{"id":33,"date":"2017-10-13T21:09:24","date_gmt":"2017-10-13T19:09:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=33"},"modified":"2020-04-11T14:35:18","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:18","slug":"im-modus-der-modulation-fabriken-des-wissens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2017\/10\/im-modus-der-modulation-fabriken-des-wissens\/","title":{"rendered":"Im Modus der Modulation. Fabriken des Wissens \u2013 HUch#86"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Von Gerald Raunig<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\u00bbWelcome to the Machine!\u00ab, so begr\u00fc\u00dft die Universit\u00e4t in einem satirischen Blatt des deutschen Zeichners und Schriftstellers Gerhard Seyfried aus den 1970er Jahren ihre Studierenden<a href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a>. Die \u00bbMaschine\u00ab entpuppt sich bei genauer Betrachtung des Blatts jedoch viel eher als Fabrik, denn es geht um die automatisierte Massenfertigung der spezifischen Ware Wissen in den Universit\u00e4ten. Die Seyfried\u2019sche Wissensfabrik hat auch Elemente einer Geisterbahn (mit allerlei gruseligen \u00dcberraschungen f\u00fcr ihre Insassen), eines Flipper-Ger\u00e4ts (die Studierenden als gesto\u00dfene und getriebene Flipper-Kugeln), eines dreist\u00f6ckigen N\u00fcrnberger Trichters (das Wissen wird hier allerdings \u2013 wie es sich f\u00fcr eine Fabrik geh\u00f6rt \u2013 massenweise und anonymisiert abgef\u00fcllt). Derlei anschauliche \u00dcbertragungen zentraler Komponenten der fordistischen Kern-Institution Fabrik auf andere Institutionen waren stets weit verbreitet. Doch was bedeutet es, dass auch am \u00dcbergang zu postfordistischen Produktionsweisen weiterhin ungebrochen gerade die Metapher der Fabrik auf die Universit\u00e4t angewandt wird?<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><!--more--><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Unter \u00bbFabrik\u00ab versteht man im Allgemeinen ein Gef\u00fcge von Maschinen und ArbeiterInnen, durch das alle Aspekte der Produktion auf der Basis der Trennung der Arbeit gerastert, mechanisiert und standardisiert werden. Gef\u00fcge von Maschinen und ArbeiterInnen \u2013 das hei\u00dft, im Vordergrund steht nicht zuletzt das Verh\u00e4ltnis zwischen diesen beiden Komponenten, ihr Austausch und ihre Verkettung. Karl Marx er\u00f6ffnet dementsprechend im Kapital-Kapitel \u00fcber die Fabrik<a href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a> zwei verschiedene Perspektiven auf die Fabrik: Von der einen Seite her gesehen ist es der \u00bbkombinierte Gesamtarbeiter oder gesellschaftliche Arbeitsk\u00f6rper\u00ab, der \u00bbals \u00fcbergreifendes Subjekt\u00ab den Produktionsprozess bestimmt. Hier geht es vor allem um die \u00bbKooperation verschiedner Klassen von Arbeitern, erwachsnen und nicht erwachsnen, die mit Gewandtheit und Flei\u00df ein System produktiver Maschinerie \u00fcberwachen\u00ab. Aus dieser Perspektive ist es also die lebendige Arbeit und Virtuosit\u00e4t der ArbeiterInnen, die mithilfe ihrer Kompetenzen die F\u00fchrung und \u00dcberwachung der Maschinen betreiben. Von der anderen Seite ger\u00e4t dagegen die Maschinerie in den Blick, wird \u00bbder Automat selbst das Subjekt, und die Arbeiter sind nur als bewu\u00dfte Organe seinen bewu\u00dftlosen Organen beigeordnet und mit denselben der zentralen Bewegungskraft untergeordnet\u00ab. Die Bedienung der Maschinen wird hier zum Dienst an der Maschine, die Virtuosit\u00e4t geht von der ArbeiterIn auf die Maschine \u00fcber, die lebendige Arbeit der ArbeiterInnen findet sich eingeschlossen in der Maschine. Und genau dieser zweite Aspekt ist es, der nach Marx die kapitalistische Anwendung der Maschinerie, das moderne Fabriksystem pr\u00e4gt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Diesem auf die eine von zwei Perspektiven reduzierten Blick auf die Fabrik als kapitalistische Anwendungsform der Maschinerie, die aus den Subjekten der Produktion Objekte der Maschinen, aus den Maschinen aber die Subjekte macht, entspricht exakt der Blick Gerhard Seyfrieds auf die Universit\u00e4t als Fabrik: Nicht nur das Wissen selbst wird hier zur Ware, sondern auch die Subjektivierung der WissensproduzentInnen \u2013 nach dem Bild Seyfrieds vereindeutigt als Unterwerfung der Studierenden, die demnach nur mehr als passive Komponenten der Wissensfabrik, als formatierte WissensreproduzentInnen erscheinen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Seyfried\u2019sche Bild weist die Universit\u00e4t als Fabrik und Maschinerie aus: Sofort nach dem Durchschreiten des Portals finden sich die Studierenden auf einem Flie\u00dfband wieder, das sie \u2013 unterst\u00fctzt von diversen r\u00fcden Mechanismen des Drills und maschinischen Schikanen \u2013 streng und stetig vorantreibt: durch die Zahnr\u00e4der des Grundlagenwissens, die Disziplinierungsschleuse der \u00dcbungen, die Stress-Presse der Klausuren, die Einsperrung des Ordnungsrechts, die M\u00fchle des Fachwissens bis hin zu den Abschlusspr\u00fcfungen, die den Einschluss der Gef\u00fcgigen und den Ausschluss des unbelehrbaren Ausschusses vornehmen. Ausschluss wird hier ganz drastisch als dauerhafte Aussonderung aus der Wissensfabrik vorgestellt, im Deutschland der 1970er ins Extrem gef\u00fchrt als \u00bbBerufsverbot\u00ab. Einschlie\u00dfung bedeutet andererseits eine spezifische Form der Aufteilung des Raums, der hierarchischen Anordnung im Raum, buchst\u00e4blich der Einsperrung in den Raum. Innerhalb des Territoriums der Universit\u00e4t als Fabrik bef\u00f6rdert das Flie\u00dfband die StudentInnen unaufhaltsam der Vereinheitlichung zur genormten Studienabg\u00e4ngerIn hin zu.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Hauptaussage dieses Bilds ist einfach: Die Universit\u00e4t-Fabrik ist eine ungeheure, monstr\u00f6se Maschinerie, in der die anfangs unterschiedlichen und vielf\u00e4ltigen Studierenden zu Einheitsmenschen geformt und fit f\u00fcr die Verwertung in einer einf\u00f6rmigen Gesellschaft gemacht werden. Nat\u00fcrlich erscheint diese Metapher der Universit\u00e4t als Fabrik heute, unter den fortgeschrittenen Bedingungen der Kommodifizierung des Wissens und der Rasterung, Homogenisierung und Verbetriebswirtschaftlichung der Universit\u00e4ten einleuchtender denn je. Doch sie geht nicht weit genug.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Wissensproduktion und Weiterbildung als permanente (Selbst-)Verpflichtung<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Seyfrieds Bild erfasst nicht die Potenz der AkteurInnen, und es erfasst ebenso nicht ihre Verstrickungen. Es hebt in Analogie zum Blick des ein\u00e4ugigen Marx auf die Fabrik die Studierenden als Opfer hervor und konstruiert einen schroffen Gegensatz zwischen dem institutionellen Apparat und den durch ihn dominierten Studierenden. Es geht damit nicht nur am heutigen Amalgam von Repression und Selbstregierung der Studierenden vorbei, sondern blendet auch alle weiteren Komponenten der Fabrik Universit\u00e4t aus: die Lehrenden in all ihren hierarchischen Abstufungen, die Wirkungsbereiche der Administration und die vielen Aspekte der Dienstleistung, vom Putztrupp bis zum Kantinen- und zum Sicherheitspersonal, sei es verbeamtet oder radikal outgesourct und prek\u00e4r.