{"id":389,"date":"2020-04-11T09:00:19","date_gmt":"2020-04-11T07:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=389"},"modified":"2020-04-11T14:34:17","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:17","slug":"fur-vernunft-und-gegen-linke-huch89","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2020\/04\/fur-vernunft-und-gegen-linke-huch89\/","title":{"rendered":"F\u00fcr \u00bbVernunft\u00ab und gegen Linke \u2013 HUch#89"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Joshua Schultheis<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die\u00a0Campus Alternative Berlin gibt sich liberal und demokratisch, ist aber in Wirklichkeit, gleich ihrer Mutterpartei AfD, autorit\u00e4r und wissenschaftsfeindlich eingestellt.\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>2015 legten 14 Neuk\u00f6llner*innen ihr Abitur mit Bestnote ab. Die&nbsp;<em>B.Z.&nbsp;<\/em>berichtete damals von dem Festakt, bei dem die Mustersch\u00fcler*innen durch die damalige Bezirksb\u00fcrgermeisterin Franziska Giffey ausgezeichnet wurden. In einem so heterogenen, kulturell pluralen und weithin als Problem-Bezirk verschrienen Stadtteil seien diese jungen Menschen die Zukunft. \u00bbSie sind Aush\u00e4ngeschilder des Bezirks, unsere Botschafter\u00ab, so Giffey. Einer der Ausgezeichneten ist Yannic Wendt. Karohemd, sanftes L\u00e4cheln, strubbelige Gel-Frisur. Sein Berufswunsch: \u00bbIch w\u00fcrde gerne zum Geheimdienst, weil ich Analyse und Verschl\u00fcsselung spannend finde.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter ist Franziska Giffey Familienministerin und Yannic Wendt ist \u2013 nein, nicht beim BND \u2013, sondern ebenfalls in die Politik gegangen und Mitgr\u00fcnder sowie Vorsitzender der Campus Alternative Berlin. In einem Tweet vom 14. November 2018 gab David Eckert, Vorsitzender der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative in Berlin, die Gr\u00fcndung einer JA-Hochschulgruppe an der Freien Universit\u00e4t bekannt. Eckert hatte bereits vor vier Jahren eine Campus Alternative in D\u00fcsseldorf gegr\u00fcndet, die schnell aufgrund spektakul\u00e4rer Aktionen und ihrer Verbindungen zur Identit\u00e4ren Bewegung sowie zu rechten Burschenschaften Aufsehen erregte. Damals formulierte er sein bildungspolitisches Ziel so: \u00bbIch will, dass vor jeder deutschen Bildungsinstitution eine Deutschlandfahne weht, weil wir wieder Patriotismus in Deutschland brauchen.\u00ab Dagegen gab sich der Berliner Ableger der Campus Alternative in seinem ersten Internet-Auftritt auf Facebook zun\u00e4chst gem\u00e4\u00dfigter. Man wolle die Bedingungen aller Studierenden verbessern, f\u00fcr mehr Transparenz im AStA sorgen und f\u00fcr die Freiheit der Wissenschaft eintreten, da diese in \u00bbZeiten zunehmender Denkverbote\u00ab gef\u00e4hrdet sei. Ein Foto zeigt das Gr\u00fcndungstreffen. Darauf sind drei Personen mit Laptops, Stiften und Schreibbl\u00f6cken an einem runden Tisch zu sehen. Neben David Eckert erkennt man auch Yannic Wendt \u2013 dasselbe L\u00e4cheln wie vor drei Jahren, nur die Haare glattgek\u00e4mmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlicher wird die Campus Alternative Berlin auf ihrer Website. Dort stellt sie sich als \u00bbkonservative Hochschulgruppe\u00ab vor, die sich gegen die Ideologisierung der Wissenschaft und die Verschwendung universit\u00e4rer Gelder wendet. Das hei\u00dft konkret: Gegen die Gender Studies, gegen Unisex-Toiletten, gegen H\u00f6rsaalbesetzungen und \u00bbgegen die Tyrannei von Postmodernisten\u00ab. Unter dem Titel \u00bbR\u00fcckkehr zur Vernunft\u00ab beklagt die Campus Alternative sowohl den \u00bbZwang zur gegenderden [sic] Sprache\u00ab als auch die ihrer Meinung nach unbegr\u00fcndet lange Dauer des Streiks der studentischen Besch\u00e4ftigten in Berlin 2018.