{"id":419,"date":"2020-05-02T13:16:34","date_gmt":"2020-05-02T11:16:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=419"},"modified":"2020-05-02T16:40:47","modified_gmt":"2020-05-02T14:40:47","slug":"proletarischer-tourismus-huch90","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2020\/05\/proletarischer-tourismus-huch90\/","title":{"rendered":"Proletarischer Tourismus \u2013 HUch#90"},"content":{"rendered":"\n<p>| Von Joana Splieth |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Blick in die Geschichte der Arbeiter_innenbewegung reicht aus, um unsere Vorstellungen vom Reisen weit \u00fcber die engen Grenzen des kommerziellen Tourismus hinaus zu erweitern.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00bbEgal wo Sie Ihren TUI Urlaub verbringen, das\nUrlaubsziel Ihrer Wahl hat viel zu bieten: Kultur, Land und Leute und die\n\u00f6rtliche Kulinarik warten nur darauf, von Ihnen entdeckt zu werden!\u00ab<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> \u2013 Nicht nur\nin seinen Werbeslogans reproduziert der touristische Mythos\nkoloniale Sichtweisen und Strukturen: Allein der Anspruch vieler\nBackpacker_innen, \u00bbandere L\u00e4nder und sich selbst zu entdecken\u00ab, h\u00e4ngt mit\nNarrativen und Begehren zusammen, die fr\u00fchere Kolonialherren mit ihren\n\u00bbExpeditionsreisen\u00ab verbanden. Auch ist es nichts Neues, dass viele\nUrlaubs-Praktiken den Verhaltensmustern der alten wei\u00dfen Unterdr\u00fccker gleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuelle Diskussion \u00fcber Tourismus, ausgel\u00f6st durch die\nDebatte zur Klimakatasrophe, weist zudem auf weitere Probleme in der Sache hin:\nTourismus ist umweltzerst\u00f6rend. Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe pumpen Unmengen\nvon CO2 in die Umwelt und riesige touristische Bauprojekte werden meist ohne\nR\u00fccksicht auf Flora und Fauna umgesetzt. Auch f\u00fchrt boomender Tourismus zu\neiner Konzentration \u00f6konomischer Aktivit\u00e4t, die andere lokale Wirtschaftszweige\nabsterben l\u00e4sst. Verbunden mit steigenden Lebenshaltungskosten macht dies ganze\nRegionen vom Tourismus-Business abh\u00e4ngig und ver\u00e4ndert sie grundlegend. Und so\nzeigt sich selbst bei dieser kurzen Kritik: Tourismus ist ein Problem. Er ist\nder Urlaubsstil einer reichen, meist wei\u00dfen Klasse, die sich um den Globus\nbewegt und diesen dabei zerst\u00f6rt oder in jedem Fall ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist neben dieser richtigen und berechtigten Kritik\njedoch auch wichtig, zu erkennen, dass Tourismus nicht einfach Tourismus ist.\nEr ist auch Urlaub oder Freizeit und folgt nicht zwingend einer\nkapitalistischen Verwertungslogik. Um also zu erfassen, wie er sich in all\nseiner Destruktivit\u00e4t entwickeln konnte, kann es helfen, die Potenziale seines\nprogressiven Erbes zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Reisen, Urlaub, Wanderfahrten, Kuraufenthalte und Ausfl\u00fcge\nsind sp\u00e4testens seit dem 19. Jahrhundert ein umk\u00e4mpftes Anliegen und erk\u00e4mpftes\nAnrecht von Proletarier_innen, wie beispielsweise Susan Barton in ihrem Buch\n\u00fcber den Tourismus und die Organisationen der Arbeiterklasse hervorhebt.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Es sind Forderungen nach\neinem Achtstundentag, nach Ruhetagen, nach Bildung, Rente und Sozialismus, die\nim Zuge der aufkommenden Industrialisierung verst\u00e4rkt formuliert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn schon vor Entstehung der Formen des heutigen Massentourismus,\nschon vor den Landfahrten der Jugend und den Autoreisen ans Mittelmeer, ist es\nnicht allein die Bourgeoisie, die sich in Europa und um den Globus bewegt \u2013 was\nnicht nur Hans Magnus Enzensberger in seiner viel zitierten Tourismuskritik zu\nerw\u00e4hnen vergisst.