{"id":456,"date":"2021-01-14T13:16:28","date_gmt":"2021-01-14T12:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=456"},"modified":"2021-01-14T13:33:57","modified_gmt":"2021-01-14T12:33:57","slug":"saeulengang-oder-in-meiner-badewanne-bin-ich-kapitaen-huch90","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2021\/01\/saeulengang-oder-in-meiner-badewanne-bin-ich-kapitaen-huch90\/","title":{"rendered":"S\u00e4ulengang oder \u00bbin meiner Badewanne bin ich Kapit\u00e4n\u00ab &#8211; HUch#90"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Charlie Cremer Jauregui |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die erste Kolumne der HUch macht ihren Auftakt mit einem Metakommentar zu ihrer eigenen Form. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00bbDamit aus der Theorie keine Praxis wird, leistet man sich Kolumnisten, ohnm\u00e4chtige Einzelne, Au\u00dfenseiter, Stars\u00ab, schreibt Ulrike Meinhof 1969 \u00fcber ihre Rolle als Kolumnistin in der <em>konkret.<\/em> Da sich die <em>HUch<\/em>hiermit eine leistet, sei vorweg gesagt: Diese Kolumne weigert sich, unpraktisch zu sein. Theoretisch ist sie dennoch. Dass das widerspr\u00fcchlich ist, sei dahingestellt. Anstatt mich mit Ulrike Meinhofs Kolumnen, ein Jahrzehnt lang in der <em>konkret <\/em>ver\u00f6ffentlicht, auseinanderzusetzen, wie urspr\u00fcnglich vorgehabt, verlor ich mich im gegenw\u00e4rtigen Kolumnendickicht: Kolumnen gibt es heute in jeder Zeitung und sie erfreuen sich hoher Beliebtheit. Ich habe versucht sie zu z\u00e4hlen \u2013 es war ein aussichtsloses Unterfangen. Allein <em>Spiegel Online<\/em>, schnell durchgescrollt, nennt mir zehn verschiedene Kolumnist_innen, deren Namen als Kolumnentitel herhalten m\u00fcssen, ob aus mangelnder Kreativit\u00e4t oder Personenkult bleibt ungekl\u00e4rt. Im Gegensatz dazu druckt die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> seit 1946 <em>Das Streiflicht<\/em> als Kolumne auf ihrer Titelseite, anonym. Damit nicht genug: Das <em>SZ-Magazin<\/em> kennt keinen Anfang und kein Ende, <em>Vorgekn\u00f6pft, Der Lokvogel: Bahnfahrerkolumne, Der Fall meines Lebens, Hotel Europa,<\/em> <em>Getr\u00e4nkemarkt<\/em>, <em>Gute Frage<\/em>, <em>InstaKram \u2013 Stars im Netz,<\/em> das Wortspiel in Ehren, und Axel Hackes <em>Das Beste aus aller Welt<\/em>, inzwischen auch in Buchform erh\u00e4ltlich. Die <em>FAZ <\/em>versucht sich in p\u00e4dagogischen Ratschl\u00e4gen mit der Kolumne <em>Wie erkl\u00e4re ich\u2018s meinem Kind? Einfache Antworten auf knifflige Fragen<\/em>, in der sie anl\u00e4sslich des Mauerfalljubil\u00e4ums Antikommunismus kinder- und wessifreundlich zusammenfasst. <em>Fraktur \u2013 Die Sprachglosse<\/em> verspricht \u00bbwahre Worte gegen hohle Phrasen\u00ab und <em>Nine to Five \u2013 Die B\u00fcrokolumne <\/em>erz\u00e4hlt Anekdoten aus dem \u00bbherrlich vollen\u00ab und \u00bbnetten Arbeitsleben\u00ab<em>. <\/em>Im Politik- und Gesellschaftsteil der <em>taz<\/em> z\u00e4hle ich zwanzig \u2013 Sportkolumnen und dergleichen au\u00dfen vor gelassen. <em>Die Woche<\/em>, <em>Kuscheln in Ketten<\/em>, <em>Pflanzen essen, Internetexplorerin<\/em>, <em>Macht<\/em>, <em>Chinatown<\/em>, <em>Nach Geburt,<\/em> <em>Der rote Faden, Andropause<\/em>, <em>Habibitus<\/em>, <em>[b]ei aller Liebe, <\/em>das sind wirklich viele \u2013 und anl\u00e4sslich noch weiterer <em>Liebeserkl\u00e4rung<\/em>en bleibt<em> Die eine Frage<\/em>: wozu all diese Kolumnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKolumne erscheint als\nAusdruck sich\newig\nneu erfindender,\nunersch\u00f6pflicher\nweil\nf\u00fcr die Produzent_innen\ngewinn-\nund f\u00fcr die\nKonsument_innen spa\u00dfbringender\nKulturindustrie.\nMit\nProduzentin\nist\nhierbei\njedoch nicht\ndie\num Mitternacht\nmit\nviereckigen\nAugen und 1,5 Liter\nKaffee\nin\nden Venen hastig\nin\nihre\nTastatur schlagende Kolumnistin\ngemeint,\nder unter dem Zeitdruck\nder Zeitungsproduktion\ndie\nKreativit\u00e4t\nausgeht und die\natemlos ohnepunktundkomma ihr\nletztes Tinderdate\nirgendwie\ndoch noch zu einem\nhalbwegs verkaufbaren Am\u00fcsement in\nForm gie\u00dft.\nDer\nLiebe zur Arbeit wegen.