{"id":245,"date":"2019-10-29T00:16:08","date_gmt":"2019-10-28T23:16:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=245"},"modified":"2020-04-11T14:34:30","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:30","slug":"die-lehren-des-vormaerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2019\/10\/die-lehren-des-vormaerz\/","title":{"rendered":"Die Lehren des Vorm\u00e4rz: Rebellische Bachelor und proletarische Lesekreise \u2013 HUch#89"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Ein Interview mit Patrick Eiden-Offe<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Ein unverstellter Blick auf die Zeit des Vorm\u00e4rz r\u00fcttelt an vermeintlichen Gewissheiten der Linken und er\u00f6ffnet neue Perspektiven auf unsere eigene Gegenwart. <\/em><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Es ist ein merkw\u00fcrdiger, jedoch nicht allzu oft angesprochener Umstand, dass die Bezeichnungen f\u00fcr unsere akademischen Grade im Bachelor-Master-System den beruflichen R\u00e4ngen der Z\u00fcnfte entlehnt sind: Gesellen und Meister. Wie ist das zu deuten? Haben wir Studierenden und wissenschaftlich Arbeitenden vielleicht mehr mit Handwerkern am Hut, als uns gemeinhin bewusst ist?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Wie das genau kommt mit diesen Bezeichnungen, das wei\u00df ich ehrlich gesagt gar nicht. Aber ja, das wird von den R\u00e4ngen des Handwerks abgezogen worden sein, als die Idee der Universit\u00e4t aufkam, also sehr fr\u00fch schon. Dieses System der Graduierung \u2013 dass man erstmal eine Lehre macht, dann als Geselle nochmal eine l\u00e4ngere Bew\u00e4hrungszeit hat und schlie\u00dflich Meister wird \u2013 das hat ja durchaus gro\u00dfe Plausibilit\u00e4t. Als Germanist muss ich dabei nat\u00fcrlich gleich an Goethe denken: <em>Wilhelm Meisters Lehrjahre<\/em> und <em>Wilhelm Meisters Wanderjahre<\/em>. Und es scheint mir auch immer noch aus der Sache heraus plausibel zu sein, dass man erstmal eine Grundausbildung bekommt und sich danach nochmal mit einem h\u00f6heren Grad an Freiheit umtut, woanders hin geht, wandert, und dann irgendwann die letzte Meisterschaft erh\u00e4lt, durch die man schlie\u00dflich auch selber berechtigt ist, Leute zu unterrichten. Das ist ja der Kerngedanke dieses Systems.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Inwiefern kann denn davon die Rede sein, dass die Universit\u00e4t noch immer eine gewisserma\u00dfen feudale Einrichtung darstellt? Oder, besser gefragt: Worin \u00e4hnelt sie einer feudalen Institution in Aufl\u00f6sung? Immerhin sprichst du ja in deinem Buch <em>Die Poesie der Klasse<\/em> von einer Aktualit\u00e4t des Vorm\u00e4rz, also einer Zeit, da die feudale Ordnung bereits effektiv von der kapitalistischen abgel\u00f6st wurde.<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Da m\u00fcsste man nochmal genauer hinsehen, inwiefern denn die Universit\u00e4t feudalen Charakter hat. Wenn man das nun ernst nimmt, dass das universit\u00e4re Ausbildungssystem etwas vom Handwerk hat, zumindest von den Bezeichnungen, aber auch von den Abstufungen des Bildungswegs her, so hei\u00dft das ja noch nicht, dass das feudalistisch ist. Denn diese Handwerksorganisation ist wesentlich auch immer eine widerst\u00e4ndige Selbstorganisation des Handwerks gegen ein bestimmtes Feudalsystem gewesen. Einerseits war es nat\u00fcrlich eingelassen in dieses feudale System von Partikularrechten und der Zersplitterung der Souver\u00e4nit\u00e4t, andererseits war es aber auch immer ein Bereich, der Autonomie f\u00fcr sich in Anspruch genommen hat. Und nat\u00fcrlich war dieses Ausbildungssystem des Handwerks erstmal ein hierarchisches. Aber innerhalb dieser Hierarchie war es so, dass sich die jeweiligen Stufen erstmal f\u00fcr sich und unter sich organisierten. So gab es immer schon die Lehrlinge, die sich zusammengetan haben und vor allem die Selbstorganisation der Gesellen. Und diese wurden von den feudalen Autorit\u00e4ten schon sehr fr\u00fch als eher widerspenstige Strukturen wahrgenommen. Das einzige Reichsgesetz, also das einzige Gesetz, das im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation effektiv beschlossen und f\u00fcr alle verbindlich umgesetzt worden ist, war ein Verbot der Gesellenschaften. Es handelte sich beim Handwerk also um eine feudale Institution, die aber gleichzeitig auch \u00fcber ihren Autonomieanspruch antifeudal auftrat.