{"id":427,"date":"2020-05-31T15:48:30","date_gmt":"2020-05-31T13:48:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=427"},"modified":"2020-05-31T15:48:33","modified_gmt":"2020-05-31T13:48:33","slug":"welche-freiheit-fuer-hongkong-huch90","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2020\/05\/welche-freiheit-fuer-hongkong-huch90\/","title":{"rendered":"Welche Freiheit f\u00fcr Hongkong? &#8211; HUch#90"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Marie Funke |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Menschen in Hongkong k\u00e4mpfen f\u00fcr mehr Demokratie, die Jugend politisiert sich, auch die Universit\u00e4ten spielen eine tragende Rolle. Doch suchen sich die Protestierenden im Westen die falschen Freunde? Ein Bericht aus dem Herzen eines Systemkonflikts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00bbWhen\ndictatorship becomes truth, revolution becomes duty.\u00ab Man k\u00f6nnte sich leicht\n\u00fcber diesen etwas pathetisch daherkommenden Satz mokieren, der sich wie ein\nMantra in schwarzer Farbe in die Hausw\u00e4nde und Gehwege Hongkongs eingeschrieben\nhat. Ein autorloses Zitat, das auf dem Weg zur Lohnarbeit oder in die Schule\ndie Passant_innen aus ihrem durchgetakteten Alltag in einer gehetzten\nMillionenstadt rei\u00dfen soll. Doch der Alltag in Hongkong verl\u00e4uft schon l\u00e4ngst\nnicht mehr in seinen gewohnten Bahnen. Er ist gewisserma\u00dfen entgleist \u2013 wie ein\nZug der MTR, Hongkongs Hauptverkehrsmittel \u2013 und wird zerrissen von den\nmittlerweile t\u00e4glich stattfindenden Tr\u00e4nengas-Eins\u00e4tzen. Die Frustration der\nZivilbev\u00f6lkerung, die weiterhin irgendwie versucht, das eigene Leben zu\nbestreiten, w\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit\nmittlerweile f\u00fcnf Monaten befindet sich die Stadt in einem Ausnahmezustand. Wen\nk\u00fcmmert da schon der eine oder andere simplifizierende und\nrevolutionsromantische Ton in der Flut von Plakaten, Graffiti und Post-Its, die\nan allen Enden der Sieben-Millionen-Metropole in den sogenannten <em>Lennon-Walls<\/em>\nkulminieren. Visuelle Monumente der Wut gegen\u00fcber Regierung und Polizeigewalt.\nBegonnen hatte alles Anfang Juni 2019 mit den ersten friedlichen Protesten\ngegen die sogenannte <em>Extradition Bill<\/em> (dt.: Auslieferungsabkommen). Der\nexzessive Einsatz von Tr\u00e4nengas gegen die Bev\u00f6lkerung in den darauffolgenden\nTagen rief schlie\u00dflich am 16. Juni mit \u00fcber eine Millionen Teilnehmer_innen die\ngr\u00f6\u00dften Demonstrationen in Hongkongs Geschichte hervor. Bei dem Versuch einer\nErkl\u00e4rung der andauernden Demokratiebewegung darf der Kontext der von\nFremdbestimmung gepr\u00e4gten Stadtgeschichte nicht vernachl\u00e4ssigt werden. Eine\nWiedergabe der \u00fcber ein Jahrhundert andauernden Kolonialgeschichte und des\nanschlie\u00dfenden diplomatischen Drahtseilakts der R\u00fcckgabe Hongkongs an China\nkann hier nur unvollst\u00e4ndig vorgenommen werden \u2013 daher der Versuch, sich im\nFolgenden auf das Wesentliche zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGesetzesvorschlag der <em>Extradition Bill<\/em> sah die Implementierung eines\nrechtlichen Kanals vor, durch den Menschen, die sich auf dem Gebiet Hongkongs\nbefinden und gegen die ein Tatverdacht bzw. ein Strafbefehl besteht, neben\nTaiwan und Macau auch an die Volksrepublik China ausgeliefert werden k\u00f6nnen.