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Schon das Bild der ebenso aufrechten wie unschuldigen Studienanf\u00e4ngerIn allerdings, die vor Studienantritt unverbildet \u00fcber die Schwelle der Wissensfabrik stolpert und erst durch den Eintritt in die Institution sich den Mechanismen der Entfremdung ausgesetzt sieht, ist \u2013 selbst f\u00fcr die Situation in den 1970er Jahren \u2013 etwas zu einfach gestrickt. Heute mehren sich Erfahrungen und Berichte von Studierenden, die von Beginn an ihr Studium als reine \u00dcbergangsetappe zwischen Schule und Job, die Lehre als durch ihre Studiengeb\u00fchren finanzierte Dienstleistung sehen und dementsprechend mitbestimmen wollen: Mitbestimmung nicht mehr als basisdemokratische Selbstorganisation, sondern als tauschwertgeregelte Beziehung zwischen StudentInnen-Stakeholders und Dienst leistenden Lehrenden.<a href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\">3<\/a><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Ideal eines die Emanzipation von Patriarchat, Familie, Schule und l\u00e4ndlichen Gemeinschaften f\u00f6rdernden Schritts in die Universit\u00e4t geht davon aus, dass dieser Schritt auch von den Subjekten gewollt, geplant und unternommen wird. Doch die Tendenz scheint dahin zu gehen, dass sich der Schritt von den Institutionen Schule und Familie an die Universit\u00e4t nicht mehr als Bruch ereignet, sondern vielmehr als bruchloser \u00dcbergang in einer Existenzweise der wachsenden Verunsicherung. War der \u00dcbergang von der Institution Schule in die Institution Universit\u00e4t (und vielleicht auch in die Fabrik) tats\u00e4chlich einmal ein viel versprechender Neuanfang, so ist gerade die Bruchlosigkeit dieses \u00dcbergangs (ebenso wie das Verschwimmen der unbezahlten Praktika w\u00e4hrend des Studiums mit den prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungen danach) Indiz f\u00fcr das Ununterscheidbarwerden der fr\u00fcher institutionell gepr\u00e4gten Zeitabschnitte (und ihrer signifikanten Territorien), Indiz auch f\u00fcr die Koexistenz verschiedener post-institutioneller Formen der Prekarisierung. Zentrale Komponente der permanenten Selbsterziehung ist das Konzept des lebenslangen Lernens, aber nicht mehr als aufkl\u00e4rerisch-emanzipatorische Idee der Weiterbildung, als \u00dcberwindung von Klassengrenzen und Vehikel des sozialen Aufstiegs, sondern als lebenslange (Selbst-)Verpflichtung, als Imperativ und lebenslanges Gef\u00e4ngnis der Weiterbildung.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Der Modus der Modulation<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das \u00bbPostskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften\u00ab ist wohl der bekannteste Text von Gilles Deleuze. Nahezu manifestartig fasst der franz\u00f6sische Philosoph hier die Thesen seines Freundes Michel Foucault zur Einschlie\u00dfung (sowie zu deren Krise, Agonie und dem, was auf sie folgt) zusammen, entwirft ausnehmend zitierf\u00e4hige Formulierungen zu den Transformationen von den Disziplinar- zu den Kontrollgesellschaften und f\u00fchrt en passant seine Strategie der creatio continua von Begriffen vor. So marginal der Artikel f\u00fcr seinen Verfasser wohl gewesen sein mag, so massiv hat sich umgekehrt seine Verbreitung und Rezeption entwickelt. K\u00fcrze und Knappheit des Postskriptums haben allerdings auch ihre Schattenseiten: Die Schw\u00e4che des Textes liegt ungeachtet all seines konzeptuellen Potenzials in dem an sich recht undeleuzischen Schema einer zeitlichen Abfolge von Disziplin und Kontrolle.