{"id":446,"date":"2020-06-28T16:00:17","date_gmt":"2020-06-28T14:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=446"},"modified":"2020-06-28T16:00:18","modified_gmt":"2020-06-28T14:00:18","slug":"schlussstrich-unterm-schlussstrich-huch90","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2020\/06\/schlussstrich-unterm-schlussstrich-huch90\/","title":{"rendered":"Schlussstrich unter&#8217;m Schlussstrich &#8211; HUch#90"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Friedemann Melcher |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Felix Bohrs Studie \u00fcber die Unterst\u00fctzung im Ausland inhaftierter NS-T\u00e4ter durch die BRD wirft Fragen \u00fcber die Aufarbeitung des Nationalsozialismus auf, die auch die Gegenwart betreffen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bild_Schlussstrich_unterm_Schlussstrich.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-447\" width=\"388\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bild_Schlussstrich_unterm_Schlussstrich.png 511w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bild_Schlussstrich_unterm_Schlussstrich-232x300.png 232w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bild_Schlussstrich_unterm_Schlussstrich-19x24.png 19w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bild_Schlussstrich_unterm_Schlussstrich-28x36.png 28w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bild_Schlussstrich_unterm_Schlussstrich-37x48.png 37w\" sizes=\"auto, (max-width: 388px) 100vw, 388px\" \/><figcaption>Illustration: elio\/nora amrel<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zum siebzigsten Jahrestag der Gr\u00fcndung der Bonner Republik beschwor der\nnordrhein-westf\u00e4lische Ministerpr\u00e4sident Armin Laschet gegen\u00fcber der dpa die\nBonner Tugenden von \u00bbMa\u00df und Mitte\u00ab. Anl\u00e4sslich dieses Jubil\u00e4ums lohnt es sich\nin der 2018 bei Suhrkamp erschienenen Studie <em>Die Kriegsverbrecherlobby:\nBundesdeutsche Hilfe f\u00fcr im Ausland inhaftierte NS-T\u00e4ter <\/em>von Felix Bohr\nnachzulesen, was es mit jener \u00bbMitte\u00ab und jenem \u00bbMa\u00df\u00ab der Bonner Republik auf\nsich hatte. Die \u00bbTugendhaftigkeit\u00ab der wechselnden westdeutschen Regierungen\nder Jahre 1949-1990 erscheint nach der Lekt\u00fcre in einem anderen Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Untertitel bereits ank\u00fcndigt, berichtet das Buch von der bundesdeutschen\nUnterst\u00fctzung f\u00fcr verurteilte NS-Verbrecher, in diesem Fall von den letzten in\nHaft Verbliebenen im westeurop\u00e4ischen Ausland, die sogenannten \u00bbVier von Breda\u00ab\nin den Niederlanden und Herbert Kappler in Italien. Kappler, Leiter des SD in\nRom w\u00e4hrend der deutschen Besatzungszeit, sorgte nicht nur durch Razzien f\u00fcr\ndie Deportation von \u00fcber tausend Mitgliedern der j\u00fcdischen Gemeinde Roms,\nsondern organisierte 1944 auch das Massaker in den Ardeatinischen H\u00f6hlen, bei\ndem er und andere SS-M\u00e4nner 335 Menschen ermordeten. Nach seiner Festnahme 1945\nund der Verurteilung zu lebenslanger Haft war er der \u00bbprominenteste deutsche\nKriegsverbrecher in italienischem Gewahrsam\u00ab und ab 1951 auch der einzige. Bei\nden \u00bbVier von Breda\u00ab handelt es sich um drei Geheimdienstler und Organisatoren\nvon Massendeportationen und Razzien, sowie den stellvertretenden Kommandanten\neines Konzentrationslagers, die