\nMit\nProduzentin\nist\nvielmehr\ndie\nEigent\u00fcmerin\nder Zeitung\ngemeint, die\nden durch die\nKolumnistin\nerschriebenen\nMehrwert gewinnt\nund reinvestieren\nkann. Trotz alledem\nstellt sich die Frage: Ist\nda mehr, was diese\ndem lateinischen\nWort <em>columna<\/em>,\nzu deutsch <em>S\u00e4ule<\/em>\nentspringende\nTextform enth\u00e4lt? \n<\/p>\n\n\n\n<p> Die Kolumne st\u00fctzt die Seite einer Printausgabe, sie erg\u00e4nzt am Rande die Titelzeile, sie bedeutet eine Druckspalte, die das Gewicht tr\u00e4gt, das Zeitungsname und Titelzeile der Seite aufgeladen haben. Wie eine tragende S\u00e4ule eines Geb\u00e4udes. Oder jene eines Zeitungstempels. Freilich keines religi\u00f6sen \u2013 aber pilgern sollen die Leser_innen dennoch. T\u00e4glich oder w\u00f6chentlich zum Zeitungskiosk, in Erwartung einer neuen meinungsbildenden Predigt, gebannt aufs Blatt. Wenn es heute nicht mehr der Zeitungskiosk ist, dann zumindest das digitale Zeitungsabonnement und die morgendliche Benachrichtigung auf dem Smartphone: News von deiner Lieblingskolumnistin. Insofern bindet die Kolumne Leser_innen, birgt sie die Hoffnung auf verl\u00e4sslich zahlende Kundschaft, sprich: den Absatz der Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kolumnistin ist eine, die sich der Wahrheit verpflichtet sieht, manchmal, sich Ruhm und Ehre verspricht, oftmals. (Nat\u00fcrlich z\u00e4hle ich zur zweiten Kategorie.) Als eine von wenigen journalistischen Formen ist die Kolumne eine, die ein Ich kennt, das erz\u00e4hlt. Die Kolumne bin Ich. Noch erstaunlicher: Ich darf witzig sein. Die dem journalistischen Verhaltenskodex eingeschriebene N\u00fcchternheit \u2013 um der objektiven Berichterstattung willen \u2013 ist keine die z\u00e4hlt, f\u00fcr mich. Denn ich habe Meinung und diese will kund getan werden. Humor als eine Ausdrucksform des Trotzdem ist die Sprache, derer Ich mich bediene. Eine Meinung also, die sich nicht in der endlichen Aufz\u00e4hlung unendlicher Anti-ismen ergeht, sondern herausstellt, was sie meint, durch ironische Bedeutungsumkehr. Ironie als Mittel, welches die Unhaltbarkeit der Welt, die sie beschreibt, sprachlich greifbar macht. Bei\u00dfend sp\u00f6ttisch, lies sarkastisch und bei gro\u00dfem Hunger auch polemisch. In keinem Fall aber zynisch.Zynismus als eine Haltung, die Widerstand und Menschenw\u00fcrde in dieser Welt von vornherein als sinnlos verdammt, wird eben darum aus dieser Kolumne verbannt. Sie ergeht sich weder in der ausschlie\u00dflichen Zitation menschenverachtender Weisheiten namhafter Politiker_innen oder durchschlagender <em>BILD<\/em>-Titel wie es <em>Gremlizas Express <\/em>(R.I.P.), die Sprachkolumne der <em>konkret<\/em> tat, noch setzt sie sich die \u00bbPflege der Reinheit der deutschen Sprache\u00ab zum Ziel, wie 2003 dem <em>Streiflicht <\/em>der<em> SZ <\/em>mit dem entsprechenden Preis attestiert. \u00bbKolumnen sind Luxusartikel, Kolumnisten sind Stars\u00ab, schreibt Ulrike Meinhof in der <em>konkret. <\/em>Als solche verdienen sie genauso wenig bis weniger als die 0815-Journalistin, aber wenigstens hat die Armut des Stars als sagenumwobene Prestige. Konkret: 100 Euro f\u00fcr 20 Arbeitsstunden (bis zur Setzung dieses Zeichens) macht 5 Euro Stundenlohn. Die <em>taz <\/em>zahlt weniger. Vom <em>Neuen Deutschland ganz zu schweigen<\/em>. Linke Meinungsmache ist unbezahlbar. Als Job unhaltbar. Ein Gl\u00fcck bin ich Studentin und schreibe in meiner Freizeit! Ein Gl\u00fcck darf ich schreiben was ich will, als Kolumnistin bin ich unabh\u00e4ngig von der Redaktion und wenn der folgende Satz noch steht, wurde meine Kolumne traditionsgetreu nicht von der Redaktion gestrichen: Ich will mehr! <br> <br> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Charlie Cremer Jauregui | Die erste Kolumne der HUch macht ihren Auftakt mit einem Metakommentar zu ihrer eigenen Form.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-456","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/456","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=456"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/456\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":466,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/456\/revisions\/466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}