{"id":395,"date":"2020-04-11T09:10:28","date_gmt":"2020-04-11T07:10:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=395"},"modified":"2020-04-11T14:34:12","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:12","slug":"am-beispiel-des-pappbechers-huch89","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2020\/04\/am-beispiel-des-pappbechers-huch89\/","title":{"rendered":"Am Beispiel des Pappbechers \u2013 HUch#89"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Olga Hohmann<\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Starbucks-Universum gelten andere Gesetze: die Jahreszeiten richten sich nach dem Kaffee und die Dimensionen von Ware, Kunst und Protest treten in ungeahnte Konstellationen.\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Starbucks-Konzern, der diesseits des Atlantiks als eine seelenlose Ladenkette f\u00fcr mediokren und dabei \u00fcberteuerten Kaffee gilt, besitzt in den USA ganz im Gegenteil einen klassischen, fast schon altehrw\u00fcrdigen Charakter: Das in den 70ern gegr\u00fcndete Unternehmen ist eine Einrichtung mit f\u00fcr die Vereinigten Staaten vergleichsweise langer Tradition und erf\u00fcllt, \u00e4hnlich dem Wiener Kaffeehaus oder der italienischen Espressobar, eine identit\u00e4tsstiftende Funktion f\u00fcr die jeweiligen Nachbarschaften. Jede amerikanische\u00a0<em>neighborhood<\/em>\u00a0hat ihre eigene Starbucks-Filiale, in der Angeh\u00f6rige verschiedenster sozialer Zusammenh\u00e4nge die gleichen, von dunkelbraun bis beige variierenden Getr\u00e4nke zu sich nehmen. Ebenso wie die Espressobars in Italien, sind solche Starbucks-Filialen nicht nur in den Metropolen, sondern gerade auch in Klein- und Kleinstst\u00e4dten zu finden, in denen sie mithin kulturelle Zentren darstellen. Ich erinnere mich an einen Roadtrip durch die kalifornische Mojave-W\u00fcste, bei dem pl\u00f6tzlich mitten in der ockerfarbenen Steppe, einer Fatamorgana gleich, ein kleines Starbucks-H\u00e4uschen auftauchte \u2013 neben der Tankstelle das einzige Gesch\u00e4ft weit und breit. Es wirkte in dieser Umgebung ebenso artifiziell wie die in der N\u00e4he von Marfa, Texas permanent installierte Skulptur des K\u00fcnstler-Duos Elmgreen and Dragset, bei der es sich um eine imbissbudengro\u00dfe, mitten im Nirgendwo der W\u00fcste errichtete Prada-Filiale handelt. Wobei sich allerdings der paradoxale Effekt \u2013 im Falle der Prada-Installation Ergebnis k\u00fcnstlerischer Erw\u00e4gungen \u2013 im Falle des Mojave-Starbucks ganz zuf\u00e4llig als Nebenprodukt der blindw\u00fctigen Landnahme eines Unternehmens mit monopolistischen Ambitionen einstellt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung an diesem exponierten Starbucks-W\u00fcrfel war f\u00fcr mich jedoch die Tatsache, dass der&nbsp;<em>Cappuccino Grande<\/em>, den ich dort erwarb, genau die gleiche Materialit\u00e4t aufwies wie jeder andere&nbsp;<em>Cappuccino Grande<\/em>, den ich bis dahin getrunken hatte \u2013 er hatte die selbe hellbraune Farbe, den selben hellbraunen Geschmack und auch der Milchschaum hatte die selbe feste, aber wolkige Textur. Mir wurde bewusst, dass diese Zuverl\u00e4ssigkeit des Starbucks-Erlebnisses zu jedem Zeitpunkt Millionen von KonsumentInnen auf der ganzen Welt miteinander verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits l\u00f6st also die milchig-braune Integrit\u00e4t des Starbucks-Kaffees die Zeitzonen der Welt in eine momentane Gleichzeitigkeit auf, andererseits scheint es dem Konzern jedoch ein besonderes Anliegen zu sein, die Einteilungen der Zeit nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zu jeder Jahreszeit und jedem Feiertag gibt es das passende Getr\u00e4nk:&nbsp;<em>Iced Matcha Latte<\/em>&nbsp;f\u00fcr den Sommer und f\u00fcr die Adventszeit verschiedene nach Zimt und Lebkuchen schmeckende Special Editions (mit&nbsp;<em>Toffee Nut<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Waffel Topping<\/em>). In einem Fall macht es sogar den Anschein, als ob Starbucks eine eigene Jahreszeit kreiert habe: Um Thanksgiving herum str\u00f6men jedes Jahr Menschenmassen in die Filialen, um