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Was wir erleben, l\u00e4sst sich weniger als eine lineare Entwicklung von den Gesellschaften der Einschlie\u00dfung und der geschlossenen Milieus hin zu Gesellschaften der offenen Kreisl\u00e4ufe erkl\u00e4ren denn als eine Kumulierung beider Aspekte: Zur sozialen Unterwerfung der ArbeiterInnen\/Studierenden-Subjekte kommt die Subjektivierungsweise der maschinischen Indienstnahme hinzu, zur erzwungenen Anpassung im institutionellen \u00bbInternat\u00ab gesellen sich neue Weisen der Selbstregierung im total-transparenten, offenen Milieu, zur Disziplinierung durch pers\u00f6nliche \u00dcberwachung und Strafe tritt das freiheitliche Antlitz der Kontrolle als freiwilliger Selbstkontrolle.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Modulation ist der Name f\u00fcr dieses Ineinanderrinnen von Disziplinargesellschaft und Kontrollgesellschaft: Wie die Aspekte von Disziplin und Kontrolle stets als ineinander verwoben zu verstehen sind, so wird ihr Zusammenwirken am Beispiel der zeitgen\u00f6ssischen Wissensfabrik noch evidenter. W\u00e4hrend die Zeit der Studierenden kleinteilig in Modulen organisiert, gerastert, insofern also die Disziplinierung auf die Spitze getrieben wird, findet der modulierende Zustand des Lernens dennoch nie ein Ende. \u00bbDenn wie das Unternehmen die Fabrik abl\u00f6st, l\u00f6st die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab, und die kontinuierliche Kontrolle das Examen.\u00ab<a href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\">4<\/a> Was Deleuze jedoch noch als getrennte und aufeinander folgende Zuweisungen f\u00fcr Disziplin und Kontrolle beschreibt, flie\u00dft in Wirklichkeit ununterscheidbar ineinander: Im neuen Modus der Modulation h\u00f6rt man nie auf anzufangen, und zugleich wird man nie mit dem Lernen fertig.<a href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\">5<\/a><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Der Imperativ des lebenslangen Lernens impliziert eine doppelte Anrufung: eine Anrufung zur rasternden Modularisierung nicht nur der Bildung oder der Arbeit, zur Schichtung, Kerbung und Territorialisierung aller Verh\u00e4ltnisse, des gesamten Lebens, und zugleich eine Anrufung zur Bereitschaft, sich st\u00e4ndig selbst zu ver\u00e4ndern, anzupassen, zu variieren. Die Modulation ist bestimmt durch diese doppelte Anrufung, sie gr\u00fcndet auf dem Zusammenwirken der s\u00e4uberlichen zeitlichen wie r\u00e4umlichen Trennung und Rasterung der Module mit der Untrennbarkeit von unendlichen Variationen und grenzenlosen Modulierungen. W\u00e4hrend Modulation im einen Fall Z\u00fcgelung bedeutet, die Einsetzung eines Standardma\u00dfes, das In-Form-Bringen jedes einzelnen Moduls, erfordert sie im anderen Fall die F\u00e4higkeit, von einer Tonart in die andere zu gleiten, in noch unbekannte Sprachen zu \u00fcbersetzen, alle m\u00f6glichen Ebenen zu verzahnen. Besteht die Bestimmung der Modulation einerseits darin, Module zu formen, verlangt sie andererseits eine konstante Selbst-(De-)Formierung, eine Tendenz zur st\u00e4ndigen Modifizierung der Form, zur Transformation, ja zur Formlosigkeit.