<\/p>\n<p align=\"justify\">Aber die Pointe ist, dass nachdem das Feudalsystem vom heraufziehenden kapitalistischen System und der modernen Staatsidee abger\u00e4umt wurde, praktisch das einzige, was geblieben ist, diese Widerst\u00e4ndigkeit des Handwerks war. Schlie\u00dflich wollte der Obrigkeitsstaat durch die Entmachtung und Abschaffung der Z\u00fcnfte nat\u00fcrlich gerade das loswerden, was er am ganzen Zunftsystem am wenigsten leiden konnte, n\u00e4mlich diese autonome Organisation der Gesellen. Aber die haben es geschafft, ihre Widerst\u00e4ndigkeit \u00fcber den Systemwechsel hin\u00fcber zu retten. Und tats\u00e4chlich sind die ersten Arbeitsk\u00e4mpfe dieser dann aus dem Zunftsystem freigesetzten Gesellen aus solchen Gesellenschaften heraus organisiert worden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und mit der Universit\u00e4t ist das ja so \u00e4hnlich. Die Idee der Humboldt Universit\u00e4t kommt immerhin aus der Zeit der Reformen zur Einf\u00fchrung der Gewerbefreiheit in Preu\u00dfen. Sie ist also zeitgleich mit dem Kapitalismus entstanden und nat\u00fcrlich in die kapitalistische Systemarchitektur eingebettet, aber gleichzeitig beansprucht sie ebenfalls eine gewisse Autonomie, die als \u00fcber dieses System hinausweisend und widerst\u00e4ndig angesehen werden kann. Und da ist es wiederum interessant zu sehen, wie sich das ver\u00e4ndert, wenn sich diese Systemarchitektur zu einer neoliberalen hin wandelt und die Universit\u00e4t auf einmal als ein Wirtschaftsunternehmen verstanden wird und sich auch selbst als solches versteht. Da gilt es dann zu beobachten, ob sich in ihr etwas regt, das analog zu den Gesellenschaften diesen widerst\u00e4ndigen Charakter erhalten und hin\u00fcberretten kann.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Der eigensinnige Zug Deiner <em>Poesie der Klasse<\/em> besteht ja darin, dass Du Dich im Angesicht der gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen, die wir heute erleben, nicht etwa in Ausf\u00fchrungen ergehst, welche sensationell neuartigen Formen der Kapitalismus heute annimmt und welche nie dagewesenen Folgen er zeitigt, sondern dass Du ziemlich n\u00fcchtern feststellst: Sowas in der Art hatten wir schonmal. Und damals sind die Leute so und so damit umgegangen. An welchen Stellen ist die Analogie am greifbarsten, wo kann sie uns wirklich weiterhelfen, und wo h\u00f6rt die Vergleichbarkeit auf?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Ich w\u00fcrde ja auch nicht sagen, dass da irgendwas eins zu eins wiederkehrt. Nur bin ich tats\u00e4chlich etwas voreingenommen gegen\u00fcber dieser Faszination von Linken und durchaus auch radikalen Linken f\u00fcr das Innovationspotential des Kapitalismus. Das ist ja zum Teil auch ein Erbe des <em>Kommunistischen Manifests<\/em>. Da gibt es also so eine merkw\u00fcrdige, aus Angst und Ekel, aber eben auch aus Lust gespeiste Faszination und zugleich einen Drang, immer Schritt halten zu wollen mit der Entwicklung des Kapitalismus, weil man denkt, was der Kapitalismus mache sei zu jeder Zeit immer das neueste und aktuellste. Und entsprechend m\u00fcsse man ihn beschleunigen, oder ihn \u00fcberholen oder ihn beschleunigen, um ihn zu \u00fcberholen \u2013 und da bin ich skeptisch. Wenn ich mir die gro\u00dfen Umbr\u00fcche ansehe, die sich ohne Zweifel in den letzten Jahren und Jahrzehnten vollzogen haben, dann habe ich oft eher den Eindruck, dass es sich dabei sozusagen um einen Remix handelt, dass also alte Sachen in neuen Konstellationen wieder auftauchen, und dass es dabei im Prinzip gar nichts, auch keine gro\u00dfe Reformen oder Umw\u00e4lzungen gibt, die nicht auch wieder partiell zur\u00fcckgenommen werden k\u00f6nnen, solange das der Wertverwertung keinen Abbruch tut. Das ist vielleicht das einzige, was man am Kapitalismus bewundern kann \u2013 dass er mit einer unglaublichen Sturheit an seinem Prinzip festh\u00e4lt: Der Wert muss sich verwerten. Und wenn es darum geht, das zu gew\u00e4hrleisten, ist der Kapitalismus unglaublich flexibel.