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>\nIn diesen Analysen tritt die proletarische Klasse in der ganzen Geschichte des\nTourismus erst nach dem ersten Weltkrieg auf den Plan, als sie es schafft, sich\nden bezahlten Urlaub zu erk\u00e4mpfen. Der Blick bleibt dabei allerdings\noberfl\u00e4chlich, denn Reisen von Staatsm\u00e4nnern und H\u00e4ndlern \u2013 oder gar\nBildungsreisen \u00e1 la Goethe im Italien des 18. Jahrhunderts \u2013 sind nur der eine,\nprivilegierte Teil der Geschichte des Tourismus. Auf der anderen Seite stehen\neine sich formierende Klasse, die sich ein sch\u00f6nes Leben greifbar machen will,\nsowie Agitator_innen, die Reisen nutzen, um solidarische Netze zu spannen. Es\ngibt eine Seite des Tourismus, die mit Gemeinschaft, mit Klassenbewusstsein,\nmit Offenheit und internationaler Solidarit\u00e4t zu tun hat. Sie wurde von\nProletarier_innen, Queers, Gesellen und Genossenschaften\ngepr\u00e4gt und hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbObwohl es schon immer Menschen gab, die\nreisten, ist die signifikante Eigenschaft des modernen Tourismus, die ihm mehr\nBedeutung verleiht als blo\u00df von zu Hause weg zu bleiben, dass er generell zur\nVergn\u00fcgung unternommen wird\u00ab, schreibt Barton. H\u00e4ufig liest man die Erz\u00e4hlung,\ndass das Proletariat aufgrund der schlimmen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse nur aus\nNot reist \u2013 auf der Flucht, vertrieben oder auf der Suche nach einem besseren\nLeben in einem anderen Teil der Welt. Hier soll nicht bestritten werden, dass\ndies unter Bedingungen der globalisierten Ausbeutung zumeist so ist \u2013 es gibt\nallerdings noch eine andere Seite des proletarischen Reisens, denn \u00bbman sollte\nnicht annehmen, dass arbeitende Menschen nie aus Vergn\u00fcgen gereist w\u00e4ren\u00ab,\nstellt Barton klar. Historisch kann man zum Beispiel an das Wandergesellentum\nerinnern. Schon damals gab es gelernte, m\u00e4nnliche Handwerker, die sich durch\nEuropa bewegten und sich dabei auf ein Netzwerk von Meisterbetrieben und\nWerkst\u00e4tten anderer, niedergelassener Gesellen verlassen konnten, das sie mit\nKost und Unterkunft gegen Arbeit versorgte. Barton schreibt dar\u00fcber, dass diese\nArt der Absicherung \u2013 in manchen Z\u00fcnften besser als in anderen \u2013 in vielen\nM\u00e4nnern die Lust zum Reisen um des Reisens willen entfachte. Es erm\u00f6glichte\nihnen ein Herumkommen au\u00dferhalb der Familie, deren Institution sie somit\nentfliehen oder deren Zw\u00e4nge sie zumindest auf sp\u00e4ter im Leben verschieben\nkonnten. Dabei entstanden Netzwerke von Arbeiter_innen, die sich Informationen\n\u00fcber Arbeitsbedingungen, Bezahlung und m\u00f6gliche Notbehelfe f\u00fcr konfliktreiche\nZeiten zukommen lie\u00dfen. Barton hebt weiter hervor, dass diese Struktur bei der\nTransformation der Handwerksz\u00fcnfte in Gewerkschaften durchaus hilfreich war und\nauch Patrick Eiden-Offe betont die Wichtigkeit dieser Bewegung und ihrer\nliterarischen Werke, die f\u00fcr ihn einen romantischen Antikapitalismus verk\u00f6rpern\nund Wegbereiter des Konzepts einer vereinten Arbeiterklasse waren.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Zwei andere Bereiche der westlichen\nGesellschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen das Reisen zun\u00e4chst\nzweckgebunden unternommen, dabei aber auch f\u00fcr neue Bedeutungen frei wurde, und\nin denen sich Proletarier_innen bewegten, waren der Zirkus und die Schifffahrt.\nBei allen drei Ph\u00e4nomenen kann man beobachten, dass Reisen oft an eine\n(Berufs-)Gemeinschaft gebunden war, die ein solidarisches Miteinander und eine\nau\u00dferfamili\u00e4re oder au\u00dferstaatliche Absicherung versprach. Je nachdem waren diese\neinzelnen Netzwerke mehr oder weniger solidarisch oder auch inklusiv gegen\u00fcber\nweiblich gelesenen und Schwarzen Personen. Thomas C. Buchanan z.B. hebt in\nseinem Buch \u00fcber Schwarze Arbeiter_innen auf Mississippi-Dampfern im 18. und\n19. Jahrhundert hervor, dass das mit dieser Arbeit verbundene Reisen einen\nAnteil daran hatte, Communities zu etablieren, Geld und Wissen in diesen\nCommunities zu verteilen, in St\u00e4dten wie New Orleans oder St. Louis politisch\ngegen die Sklaverei zu arbeiten oder sich dort schlicht zur Vergn\u00fcgung\naufzuhalten. Dieses spezielle Netzwerk half, Widerst\u00e4nde auf Plantagen zu\nunterst\u00fctzen und versklavten Personen im Konflikt zwischen Nord- und S\u00fcdstaaten\nder Sklaverei zu entkommen.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In Europa hatten sich bis 1840 weite Teile der\netwas besser gestellten Proletarier_innen daran gew\u00f6hnt, Exkursionen mit dem\nDampfschiff oder der Eisenbahn zu unternehmen \u2013 auch wenn es sich nur um kurze\nTrips handelte. So begannen sich in Gro\u00dfbritannien in der Mitte des 19.