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Aktion der Campus Alternative au\u00dferhalb des Internets bestand darin, auf dem Gel\u00e4nde der Freien Universit\u00e4t Sticker mit der Aufschrift \u00bbF\u00fcr mehr RECHTE an der Universit\u00e4t\u00ab zu verteilen. Unter anderem wurden damit Plakate des Referats f\u00fcr Internationale Studierende und Studierende of Color \u00fcberklebt. Der AStA der FU wertete dies als Angriff auf die studentische Selbstverwaltung und insbesondere auf von Rassismus betroffene Studierende und ver\u00f6ffentlichte eine Stellungnahme, in der die politischen Ansichten der Campus Alternative als rassistisch und transfeindlich verurteilt und alle Hochschulangeh\u00f6rigen dazu aufgefordert wurden, der JA-Hochschulgruppe an der FU keinen Raum zu geben. In einer Pressemitteilung bezeichnete wiederum die Campus Alternative diese Anschuldigungen als \u00bbhaltlos\u00ab und als ein \u00bbtypisches Beispiel linker Gesinnungsdiktatur\u00ab. Passend dazu entwirft sie ein geradezu episches Narrativ:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSeit 50 Jahren geht ein Gespenst um an der Freien Universit\u00e4t, das Gespenst des Kommunismus. Doch endlich sind die Schreckensjahre vor\u00fcber, denn durch die Gr\u00fcndung der&nbsp;\u203aCampus Alternative \u2013 Berlin\u2039&nbsp;zieht endlich wieder die Vernunft in unsere Hallen ein. Deshalb, Mut zum eigenen Verstand!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das l\u00e4sst tief blicken in das Weltbild der JA-Hochschulgruppe. In typisch neurechter Manier werden die Umbr\u00fcche rund um das Jahr 1968 als fatale gesellschaftliche Fehlentwicklung und als der Beginn der linken Hegemonie in Wissenschaft und Kultur gedeutet. Es folgten demnach f\u00fcnfzig \u00bbSchreckensjahre\u00ab einer \u00bblinken Gesinnungsdiktatur\u00ab und der \u00bbTyrannei von Postmodernisten\u00ab. Die Campus Alternative dagegen sieht sich in der Tradition der gef\u00e4hrdet geglaubten Aufkl\u00e4rung. Es gelte die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Forschung gegen \u00bbDenkverbote\u00ab und eine Ideologisierung von links zu verteidigen. Gegen eine feindlich gesinnte \u00dcbermacht schickt sich die Campus Alternative an, diese Auseinandersetzung nun in der Universit\u00e4t, gleichsam der H\u00f6hle des L\u00f6wen, auszutragen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es die JA-Hochschulgruppe jedoch tats\u00e4chlich mit der Wissenschaftlichkeit h\u00e4lt, steht auf einem anderen Blatt. Die Gender Studies, ein weltweit etabliertes Forschungsfeld, werden summarisch als \u00bblinke Traumwelt\u00ab abgetan und David Eckert, Initiator der Campus Alternative Berlin, kommentiert \u00f6ffentlich einen Bericht \u00fcber die Hitzewelle im vergangenen Sommer mit den Worten: \u00bbUrlaub endlich auch in Deutschland m\u00f6glich. I love Klimawandel \u2013 gebt mir mehr!\u00ab Relativierungen des menschengemachten Klimawandels, die Diffamierung ganzer Fachbereiche und Fantasien von einer angeblichen Schreckensherrschaft der Linken in den Universit\u00e4ten zeugen von einem verschw\u00f6rungstheoretischen Denken, dessen Berufung auf Kant und die&nbsp;\u203aVernunft\u2039&nbsp;ausgesprochen fragw\u00fcrdig ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem fiel die Gruppe um Yannic Wendt in den Monaten seit ihrer Gr\u00fcndung im November 2018 durch den Diebstahl von Transparenten studentischer Caf\u00e9s, das St\u00f6ren universit\u00e4rer Veranstaltungen und das Entfernen missliebiger Plakate auf. Ob das die Mittel der Wahl einer Hochschulgruppe sein sollten, die ihrem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis nach f\u00fcr mehr \u00bbDemokratie\u00ab an der Universit\u00e4t und f\u00fcr die R\u00fcckkehr einer \u00bbvern\u00fcnftige[n] Hochschulpolitik\u00ab einsteht, ist fraglich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich kann die