{"id":50,"date":"2017-10-13T21:30:46","date_gmt":"2017-10-13T19:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=50"},"modified":"2020-04-11T14:35:16","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:16","slug":"das-maerchen-von-der-universitas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2017\/10\/das-maerchen-von-der-universitas\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von der \u00bbuniversitas\u00ab \u2013 HUch#86"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Von Apollonia zu Hohensteinach<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Universit\u00e4t ist ein Traum. Ein Traum von einem Ort, dem man sich unwissend anvertraut, um ihn wissend wieder zu verlassen. Welche Art von Wissen wor\u00fcber dort vermittelt wird, wof\u00fcr und warum, hat sich mit der Zeit ebenso ver\u00e4ndert wie mit ihrer Klientel; jene selbst hat sich am allermeisten ver\u00e4ndert. Die Universit\u00e4t als h\u00f6chste Bildungsinstitution unserer Gesellschaften war traditionell ein Ort der Restriktion und ist es heute, da fallen Illusionen schwer. Aber man munkelt, es habe irgendwann in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts merkw\u00fcrdige Leute gegeben, die die ganze Zeit an nichts anderes dachten als an die M\u00f6glichkeit einer freien, emanzipierten Gesellschaft. Diese Leute hatten angeblich ein Faible f\u00fcr Illusionen, und irgendwie stellten sie sich die Universit\u00e4t als das Gew\u00e4chshaus einer besseren Welt vor. Die Gesellschaft dieser Zeit war durchaus restriktiv; die Universit\u00e4t allerdings hatte darin eine besondere Position: In einem wirtschaftlich aufstrebenden Staat sollte sie die Verwaltungs- und Bildungselite produzieren, also wurde sie reichlich finanziert, und der Zugang zu ihren heiligen Hallen wurde erleichtert. Pl\u00f6tzlich war sie ein Ort, an dem Menschen aus allen m\u00f6glichen sozialen Lagen zusammenfanden. Einige von ihnen sahen die M\u00f6glichkeit, die in ihren Strukturen und Lehrinhalten nach wie vor reaktion\u00e4re Institution zu einem Ort der sozialen Assoziation, der Reflexion, des Diskurses, der Kritik zu machen. Von diesem Ort sollte gesellschaftliche Bildung ausgehen. Also protestierten und demonstrierten sie, belagerten sie die H\u00f6rs\u00e4le und Stra\u00dfen und ver\u00e4nderten: Universit\u00e4t und Gesellschaft.<\/p>\n<p align=\"justify\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Viele dieser Leute mit den Illusionen sind heute die Eltern oder Gro\u00dfeltern von Menschen, die die Universit\u00e4t besuchen, und diese Kinder und Enkel h\u00f6ren wundersame Geschichten von Zeiten, in denen es nicht so wichtig war, wie viel Zeit man f\u00fcr ein Studium brauchte, sondern was man mit dieser Zeit anfing; in denen man von BAf\u00f6G oder einer Hilfskraftstelle an der Uni problemlos seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte; in denen es Seminare bei Professoren gab, die eine bestimmte Forschungsrichtung vertraten und dar\u00fcber sogar B\u00fccher ver\u00f6ffentlichten; in denen man in den meisten F\u00e4chern nach einem obligatorischen Prop\u00e4deutikum frei w\u00e4hlen konnte, welche Lehrveranstaltungen man belegte, statt sein ganzes Studium mit obligatorischen Modulen zu bestreiten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Den jungen Studierenden sind diese Erz\u00e4hlungen