ma\u00dfgeblich an den Schrecken der Schoah in den\nNiederlanden beteiligt waren. Alle Vier \u2013 Franz Fischer, Ferdinand aus der\nF\u00fcnten, Willy Lages und Joseph Kotalla \u2013 wurden zu lebenslanger Haft\nverurteilt, die sie im Gef\u00e4ngnis von Breda absitzen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand der Geschichten dieser T\u00e4ter nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs\nuntersucht Felix Bohr das Verh\u00e4ltnis der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu\nden Verbrechen der NS-Zeit. Minuti\u00f6s und mit einer Vielzahl von Quellen\nzeichnet Bohr die Bem\u00fchungen der Kirchen, der Unterst\u00fctzungsnetzwerke und des\nStaates nach, auf eine Haftentlassung und Rehabilitierung von NS-Verbrechern hinzuwirken,\nwas, bis auf die f\u00fcnf Genannten, ausgesprochen erfolgreich war. In Anlehnung an\ndie Studien des Jenaer Historikers Norbert Frei, der als Teil der Unabh\u00e4ngigen\nHistorikerkommission die Vergangenheit des Ausw\u00e4rtigen Amts im NS und in der\njungen Bundesrepublik untersuchte, kann Bohr zeigen, warum sich die Bonner\nRegierungen, trotz einer sich wandelnden Erinnerungskultur konstant f\u00fcr die\nFreilassung der NS-T\u00e4ter einsetzten. Das Bestreben der Adenauer-Regierung, im\nSpannungsfeld zwischen den westeurop\u00e4ischen B\u00fcndnispartnern und der\ntitelgebenden \u00bbLobby\u00ab, die ehemaligen Anh\u00e4nger_innen des Nationalsozialismus\nz\u00fcgig zu integrieren, verhinderte die juristische und historische Aufarbeitung\nihrer Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lobby, haupts\u00e4chlich bestehend aus dem SS-Veteranenverband\n\u00bbHilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit\u00ab (Hiag), dem \u00bbVerband der Heimkehrer\u00ab\n(VdH) und der \u00bbStillen Hilfe f\u00fcr Kriegsgefangene und Internierte e.V.\u00ab sch\u00fcrte\nim Nachkriegsjahrzent den deutschen Opfermythos und agitierte dementsprechend\ngegen eine vermeintliche \u00bbSiegerjustiz\u00ab des Westens. Gleichzeitig wurde die in\nder Bev\u00f6lkerung vorherrschende \u00bbSchlussstrichmentalit\u00e4t\u00ab auch von den Kirchen\ngetragen, die durch den Einsatz f\u00fcr Kriegsgefangene und -verbrecher ihre\ngesellschaftliche Relevanz festigen wollten. Um die deutsche Wiederbewaffnung\nangesichts des aufziehenden Kalten Krieges zu beschleunigen, kamen die\nWestalliierten den Forderungen der ersten Bundesregierung nach umfassenden\nAmnestierungen nach, sodass bereits 1958 beinahe alle NS-T\u00e4ter im In- und\nAusland aus den Gef\u00e4ngnissen entlassen worden waren. In diesem politischen\nKlima wurden aus den letzten Kriegsverbrechern im Beamtendeutsch der 50er Jahre\nschnell \u00bbKriegsverurteilte\u00ab, ein Begriff, der sich bis 1989 halten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich erschreckend ist die Art und Weise in der sich auch Gegner_innen\nund Verfolgte des NS-Regimes dem geschichtsrevisionistischen Zeitgeist\nanbiederten. Der ehemalige Widerstandsk\u00e4mpfer Willy Brandt setzte sich ab 1966\nals Au\u00dfenminister und ab 1969 als Kanzler intensiv f\u00fcr Kappler und die \u00bbVier\nvon Breda\u00ab ein, wobei dieses Engagement beispielsweise bei der PSI in Italien\nIrritationen ausl\u00f6ste. Trotzdem \u00e4u\u00dferte der damalige au\u00dfenpolitische Berater\ndes SPD-Parteivorstands, Alexander Kohn-Brandenburg, in einem Brief mit Bezug\nauf den Resistenza-Veteran