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zum Beispiel wurde ja von der Marxschen Theorie her angenommen, dass es historisch zuerst eine Phase gab, in der es um die Steigerung des absoluten Mehrwerts durch Verl\u00e4ngerung des Arbeitstages ging, die dann aber abgel\u00f6st wurde von der sogenannten relativen Mehrwertproduktion durch technologische Entwicklung. Diesbez\u00fcglich kann man in den letzten Jahren wieder vermehrt und \u00fcberall auf der Welt beobachten, dass es sich dabei nicht so sehr um eine strenge Stufenfolge handelt, sondern dass der Kapitalismus dieses Verh\u00e4ltnis von absolutem und relativem Mehrwert relativ flexibel handhaben kann. Gegenw\u00e4rtig geht er also wieder dazu \u00fcber, mit Vorliebe die absolute Mehrwertrate zu erh\u00f6hen, indem er die Arbeitszeiten wieder verl\u00e4ngert und die Leute \u00fcberausbeutet. Das passiert vor allen Dingen im globalen S\u00fcden, aber teilweise auch hier. Es gibt also eine Reihe von F\u00e4llen, bei denen eine gewisse marxistische Orthodoxie sagen w\u00fcrde: Das sind notwendige Entwicklungsstufen, die dann auch nicht mehr wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind. Ich dagegen finde interessant, zu sehen, was dann nicht doch alles wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden kann.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Etwa auch anhand der These, dass sich nach und nach alle arbeitenden Klassen in die industrielle Arbeiterschaft aufl\u00f6sen und sich unfreie Arbeitsverh\u00e4ltnisse, Schuldknechtschaft, Sklaverei usw. von selbst erledigen w\u00fcrden durch eine vermeintliche interne Dynamik des Kapitals, alle Menschen als freie und gleiche zu setzen.<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Genau. Diese Vereinheitlichungsthese in Bezug auf das Proletariat hat sich ja auch nicht bewahrheitet. Also sicherlich in der Form, dass sich mittlerweile tats\u00e4chlich fast alle Arbeiten in irgendeiner Weise in Lohnarbeit verwandelt haben. Nur wie freiwillig diese Arbeitsverh\u00e4ltnisse eingegangen werden und wie genau diese Arbeit gestaltet ist, das ist dann wieder wahnsinnig flexibel. Die These von der inversen Aktualit\u00e4t des Vorm\u00e4rz lautet ja, dass man in Anbetracht der letzten 20 Jahre, also in der Phase, die immer als neoliberale Revolution bezeichnet wird, beobachten kann, dass Arbeitsverh\u00e4ltnisse wiederkehren, die man f\u00fcr \u00fcberwunden gehalten hat. Denn das, was unter dem Stichwort des Prekariats und der Prekarisierung debattiert wird, ist im Wesentlichen eben eine R\u00fcckkehr zu entgarantierten, ungeregelten und zersplitterten bis hin zu unfreien Arbeitsverh\u00e4ltnissen, die jedenfalls nicht diesem Ideal des doppelt freien Arbeiters entsprechen, der in einer geregelten Lohnarbeit steht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Oder wenn man sich so Internetklitschen ansieht: Da k\u00f6nnen die Leute durchaus selbst Eigent\u00fcmer ihrer Produktionsmittel sein, insofern ihre Rechner ihnen selbst geh\u00f6ren und sie wom\u00f6glich sogar die Software, mit der sie arbeiten, selbst geschrieben haben. Aber dem Kapitalismus sind sie trotzdem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Da k\u00f6nnte man zum Beispiel Parallelen zum Verlagssystem der Weber ziehen, denen ja auch ihre Webst\u00fchle geh\u00f6rt haben, die aber \u00fcber das St\u00fccklohnsystem trotzdem dem Markt unterworfen waren. Es ist also interessant, zu sehen, dass da in gro\u00dfem Ma\u00dfstab Arbeitsverh\u00e4ltnisse wiederkehren, von denen man gedacht hatte, dass sie \u00fcberwunden seien, und die auch tats\u00e4chlich rund 150 Jahre nicht mehr so dominant gewesen sind. Damals sind sie hinter der massiven Pr\u00e4senz der Industriearbeit verschwunden. Aber heute, da die Dominanz der Industriearbeit zur\u00fcck geht, kommen sie wieder zum Vorschein und gewinnen wieder an Bedeutung. Und da sind wiederum die Entwicklungen an der Universit\u00e4t mindestens beispielhaft und manchmal vielleicht sogar avantgardistisch gewesen, was diese Prekarisierung und Entgarantierung angeht.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Die Prekarisierung, die f\u00fcr die Handwerker von damals mit der Aufl\u00f6sung des Zunftsystems einherging, versuchten nun einige unter ihnen durch selbstverwaltete Formen gemeinschaftlicher Subsistenz und Versicherung zu kompensieren. Du erw\u00e4hnst da zum Beispiel den sogenannten Verein der jungen Deutschen des Gewerbstandes in Genf, der es 1841 unternahm, sein Vereinslokal in Selbstverwaltung zu \u00fcberf\u00fchren, um nicht nur kosteng\u00fcnstiges Essen und Trinken anzubieten, sondern dar\u00fcber hinaus von dem im Lokal erwirtschafteten Profit unter anderem Arbeitslosengeld, Rente und Reisegeld f\u00fcr die Mitglieder stellen zu k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst die Frage: Handelt es sich dabei um einen exemplarischen Fall, der in irgendeiner Art Schule gemacht hat, oder eher um eine Ausnahme?