unverst\u00e4ndlich. Lekt\u00fcreseminar? Was bedeutet das? Keine Modulabschlusspr\u00fcfungen? Aber woher wusste man dann, ob ihr gelernt hattet, was ihr solltet? Dozentinnen mussten nicht nach Modulplan lehren? Die Armen, wie orientierungslos m\u00fcssen sie gewesen sein! Und Seminare ohne Vorgabe w\u00e4hlen? Ihr Armen, wie orientierungslos m\u00fcsst ihr erst gewesen sein! Den ganzen Lebensunterhalt bestreiten von einer Stelle als studentische Hilfskraft? Das habt ihr wohl getr\u00e4umt. Das haben sie. Dann haben sie Realit\u00e4t daraus gemacht. Und irgendwann haben sie die Universit\u00e4t ver- und ihren Nachfolgern \u00fcberlassen, die sich \u00fcber das anregende akademische Umfeld so freuten, dass sie auch gerne mal ein paar Jahre zum Studieren brauchten. Nur irgendwann wurde es dem Staat und der Wirtschaft zu bl\u00f6d, auf einen Gro\u00dfteil ihrer prospektiven Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4fte immer so lange warten zu m\u00fcssen. Eine Reform tat Not, wurde gezeugt und geboren, und man nannte sie, nach der sch\u00f6nen Stadt der ersten europ\u00e4ischen Universit\u00e4t, Bologna.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u00dcber die unerfreulichen Eigenschaften dieses Natterngez\u00fcchts brauchen wir hier keine Worte zu verlieren, sie sind zur Gen\u00fcge bekannt \u2013 und der Grund f\u00fcr die Ungl\u00e4ubigkeit der heutigen Studierenden angesichts der Schilderung der Zust\u00e4nde davor. Die Folgen sind aber einen Blick wert:<\/p>\n<p align=\"justify\">Das, was eigentlich allen m\u00f6glich gemacht werden sollte, n\u00e4mlich Reflexion, Bildung im umfassenden Sinn, ist pl\u00f6tzlich wieder nur denen vorbehalten, die es sich leisten k\u00f6nnen. Wer den Bachelor in Regelstudienzeit nicht schafft, verliert den BAf\u00f6G-Anspruch, au\u00dfer, er kann sich mit Tricks wie Gremienarbeit zus\u00e4tzliche Semester erkaufen. Ihn aber in Regelstudienzeit zu schaffen, bedeutet, gerade in arbeitsreichen F\u00e4chern wie Psychologie, dass f\u00fcr Horizonterweiterndes wie den Besuch anderer F\u00e4cher, Lesekreise etc. kaum Zeit bleibt. Gar keine, wenn man, was in den meisten St\u00e4dten der Fall sein d\u00fcrfte, mit dem BAf\u00f6G-H\u00f6chstsatz nicht auskommt und zus\u00e4tzlich arbeiten muss. Dann lernt und liest man halt drei Jahre lang nur das, was im Modulplan steht, und ist hinterher ein sogenannter \u00bbFachidiot\u00ab. Oft aber noch nicht mal das, weil, das im Bachelor vermittelte Fachwissen oft eben nicht gerade profund ist (gerne wird ja schon in der Einf\u00fchrung zum Studium gesagt, es solle hier nur \u00bbein \u00dcberblick vermittelt werden\u00ab) und die vielgepriesenen Kompetenzen eben nicht so hilfreich, au\u00dfer vielleicht f\u00fcr die Beh\u00f6rde, die sich \u00fcber alles Quantifizierbare freut.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nun sagt man sich, es gebe hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen ein wunderbares Land, in dem all diese h\u00e4sslichen Bedingungen nicht dr\u00e4uen. Wo Professoren sich neben der Lehre noch mit Forschung besch\u00e4ftigen k\u00f6nnen statt mit Drittmittelantr\u00e4gen und auch noch halbwegs anst\u00e4ndig daf\u00fcr bezahlt werden. Wo die Dozenten deshalb auch noch mit Vergn\u00fcgen ihr Wissen an die Studierenden vermitteln. Wo man seine Seminararbeit abgibt, wenn man Zeit hat, und nicht, wenn das Semester zu Ende geht, und dergleichen mehr. Dieses zauberhafte Land, oder besser diese L\u00e4nder, denn es gibt ihrer viele, hei\u00dfen Privatuniversit\u00e4ten; das Fiese ist nur, dass die sieben Berge alle Tausender sind. Mindestens.