{"id":236,"date":"2019-06-20T17:27:05","date_gmt":"2019-06-20T15:27:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=236"},"modified":"2020-04-11T14:34:34","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:34","slug":"land-in-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2019\/06\/land-in-sicht\/","title":{"rendered":"Land in Sicht! \u2013 HUch#89"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Von Thomas Zimmermann<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Die k\u00fcrzlich erschienene <\/em>Jacobin<em>-Anthologie gibt Anlass zur Reflexion \u00fcber Geschichte und Zukunft der Emanzipation und macht Hoffnung auf eine Erneuerung der linken publizistischen Kultur.<\/em><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Die Haitianische Revolution hat sich unausl\u00f6schlich in die Weltgeschichte eingeschrieben. Jedoch sind ihre Spuren verwischt, ihre Zeichen oft unkenntlich. Sie wieder lesen zu lernen, stiftet nicht nur Orientierung in der Geschichte, indem sie deren emanzipatorische Tiefenstr\u00f6me offenbart, sondern hilft auch bei der Identifikation von Verb\u00fcndeten in der Gegenwart. Der Aufstand der Sklav*innen in der zu jener Zeit profitabelsten franz\u00f6sischen Kolonie Saint-Domingue in der Karibik nahm seinen Ausgang im Jahr 1791 \u2013 zwei Jahre nach der Franz\u00f6sischen Revolution \u2013 und \u00fcberholte diese, indem die Aufst\u00e4ndischen aus der von ihr als universell proklamierten Freiheit konsequent das Ende der Sklaverei ableiteten. Deren Abschaffung wurde 1794 \u2013 wohlgemerkt unter der Terrorherrschaft der Jakobiner \u2013 beschlossen, jedoch 1802 von Napoleon wieder zur\u00fcckgenommen, der die franz\u00f6sische Kolonisation Nordamerikas wieder in Angriff nehmen wollte und dazu der Karibikinsel als Dreh- und Angelpunkt bedurfte. So errangen die Aufst\u00e4ndischen ihre Freiheit erst 1804, nachdem sie die napoleonischen Streitkr\u00e4fte zur\u00fcckgeschlagen und einen eigenen Staat gegr\u00fcndet hatten, wobei sie dem Land zugleich seinen indigenen Namen zur\u00fcckgaben: Haiti. Damit hatte die Haitianische Revolution nicht nur den Pr\u00e4zedenzfall einer Selbstbefreiung und Machtergreifung der Versklavten geschaffen, dem transatlantischen Sklavenhandel das R\u00fcckgrat gebrochen und damit abolitionistischen Bewegungen allerorts Vorschub geleistet, sondern obendrein Napoleons imperialistische Bestrebungen in Amerika unterbunden. Stattdessen verkaufte Frankreich das ihm geh\u00f6rige Land im Rahmen des <em>Louisiana Purchase<\/em> \u2013 dem gr\u00f6\u00dften Grundst\u00fccksgesch\u00e4ft der Geschichte \u2013 an die noch jungen USA, deren Staatsgebiet sich dadurch verdoppelte. In den inzwischen bekannterma\u00dfen zur kapitalistischen Weltmacht ausgewachsenen Vereinigten Staaten fungiert nun die Silhouette von Toussaint Louverture, der die Haitianische Revolution die meiste Zeit \u00fcber anf\u00fchrte und den der trinidadische Historiker C. L. R. James als \u203aBlack Jacobin\u2039 apostrophierte, als die Galionsfigur des Magazins <em>Jacobin<\/em>.