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">edu-factory: Widerstand in der Fabrik des Wissens<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die drei ersten Qualit\u00e4ten der Fabrik waren mit Foucault\/Deleuze<a href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\">6<\/a>: konzentrieren, im Raum verteilen, in der Zeit anordnen. Mit dem Hegemonialwerden postfordistischer Produktionsformen erfolgte zweifellos ein Zerstreuungsprozess, in dessen Verlauf die Fabriken zunehmend in die Gesellschaft diffundierten. Die Fabrik, nunmehr fabbrica diffusa, funktioniert in dieser Transformation nicht mehr einfach nur nach den alten Mechanismen aus dem 19. Jahrhundert. Konzentration, Verteilung im Raum und Anordnung in der Zeit haben nicht g\u00e4nzlich ihre Bedeutung verloren, variieren aber sehr wohl ihre Funktionen. Die Theorie der fabbrica diffusa ist eine Erfindung der autonomia, der italienischen K\u00e4mpfe der 1970er Jahre. F\u00fcr die darin und daraus entstandenen operaistischen und postoperaistischen Theorien besteht eine der wichtigsten Komponenten der Zerstreuung der Fabriken in die Gesellschaft im Exodus der ArbeiterInnen aus den Fabriken, der hier nicht als Effekt, sondern vielmehr als Ausl\u00f6ser der weit gehenden kapitalistischen Transformationen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (Postfordismus, Hegemonialwerden immaterieller und affektiver Arbeit, kognitiver Kapitalismus) verstanden wird.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Aus und in diesem theoretischen Umfeld entfaltete sich im letzten Jahrzehnt eine neue Generation von aktivistischen ForscherInnen, die sich vor allem aktuellen Interpretationen der Wissensfabrik annahm und ihr Handlungsfeld weit \u00fcber Italien hinaus als globales ansetzte. Nicht ohne Grund gab sich das transnationale Netzwerk von AktivistInnen im Bildungsbereich 2006 den Namen edu-factory. Die Fabrik, um die es hier geht, ist erneut die Fabrik des Wissens, die knowledge factory<a href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\">7<\/a>, diesmal aber in ihrer zweifachen Gestalt: die alte Figur der Universit\u00e4t in ihrem Austauschverh\u00e4ltnis mit dem vermeintlichen sozialen und territorialen Au\u00dfen, der Gesellschaft und den Metropolen, aber auch das diffus gewordene Gef\u00fcge von Institutionen und kooperativen Netzwerken der Wissensproduktion.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">2006 wurde die edu-factory-Mailinglist gestartet, deren Themen um die neoliberale Transformation der Universit\u00e4ten und um Formen des Konflikts in der Wissensproduktion angelegt sind.<a href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\">8<\/a> In einer ersten Diskussionsrunde ging es vor allem um die Konflikte an den Universit\u00e4ten, in der zweiten um den Prozess der Hierarchisierung des Bildungsmarkts und die Konstituierung autonomer Institutionen. Und genau diese zwei Linien sind es auch, die das Verh\u00e4ltnis der edu-factory zur Universit\u00e4t, ihre doppelte Exodus-Strategie bestimmen: Exodus hei\u00dft hier nicht einfach nur Auszug aus der Universit\u00e4t, sondern vielmehr Kampf um autonome Freir\u00e4ume in der Universit\u00e4t und zugleich Selbstorganisation und auto-formazione jenseits der existierenden Institutionen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Gerade rechtzeitig f\u00fcr die onda anomala, die Welle der Proteste, Besetzungen und Streiks an den italienischen Universit\u00e4ten Ende 2008, brachte das edu-factory-Kollektiv bei Manifestolibri das Buch L&#8217;universit\u00e0 globale: il nuovo mercato del sapere heraus, das im Herbst 2009 auch in englischer Sprache bei Autonomedia erscheinen wird. Der Band fasste die wichtigsten Texte der online-Diskussionen zusammen