Campus Alternative nur schlecht verbergen, wessen Geistes Kind sie ist. Die personellen \u00dcberschneidungen mit der Jungen Alternative \u2013 Yannic Wendt ist mittlerweile auch Schatzmeister der JA Berlin \u2013 erlauben Zweifel an der Selbstdarstellung der Campus Alternative als lediglich&nbsp;\u203akonservativer\u2039&nbsp;Hochschulgruppe. Die Junge Alternative steht deutlich rechts ihrer Mutterpartei AfD \u2013 und unl\u00e4ngst haben neue Recherchen ergeben, dass nicht zuletzt die Berliner JA nach wie vor zahlreiche Querverbindungen zu rechtsnationalistischen Burschenschaften sowie zur rechtsextremen Identit\u00e4ren Bewegung aufweist. Inhaltlich hat sich die Campus Alternative von keiner dieser Organisationen distanziert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Referent f\u00fcr Hochschulpolitik beim AStA der FU, der die Campus Alternative seit ihrer Gr\u00fcndung beobachtet, glaubt daher auch, dass diese ein doppeltes Spiel spielt: \u00bbVordergr\u00fcndig bedient sie sich einer klassisch liberalen Rhetorik und gibt vor, f\u00fcr Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit einzustehen. Dahinter steckt aber eigentlich ein autorit\u00e4res und reaktion\u00e4res Weltbild, in dem f\u00fcr abweichende Meinungen kein Platz ist. Letztlich ist das antidemokratisch und wissenschaftsfeindlich.\u00ab Die gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die studentische Selbstverwaltung in Berlin sei bisher allerdings die AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und nicht die ihr nahestehende Hochschulgruppe gewesen. Der AfD-Abgeordnete Martin Trefzer hatte im Januar 2018 in einer Anfrage an den Senat die Namen aller AStA-Referent*innen der gro\u00dfen Berliner Universit\u00e4ten der letzten zehn Jahre sowie weitere Details und pers\u00f6nliche Daten aus diesem Zeitraum erfragt, was vielfach als Einsch\u00fcchterungsversuch gegen\u00fcber linkspolitisch aktiven Studierenden gewertet wurde. \u00bbDagegen existiert die Campus Alternative haupts\u00e4chlich im Internet und k\u00f6nnte ohne die Unterst\u00fctzung der Jungen Alternative Aktionen wie das St\u00f6ren von Veranstaltungen an der Uni gar nicht durchf\u00fchren\u00ab, so der Referent f\u00fcr Hochschulpolitik. Es sei nicht zu bef\u00fcrchten, dass es der Campus Alternative gelingen k\u00f6nnte, eine relevante Anzahl Studierender von ihren Ideen zu \u00fcberzeugen. Im Gegenteil sei ihr Auftreten sogar f\u00fcr viele Hochschulangeh\u00f6rige der Anlass gewesen, sich verst\u00e4rkt mit Antifaschismus auseinanderzusetzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anfrage an die Campus Alternative \u00fcber ihre Gruppenst\u00e4rke, Art der Organisation und zuk\u00fcnftigen Pl\u00e4ne blieb unbeantwortet. Einiges deutet jedoch darauf hin, dass die Gruppe aus nicht mehr als zwei oder drei Personen besteht. Eindeutig identifiziert ist nur ihr Vorsitzender Yannic Wendt. Gut m\u00f6glich, dass die bisherigen Selbstzeugnisse der Campus Alternative allesamt aus seiner Feder stammen. Und so ist zumindest ein Teil seiner Interpretation der Situation zutreffend: Die \u00dcbermacht derjenigen Studierenden, die einem rechtem Weltbild ablehnend gegen\u00fcberstehen, ist erdr\u00fcckend. Ob es dem ehemaligen Vorzeige-Neuk\u00f6llner Wendt und seinen etwaigen Mitstreitern gelingen kann, daran etwas zu \u00e4ndern, ist zu bezweifeln.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Joshua Schultheis Die\u00a0Campus Alternative Berlin gibt sich liberal und demokratisch, ist aber in Wirklichkeit, gleich ihrer Mutterpartei AfD, autorit\u00e4r und wissenschaftsfeindlich eingestellt.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=389"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":390,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389\/revisions\/390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}