<\/p>\n<p align=\"justify\">K\u00fcrzlich ist bei Suhrkamp eine <em>Jacobin<\/em>-Anthologie erschienen, die dem interessierten Publikum hierzulande einen Eindruck von den Diskussionsprozessen geben soll, die den Kurs des Magazins bisher bestimmt haben. Dabei liefert sie auch Einblicke in das Erfolgsprinzip von <em>Jacobin<\/em>, mit dem es ihm in weniger als zehn Jahren gelang, eine Abonnentenschaft von \u00fcber 30.000 Personen \u2013 zuz\u00fcglich monatlich einer Million Besuchen auf ihrer Internetseite \u2013 aufzubauen und f\u00fcr das in den USA bis vor kurzem allgemein verp\u00f6nte Konzept des Sozialismus zu interessieren. Dazu muss bemerkt werden, dass <em>Jacobin<\/em> nicht einfach nur auf der Welle von Occupy Wall Street und der Kampagne von Bernie Sanders reitet, sondern auch seinen Anteil zu der sich fortsetzenden Serie linker Achtungserfolge in den USA beigetragen hat. In Bezug auf Sanders hebt der <em>Jacobin<\/em>-Gr\u00fcnder Bhaskar Sunkara hervor, dass dessen Politik zwar seinem Inhalt nach an europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen als sozialdemokratisch eingestuft werden kann, im Unterschied dazu jedoch in der Praxis nicht sozialpartnerschaftlich, sondern klassenk\u00e4mpferisch argumentiert und agiert. Entsprechend charakterisiert Sunkara auch seinen eigenen Kurs als marxistisch in der Analyse und demokratisch in der Praxis. Inwiefern sich auf dieser Basis realistische und zugleich vielversprechende Pl\u00e4ne schmieden lassen, oder ob sich dahinter nur der Wunsch nach einer Revolution ohne Revolution verbirgt, soll im Folgenden untersucht werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr den Aufbau und Erhalt eines sozialistischen Magazins erweist sich die Bereitschaft, sich auf die Gegebenheiten und Gepflogenheiten der Gegenwart einzulassen, jedenfalls als \u00fcberaus hilfreich. Die nachdr\u00fccklichste praktische Anweisung besteht n\u00e4mlich darin, dass es zu diesem Zweck einigen unternehmerischen Geistes sowie eines stabilen Gesch\u00e4ftsprinzips bedarf. So ist das \u00f6konomische Modell von <em>Jacobin<\/em> auf die Einsicht gegr\u00fcndet, dass sich auch eine sozialistische Publikation, will sie unter Bedingungen des Kapitalismus Erfolg haben, ein St\u00fcck weit auf ihn einlassen und sich der Logik und den Lockungen der Waren\u00e4sthetik hingeben muss: Sie muss so gut aussehen und derma\u00dfen Aufmerksamkeit erregen, dass ihre Anschaffung als eine Investition in das pers\u00f6nliche kulturelle Kapital angesehen werden kann. Die zumal vor dem Hintergrund anderer linker Publikationen hervorstechende, manchmal gewagte, in jedem Fall aber \u00e4sthetisch anspruchsvolle Gestaltung von <em>Jacobin<\/em> ist von daher nicht ornamental, sondern tragend \u2013 denn sie generiert den Absatz. Was das politische Auftreten angeht, so komplementiert das radikale Design eine Haltung, die die Weltlage und auch den eigenen Auftrag zwar durchaus ernst nimmt, sich davon aber nicht um ihren Humor bringen l\u00e4sst. Diese Lockerheit zeigt sich letztlich auch darin, dass es <em>Jacobin<\/em> vielleicht besser als anderen Publikationen gelingt, sich sprachlich vom altbackenen Jargon und szenetypischen Verbalradikalismus der Linken freizumachen und somit einem breiteren Publikum zug\u00e4nglich zu sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dass sich der Sozialismus, um erfolgreich zu sein, auf etwas Kapitalismus einzulassen habe, argumentiert auch der in die Anthologie aufgenommene Artikel <em>Rot und Schwarz<\/em> von Seth Ackerman. Darin skizziert er einen Marktsozialismus, in dem die Unternehmen zwar Eigentum des Staates, jedoch nicht an ihn weisungsgebunden, sondern autonom w\u00e4ren und miteinander auf einem von sozialisierten Banken kontrollierten Kapitalmarkt konkurrierten. Profite w\u00fcrden, anstatt privatisiert zu werden, vergesellschaftet. Das Gr\u00fcnden von Unternehmen w\u00e4re erlaubt, ab einer bestimmten Gr\u00f6\u00dfe w\u00fcrden diese jedoch wiederum verstaatlicht. Dass eine solche Trennung von