert \u2013 eine \u00bbKrankheit\u00ab die gemeinsam mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie gef\u00fchrt wird.  <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">[4<\/a>] Selbstbezeichnung vieler Lesben, die sich m\u00e4nnlich kleiden und m\u00e4nnliche Codes aneignen.  <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">[5<\/a>] BIPoC ist eine Selbstbezeichnung und bedeutet \u00bbBlack, Indigenous, People of Color\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Elio Nora Hillermann | Materialistischer Feminismus und Queerfeminismus werden h\u00e4ufig gegeneinander ausgespielt. Dabei w\u00e4re es f\u00fcr beide Theorietraditionen von Vorteil, stattdessen gemeinsame Sto\u00dfrichtungen auszumachen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-512","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=512"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":526,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512\/revisions\/526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}