{"id":393,"date":"2020-04-11T09:08:38","date_gmt":"2020-04-11T07:08:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=393"},"modified":"2020-04-11T14:34:13","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:13","slug":"fixen-und-sein-und-warten-huch89","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2020\/04\/fixen-und-sein-und-warten-huch89\/","title":{"rendered":"Fixen und Sein und Warten \u2013 HUch#89"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Vincent Sauer<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alexander Trocchis Junkie-Tagebuch\u00a0<\/em>Cain\u2019s Book<em>\u00a0will K\u00fcnstlerroman sein und verr\u00e4t dabei vor allem etwas \u00fcber Verbrauchertum, Karrierismus und die Ware.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Trennung zwischen Kunst und Leben ist Vielen ein Graus. Kompensatorisch richten sich diese Menschen darum gern inmitten von dem ein, was sie f\u00fcr Kunstwerke halten und versuchen selber ein bisschen eins zu sein. Den Situationisten, deren Druckerzeugnisse k\u00fcrzlich in den Vitrinen des gro\u00dfen Betonzelts des HKW ausgestellt wurden, gefiel die Vorstellung auch nicht, sich den lieben langen Tag abzuschuften, um sich abends vor dem Fernseher, im Kino oder in der Galerie die Druckbetankung \u00c4sthetik abzuholen, die die Tristesse des Daseins wiedergutmachen soll. Dagegen gingen sie an, entlarvten das Spektakel, als welches das Kapital laut Guy Debord erscheint, und forderten \u00bbNe travaillez jamais!\u00ab \u2013 nie wieder arbeiten. Einer von ihnen war der in Schottland geborene Alexander Trocchi, der sich als Schriftsteller bet\u00e4tigte und die meiste Zeit seines Lebens an der Nadel hing.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1925 kommt er in Glasgow zur Welt. Mutter Schottin, Vater Italiener und arbeitsloser Musiker, der die meiste Zeit trinkt und die Familie piesackt. Trocchi ist kurz beim Milit\u00e4r, studiert dann tadellos Philosophie und Literatur, sodass er mit Stipendium ins Existentialisten-Paris der 50er kommt, um dort vorbildlich eine Literaturzeitschrift herauszugeben, in der u. a. Texte von Beckett, Sartre und Jean Genet erstmals in englischer \u00dcbersetzung erscheinen. F\u00fcr den legend\u00e4ren Expat-Verlag Olympia Press schreibt er pornografische Romane, um sich etwas dazu zu verdienen. In diesen Jahren kommt er in Kontakt mit den Lettristen, einer buchstabenaffinen Vorg\u00e4nger-Gruppe der Situationisten. Von 1960\u201364 ist er, nicht mehr in Paris ans\u00e4ssig, Mitglied der Situationistischen Internationale. 1963 erscheint in der achten Ausgabe der&nbsp;<em>Internationale Situationniste<\/em>&nbsp;sein ma\u00dfgeblicher theoretischer Text&nbsp;&nbsp;<em>A revolutionary Proposal \u2013 The Insurrection of a Million Minds,&nbsp;<\/em>den man im Internet, das Trocchi wiederum mit seinem&nbsp;<em>Project Sigma<\/em>&nbsp;vor-imaginierte, nachlesen kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein wichtigstes literarisches Werk, um das es hier gehen soll, tr\u00e4gt den Titel&nbsp;<em>Cain\u2019s Book<\/em>&nbsp;und wird 1960 ver\u00f6ffentlicht. Arbeitstitel:&nbsp;<em>Notes toward the Making of a Monster<\/em>. Trocchi nennt den Ich-Erz\u00e4hler Joe Necchi, berichtet aber von niemand anderem als sich selbst, der als Junkie-Schriftsteller im New Yorker Hafen auf einem Kahn lebt. Das Buch soll nicht mehr sein als ein \u00bbprovisorischer Deich\u00ab gegen das \u00bbMeer vieldeutiger Erfahrungen\u00ab, die er sein Leben lang angesammelt hat. Im Gespr\u00e4ch mit einer einbeinigen Frau mit drei Brustwarzen, die auf einem anderen Kahn lebt, formuliert er sein Programm:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch erz\u00e4hlte ihr, was der Literatur am dringendsten not tue, n\u00e4mlich, da\u00df sie ein f\u00fcr allemal ihr Sterben vollende, da\u00df es nicht darauf ank\u00e4me, da\u00df B\u00fccher nicht geschrieben w\u00fcrden, sondern darauf, da\u00df ein Mann die Vorschriften aller vergangenen Formen in seiner eigenen Seele vernichtet, sich weigert, das, was er geschrieben habe, als Literatur zu betrachten, es vielmehr einzig und allein als sein Leben begreife und beurteile. Auf den Geist allein k\u00e4me es an.