Eigent\u00fcmerschaft und Unternehmensf\u00fchrung dem Wirtschaften keineswegs Schaden m\u00fcsse, habe das heute vorherrschende Modell der von angestellten Manager*innen gef\u00fchrten Aktiengesellschaften bereits unter Beweis gestellt, so Ackerman, der sich, was die betriebliche Ebene angeht, auch f\u00fcr Formen der Arbeitermitbestimmung offen zeigt. Wie lebenswert und wie umweltvertr\u00e4glich ein solcher Sozialismus letztendlich w\u00e4re, h\u00e4ngt jedoch davon ab, anhand welcher Kriterien jene sozialisierten Banken die Kreditw\u00fcrdigkeit eines Unternehmens bestimmen w\u00fcrden, sowie davon, wie der Staat, dessen Einrichtung nicht Teil der Skizze ist, sein Interesse an Kapitaleinnahmen im Verh\u00e4ltnis zu Arbeits- und Naturschutz gewichten w\u00fcrde. Schlie\u00dflich handelt es sich beim Kapital, wo immer der Profit auch landen mag, prim\u00e4r um einen Mechanismus der Ausbeutung, der Kapitalist*innen heute im Zweifelsfall auch \u00fcber ihre pers\u00f6nlichen boshaften Neigungen hinaus zur Plackerei ihrer Angestellten und Ausschlachtung der nat\u00fcrlichen Ressourcen anzuhalten versteht. Dass nun ausgerechnet staatliche Institutionen dieser Verlockung widerstehen k\u00f6nnen sollen, kann keineswegs als gesichert angenommen werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auf die Fragen knapper Ressourcen, l\u00e4stiger Arbeit und sozialer Herrschaft nimmt Peter Frase in seinem ebenfalls mit Prognosen und Planspielen besch\u00e4ftigten Artikel <em>Vier Zuk\u00fcnfte<\/em> schon gr\u00f6\u00dfere R\u00fccksicht. Wobei er jedoch die Frage der Arbeit vielleicht vorschnell durch eine alle Szenarien \u00fcbergreifende Annahme der v\u00f6lligen Automatisierung erledigt. Die anderen beiden Faktoren variiert er hingegen nach ihren Extremen, woraus sich vier Szenarien ergeben: Materieller \u00dcberfluss bei Abwesenheit gesellschaftlicher Herrschaft ergibt <em>Star<\/em>&#8211;<em>Trek<\/em>-Kommunismus \u2013 eine unterhaltsame Vorstellung, die jedoch von keiner gro\u00dfen politischen Relevanz ist, insofern sie die L\u00f6sung aller Probleme voraussetzt, anstatt sich ihrer anzunehmen. Zwei weitere Szenarien setzen die Auswirkungen des Fortbestands einer Klassengesellschaft unter Bedingungen von Ressourcenknappheit einerseits, \u00dcberfluss andererseits auseinander. Das l\u00e4ufteinerseits auf den Ausschluss eines Teils der Bev\u00f6lkerung von der gesellschaftlichen Reproduktion, andererseits auf eine k\u00fcnstliche Verknappung des Konsumsdurch Lizenzen und Geb\u00fchren hinaus, aus denen sich die Einkommen der \u00f6konomisch Herrschenden speisen w\u00fcrden \u2013 Szenarien, die in Anbetracht des heute zu beobachtenden Trends zur Intensivierung von Grenzregimen auch ohne weiteres nebeneinander bestehen k\u00f6nnten. Der interessanteste der vier dargestellten F\u00e4lle, der sich \u00fcberdies trefflich mit dem obigen Vorschlag Ackermans konfrontieren l\u00e4sst, ist jedoch der einer klassenlosen Gesellschaft unter Bedingungen begrenzter Ressourcen. Anders als Ackerman geht n\u00e4mlich Frase nicht davon aus, dass sich das Konzept der Planwirtschaft mit den Experimenten des 20. Jahrhunderts ein f\u00fcr alle Mal erledigt habe. Damals sei eine effiziente und demokratische Wirtschaftslenkung schon allein unter technischen Gesichtspunkten nicht umsetzbar gewesen \u2013 in Anbetracht der technologischen Entwicklungen der Gegenwart aber werde sie das mehr und mehr. Die privatwirtschaftlichen Einrichtungen des Kapitalismus, die Ackerman in seinem Marktsozialismus nachbildet, h\u00e4tten