Sandro Pertini seine Hoffnung, dass einmal \u00bbauch die\ngeh\u00e4ssigsten Widerstandsleute\u00ab nachgeben m\u00fcssten. Diese beinahe absurd\nanmutende Gleichzeitigkeit widerspr\u00fcchlicher Haltungen zum Widerstand gegen den\nFaschismus ist aus heutiger Sicht nur schwer nachzuvollziehen. Entscheidend ist\ndabei laut Bohr der Wunsch der SPD, als \u00bbVolkspartei\u00ab auch ehemalige\nNSDAP-Mitglieder anzusprechen \u2013 aus einer Hoffnung auf gesellschaftliche\n\u00bbVers\u00f6hnung\u00ab und aus machtpolitischem Opportunismus heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Einsatz der Bundesregierung f\u00fcr die\nFreilassung der letzten Gefangenen Fr\u00fcchte zu tragen drohte, erledigten sich\ndie F\u00e4lle teilweise von selbst. Lages wurde 1966 aus Gesundheitsgr\u00fcnden\nentlassen und starb 1971 in Braunlage, Kotalla starb 1979 im Bredaer Gef\u00e4ngnis.\nHerbert Kappler hingegen gelang 1977 mit Hilfe seiner Frau, der Soltauer\nHeilpraktikerin Anneliese-Kappler Wenger, und finanzieller Unterst\u00fctzung der\n\u00bbalten Kameraden\u00ab die spektakul\u00e4re Flucht aus einem r\u00f6mischen Milit\u00e4rkrankenhaus.\nErst Anfang der 80er Jahre wurde die Gemeinn\u00fctzigkeit der Hiag erstmals in\nFrage gestellt. Nach der Aufl\u00f6sung des Bundesverbands 1992 existieren einzelne\nregionale Gruppen der SS-Veteranen weiter, deren Hamburger Ableger bis 2005\nweiterhin als gemeinn\u00fctzig anerkannt war. In Anbetracht des staatlich\ngef\u00f6rderten \u00dcberlebens solcher Vereine muss die aktuelle Entscheidung des\nBerliner Finanzamts, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA)\ndie Gemeinn\u00fctzigkeit zu entziehen, wie ein grausamer Scherz klingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unter Kohl wie selbstverst\u00e4ndlich fortgesetzten Bem\u00fchungen um eine\nEntlassung der beiden letzten Gefangenen in Breda zeigen, dass die\nKriegsverbrecherhilfe in den 80er Jahren l\u00e4ngst zur Staatsr\u00e4son geworden war.\nFischer und aus der F\u00fcnten kamen 1989 frei, wenige Monate vor dem Fall der\nBerliner Mauer. Die Studie zeigt dabei eindr\u00fccklich auf, dass die Freilassung\nder beiden T\u00e4ter und die unertr\u00e4gliche Straffreiheit tausender Anderer nur die\nSymptome einer Gesellschaft waren, die sich in gro\u00dfen Teilen nie zu ihrer\nSchuld bekennen wollte. Die Forderung nach einem&nbsp; \u00bbSchlussstrich\u00ab unter den Verbrechen der\nDeutschen im Nationalsozialismus, die von der AfD und anderen Akteuren der\npolitischen Rechten wieder \u00f6ffentlichkeitswirksam propagiert wird, war seit\nihrer Gr\u00fcndung elementarer Bestandteil der BRD.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Felix Bohr: Die Kriegsverbrecherlobby: Bundesdeutsche Hilfe f\u00fcr im Ausland inhaftierte NS-T\u00e4ter.\u00a0 Suhrkamp. 558 Seiten, 28 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Friedemann Melcher | Felix Bohrs Studie \u00fcber die Unterst\u00fctzung im Ausland inhaftierter NS-T\u00e4ter durch die BRD wirft Fragen \u00fcber die Aufarbeitung des Nationalsozialismus auf, die auch die Gegenwart betreffen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-446","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=446"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":448,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions\/448"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}