und wurde in vielen Pr\u00e4sentationen in ganz Italien zu einem Angelpunkt jener Diskurse, die die K\u00e4mpfe der onda anomala mit anfachten und begleiteten. In der Einleitung des Buchs findet sich in Bezug auf den Namen des Netzwerks ein interessanter Widerspruch, der das Paradox der edu-factory repr\u00e4sentiert: Zun\u00e4chst lautet der zentrale Slogan: Ci\u00f2 che un tempo era la fabbrica, ora \u00e8 l\u2019universit\u00e0. Was einmal die Fabrik war, ist nun die Universit\u00e4t. Doch keine zwei Seiten danach steht zu lesen, dass die Universit\u00e4t keineswegs funktioniere wie eine Fabrik. Ich denke, dass dieser offenbare Widerspruch uns auf eine F\u00e4hrte f\u00fchrt, die die Universit\u00e4t als Fabrik nicht mehr nur als Metapher lesen l\u00e4sst.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Gehen wir dennoch einmal mehr zur\u00fcck zur anfangs dieses Textes etablierten Assoziation der Universit\u00e4t als Fabrik, die auf der Ebene des Metaphorischen verbleibt. Im Laufe der bemerkenswerten Ausbreitung von K\u00e4mpfen, Besetzungen und Streiks an den europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten im Laufe der letzten Monate organisierte die edu-factory unz\u00e4hlige Meetings (vor allem, aber nicht nur in Europa), bei denen in erster Linie die unsichtbare Verkettung dieser singul\u00e4ren K\u00e4mpfe thematisiert wurde. F\u00fcr die Bewerbung einer dieser Veranstaltungen, die im Rahmen des deutschen Bildungsstreiks im Juni 2009 an der TU Berlin stattfand, verwendeten die Berliner VeranstalterInnen nun gerade jenes Blatt Gerhard Seyfrieds, das die Universit\u00e4t so aussagekr\u00e4ftig als Fabrik illustriert und dennoch an den wichtigsten Merkmalen der Transformationen der Wissensproduktion im kognitiven Kapitalismus vorbeigeht. Ich glaube, dass jene Wiederaufnahme des simplifizierenden Bilds ebenso wie der Widerspruch in der Fabriksdefinition der edu-factory nicht einfach in einer Art Verzauberung durch die m\u00e4chtige Metapher der Wissensfabrik als Repressionsapparat begr\u00fcndet liegen, sondern dass sie \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 auf die M\u00f6glichkeitsbedingungen des Widerstands im Modus der Modulation rekurrieren.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Bei Marx haben wir gesehen, dass die zwei Perspektiven auf das Verh\u00e4ltnis zwischen ArbeiterInnen und Maschinen in der Fabrik auf den Unterwerfungsaspekt unter die Maschinerie reduziert wurden. Im \u00bbPostskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften\u00ab werden die Subjektivierungsweisen zwar keineswegs ausgeblendet, aber es erscheint das Problem der zeitlichen Abfolge von Disziplin\/Repression (incl. der ihr ad\u00e4quaten Widerstandsformen) und Kontrolle\/Selbstregierung. Wollen wir heutige Existenzweisen und Formen der Wissensproduktion nicht einfach als aus der Abfolge von Disziplin und Kontrolle hervorgegangen verstehen, m\u00fcssen wir einerseits ein komplexes und modulierendes Amalgam von sozialer Unterwerfung und maschinischer Indienstnahme konstatieren, andererseits aber auch M\u00f6glichkeiten neuer Subjektivierungsweisen und Widerstandsformen gerade unter Ber\u00fccksichtigung der sich wandelnden Komplexit\u00e4t dieses Amalgams entwerfen. Ein Verst\u00e4ndnis der Modulation als Simultaneit\u00e4t und Wechselwirkung von Disziplin und Kontrolle kann also weder auf die alten Formen des Widerstands in den Zeiten der Fabrik zur\u00fcckgreifen, noch kann das widerst\u00e4ndige Gegen\u00fcber einfach nur als Deterritorialisierung der Kontrolle