sich zwar als tauglich erwiesen, zu technischen Innovationen anzuregen, jedoch als untauglich, die Umwelt zu erhalten und knappe Ressourcen nachhaltig einzusetzen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Einsch\u00e4tzung, dass ein k\u00fcnftiger Sozialismus, wenn er \u00fcberhaupt zustande kommt, mit der Schwierigkeit konfrontiert sein wird, die Verheerungen des Planeten durch den Kapitalismus zu verwalten, teilt auch Alyssa Battistoni. In ihrem Artikel <em>Zur\u00fcck in keine Zukunft<\/em> stellt sie die Frage, wie eine emanzipatorische Bewegung mit der sich zuspitzenden klimatischen Katastrophe umgehen kann. Dabei zieht sie eine unerwartete Parallele mit dem queeren Aktivismus w\u00e4hrend der Aids-Krise der 80er Jahre, da die existenzielle Notlage bei vielen Betroffenen und ihren Verb\u00fcndeten nicht etwa Verzweiflung zur Folge hatte, sondern die Einsicht, dass sie nichts zu verlieren h\u00e4tten, wenn ihnen ihre Zukunft genommen w\u00fcrde, und sie es von daher ebenso gut wagen k\u00f6nnten, politisch aufs Ganze zu gehen. Gepflegten Fatalismus sch\u00e4tzt Battistoni damit als zielf\u00fchrender ein als etwa einen technologischen Optimismus, der verspricht, die heutigen Probleme in Zukunft im Handumdrehen beheben zu k\u00f6nnen, und damit einer abwartenden Haltung Vorschub leistet, mit der wir m\u00f6glicherweise jede Zukunft verspielen. F\u00fcr die Entwicklung robuster Utopien br\u00e4uchte es vielmehr einen ehrlichen Pessimismus, der mit einigem Problembewusstsein arbeitet und die materialistische Einsicht bedenkt, dass wir die Welt in Zukunft genauso wenig wie in Vergangenheit und Gegenwart einfach nach unseren Vorstellungen modeln k\u00f6nnen werden. Vielmehr sei es so, dass unsere Eingriffe, seien sie auch als L\u00f6sungen gedacht, \u00fcber uns nicht g\u00e4nzlich verst\u00e4ndliche Feedback-Schleifen Folgen zeitigen, die wir nicht vorhersehen k\u00f6nnen und die m\u00f6glicherweise neue Probleme mit sich bringen, welche wiederum nach neuen L\u00f6sungen verlangen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Bei einem Thema scheinen jedoch die Zukunftsentw\u00fcrfe, die ihren Weg in die Anthologie gefunden haben, mehr von einer unausgesprochenen Zuversicht als von ehrlichem Pessimismus gepr\u00e4gt zu sein \u2013 und zwar was die Widerst\u00e4nde und die Gewalt angeht, der ein k\u00fcnftiger Sozialismus von Seiten ihm feindlich gesinnter Kr\u00e4fte ausgesetzt w\u00e4re. Gut m\u00f6glich, dass ein Teil der Entscheidung von <em>Jacobin<\/em>, sich auf die Gegebenheiten des repr\u00e4sentativ-demokratischen Systems einzulassen, der berechtigten Furcht davor geschuldet ist, man w\u00fcrde ein Schicksal \u00e4hnlich dem der Haitianischen Revolution heraufbeschw\u00f6ren, wenn man sich auf radikalere Methoden verst\u00e4ndigte. Damals n\u00e4mlich zwang das milit\u00e4risch zur\u00fcckgeschlagene Frankreich Haiti unter Androhung eines weiteren Krieges eine Schuld in H\u00f6he von 150 Millionen Gold-Franc auf, mit der die ehemalige Kolonie die enteigneten Sklavenhalter f\u00fcr ihren Verlust entsch\u00e4digen sollte \u2013 eine Schuld, die erst 1947 beglichen wurde und Haiti in der Zwischenzeit \u00f6konomisch ruinierte. Mit diesem Schachzug verschaffte sich Frankreich nicht nur betr\u00e4chtlichen \u00f6konomischen Profit \u2013 zugleich verpasste es damit allen Unzufriedenen und Aufst\u00e4ndischen der Erde einen geh\u00f6rigen Denkzettel, wonach sie es sich besser zweimal \u00fcberlegen sollten, bevor sie eine Revolution vom Zaun zu brechen wagten. Schlie\u00dflich