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Zun\u00e4chst einmal ist uns dieser Verein dadurch bekannt, dass Wilhelm Weitling, der wohl auch an der Gr\u00fcndung beteiligt war, in seiner Zeitschrift Der H\u00fclferuf der deutschen Jugend dar\u00fcber berichtet hat. Von daher wissen wir auch, dass es vielerorts Selbstorganisation von Gesellen gab, die eben mitunter die Funktion hatte, diese zuvor von den Z\u00fcnften gestellten Sicherungssysteme zu ersetzen. Was aber diesen Genfer Verein besonders macht, ist dass wir durch Weitlings Aufzeichnungen sehr genau wissen, welche Vorstellungen damit verbunden waren. Und das ist einmal, wie Du sagtest, die soziale Sicherung. Also vieles von dem, was sp\u00e4ter dem Sozialstaat anheimfiel, war hier schon angelegt. Was ich aber besonders interessant finde, ist, dass die Vereinswirtschaft von Anfang an auch als ein Ort der Selbstbildung und der kulturellen Selbstvergewisserung aufgefasst wurde. Es ist ja eine sch\u00f6ne Anekdote, dass von den ersten \u00dcbersch\u00fcssen unter anderem die Bibliothek vergr\u00f6\u00dfert und auch ein eigenes Pianoforte angeschafft werden sollte, weil man zusammen singen wollte. Und das wurde von Weitling als ein integraler Bestandteil aufgefasst. Also nicht als das Sahneh\u00e4ubchen, das oben draufkommt, wenn alles andere gew\u00e4hrleistet ist, sondern als das, worum es eigentlich geht: dass die Arbeiter nicht nur von Brot leben, sondern sich auch bilden k\u00f6nnen. Da steht tats\u00e4chlich ein ganz emphatischer Bildungsbegriff dahinter, der darauf zielt, vollst\u00e4ndige Menschen auszubilden, entgegen einer Gesellschaft, die sie zu blo\u00dfen Arbeitsmaschinen machen will \u2013 zu \u00bbH\u00e4nden\u00ab, wie es ja auch Marx in kritischer Absicht zitiert. Sie wollen also nicht nur ausgebildete H\u00e4nde, sondern auch K\u00f6pfe und Herzen sein. Darum ging es ihnen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Auf den ersten Blick mutet dieses Modell der Vereinswirtschaft vielleicht als eine Vorstufe zur modernen Gewerkschaft an. Und da ist sicher auch etwas dran. Dennoch scheint mir da auch ein bedeutender Unterschied zu bestehen. Denn anders als eine Gewerkschaft, die ihre Mitglieder auf Grundlage einer Gemeinsamkeit des Berufs organisiert, wodurch sie auch eine gewisse Exklusivit\u00e4t aufweist, scheint der Zusammenhang der Vereinswirtschaft auf gemeinsame Reproduktion gegr\u00fcndet zu sein, auf das gemeinsame Essen und Trinken und auch die Befriedigung von kulturellen Bed\u00fcrfnissen, was zumindest der M\u00f6glichkeit nach um einiges inklusiver erscheint. K\u00f6nnte es sich nicht auch dabei um etwas zukunftsweisendes handeln: die volle Anerkennung des Bereichs der Reproduktion als eines Raums politischer Organisation \u2013 eines Bereichs, den die Arbeiterbewegung lange Zeit ausgeblendet hat und der ihr vielleicht erst \u00fcber feministische Einw\u00e4nde und K\u00e4mpfe wieder zu Bewusstsein gekommen ist?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Ja, das wird man mit Sicherheit sagen k\u00f6nnen. Wobei das in gewissem Ma\u00dfe nat\u00fcrlich auch ein Erbe der Idee des Handwerks darstellt, die nunmal die gesamte Existenz erfasst, im Guten wie im Schlechten, und der es nicht nur um das gemeinsame Arbeiten, sondern auch um das gemeinsame Leben geht. Ein weiterer Unterschied zum modernen Verst\u00e4ndnis von Gewerkschaften, das sich erst im sp\u00e4teren 19. Jahrhundert ausgebildet hat, besteht darin, dass sich auch nicht nach Branchen organisiert wurde, sondern eben nach der Hierarchiestufe. Also was es da nicht gibt, ist diese Fiktion, wonach letztendlich alle Besch\u00e4ftigten einer Branche an einem Strang ziehen. Sondern man hat mit dem eigenen Meister am Ende weniger zu tun als mit einem Gesellen aus einer ganz anderen Branche. Vom Branchensystem ist es ja auch nicht mehr weit zum sozialpartnerschaftlichen Modell, bei dem man sich dann auch mit den eigenen Kapitalisten zusammenschlie\u00dft, um sich etwa gegen Industrien anderer L\u00e4nder durchzusetzen. Das alles ist also nicht der Fall in der Organisation der Gesellen. Wenn nun vom deutschen Gesellenverein die Rede ist, oder wenn Weitling \u201ealle Gesellen deutscher Zunge\u201c anspricht, so geht es dabei nicht um nationale Aufteilungen, sondern um die Gemeinsamkeit der Sprache, worin neben den Gesellen aller damaligen deutschen L\u00e4nder etwa auch \u00d6sterreicher und Schweizer inbegriffen sind.