{"id":247,"date":"2019-10-29T00:23:44","date_gmt":"2019-10-28T23:23:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=247"},"modified":"2020-04-11T14:34:27","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:27","slug":"antirassismus-ist-keine-frage-des-glaubens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2019\/10\/antirassismus-ist-keine-frage-des-glaubens\/","title":{"rendered":"Antirassismus ist keine Frage des Glaubens \u2013 HUch#89"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Von Bafta Sarbo<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Der Nachfolgeband von <\/em>Bei\u00dfreflexe<em> versammelt zum Teil hilfreiche Beitr\u00e4ge rund um das Verh\u00e4ltnis der Linken zu Rassismus und Religion.<\/em><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Der Essayband <em>Freiheit ist keine Metapher<\/em> \u2013 herausgegeben von Vojin Sa\u0161a Vukadinovi\u0107 im Querverlag \u2013 schlie\u00dft an die sogenannte \u203aKreischreihe\u2039 an, in der insbesondere <em>Bei\u00dfreflexe<\/em> \u2013 herausgegeben von Patsy L\u2018Amour La Love \u2013 gro\u00dfes Aufsehen erregte. Der neu vorliegende Band soll vor allem Kritik an aktuellen Auspr\u00e4gungen der Gender Studies in Bezug auf die im Untertitel aufgereihten Schlagworte \u00bbAntisemitismus, Migration, Rassismus und Religionskritik\u00ab \u00fcben. Nachdem Vukadinovi\u0107 bereits in der <em>Jungle World<\/em> und der <em>EMMA<\/em> Kritiken an den Gender Studies formuliert hatte, werden hier nun knapp 40 Autor_innen versammelt, um sich mit unterschiedlichen Aspekten dieses Themenkomplexes zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Essays widmen sich den von Vukadinovi\u0107 in der Vorbemerkung angeschnittenen Themen zum Teil direkt, zum Teil aber auch nur vermittelt. Ein inhaltlicher roter Faden ist f\u00fcr diejenigen, die sich in der Debatte auskennen, zwar durchaus erkennbar, jedoch unterscheiden sich die Beitr\u00e4ge in Umfang und Stil zum Teil gravierend: Das Spektrum reicht von eher subjektiven Schilderungen in Artikel- und Interviewform \u00fcber politische Polemiken bis hin zu wissenschaftlichen Analysen. Das macht es schwer, das Buch als Ganzes zu diskutieren, weshalb hier nur schlaglichtartig auf eine enge Auswahl von Beitr\u00e4gen eingegangen werden soll.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"_GoBack\"><\/a>Auff\u00e4llig ist gleich zu Beginn \u2013 in der Einleitung \u2013 die Provokation eines positiven Bezugs auf Thomas Maul. W\u00e4hrend dessen wissenschaftlicher Beitrag zur Kritik von Gender Studies und Critical Whiteness als streitbar bezeichnet werden kann, ist es \u2013 allein aus strategischen Gr\u00fcnden \u2013 fragw\u00fcrdig, ob die <em>Bahamas<\/em> im Allgemeinen, sowie Thomas Maul im Besonderen \u00fcberhaupt sinnvoll f\u00fcr diese ohnehin schon aufgeladene Diskussion produktiv gemacht werden kann. Diese weisen sich eher durch eine Islam-Obsession und Kulturkampf-Rhetorik aus \u2013 in letzter Zeit etwa in Form von Albernheiten wie \u203aWeihnachtspl\u00e4tzchenbacken gegen Islamismus\u2039 \u2013 als durch eine anschlussf\u00e4hige Religionskritik oder eine sinnvolle Kritik an postmodernen Verirrungen der Linken. Damit sind sogleich Problematiken angesprochen, die sich auch anhand einiger Beitr\u00e4ge in diesem Band aufzeigen lassen. Anastasia Iosseliani folgert aus der Praxis der in ihrem Beitrag angef\u00fchrten antiimperialistischen Szene (und nicht etwa aus einem Begriff von Imperialismus): \u00bbF\u00fcr Individuen, f\u00fcr die Freiheit nicht nur ein abstrakter Begriff ist, gibt es demzufolge keinen Grund Antiimperialismus \u2013 gleich welcher Form und Schule \u2013 zu unterst\u00fctzen.