gegen\u00fcber der reterritorialisierenden Disziplin konzeptualisiert werden. Die pure Anrufung von Dezentralit\u00e4t, Deterritorialisierung und Zerstreuung reicht nicht aus, um Fluchtlinien aus dem Gef\u00fcge von sozialer Unterwerfung und maschinischer Selbstregierung zu ziehen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die volle Ambivalenz der fabbrica diffusa im Modus der Modulation, ihre Vereinnahmungsmechanismen ebenso wie ihre Widerstandspotenziale, l\u00e4sst auch die Orte der Wissensproduktion nicht nur als Orte der Kommodifizierung des Wissens und der Ausbeutung der Subjektivit\u00e4t aller AkteurInnen, sondern auch und vor allem als Orte neuer Formen des Konflikts verstehen. Und hier k\u00f6nnte schlie\u00dflich auch ein Grund f\u00fcr das Insistieren der edu-factory auf einen Kampf um den traditionellen Ort der Wissensfabrik, um autonome Freir\u00e4ume innerhalb der Universit\u00e4t liegen. Die Fabrik war und ist der Ort der Konzentration \u2013 was die Inwertsetzung der Arbeitskraft und was die Formen des Widerstands betrifft. In einer Situation der Prekarisierung, vor allem aber der Diffundierung, der extremen Zerstreuung der Kultur- und WissensarbeiterInnen, sind Schulen und Universit\u00e4ten vielleicht die letzten Orte, in denen Konzentration m\u00f6glich ist. In diesem Sinn l\u00e4sst sich vielleicht in der Tat sagen: Was einmal die Fabrik war, ist nun die Universit\u00e4t. Und zugleich wird klar, dass die Universit\u00e4t als Konzentrat im Modus der Modulation neue Funktionen \u00fcbernimmt. Potenziell auch als Ort der Organisierung, des Konflikts, des Kampfes.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Vielen Dank an Isabell Lorey, Otto Penz und Birgit Sauer f\u00fcr die anregende Diskussion des Textes.<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Bekannt wurde das Blatt Seyfrieds vor allem dadurch, dass es das Cover der ersten Auflage eines vielgelesenen universit\u00e4tskritischen Buchs zierte: Wolf Wagner, Uni-Angst und Uni-Bluff, Berlin: Rotbuch 1977.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Karl Marx, Das Kapital, Erstes Buch, IV.13.4., MEW 23, 441 f.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> Derartige Erfahrungen sollten allerdings weder zu moralischen Belehrungen noch zu kulturpessimistischen Auslassungen \u00fcber die Jugend von heute Anlass geben, sondern besser \u2013 wie in Deleuze\u2019 abschlie\u00dfenden Bemerkungen in seinem \u00bbPostskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften\u00ab \u2013 mit der Erkenntnis verbunden werden, dass aus den neuen Subjektivierungen eine neue Notwendigkeit hervorgeht, diese zu analysieren, und dass damit auch neue kritische Haltungen und neue Widerstandsformen entstehen: \u00bbViele junge Leute verlangen seltsamerweise, \u201amotiviert\u2019 zu werden, sie verlangen nach neuen Ausbildungs-Workshops und nach permanenter Weiterbildung; an ihnen ist es zu entdecken, wozu man sie einsetzt, wie ihre Vorg\u00e4nger nicht ohne M\u00fche die Zweckbestimmung der Disziplinierung entdeckt haben.\u00ab<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> Gilles Deleuze, \u201ePostskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften\u201c, in: ders., Unterhandlungen. 1972-1990, Frankfurt\/Main: Suhrkamp 1993, 254-262, hier 257.