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bruch mit betagten Konventionen und die Selbsts\u00e4uberung von b\u00f6sen Einfl\u00fcssen k\u00f6nnen schnell als billige Dekadenz abgeurteilt werden. Doch in&nbsp;<em>Cain\u2019s Book<\/em>&nbsp;kommen Wahrheiten zur Darstellung, die der Intention des Autors wom\u00f6glich entgingen. Nach dessen Erscheinen lebte Trocchi die meiste Zeit seines Lebens als Methadon-Patient und Familienvater in London und fantasierte ein letztes gro\u00dfes Werk \u2013 \u00bbgone soft on hard drugs\u00ab, wie ein schottischer Literat urteilte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da Autor, Erz\u00e4hler und Protagonist identisch sein wollen, taumelt der Text auf abgr\u00fcndigste Weise zwischen einem verhinderten Abenteuer, k\u00fcnstlerischem Versuch und Lebenslegitimation. Necchis Kahn sticht f\u00fcr keine Odyssee in See, um irgendwo als anderer anzukommen, sondern l\u00e4sst sich von den Frachtern mitschleppen, auf denen Menschen ihrem Tagwerk, dem Ein- und Ausladen von Waren, nachgehen. Drau\u00dfen in der Stadt geht es darum, sich Stoff und vielleicht eine weitere, zwischenmenschliche Triebabfuhr zu besorgen. Die wesentliche Tagesfrage, die ein anderer Junkie stellt, lautet: \u00bbWas willst du den ganzen Tag machen, wenn du nicht mehr hinter einem Fix her sein kannst.\u00ab Was bringt der Fix? \u00bbMan ist nicht mehr l\u00e4nger so grotesk ins Werden verwickelt. Man ist einfach.\u00ab Die Wirkung des Heroins beschreibt Necchi als das Gef\u00fchl, \u00bbunverwundbar\u00ab zu sein, \u00bbabsolute Stabilit\u00e4t\u00ab zu erlangen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Existentialismus, den Trocchi in Paris kennengelernt hat, ist in New York jeder metaphysischen Fallh\u00f6he beraubt.&nbsp;<em>Cain\u2019s Book<\/em>&nbsp;nutzt die ber\u00fchmten Mittel der modernen Literatur dazu, eine sich entleerende Innerlichkeit bei \u00e4u\u00dferem Absterben zu beschreiben. Statt das Wahrnehmungsgewitter der Gro\u00dfstadt in einen wilden Bewusstseinsstrom zu kanalisieren, entzieht sich Necchi den Lichtern New Yorks und allen Verhei\u00dfungen des gelobten Lands. Er gibt Junkie-Dialoge wieder, in denen niemand etwas anderes von seinem Gegen\u00fcber will als Stoff; beschreibt ekstatische Fratzen; zeichnet eine Stadt, die f\u00fcr ihn auf dunkle G\u00e4nge, Hallen und T\u00fcrme reduziert ist. Immer wieder rollt er seine Augen in die Dunkelheit des Sch\u00e4dels zur\u00fcck und tippt mit dem Rest Bewusstsein, das er nicht haben will, Reflexionen \u00fcbers Schreiben ab. Ihm kommen Erinnerungen an die Kindheit in Schottland, wo die Familie unter einem Vater leidet, dessen Reinlichkeitswahn die Pension, von der und in der sie lebt, fast in den Ruin treibt. Trocchis Schicksal, Schriftsteller zu sein, hat f\u00fcr ihn den Preis, in eine Zone des Nahtodes vordringen zu m\u00fcssen, in die sich niemand sonst traut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im schalen Spiel von Selbstverherrlichung und -verachtung des \u00bbcosmonaut of inner space\u00ab zeigen sich die Abgr\u00fcnde von Innerlichkeit und \u00c4sthetizismus: \u00bbEinen methodischeren Nihilismus als den des Junkies in Amerika gibt es nicht.