\nDiese M\u00f6glichkeit ist in der bestehenden Gesetzeslage nicht vorgesehen. Als\nHongkong 1997 vom Vereinigten K\u00f6nigreich nach \u00fcber 150 Jahren der\nKolonialherrschaft und langen Verhandlungen unter Margaret Thatcher an China zur\u00fcckgeben\nwurde, wurde die Stadt zu einer Sonderverwaltungszone (Special Administrative\nRegion \/ SAR). Dieser Sonderstatus gilt f\u00fcr f\u00fcnfzig Jahre und l\u00e4uft somit 2047\naus. Ob es danach eine vollst\u00e4ndige Angliederung Hongkongs an die Volksrepublik\ngeben wird, bleibt ungekl\u00e4rt. Zentraler Bestandteil des Abkommens zwischen\nGro\u00dfbritannien und China sind die Sonderrechte und Regelungen, festgehalten im <em>Basic\nLaw<\/em> und zusammengefasst in der Formel \u00bbone country, two systems\u00ab, welches\ndem Gebiet Hongkong diverse Autonomierechte gegen\u00fcber der Volksrepublik\nzusichert. Dazu geh\u00f6ren unter anderem die f\u00fcr Hongkong als globales\nFinanzzentrum wichtige Autonomie in Zoll- und Steuerfragen \u2013 d.h. die\nAbsicherung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems \u2013 als auch Freiheitsrechte\nwie Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit. Universelles Wahlrecht ist jedoch\nnicht gew\u00e4hrleistet, da das h\u00f6chste politische Amt der <em>Chief Executive<\/em>\n(zurzeit Carrie Lam) formal von der Regierung der Volksrepublik Chinas ernannt\nwird und auch das <em>Legislative Council<\/em> nur zu einem Teil\ndirektdemokratisch von der Bev\u00f6lkerung Hongkongs gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGesetzesvorschlag der<em> Extradition Bill<\/em> bedeutete in den Augen vieler\nHongkonger_innen eine direkte Gef\u00e4hrdung der durch \u00bbone country, two systems<em>\u00ab<\/em>\ngew\u00e4hrleisteten Autonomierechte Hongkongs. Insbesondere die Gew\u00e4hrleistung der\nFreiheitsrechte wird von vielen Hongkonger_innen zunehmend mit Sorge betrachtet\nund durch die Einflussnahme Chinas als akut gef\u00e4hrdet angesehen. Dieser\nVerdacht ist nicht unbegr\u00fcndet, wie Gesetzes\u00e4nderungsvorschl\u00e4ge der\nVolksrepublik bez\u00fcglich des Wahlsystems Hongkongs aus der Vergangenheit zeigen.\nDiese f\u00fchrten bereits 2014 zu Massenprotesten, die als <em>Umbrella Revolution<\/em>\noder auch als Hongkongs Regenschirm-Bewegung bekannt geworden sind. Konkreten\nArgwohn gegen\u00fcber dem Vorschlag des Auslieferungsabkommen weckten zudem\nVorf\u00e4lle im Jahr 2015, als f\u00fcnf Hongkonger Verleger auf dem Gebiet Hongkongs\nund im nahen Ausland verschwanden, nach dem sie China- und Parteikritische\nPublikationen ver\u00f6ffentlicht hatten. Nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist in diesem\nZusammenhang allerdings auch das Interesse der wirtschaftlichen Elite\nHongkongs, den Status der Stadt als Steueroase und Zufluchtsort f\u00fcr aus China\nfliehende Wirtschaftskriminelle zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nProteste der letzten Monate sind also nicht nur als unmittelbare Reaktion auf\neinen Gesetzesvorschlag zu verstehen, der die potentielle Beschneidung einer\nlauten China-kritischen Opposition bedeuten k\u00f6nnte und die wirtschaftliche\nInteressen der Elite Hongkongs gef\u00e4hrden w\u00fcrde, sondern sie m\u00fcssen auch vor dem\nHintergrund einer Stadt eingeordnet werden, deren Bev\u00f6lkerung seit Generationen\nfremdbestimmt wird. Eine Stadt, deren Identit\u00e4t sich \u00fcber eine deutliche\nAbgrenzung zum Festland Chinas formuliert. \u00bbHongkong ist nicht China\u00ab, t\u00f6nt es\naus tausenden M\u00fcndern.