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dann ist da noch die Frage, ob das danach wirklich erst wieder mit dem Feminismus auf die Tagesordnung gekommen ist. Es gab ja auch in der Zwischenzeit, im sp\u00e4teren 19. Jahrhundert, mit der Sozialdemokratie den Versuch, eine ganze Gegengesellschaft zu organisieren, wo es eben auch proletarische Kleingartenvereine gab und Gesangsvereine, oder auch Taubenz\u00fcchter und das gesamte Genossenschaftswesen. Dabei handelt es sich ja auch um eine lange Zeit unterbelichtete Tradition, die angetreten war, die ganze Reproduktion gemeinsam zu organisieren. Und das bis ins 20. Jahrhundert, beispielsweise mit den Gemeindebauten in Wien, in denen auch gemeinsam gekocht und gewaschen wurde.<\/p>\n<p align=\"justify\">Den kulturellen Bereich \u2013 Garten, Gesang, Tauben \u2013 hat die Sozialdemokratie allerdings nicht als einen eigentlichen Bereich des politischen Kampfes wahrgenommen, sondern gewisserma\u00dfen als Freizeitprogramm. Allerdings ist diese Unterscheidung h\u00e4ufig nicht so leicht zu treffen. Ich bin zum Beispiel bez\u00fcglich des von Georg Werth beschriebenen proletarischen Blumenfests, das ich in meinem Buch erw\u00e4hne, gefragt worden, inwiefern sich das den stringent von sp\u00e4teren sozialdemokratischen Veranstaltungen unterscheiden l\u00e4sst. Aber ich glaube schon, dass es einen bedeutenden Unterschied gibt. Und zwar teilt auch Werth diese Einstellung von Weitling, wonach es sich dabei eben nicht nur um Freizeit handelt, in der man sich von der Arbeit und von den K\u00e4mpfen in der Produktion erholt, also dass es dabei nicht darum geht, sich zu entspannen, um nachher wieder ernsthaften politischen K\u00e4mpfen nachgehen zu k\u00f6nnen. Sondern diese Zeit der Reproduktion ist selbst Teil des politischen Kampfes. Und zwar nicht einfach aus dem Grund, dass man mitunter politische Lieder singt, sondern weil diese kollektive kulturelle Bildung Teil des politischen Programms ist. Das mag im Einzelnen vielleicht schwer zu unterscheiden sein, von der Idee her sind das aber zwei sehr verschiedene Sachen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Du sprichst ja nun von einer \u201einversen\u201c Aktualit\u00e4t des Vorm\u00e4rz. Also unsere Situation und die damalige \u00e4hneln sich zwar, aber es handelt sich nicht um eine einfache Wiederholung, sondern in gewisser Weise um eine Wiederkehr mit umgekehrtem Vorzeichen. Denn w\u00e4hrend die Tendenz damals in Richtung Homogenisierung des Proletariats durch die Industrie ging, erleben wir heute eine entgegengesetzte Entwicklung hin zur Diversifizierung, und zwar ohne Aussicht auf ein neues Normalarbeitsverh\u00e4ltnis am anderen Ende. Ist es das, was Du damit meinst? Und was folgt politisch daraus, wie haben wir mit diesem invertierten Vorm\u00e4rz umzugehen?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Ja. Das habe ich in meinem Buch so zu veranschaulichen versucht, dass sich Momentaufnahmen aus dem Vorm\u00e4rz und von heute teilweise zum verwechseln \u00e4hnlich sehen k\u00f6nnen, dass sie jedoch gegenl\u00e4ufigen Sequenzen entstammen. Es gab also im Vorm\u00e4rz diesen Dekompositionsprozess der alten Gesellschaftsformation, aus dem jedoch eine neue Gesellschaft mit relativ stabilen Koordinaten erwuchs, auf deren Grundlage ein relativ koh\u00e4renter und kontinuierlicher Kampf einer relativ homogenen Arbeiterbewegung gef\u00fchrt werden konnte. Zum Beispiel um den Normalarbeitstag, der ja nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern der \u00fcber Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg erk\u00e4mpft wurde. Und das l\u00f6st sich jetzt wieder alles auf. Wobei aber auch dieser Aufl\u00f6sungsprozess wieder kein naturgeschichtlicher Prozess ist, sondern von Ma\u00dfnahmen aktiver Deregulierung gespeist wird, die in weiten Teilen ganz zutreffend als Klassenkampf von oben bezeichnet werden k\u00f6nnen. Und dabei sieht es so aus, zumal aus einer globalen Perspektive, dass erstmal kein neues Regulationssystem, also kein neues, in sich stabiles System in Aussicht steht, auf die diese Entwicklung hinausliefe. Daraus folgt nat\u00fcrlich, dass die Parallele zwischen damals und heute auf Ebene der Formen des Widerstands nur sehr beschr\u00e4nkt gezogen werden kann. Bei Marx ist ja der ganze