\u00ab Das w\u00fcrde bedeuten, dass Imperialismus entweder so nicht existiert, oder dass er nichts ist, womit sich die Linke auseinandersetzen sollte. Chloe Valdary, die sich gegen BDS an US-amerikanischen Universit\u00e4ten einsetzt, erw\u00e4hnt im Gespr\u00e4ch mit Christina Dschaak, dass sich ihr Engagement aus ihrer christlichen Sozialisation ergibt \u2013 und das in einem Buch mit \u00bbReligionskritik\u00ab im Untertitel. Au\u00dferdem werden die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, die Aufkl\u00e4rung und der sogenannte \u203aWesten\u2039 kritiklos affirmiert. Es sind die \u00fcblichen Fallstricke der antideutschen\/ideologiekritischen Szene \u2013 einer Szene, die sich mehrheitlich positiv auf die Kritische Theorie bezieht \u2013, die sich wahrscheinlich am besten mit dem Begriff der Dialektik der Aufkl\u00e4rung charakterisieren lassen. Denn auch diese reaktion\u00e4ren Elemente entstammen aus den Widerspr\u00fcchen der Aufkl\u00e4rung und der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft selbst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Unter anderem Dennis Schnittler, der sich in der Einleitung zu seinem Beitrag auf die Exklusivit\u00e4t der Menschenrechte gegen\u00fcber Schwarzen Menschen bezieht, sowie Marco Ebert, der die Theorie von Judith Butler als Produkt der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft selbst charakterisiert, greifen diesen Widerspruch durchaus auf \u2013 hier zeigen sich die Widerspr\u00fcchlichkeiten der verschiedenen Beitr\u00e4ge des Bandes, der auch an keiner Stelle inhaltliche Einigkeit behauptet.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eberts Beitrag <em>Die \u00bbIdentifikation mit dem Leiden\u00ab<\/em> setzt sich mit der Affirmation des Schmerzes in Butlers Werken auseinander. Butler, die vor allem durch ihr Buch <em>Gender Trouble<\/em> (zu deutsch: <em>Das Unbehagen der Geschlechter<\/em>) popul\u00e4r wurde, genie\u00dft besondere Aufmerksamkeit in den deutschen Gender Studies, welche Vukadinovi\u0107 in seiner vorhergehenden Notiz als \u00bbperformative Glaubensgemeinschaft\u00ab bezeichnet. Seit der Jahrtausendwende findet Vukadinovi\u0107 zufolge im Werk Butlers allerdings ein Turn weg von geschlechterpolitischen Fragen und hin zu einem sogenannten Antiimperialismus statt. Dieser zeichne sich durch die Forderung aus, die allen Subjekten gemeinsame Verletzlichkeit anzunehmen und zu affirmieren. Besonders hervorgehoben werden muss, dass der Beitrag sich zum einen auf verschiedene Werke Butlers bezieht und zum anderen sehr nah am Text arbeitet. Es handelt sich damit um eine Kritik, die Butlers Werk immerhin zu Wort kommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dennis Schnittlers Beitrag <em>Der ewige Neger<\/em> liefert eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Kritik des Rassismus aus einer materialistischen und psychoanalytischen Perspektive. Der \u00f6konomische Teil basiert weitgehend auf Peter Schmitt-Egners Rassismuskritik aus den 70er Jahren. Daran schlie\u00dft der psychonanalytische Teil an, wobei ein argumentativer \u00dcbergang oder zumindest eine materialistische Herleitung der psychoanalytischen Kategorien aus den \u00f6konomischen w\u00fcnschenswert gewesen w\u00e4re. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich sicherlich diskutieren, wie gut die essayistische Form f\u00fcr dieses Thema geeignet ist und ob nicht vielleicht mehr konkrete Verweise sinnvoll gewesen w\u00e4ren. Nichtsdestotrotz bietet der Beitrag eine wertvolle Erg\u00e4nzung der Kritik des Rassismus, die in Deutschland in der Regel eher vorurteilsbezogen und liberal argumentiert.