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwischen\nHighspeed-Internet und gelebter Solidarit\u00e4t&nbsp;\n<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie schafft es eine Bewegung ohne\nAnf\u00fchrer_innen, sich \u00fcber Monate hinweg zu organisieren, internationale\n\u00d6ffentlichkeitsarbeit zu betreiben und w\u00f6chentlich Millionen von Menschen zu\nmobilisieren? Eine stabile Internetverbindung ist der erste Schl\u00fcssel zur\nTeilhabe an Hongkongs Protesten. Die junge Generation der Stadt zeigt\neindrucksvoll, wie sich ihre Internetaffinit\u00e4t an die Bed\u00fcrfnisse einer\nBewegung anpassen l\u00e4sst, die nach dem Motto <em>be like water<\/em> durch die Spontaneit\u00e4t\nder Aktionen und die Anonymit\u00e4t ihrer Teilnehmer_innen agiert. Das Individuum\nverschwindet in der Masse, wie ein Tropfen im Ozean oder ein weiterer Account\nim Reddit Demo-Thread. Ohne die Kommunikation \u00fcber den Telegram-Messenger,\nTwitter und Portale wie LIHKG w\u00e4re die Organisation der schieren Masse an\nMenschen wohl kaum m\u00f6glich. Das Internet erm\u00f6glicht in Hongkongs Protesten eine\nneue virtuelle Form der Teilhabe an Entscheidungsprozessen und den Zugang zu\nInformationen in Echtzeit. Die t\u00e4gliche Informationsflut ist dabei ebenso\nbeeindruckend wie erdr\u00fcckend. In Telegram-Kan\u00e4len mit \u00fcber 25.000 Mitgliedern\nwerden im Minutentakt Updates aus allen Teilen der Stadt ver\u00f6ffentlicht,\nw\u00e4hrend Livestreams erm\u00f6glichen, das aktuelle Geschehen von Zuhause, auf der\nArbeit oder aus dem H\u00f6rsaal mitzuverfolgen. Live-Karten der Stadt unterf\u00fcttern\ndie Informationslage zudem mit einer \u00dcbersicht zu Stra\u00dfenblockaden,\nTr\u00e4nengaseinsatz oder hoher Polizeikonzentration. Ein wichtiger Teil der\nt\u00e4glichen Arbeit, die die Bewegung am Leben erh\u00e4lt, ist daher der Einsatz von\nhunderten Freiwilligen, die vierundzwanzig Stunden am Tag als\nAdministrator_innen die neusten Demonstrationsaufrufe verbreiten, minuti\u00f6s die\nEreignisse des letzten Tages dokumentieren, Livestreams produzieren und die\nStandortkarten aktualisieren. Die Ausstattung mit einem internetf\u00e4higen Handy\ngeh\u00f6rt so ganz selbstverst\u00e4ndlich zum Demo-Einmaleins.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Zugang zu einer stabilen\nInternetverbindung ist es aber vor allem die gro\u00dfe Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung,\nwelche die Proteste wie auf einer Welle unerm\u00fcdlich gen der Sechs-Monats-Marke\nreiten l\u00e4sst. Auch wenn die Gruppe der <em>frontliners<\/em> der Bewegung vor\nallem aus Sch\u00fcler_innen und Studierenden besteht, ist es die\ngenerations\u00fcbergreifende Versorgungsarbeit im Hintergrund, durch die sich\nHongkongs Demokratiebewegung auszeichnet. Nicht jede_r muss sich als Teil des\nSchwarzen Blocks ausger\u00fcstet mit selbstgebauten Schilden, Gasmasken und\nSichtschutz den Spezialeinheiten der Polizei in den Weg stellen um seinen\/ihren\nBeitrag zu leisten. Ein Teil der Bewegung l\u00e4sst sich auf viele Weisen sein.