einen der beliebten&nbsp;<em>Pumpkin Spice Lattes<\/em>&nbsp;zu ergattern. Die&nbsp;\u203a<em>Pumpkin Spice Latte Season<\/em>\u2039&nbsp;dauert nur wenige Wochen und Fans auf der ganzen Welt warten jedes Jahr ungeduldig auf ihren Beginn, den sie ebensowenig beschleunigen k\u00f6nnen wie die Bl\u00fcte im Fr\u00fchling, und bedauern schlie\u00dflich ihren Abschluss, den sie ebensowenig aufhalten k\u00f6nnen wie den Laubfall im Sp\u00e4therbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei geht es vielen K\u00e4uferInnen nicht nur um das Getr\u00e4nk selbst, sondern auch um seine Verpackung: Zus\u00e4tzlich zu den verschiedenen Milch-Variationen gibt es auch die dazugeh\u00f6rigen, thematisch bedruckten To-Go-Becher. Diese bunten Pappzylinder sind nicht nur an den bestimmten Seasons orientiert, auch variieren ihre Motive von Jahr zu Jahr: Einmal ist die Christmas-Edition zum Beispiel mit dem Gesicht von&nbsp;\u203a<em>Rudolph, the Red-Nosed Reindeer<\/em>\u2039&nbsp;versehen, im darauffolgenden Jahr mit glitzernden Weihnachtskugeln verziert und in einem wieder anderen dezent und stilvoll in dunkelgr\u00fcn gehalten. Diese Becher sind, da nur f\u00fcr kurze Zeitr\u00e4ume erh\u00e4ltlich, bei SammlerInnen sehr beliebt, wobei besondere Limited Editions, wie etwa die&nbsp;<em>Valentines Day Edition<\/em>, auf Ebay zum Teil dreistellige Betr\u00e4ge erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2017 entschied sich Starbucks unerwartet gegen eine Weihnachts-Variante der Pappbecher \u2013 ob aus marketingstrategischen Erw\u00e4gungen oder aus Gr\u00fcnden fehlender Inspiration ist nicht bekannt. Zur Folge hatte dies lautstarken Unmut der sammelw\u00fctigen AmerikanerInnen: So wurde im Internet vielfach zum Boykott des Unternehmens aufgerufen. Neben der Strategie des Boykotts wehrten sich die SammlerInnen au\u00dferdem, indem sie anstelle eines Namens, der obligatorischer Weise von den MitarbeiterInnen auf dem Pappbecher notiert wird, verschiedene Fl\u00fcche aussprachen: Statt&nbsp;\u203aMichael\u2039&nbsp;oder&nbsp;\u203aMatt\u2039&nbsp;stand nun&nbsp;\u203aSon of a bitch\u2039&nbsp;oder&nbsp;\u203aFuck yourself\u2039&nbsp;auf den Bechern. Doch diese wurden nun pl\u00f6tzlich ebenfalls zu Sammlerst\u00fccken \u2013 und zwar zu wesentlich wertvolleren, als die von Starbucks konzipierten Jahreszeiten-Becher selbst es waren: Ein verfluchter&nbsp;\u203a<em>No Christmas Edition<\/em>\u2039-Cup wurde f\u00fcr den zehnfachen Preis eines&nbsp;\u203a<em>Rudolph, the Red-Nosed Reindeer<\/em>\u2039-Cups bei Ebay inseriert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es l\u00e4sst sich daran nicht nur die Kommodifizierung eines Gegenstandes beobachten, der urspr\u00fcnglich lediglich als Beh\u00e4lter der eigentlich zu verkaufenden Ware gedacht war \u2013 au\u00dferdem muss man wohl feststellen, dass diese Kommodifizierung nicht etwa von oben verordnet, sondern aktiv von den KonsumentInnen eingefordert wird. Und das mit einer solchen Bestimmtheit, dass sie den Akt der Inwertsetzung im Falle seines Ausbleibens in die eigenen H\u00e4nde nehmen und sogar wirkungsvoller umsetzen, als es das Unternehmen selbst je k\u00f6nnte. An der F\u00e4higkeit der Menschen, die Gesch\u00e4fte der Gesellschaft in Eigenregie zu f\u00fchren, kann vor diesem Hintergrund kaum noch gezweifelt werden. Inwiefern sich diese ihre Kr\u00e4fte momentan an die richtigen Zwecke kn\u00fcpfen, l\u00e4sst sich allerdings diskutieren.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Olga Hohmann Im Starbucks-Universum gelten andere Gesetze: die Jahreszeiten richten sich nach dem Kaffee und die Dimensionen von Ware, Kunst und Protest treten in ungeahnte Konstellationen.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-395","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=395"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":396,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395\/revisions\/396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=395"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=395"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}