<\/p>\n<p align=\"justify\">Pl\u00f6tzlich herrscht also eine Situation wie vor den 1960er Jahren, dass n\u00e4mlich die mit wohlhabenden Eltern Gesegneten sich den Luxus der umfassenden Bildung erlauben k\u00f6nnen; sei es nun, indem sie eine Privatuniversit\u00e4t besuchen, an der sie Qualit\u00e4t und Freiheit der Lehre und minimale Betreuungsschl\u00fcssel erwarten, oder an der staatlichen Uni sich mit dem qualitativ schlechteren Studium wenigstens Zeit lassen, verschiedene F\u00e4cher ausprobieren und eventuell gleich mehrere Abschl\u00fcsse bekommen k\u00f6nnen. Die vom Zufall weniger Bedachten machen eben nach wie vor eine drei- oder f\u00fcnfj\u00e4hrige Ausbildung. Die sieht heute nur besser aus als fr\u00fcher, weil das Siegel der Universit\u00e4t draufklebt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wenn also die Bedeutung von Universit\u00e4t im Moment so umfassend unerfreulich ist, was sollen wir dann noch mit ihr anfangen?<\/p>\n<p align=\"justify\">So wie das Land hinter den Bergen kein eigentliches Land ist, ist auch die Privatuniversit\u00e4t im Vergleich zu einer staatlichen keine eigentliche Universit\u00e4t. W\u00e4hrend eine staatliche Universit\u00e4t ausmacht, dass hier jeder mit einem Abschluss hingehen kann, daf\u00fcr aber keine Freiheit der Lehre besteht, keine Zeit zum Lernen im emphatischen Sinn, keine M\u00f6glichkeit zum Austausch mit Lehrenden und anderen Studierenden, so zeichnet sich die Privatuniversit\u00e4t dadurch aus, dass Freiheit der Lehre, Zeit zum Lernen, M\u00f6glichkeit zum Austausch da sind, dass aber nur hingehen kann, wer das n\u00f6tige Geld auftreibt. Freiheit des Denkens ist also inzwischen nicht nur k\u00e4uflich; es scheint, sie muss erkauft werden. Das ist den kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen in seiner ganzen Sch\u00e4ndlichkeit zwar angemessen, aber noch lange nicht hinnehmbar.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Begriff \u00bbuniversitas\u00ab f\u00fcr eine Bildungsinstitution bezeichnete zun\u00e4chst nicht nur die Gesamtheit der Wissenschaften, sondern die Gemeinschaft der Lehrenden und Studierenden. Die \u00bbuniversitas\u00ab und die falsche Realit\u00e4t gleicherma\u00dfen beim Wort nehmend, haben die Tr\u00e4umer vor einigen Jahrzehnten mit ihren Forderungen nach freier Lehre und Forschung, freiem Zugang, freier Assoziation, Zeit, Austausch eine Nicht-Universit\u00e4t entworfen. Wir sollten ihnen folgen. Wir sollten die Nicht-Universit\u00e4t abtragen und mit den Tr\u00fcmmern unsere hohlen Lehrgeb\u00e4ude f\u00fcllen, bis sie den Namen \u00bbuniversitas\u00ab wieder verdienen.<\/p>\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Apollonia zu Hohensteinach Die Universit\u00e4t ist ein Traum. Ein Traum von einem Ort, dem man sich unwissend anvertraut, um ihn wissend wieder zu verlassen. Welche Art von Wissen wor\u00fcber dort vermittelt wird, wof\u00fcr und warum, hat sich mit der Zeit ebenso ver\u00e4ndert wie mit ihrer Klientel; jene selbst hat sich am allermeisten ver\u00e4ndert. 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