\nDies zeigt sich ganz konkret in den \u00fcberaus erfolgreichen\nCrowdfunding-Kampagnen, deren Ziele meist innerhalb weniger Stunden erreicht\nwerden, da vor allem die \u00e4lteren Generationen ihre Unterst\u00fctzung durch Spenden\nausdr\u00fccken. Als die Chinese University of Hong Kong nach gewaltvollen\nAuseinandersetzungen mit der Polizei Anfang November von den Studierenden\nbesetzt wurde, str\u00f6mten auch hier bereits in der ersten Nacht hunderte\nAnwohner_innen und Eltern trotz der Barrikaden und der mit Tr\u00e4nengas getr\u00e4nkten\nLuft auf den Campus, um die Demonstrierenden mit dem N\u00f6tigsten zu versorgen.\nNahrungsmittel, Benzin, Verbandsk\u00e4sten, Regenschirme und Kleidung t\u00fcrmten sich\nbinnen Stunden in riesigen Stapeln auf dem Gel\u00e4nde, w\u00e4hrend Menschen mit ihren\nPrivatautos und Mopeds die ganze Nacht hindurch den kostenlosen Transport von\nPresse, Personen und Waren organisierten. So spiegelt sich der Gemeinschaftssinn\nund die Verbundenheit der Demonstrierenden auch in ihren Slogans wider. Egal ob\nTeenager in Schuluniform oder B\u00fcroangestellte mit Aktentaschen in ihrer\nMittagspause \u2013 wenn sie gemeinsam auf die Stra\u00dfe gehen, rufen sie sich\nermutigend zu: \u00bbHongkongers add oil!\u00abund \u00bbHongkongers resist!\u00ab. Insbesondere\ndie Selbstorganisation der zumeist jungen Demonstrierenden und der Zusammenhalt\ninnerhalb der Bewegung bestimmen das Momentum der letzten Monate. Gleichzeitig\nist es dieser Aspekt der Bewegung, der in den von Polizeigewalt und Vandalismus\ndominierten Medienberichten am wenigsten Beachtung findet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Repression\n\u2013 Wie gegen eine Wand der Ignoranz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nSieben-Millionen-Stadt sechs Monate lang zu mobilisieren und dabei immer wieder\nneue Mittel und Wege einzusetzen, damit die internationale Aufmerksamkeit nicht\nabrei\u00dft, ist eine beachtliche Leistung. Sechs Monate anhaltender\nAuseinandersetzungen sind aber auch verdammt kr\u00e4ftezehrend. Die Frustration und\nHilflosigkeit im Angesicht der politischen Lage, die sich zunehmend als\nausweglos pr\u00e4sentiert, und die exponentiell ansteigende Polizeigewalt f\u00fcgen der\nStadt und insbesondere ihrer jungen Generation irreparable Sch\u00e4den zu. Von hier\naus wird der Weg zur\u00fcck in irgendeine Form des Alltags steinig. Die Chance, den\nForderungen der Demonstrierenden durch Dialog und Verhandlungen zu begegnen,\nscheint l\u00e4ngst verspielt, das Gef\u00fchl, nicht geh\u00f6rt und mutwillig ignoriert zu\nwerden, ist der alles begleitende Beigeschmack der Proteste. Denn was sich in\nder Umbrella Revolution von 2014 bereits andeutete, wurde diesen Sommer noch\neinmal nachdr\u00fccklich demonstriert: Mit friedlichen Demonstrationen und legalen\nMitteln der demokratischen Meinungs\u00e4u\u00dferung trifft die Hongkonger Bev\u00f6lkerung\nbei ihrer Regierung auf taube Ohren. Die Politik Carrie Lams zeichnet sich stattdessen\ndurch eine nicht enden wollende Abfolge von Versuchen aus, das sich l\u00e4ngst in\nvoller Fahrt befindende Ringen um Mitbestimmung mit aller Gewalt zu einem Halt\nzu zwingen. Bisher bewirkten diese Versuche jedoch ausnahmslos das Gegenteil.