Pathos, mit dem er auf die Industriearbeiter setzt, erstmal auf der sehr richtigen Beobachtung gegr\u00fcndet, dass die Gesellschaft damals tats\u00e4chlich dahin tendierte, immer mehr Leute in genau dieser Art uniformierter, abstraktifizierter Arbeit zu organisieren, womit auch eine Vereinheitlichung der Lebenswirklichkeiten und -perspektiven, der Chancen und Interessen einherging. Das gibt es heute in dieser Form nicht mehr. Und so \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich auch mit der entscheidenden Annahme von Marx, wonach diese zun\u00e4chst geknechteten und depravierten Gestalten, die sie im Einzelnen waren, zusammengenommen die kommende Macht der Gesellschaft in der Hand h\u00e4tten. Dieser ber\u00fchmte Satz von Georg Herwegh \u2013 \u201eAlle R\u00e4der stehen still, wenn dein starker Arm es will!\u201c \u2013 das ist ja keine Hyperbel, keine \u00dcbertreibung, sondern erstmal ganz zutreffend. Im Gegensatz zu fr\u00fcher ist allerdings hinter unserer heutigen Machtlosigkeit keine geheime Macht verborgen. Es bleibt uns also nichts anderes \u00fcbrig, als unsere neuen solidarischen Bande auf Basis einer geteilten Machtlosigkeit zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und da kann wiederum ein Blick in diese \u00dcbergangszeit des Vorm\u00e4rz lohnen, um bestimmte Kampfformen zu identifizieren, die heute vielleicht nochmal an Relevanz gewinnen k\u00f6nnen. Nun ist es f\u00fcr lange Zeit so gewesen, dass der Streik als das privilegierte Mittel im Zentrum stand, der ja seine Plausibilit\u00e4t daher bezieht, dass die Leute sagen: Ich kann etwas, das kann nur ich, und wenn ich das nicht tue, dann stehen alle R\u00e4der still. Da lassen sich heute vielleicht andere Formen wiederentdecken, die nicht so sehr an Fertigkeiten gekn\u00fcpft sind. Das entspricht dann wiederum den von Dir angesprochenen Weisen der Solidarisierung und Identifikation, die sich nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber den Bereich der Produktion vollziehen, sondern ganz wesentlich \u00fcber die geteilten Bed\u00fcrfnisse und die gemeinsame Reproduktion. Dass das an Bedeutung gewinnt, l\u00e4sst sich ja auch seit den Siebzigern beobachten, was wiederum mit der zweiten Welle der Frauenbewegung zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Aus dieser Prognose einer invertierten R\u00fcckkehr des Vorm\u00e4rz lie\u00dfe sich ja auch ableiten, dass es zum Zweck der Schaffung einer standfesten Basis f\u00fcr sozialen Widerstand heute m\u00f6glicherweise aussichtsreicher sein k\u00f6nnte, diesen Sturz aus den Sozialsystemen in einen Sprung in die Selbstverwaltung zu verwandeln, also dem drohenden und vielleicht unvermeidlichen Wegbrechen sozialstaatlicher Leistungen und lebenstauglicher Anstellungsverh\u00e4ltnisse organisatorisch noch zuvor zu kommen, indem man schon vorsorglich solche Formen gegenseitiger Absicherung in kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Kollektiven von Verb\u00fcndeten entwickelt.<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Das ist sicherlich sinnvoll. Und das wird ja auch gemacht. Gro\u00dfe Teile dessen, was sich in den Siebzigern im Nachgang des gro\u00dfen Aufbruchs von 68 etabliert hat, und was man Alternativwirtschaft genannt hat \u2013 von Kollektivbetrieben bis hin zu tats\u00e4chlich vereinswirtschaftlich betriebenen Kneipen oder selbstverwalteten linken Buchl\u00e4den \u2013 k\u00f6nnten unter diesem Gesichtspunkt nochmal interessant werden. Aber leider muss man da in vielen F\u00e4llen beobachten, dass diese Aufbr\u00fcche scheitern, die Leute sich aufreiben und zum Teil in einer schlimmeren Selbstausbeutung landen, als es ein Kapitalist je leisten k\u00f6nnte. Es besteht immer eine Gefahr der Reintegration. Aus kleinen, ambitionierten Kollektivbetrieben k\u00f6nnen ganz einfach neoliberale Klitschen mit flachen Hierarchien werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Andererseits l\u00e4sst sich an dieser Zeit der gro\u00dfen Transformation des feudalen ins kapitalistische System auch beobachten, dass es h\u00e4ufig auch bremsende Kr\u00e4fte sind, die sehr zum Tragen kommen. Das beschreibt Polanyi und auch E. P. Thompson, dass die radikalen Maschinenst\u00fcrmer, Musterbeispiele r\u00fccksichtsloser Militanz, in Wirklichkeit ganz h\u00e4ufig eine Agenda hatten, die wir vielleicht als reformistisch bezeichnen w\u00fcrden. Die sind also nachts herumgezogen und haben Fabriken