\u00ab Hierin liegt die Wahrheit \u00fcber den Karrierismus, die der Text wie ein Tagebuch abbildet, das die Herausforderungen der Romanform scheut, um jeden Tag unterschiedslos verzeichnen zu k\u00f6nnen. Der Karrierist ist ein Junkie. Und der Junkie ist die Wahrheit des Verbrauchers: Er f\u00fchrt ein l\u00fcckenloses Leben, in dem sich jeder Tag in der Beschaffung der Mittel ersch\u00f6pft, die es zu erwerben gilt, um den Druck von Sucht und Not f\u00fcr einen Moment aussetzen zu lassen; die es gestatten, nicht werden zu m\u00fcssen, sondern einfach nur zu sein \u2013 des l\u00e4stigen Bewusstseins entledigt, das sich an der Welt, an der Gesellschaft st\u00f6\u00dft und daf\u00fcr ganz bei sich, in einer \u00bbRegion der Theorie und des Spiels\u00ab, in der ohne Widerstand der Realit\u00e4t alles m\u00f6glich zu sein scheint und doch nichts wirklich wird. Der Junkie besorgt sich einen Vorgeschmack auf den Tod, springt ihm von der Klinge und macht immer wie gewohnt weiter: Die Ware stiftet ihm Sinn. Was er von ihr bekommt, ist eine Ahnung des Nichts, eine Pseudo-Vers\u00f6hnung mit sich selbst. Sein Leben ist \u00bbeine Zeit des Fixens und Wartens und Seins und Fixens und Wartens.\u00ab Necchis Verweigerung jeder Arbeit, die er als unkreativ verachtet, nimmt ihm nach und nach die M\u00f6glichkeit, \u00fcberhaupt von irgend etwas Gebrauch zu machen au\u00dfer von der Spritze und der Schreibmaschine, mit der er seinen Niedergang protokolliert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mehr zu wissen, was mit sich, der Welt und den Menschen anzufangen w\u00e4re, ist vielleicht die h\u00f6chste Stufe der Enteignung:&nbsp;F\u00fcr den Verbraucher-Junkie scheint alles so eingerichtet, dass er mit dem, was er hat, nichts zu tun versteht, das er will. Er ist zugleich durch den Konsum befriedet und von der Welt beleidigt, worauf er sich als halbwegs gelehrter Dichter etwas einbilden kann.&nbsp;Beil\u00e4ufig kommt er dabei zu banal-brutalen Einsichten, auf deren letzte Konsequenz Necchi\/Trocchi aber nicht mehr zu schlie\u00dfen versteht: An einer \u00dcberdosis stirbt man, wenn der Stoff, den man sich reinzieht, einen h\u00f6heren Anteil Heroin beinhaltet, als sonst; wenn er also nicht in dem Ma\u00dfe gestreckt ist, wie gewohnt. Wer auch tats\u00e4chlich bekommt, wonach er verlangt, der geht drauf. Wenn die Ware h\u00e4lt, was sie verspricht, ist es zu viel des Guten und bedeutet den Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb(Ich) lebe mein pers\u00f6nliches Dada. All dies ist zum gr\u00f6\u00dften Teil f\u00fcrchterliche Gef\u00fchlsschmiererei. Der Stahl der Logik mu\u00df t\u00e4glich geh\u00e4rtet werden, damit er das vulkanische Element in sich halten kann.\u00ab Trocchi, der f\u00fcr die post-situationistische Gruppe Tiqqun \u00bbder Himmlische\u00ab ist und f\u00fcr Hugh MacDiarmid, den erfolgreichsten schottischen Lyriker des 20. Jahrhunderts, nichts als \u00bbkosmopolitischer Abschaum\u00ab war, \u00fcberwindet den Existentialismus, indem er aufs brutalste in Schrift fasst, was es hei\u00dft, wenn es nur noch mich und die Ware gibt und mein Leben darin besteht, mir einzureden, dazu auserw\u00e4hlt zu sein, aus dem zu w\u00e4hlen, was mir vorgesetzt wird.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Vincent Sauer Alexander Trocchis Junkie-Tagebuch\u00a0Cain\u2019s Book\u00a0will K\u00fcnstlerroman sein und verr\u00e4t dabei vor allem etwas \u00fcber Verbrauchertum, Karrierismus und die Ware.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-393","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=393"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":394,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393\/revisions\/394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=393"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=393"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=393"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}