\nAls die Regierung beispielsweise am 4. Oktober die aus der Kolonialzeit\nstammende Ausnahmezustandsregelung (Emergency Regulation Ordinance) benutzte,\num das \u00bbAnti-Mask Law\u00ab zu verabschieden, wurde das Tragen eines Mundschutzes\nals Akt des zivilen Ungehorsams in den folgenden Tagen zum zentralen Symbol der\nBewegung. Die Beschneidung der demokratischen Rechte hat dabei System, wie auch\ndie Disqualifizierung einiger prominenter pro-demokratischer Politiker_innen\nund Aktivist_innen bei den Bezirkswahlen Ende November zeigte. Diese sind eine\nder wenigen direktdemokratischen Wahlen, die Hongkongs Bev\u00f6lkerung zustehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nRepression durch Hongkongs Polizei, deren einstiger inoffizieller Titel als <em>Asia\u2019s\nFinest<\/em> binnen Monaten zur zynischen H\u00e4me f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung wurde,\nlie\u00df auch vermehrt die Bezeichnung Hongkongs als eines Polizeistaats laut\nwerden. Die meisten \u00f6ffentlichen Versammlungen sind inzwischen verboten,\nBedrohungen von Presseangeh\u00f6rigen (mitunter mit Schusswaffen) durch die\nEinsatzkr\u00e4fte sind gut dokumentiert und das blo\u00dfe Tragen von schwarzer Kleidung\nin der \u00d6ffentlichkeit reichte in vielen F\u00e4llen bereits f\u00fcr die Schikane und\nFestnahme durch Polizeibeamte aus. Einen neuen H\u00f6hepunkt der Proteste markierte\nschlie\u00dflich das Vorgehen gegen die Bewegung, wo es sie am h\u00e4rtesten trifft: an\nden Universit\u00e4ten. Angefangen mit Ausschreitungen an der Chinese University of\nHong Kong am 12. November folgte in den darauffolgenden Tagen die Besetzung der\nBaptist University, der Hong Kong University, der City University und der\nPolytechnic University. Die Situation hat inzwischen zur fr\u00fchzeitigen\nBeendigung des Wintersemesters gef\u00fchrt, viele Universit\u00e4ten wurden\nzwischenzeitlich evakuiert. Nur die entschlossensten <em>frontliners<\/em>\nverblieben auf den Gel\u00e4nden der Universit\u00e4ten \u2013 bereit, die Spezialkr\u00e4fte der\nPolizei mit allen ihnen zu Verf\u00fcgung stehenden Mitteln am Eindringen zu\nhindern. In der Polytechnischen Universit\u00e4t verschanzten sich einige\nStudierende mehrere Tage in den Universit\u00e4tsgeb\u00e4uden, w\u00e4hrend sich drau\u00dfen\nDemonstrant_innen mit den Einsatzkr\u00e4ften Stra\u00dfenschlachten lieferten. W\u00e4re die\nLage nicht so verzweifelt, k\u00f6nnte man \u00fcber die Absurdit\u00e4t der Situation fast\nlachen: Bewaffnet mit Pfeil und Bogen, entwendeten Baggern oder Kettens\u00e4gen\nverteidigten die Student_innen die Zug\u00e4nge zu ihren Universit\u00e4ten.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Revolution\n\u2013 F\u00fcr wen oder was?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Offensichtlich\nist, dass es schon l\u00e4ngst nicht mehr um den formalen R\u00fcckzug der <em>Extradition\nBill<\/em> geht. L\u00e4ngst ist aus den Protesten etwas gr\u00f6\u00dferes erwachsen \u2013 der\nKampf um Selbstbestimmung, der Kampf um Demokratie in Hongkong. F\u00fcnf\nForderungen bilden dabei den Kern der Bewegung. Ihre inhaltliche Einfachheit\nmacht sie massentauglich \u2013 in einer Bewegung ohne Anf\u00fchrer_innen bilden sie das\nR\u00fcckgrat, auf das man sich einigen und st\u00fctzen kann. Inhaltliche Diskussionen\n\u00fcber Strategien und die Sinnhaftigkeit der politischen Forderungen werden dabei\neher im kleinen Rahmen gef\u00fchrt \u2013 das oberste Gebot ist es, die Bewegung nicht\nzu spalten. Man hat von 2014 gelernt, als sich die Bewegung schlie\u00dflich\naufgrund von Strategiefragen inhaltlich \u00fcberwarf und nach der Festnahme ihrer\nprominentesten Gesichter aufl\u00f6ste. Die f\u00fcnf Forderungen sind 1. die\nvollst\u00e4ndige formale R\u00fccknahme des Auslieferungsgesetzes, 2. die Einrichtung\neiner unabh\u00e4ngigen Kommission zur Untersuchung der Polizeigewalt, 3. die\nFreilassung aller festgenommenen Demonstrant_innen sowie deren Amnestie, 4.