angez\u00fcndet und Maschinen zertr\u00fcmmert \u2013 aber was sie damit bezweckten, war nicht, den Einsatz von Maschinen insgesamt zu verhindern, sondern sie wollten lediglich, dass das nicht unreglementiert geschieht, und forderten, diese Entwicklung solle verlangsamt werden, um sie unter Kontrolle zu behalten und sozial verhandeln zu k\u00f6nnen, was da technologisch passierte. Das ist zum Beispiel eine Perspektive, die ich extrem interessant und aktuell finde, auch wenn das, was sie im Schilde f\u00fchrt, erstmal sehr viel weniger radikal ist als es ihre militante Kampfform vermuten l\u00e4sst. Man kann ja auch heute beobachten, dass zum Teil Leute, die extrem militant auftreten, eine Agenda vertreten, die erstmal blo\u00df nach Entschleunigung klingt, also abbremsen, um \u00fcberhaupt erstmal zu reflektieren, was da geschieht, und das dann politisch gestalten zu k\u00f6nnen. Daraus sollte man ihnen aber keinen Vorwurf machen, sondern das hat schon seinen Platz. Von daher w\u00fcrde ich sagen: Man kann beides machen. Also der Sprung in autonome Strukturen kann sinnvoll sein. Und es kann auch sinnvoll sein, sich erstmal bremsend \u2013 oder, wenn man so will: reformistisch \u2013 auf das zu beziehen, was noch da ist, \u00fcber Forderungen nach dem Erhalt bestimmter sozialstaatlicher Leistungen und dergleichen. Da muss man jeweils schauen, was realistisch m\u00f6glich und strategisch sinnvoll ist und wof\u00fcr man Verb\u00fcndete findet.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Das w\u00fcrde dann bedeuten, dass wir uns auf eine multistabile Strategie verst\u00e4ndigen, bei der wir einerseits die sozialen Errungenschaften in Sozialstaat und Arbeitswelt verteidigen, ihren Abbau nach M\u00f6glichkeit bremsen, und andererseits zugleich ein zweites Standbein in Form autonomer Organisationen aufbauen, die uns f\u00fcr alle Eventualit\u00e4ten absichern und unsere Reproduktion so weitgehend wie m\u00f6glich von den Launen des Kapitals und der Gunst des Staates unabh\u00e4ngig machen.<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Genau. Auch das ist etwas, das man von den Erfahrungen des Vorm\u00e4rz lernen kann: dass verschiedene Strategien einander durchaus auch zuarbeiten k\u00f6nnen. Das ist ein Gedanke, der der Arbeiterbewegung sp\u00e4ter ja ausgetrieben worden ist \u00fcber die Debatten um Reform versus Revolution. Da sah es lange Zeit so aus, als ob man sich entscheiden m\u00fcsste und sich sogar gegenseitig zu verd\u00e4chtigen habe, dass die jeweils anderen dem eigentlichen Gegner in die Karten spiele. Sodass die Reformisten zu den Revolution\u00e4ren sagten: Solange ihr immer nur von der gro\u00dfen Revolution sprecht, \u00e4ndert sich gar nichts. Und dass umgekehrt die Revolution\u00e4re zu den Reformisten sagten: Ihr wirkt doch im Endeffekt blo\u00df systemstabilisierend mit den kleinen Verbesserungen, die ihr vornehmt. Und da ist ja auch an beidem etwas Wahres dran. Aber vielleicht ist das gar nicht so relevant. Vielleicht ist von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung, dass beide Strategien weiterkommen k\u00f6nnten, wenn sie, anstatt einander zu bek\u00e4mpfen, sich gegenseitig erg\u00e4nzen und st\u00e4rken w\u00fcrden.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Du betrachtest in Deiner <em>Poesie der Klasse<\/em> auch Zeitschriften wie etwa den <em>H\u00fclferuf<\/em> von Wilhelm Weitling, \u00fcber den wir bereits sprachen. Welche Rolle nahmen damals solcherart kleine Publikationen bez\u00fcglich der politischen Selbstvergewisserung ein? Und welche Rolle k\u00f6nnten \u00e4hnliche Projekte \u2013 wie etwa auch die HUch \u2013 heute spielen?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Ich pers\u00f6nlich war diesen Zeitschriftenmacherinnen nat\u00fcrlich wahnsinnig dankbar, weil das \u00fcber weite Strecken fast die einzigen Quellen sind, die man aus dieser Zeit hat bez\u00fcglich dieser Fragen. Es handelt sich also um eine gro\u00dfe Dokumentationsleistung. Aber selbstverst\u00e4ndlich haben sie ihre Arbeit nicht f\u00fcr uns, sondern in erster Linie f\u00fcr einander dokumentiert. In einer Zeit, in der es die Bewegung noch nicht gab und \u00fcber die erst im Nachhinein gesagt werden kann, dass sich damals etwas konstituierte, war das eine extrem wichtige Aufgabe: gegenseitige Selbstvergewisserung durch Dokumentation dessen, was andere Leute anderenorts tun. Heinrich Heine hat das einmal sehr