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a> Mein Begriff von Modulation umfasst damit \u2013 \u00fcber Deleuze hinausgehend \u2013 sowohl Aspekte der Disziplin als auch solche der Kontrolle. Deleuze entnimmt seinen Begriff der Modulation aus Gilbert Simondons L\u2019 individu et sa gen\u00e8se physico-biologique und setzt ihn nur im Rahmen des zweiten Paradigmas ein, vor allem in seinen \u00e4sthetischen Schriften ab 1983: in Francis Bacon, wo er Bacons diagrammatisierte Form beschreibt als \u00bbzeitliche, variable und kontinuierliche Gussform, auf die einzig der Name Modulation im strengen Sinne passt\u00ab (82), oder in seinem ersten Kinobuch Das Bewegungs-Bild (vor allem 40-44). Auch hier findet sich schon das duale Verh\u00e4ltnis vom Gie\u00dfen der Form, von der Gussform einerseits (in diesem Fall der Fotografie, die den \u201eunbeweglichen Schnitt\u201c verk\u00f6rpert) und der Modulation andererseits (exemplifiziert am Bewegungs-Bild des Films, am \u201ebeweglichen Schnitt\u201c, hier vor allem an den zwei Methoden der beweglichen Kamera und der Montage): \u00bbDie Photographie ist eine Art \u201aFormguss\u2019: Die Gussform organisiert die inneren Kr\u00e4fte einer Sache so, dass sie in einem bestimmten Moment einen Gleichgewichtszustand erreichen (unbeweglicher Schnitt). W\u00e4hrend die Modulation nicht endet, wenn ein Gleichgewichtszustand erreicht ist, nicht damit aufh\u00f6rt, die Form zu modifizieren, bis zur Konstitution einer ver\u00e4nderlichen, kontinuierlichen und zeitlichen Form.\u00ab (43) Zur Verkettung von \u00e4sthetischer und politischer Modulation vgl. Gabu Heindl, Drehli Robnik: \u00bb\u00d6ffnungen zum Au\u00dfen: Der Entwurf des Diagramms bei Deleuze und das Diagramm des Entwurfs bei OMA, Eisenman und UN Studio\u00ab, in: UmBau \u2013 Theorie der Praxis 19, 2002.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Deleuze, \u00bbPostskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften\u00ab, 254.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a> Vgl. Irving Louis Horowitz and William H. Friedland, The Knowledge Factory &#8211; Student Power and Academic Politics in America, Chicago: Aldine 1971; Stanley Aronowitz, The Knowledge Factory: Dismantling the Corporate University and Creating True Higher Learning, Boston: Beacon 2000.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><a href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a> Bemerkenswert war vor allem die Strenge, mit der dieser Instituierungsvorgang vorgenommen wurde. Statt eine offene Mailinglist zu installieren, wurde die Liste anfangs nur f\u00fcr zwei l\u00e4ngere Diskussionsrunden jeweils f\u00fcr drei Monate ge\u00f6ffnet und dann \u2013 auch zur \u00dcberraschung vieler List-Participants \u2013 wieder geschlossen. Einzelne AutorInnen bestimmten je eine Woche lang durch ihre Inputs spezifische thematische Linien. Gerade diese strenge Form gab den Debatten eine Koh\u00e4renz und Intensit\u00e4t, die in offenen Mailinglists \u00fcblicherweise nicht lange gehalten werden kann. Die Subskriptionsadresse f\u00fcr die Mailinglist, die inzwischen haupts\u00e4chlich \u00fcber aktuelle K\u00e4mpfe und Konflikte um Wissensproduktion in den unterschiedlichsten Weltregionen informiert, lautet <a href=\"mailto:edufactory-subscribe@listcultures.org\">edufactory-subscribe@listcultures.org<\/a>, die\u00a0 Adresse der Website: <a href=\"http:\/\/www.edu-factory.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.edu-factory.org<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gerald Raunig \u00bbWelcome to the Machine!\u00ab, so begr\u00fc\u00dft die Universit\u00e4t in einem satirischen Blatt des deutschen Zeichners und Schriftstellers Gerhard Seyfried aus den 1970er Jahren ihre Studierenden1. 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