\ndass die Proteste von der Regierung nicht mehr als Aufstand (Riot) bezeichnet\nwerden sollen und 5. die Einf\u00fchrung allgemeiner, freier und demokratischer\nWahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\ninhaltliche Argumentation im gr\u00f6\u00dferen Diskurs der Proteste verl\u00e4uft\nmehrheitlich nach einem einfachen Schema von Begehren nach Demokratie auf der\neinen Seite und dem durch Hongkongs und Chinas Regierungen verk\u00f6rperten\nAutoritarismus auf der anderen. Zur Untermalung dieses Dualismus werden\nunterdessen auch gerne fragw\u00fcrdige Vergleiche der kommunistischen Partei Chinas\nmit dem Nationalsozialismus herbeigezogen \u2013 siehe die beliebte Verwendung der\nBezeichnung \u00bb<em>Chinazi<\/em>\u00ab. Was genau die Demokratie f\u00fcr Hongkong&nbsp; \u00fcber die Forderung nach einem universellem\nWahlrecht hinaus ausmachen soll, bleibt derweil weitestgehend unklar. Die\nlauten Rufe nach Freiheit f\u00fcr Hongkong werden kaum durch eine inhaltliche\nDiskussion \u00fcber die genaue Ausgestaltung dieser Freiheit begleitet. Was\nbedeutet Freiheit f\u00fcr Hongkong \u00fcber die Erf\u00fcllung der f\u00fcnf Forderungen hinaus?\nDie blo\u00dfe Wiederherstellung des Status quo? In Hongkong regiert seit\nJahrzehnten ein aggressiver Neoliberalismus, angetrieben durch den Mythos einer\n\u00c4ra der Tycoons, einer Generation von Selfmade-M\u00e4nnern und Frauen, die in der\nStadt zu Milliard\u00e4r_innen wurden und Hongkongs Weg zum Wohlstand ebneten.\nZumindest f\u00fcr Einige. Die Schere zwischen Arm und Reich w\u00e4chst stetig, das\nEinkommen der obersten zehn Prozent ist inzwischen fast vierundvierzig Mal so\nhoch wie das der \u00e4rmsten zehn Prozent. Die Mieten sind derweil f\u00fcr die Mehrheit\nder Menschen kaum noch bezahlbar und der Wohnraum ist so knapp, dass junge\nLeute meist erst bei ihren Eltern ausziehen k\u00f6nnen, wenn sie mit Ende zwanzig\nheiraten. Unterdessen lastet der Niedriglohnsektor und die Pflegearbeit zumeist\nauf dem R\u00fccken s\u00fcdostasiatischer Einwanderer, die in der Prekarit\u00e4t ihrer\nLohnverh\u00e4ltnisse verschwinden und an den Rand der Stadt gedr\u00e4ngt werden. Der\nStatus quo sieht also alles andere als rosig aus. Trotz der zahlreichen\npolitisch-sozialen Probleme der Stadt verschwinden kritische Stimmen \u00fcber\nVerteilung von Wohlstand und der Beziehungen von \u00f6konomischer Elite und Regime\nin den Hintergrund. Ein liberales Demokratieverst\u00e4ndnis \u00fcberwiegt gegen\u00fcber dem\nKlassenbewusstsein.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz\nsollte sich die zumeist von europ\u00e4ischen oder US-amerikanischen Linken\nge\u00e4u\u00dferte Kritik an den Strategien und Inhalten der Proteste auch der Gefahren\nder eigenen \u00dcberheblichkeit bewusst sein. Die Bewegung und die Mehrheit ihrer <em>frontliner<\/em>\nsind unglaublich jung, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine ganze Generation hat\nsich binnen k\u00fcrzester Zeit und durch die Eindr\u00fccke teils traumatischer\nErfahrungen politisiert, radikalisiert und ist nun tagt\u00e4glich auf den Stra\u00dfen.