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Beitrag von Tara Falsafi <em>F\u00fcr immer Fremdbestimmt?<\/em>, in dem sie aus ihrer Erfahrung mit dem Tokenism-Vorwurf heraus die Fehlverwendung des Begriffs thematisiert, greift als \u00fcbergeordnetes Thema allerdings einen sehr viel wichtigeren Punkt auf. W\u00e4hrend der Begriff eigentlich eine liberale Repr\u00e4sentationspolitik zum Zwecke der Bes\u00e4nftigung von politischen Minderheitenforderungen beschreibt, ist es mittlerweile ein Schlagwort zur Diskreditierung von migrantischen oder nicht-wei\u00dfen Linken geworden, die sich kritisch zu Identit\u00e4tspolitik \u00e4u\u00dfern. Innerhalb der kritisierten politischen Str\u00f6mung gilt der sogenannte Sprechort, das hei\u00dft die Positionierung der Sprechenden als Indikator f\u00fcr die Legitimit\u00e4t ihrer Aussagen. Demzufolge w\u00e4re Feminismus nur Sache von Frauen und LGBTIs und Antirassismus nur Sache von Schwarzen Menschen und PoCs. Der Tokenism-Vorwurf zielt allerdings drauf ab, jene von Rassismus betroffenen Linken, die Solidarit\u00e4t statt Identit\u00e4tspolitik fordern, die legitime Sprecher_innenposition zu entziehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Herausgeber Vukadinovi\u0107 verweist im Vorwort auf das migrationspolitische und antirassistische Netzwerk Kanak Attak und zitiert dessen mittlerweile 20 Jahre altes Manifest in seinem expliziten Einspruch gegen die Frage nach Herkunft und Pass in Sachen des Antirassismus. Damit wurde damals ein neues migrantisches Selbstbewusstsein gefordert, dass die Frage der Identit\u00e4t in den Hinter- und die Frage der Haltung in den Vordergrund stellt. Dieses Selbstbewusstsein wird zum Schluss, trotz des provokanten Titels des von der Gruppe gegen migrantische Weinerlichkeit verfassten Beitrags, gefordert. <em>R\u00e4umt die geistigen Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden<\/em> ist eine Aufforderung, sich nicht nur als Opfer der Verh\u00e4ltnisse, sondern auch als Individuum in seiner politischen Subjektivit\u00e4t zu begreifen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Trotz der eingangs erw\u00e4hnten internen Widerspr\u00fcche stellt <em>Freiheit ist keine Metapher<\/em> insbesondere f\u00fcr die Diskussion an der HU einen wichtigen Debattenbeitrag dar. Immerhin ist durch die hier situierten Gender Studies eben jenes diskursive Feld bereitet, auf das die meisten der Beitr\u00e4ge abzielen. Und letztlich hat auch die studentische Kritik an der Einrichtung des Instituts f\u00fcr islamische Theologie die Notwendigkeit und auch die M\u00f6glichkeit einer linken Kritik am politischen Islam deutlich gemacht. Allerdings gilt es dabei zu vermeiden, im Zuge einer Kritik am Islam blo\u00df wieder dem Christentum oder einer der anderen \u203aGlaubensgemeinschaften\u2039 der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und des \u203aWestens\u2039 auf den Leim zu gehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Vojin Sa\u0161a Vukadinovi\u0107 (Hrsg.): Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik. Querverlag. 496 Seiten, 19 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Bafta Sarbo Der Nachfolgeband von Bei\u00dfreflexe versammelt zum Teil hilfreiche Beitr\u00e4ge rund um das Verh\u00e4ltnis der Linken zu Rassismus und Religion.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-247","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=247"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":248,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions\/248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}