\nJahrhunderts immer mehr Proletarier_innen f\u00fcr Wochenendausfl\u00fcge zu\norganisieren, wobei die ersten Vereine zur gemeinsamen Unternehmung von Reisen\nund Kongressen entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel ist die 1851 in London\nstattfindende Weltausstellung: <em>A Great Exibition of the Works of Industry of\nall Nations<\/em>. Proletarische Verb\u00e4nde hofften darauf, nicht nur die\nhandwerklichen und intellektuellen F\u00e4higkeiten der arbeitenden Bev\u00f6lkerung pr\u00e4sentieren\nzu k\u00f6nnen, sondern auch deren Respektabilit\u00e4t und Verantwortungsbewusstsein.\nWas diesen Kongress ausmacht, ist die aufwendige und professionelle\nOrganisation der Exkursionen. Vereine wie The Peoples Exhibition Club of Bolton\narrangierten Schlafpl\u00e4tze f\u00fcr Genoss_innen bei Genoss_innen, Hin- und R\u00fcckfahrt\nmit dem Zug sowie Verpflegung. Aber auch Reiseorganisatoren wie Thomas Cook\nentdeckten, dass sich bei einem angemessenen Pauschalpreis und einer Masse an\nArbeiter_innen durchaus Profit herausschlagen lie\u00df. Und so begannen bei der\nGelegenheit dieses Kongresses nicht nur genossenschaftliche Organisationen\ndamit, ihren Mitgliedern zu kurzen Urlauben zu verhelfen. Auch der moderne\nTourismus, wie wir ihn heute kennen, st\u00fctzte sich bei seiner Etablierung auf\ndie vernetzte Arbeiter_innenbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Massen-Tourismus war von Beginn an mit\nder proletarischen Klasse verflochten. Dass das Bewusstsein \u00fcber diese\nVerflechtung nicht vergessen werden darf, rufen Organisationen der proletarischen\nBewegung wie die Naturfreunde sich bereits Anfang des letzten Jahrhunderts in\nErinnerung: \u00bbNiemals, auch auf unseren Wanderungen nicht, d\u00fcrfen wir vergessen,\nda\u00df um uns eine Welt des Alltags ist mit rauen, bitteren K\u00e4mpfen, das in der\nGesellschaft der Menschen ein Kampf aller gegen alle herrscht, da\u00df sich Klassen\nin sch\u00e4rfstem Gegensatze gegen\u00fcberstehen.\u00ab<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Die Falken\nund die Naturfreunde sind heute in Deutschland zwei der letzten Gruppen, die\naus einer proletarischen touristischen Infrastruktur hervorgegangen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der moderne Massentourismus kann zwar ab und zu auch die\nBed\u00fcrfnisse nach Ruhe und Auszeit befriedigen \u2013 jedoch nicht die nach\nVernetzung, Gemeinschaft, Internationalismus und grundlegender Erholung. Es\nsoll nicht bestritten werden, dass es diese Art vernetzend-solidarischen\nReisens auch punktuell im Rahmen von Backpacking-Trips, Trampingurlauben,\nAirbnb-Reisen oder All-Inclusive-Urlauben gibt \u2013 allerdings wird sie\nfortw\u00e4hrend verdr\u00e4ngt und durch kapitalistische, koloniale und\numweltzerst\u00f6rende Verhaltensweisen und Strukturen ersetzt. Ein proletarischer\nTourismus kann andere Formen der Solidarit\u00e4t au\u00dferhalb der Institution Familie\nerm\u00f6glichen; er wird von den Menschen f\u00fcr die Menschen organisiert und nicht\nf\u00fcr den Profit; er versucht \u2013 wie bei den Naturfreunden \u2013 sanft mit der Umwelt\numzugehen; er birgt M\u00f6glichkeiten des Widerstands in sich, verbindet reisen mit\nKlassenkampf und zielt auf eine Welt, in der ein Urlaub vom Alltag nicht mehr\nnotwendig ist.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>Werbeanzeige\nauf der Internetseite von TUI, online unter: https:\/\/www.tui.com\/.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a>Susan Barton: Working-class\norganisations and popular tourism 1840-1970, 2005.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>Hans\nMagnus Enzensberger: Vergebliche\nBrandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus, in: Merkur Nr. 126, 1958.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a>Patrick\nEiden-Offe: Die Poesie der Klasse \u2013 Romantischer Antikapitalismus und die\nErfindung des Proletariats, 2017.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>Thomas C. Buchanan: Black life on\nthe Mississippi \u2013 Slaves, Free Blacks and the Western Steamboat World, 2004.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>Albert\nMaur\u00fcber: Die Touristik und der Klassenkampf, in: Der Naturfreund Nr. 32, 1928.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Von Joana Splieth | Ein Blick in die Geschichte der Arbeiter_innenbewegung reicht aus, um unsere Vorstellungen vom Reisen weit \u00fcber die engen Grenzen des kommerziellen Tourismus hinaus zu erweitern.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=419"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":422,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions\/422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}