sch\u00f6n auf den Punkt gebracht, in dem gespielt-gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Gestus, der ihm oft eigen ist. Im Vorwort zu der <em>Lutetia<\/em> \u2013 das ist eine Sammlung von Korrespondenzartikeln aus seiner Pariser Zeit in den 1830er und 40er Jahren \u2013 da schreibt er, dass die kommunistische Bewegung ihm dankbar sein m\u00fcsse, weil durch ihn \u00fcberall verstreute Einzelne lesend erfahren konnten, dass es anderswo auch verstreute Einzelne gab und so \u00fcberhaupt erst begriffen, dass sie Kommunisten waren. Und das gilt eben nicht nur f\u00fcr Einzelne, sondern beispielsweise auch f\u00fcr kleine Vereine oder andere, in Arbeitsk\u00e4mpfe und andere Reproduktionsk\u00e4mpfe verwickelte kleinere Gruppen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einerseits wurden also die Erfahrungen der Selbstorganisation \u00fcber diese Zeitschriften verbreitet, andererseits ist die Herstellung einer solchen Zeitschrift selbst auch schon ein kollektives Unterfangen. Zwar gibt es da auch immer einige hervorstechende Figuren, die eine ganze Menge im Alleingang erledigen, aber in aller Regel und zumal wenn man mit einbegreift, die Zeitschrift auch wirklich physisch herzustellen und sie zu verbreiten, also dort hin zu bringen, wo sie gelesen wird, handelt es sich dabei doch um etwas, das der Kooperation und eines Kn\u00fcpfens von Verbindungen bedarf. Insofern ist dann die Herausgabe einer Zeitschrift nicht nur n\u00fctzlich zur Dokumentation proletarischer Selbstorganisation, sondern auch selbst ein Teil davon. Man gr\u00fcndet also eine Zeitung, die Selbstorganisation dokumentiert und macht dabei selbst Erfahrungen von Selbstorganisation, die man wiederum dokumentieren kann \u2013 eine gewisserma\u00dfen zirkul\u00e4re Veranstaltung, die dann endg\u00fcltig dadurch komplementiert wird, dass solche Zeitschriften damals auch h\u00e4ufig kollektiv gelesen wurden. Man darf sich das n\u00e4mlich nicht so vorstellen, dass da der einzelne Proletarier in seiner Wohnung sa\u00df und Zeitung las, sondern man musste eben ins Vereinslokal gehen oder zu dem Gastwirt, der diese Zeitschriften ausgelegt hat, oder in Leihbibliotheken, wo man sie dann zum Teil in Gruppen in Lesekammern gelesen und besprochen hat. So hatte diese ganze Struktur einen durchg\u00e4ngigen Zug zum Kollektiven und zur Kollektivierung letztlich nicht nur von Meinungen, wie man es heute mit Medien und \u00d6ffentlichkeit verbindet, sondern in erster Linie von Praktiken und Erfahrungen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich bin in den 80ern und 90ern noch in einer linken Zeitschriftenkultur sozialisiert worden, in der das so \u00e4hnlich gehandhabt wurde, in der man also nicht so sehr geschaut hat, was es schon gab an Zeitungen und da seine Texte hingeschickt hat, sondern auch einfach eine eigene Zeitschrift f\u00fcr die eigenen Texte gr\u00fcnden konnte, wenn man wollte. Das hat sich durch Digitalisierung und Internet sicherlich etwas verschoben. Die Praktiken ver\u00e4ndern sich nat\u00fcrlich durch das Medium. Was mich zum Beispiel am Bloggerwesen nervt, ist, dass das eben h\u00e4ufig solche vereinzelten Einzelnen sind, die da nachts vor ihrem Rechner sitzen und in die Tasten hauen. Und das ist den Texten, die dabei herauskommen, h\u00e4ufig anzumerken. Die sind dann zwar oft klug und gut informiert, aber eben nicht diskutiert. Wenn sie dann hinterher in irgendwelchen \u00f6ffentlichen Kommentarspalten diskutiert werden, ist das etwas ganz anderes als wenn ein Text bereits durch einen Diskussionsprozess durchgegangen ist, bevor er \u00fcberhaupt erscheint. Diesen Zug zur Kollektivit\u00e4t zu pflegen, ist heute sicherlich genauso wichtig wie im Vorm\u00e4rz: Die Geburt der Arbeiterbewegung aus dem Geist des Zeitschriftenlesekreises.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Interview f\u00fchrte Thomas Zimmermann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Patrick Eiden-Offe Ein unverstellter Blick auf die Zeit des Vorm\u00e4rz r\u00fcttelt an vermeintlichen Gewissheiten der Linken und er\u00f6ffnet neue Perspektiven auf unsere eigene Gegenwart.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-245","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=245"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":246,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245\/revisions\/246"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}