\nDie Ausgangsbedingungen Hongkongs sind daher nicht damit vergleichbar, was man\nin Europa oder in den USA vorfindet. Eine Stadt mit blutiger\nKolonialgeschichte, in der heute das Kapital wie kaum anderswo regiert und die\nerst vor wenigen Jahrzehnten an China zur\u00fcckgefallen ist, bringt nunmal andere\nPolitisierungsbedingungen hervor, als es sich eine westliche Linke vielleicht\nw\u00fcnschen w\u00fcrde. Trotzdem gelingt in Hongkong gerade etwas, das andernorts bereits\nin den Anf\u00e4ngen scheitert: die Bildung einer breiten gesellschaftlichen Front\ngegen staatliche Repression. Diese zeigt sich zunehmend auch solidarisch mit\nK\u00e4mpfen f\u00fcr mehr Autonomie andernorts (siehe der wachsende Bezug auf Tibet und\ndie Uiguren) und heizt den Widerstand gegen Chinas Einflussnahme in alten\nKonflikten an, wie j\u00fcngst die Wahlergebnisse in Taiwan verdeutlichen.&nbsp; \n\nDie als fragw\u00fcrdig zu\nbezeichnende Hoffnung der Protestierenden in die USA \u2013 und dort vor allem in\nrepublikanische Abgeordnete \u2013 ist, ebenso wie der teils positive Bezug auf das\nVereinigte K\u00f6nigreich als ehemalige Kolonialmacht, kritikw\u00fcrdig. Viele der\nHongkonger Aktivist_innen vertreten trotzdem die Auffassung, man k\u00f6nne sich in\ndiesem Kampf seine Verb\u00fcndeten nun mal nicht aussuchen und so kommt es mitunter\nzum enthusiastischen Schwenken des Union Jack an den <em>frontlines<\/em>.\nTats\u00e4chlich sind die USA \u2013 nicht zuletzt vor dem Hintergrund des anhaltenden\nHandelskriegs mit China \u2013 leider einer der wenigen Akteure, die auch noch nach\nMonaten der Auseinandersetzungen in Hongkong ein ernsthaftes Interesse an den\nGeschehnissen vor Ort aufzubringen scheinen. Erst Ende November wurde der seit\nMonaten unerm\u00fcdlich von Hongkonger Aktivist_innen forcierte <em>Hong Kong Human\nRights and Democracy Act<\/em> mit einer deutlichen Mehrheit im US-amerikanischen\nSenat verabschiedet. Nichtsdestotrotz stellt sich schnell der Verdacht ein,\nHongkong sei auch in dieser Beziehung wieder einmal nur Spielball im gr\u00f6\u00dferen\nSchauspiel globaler Wirtschaftsinteressen zweier Gro\u00dfm\u00e4chte. Eines scheint\njedoch nach sechs Monaten anhaltender Proteste festzustehen: deren baldiges\nEnde und Freiheit f\u00fcr Hongkong \u2013 wie auch immer diese aussehen mag \u2013 ist noch\nlange nicht in Sicht.\n\n<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Dazu m\u00f6chte ich anmerken, dass ich mit meinen\nEinsch\u00e4tzungen eine Perspektive einnehme, die stark von meinen subjektiven\nErlebnissen und Gespr\u00e4chen der letzten drei Monate gepr\u00e4gt ist. Ich befinde\nmich als Studentin an einer der Universit\u00e4ten mit der aktivsten\nStudierendenschaft in Hongkongs Demokratiebewegung (CUHK). Ich spreche kein\nKantonesisch und bleibe daher immer Au\u00dfenstehende in einer Stadt mit tief\nverwurzelten Kolonialerfahrungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Marie Funke | Die Menschen in Hongkong k\u00e4mpfen f\u00fcr mehr Demokratie, die Jugend politisiert sich, auch die Universit\u00e4ten spielen eine tragende Rolle. Doch suchen sich die Protestierenden im Westen die falschen Freunde? 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