w\u00fcrden sich s\u00e4mtliche Pl\u00e4ne einer \u00f6konomischen Neuordnung er\u00fcbrigen, wenn das Land wirtschaftlich isoliert und ausgeblutet w\u00fcrde. Entsprechend fasst z.B. Ackerman mit seinem Entwurf explizit die M\u00f6glichkeit einer Umgestaltung ohne Umw\u00e4lzung ins Auge. Wie die weitere Geschichte jedoch gezeigt hat, bedeutet der Verzicht auf eine gewaltsame Revolution keineswegs zugleich, dass auch die Konterrevolution auf Gewalt verzichtet. Als mit Salvador Allende 1970 ein Sozialist auf demokratischem Wege Pr\u00e4sident von Chile wurde, hielt das die reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte um General Augusto Pinochet nicht davon ab, einen von der CIA unterst\u00fctzen Putsch durchzuf\u00fchren, der 17 Jahre brutalster Milit\u00e4rdiktatur zur Folge haben w\u00fcrde. Von daher k\u00f6nnen wir die M\u00f6glichkeit einer gewaltlosen Umw\u00e4lzung oder Umgestaltung nicht stillschweigend voraussetzen, sondern m\u00fcssen sie offen diskutieren. Dass <em>Jacobin<\/em> auch dieser Diskussion als Forum dienen kann, steht jedoch au\u00dfer Zweifel.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Zweck der <em>Jacobin<\/em>-Anthologie ersch\u00f6pft sich allerdings nicht darin, dieses Forum vorzustellen. Am trefflichsten versteht man ihr Erscheinen im Zusammenhang der j\u00fcngsten Bestrebungen des Magazins, \u00fcber Nordamerika und den englischsprachigen Raum hinaus Fu\u00df zu fassen. So ist im November 2018 die erste Ausgabe von <em>Jacobin Italia<\/em> erschienen. Und einen deutschen Ableger gibt es tats\u00e4chlich schon seit Ende Mai vergangenen Jahres unter dem Namen <em>Ada<\/em> \u2013 was auf t\u00fcrkisch \u203aInsel\u2039 bedeutet \u2013, wenn auch bisher nur online. Loren Balhorn, der zusammen mit Ines Schwerdtner die Chefredaktion bildet, ist auch Mitherausgeber der Anthologie bei Suhrkamp \u2013 so schlie\u00dft sich der Kreis. Ob das amerikanische Modell auf die deutschen Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragbar ist, wird sich aber erst noch zeigen m\u00fcssen. W\u00e4hrend es <em>Jacobin<\/em> verstanden hat, aus der Not des linkspublizistischen Vakuums in den USA eine Tugend zu machen, indem es sogleich eine ger\u00e4umige Nische f\u00fcr sich einnahm, besteht hierzulande im Gegensatz dazu bereits eine Gemengelage linker Zeitungen und Magazine. Andererseits aber k\u00f6nnte es gerade <em>Ada<\/em> gelingen, eine Erneuerung zu bewerkstelligen. Denn w\u00e4hrend sich in der linksgerichteten Zeitungslandschaft in Deutschland diverse Altlasten gegen eine Verj\u00fcngung stellen, diese oder jene Zeitung bei einer radikalen Ver\u00e4nderung ihres Profils ihr angestammtes Publikum aufs Spiel setzen w\u00fcrde, hat <em>Ada<\/em> nichts zu verlieren. Gegenw\u00e4rtig befindet sich das Onlinemagazin jedoch in einem Rechtsstreit mit dem <em>Handelsblatt<\/em>, das nur Wochen nach dem Start von <em>Ada<\/em> ebenfalls ein Magazin unter demselben Namen herausbrachte. Mag es auch einen bitteren Beigeschmack haben, \u00bbein Tech-Magazin, das nicht mal seinen Namen googlen kann\u00ab, gewinnen zu lassen, so lie\u00dfe sich das doch auch als eine Gelegenheit f\u00fcr <em>Ada<\/em> verstehen, vielleicht mit einer Entsch\u00e4digung aus den Mitteln des <em>Handelsblatts<\/em> im Gep\u00e4ck die Segel zu setzen. Dann k\u00f6nnte die Redaktion dieser \u2013 wie der Zwischenfall gezeigt hat \u2013 etwas beliebigen Insel mit dem Namen \u203aAda\u2039 den R\u00fccken kehren, sich stattdessen auf das konkrete Erbe der Haitianischen Revolution besinnen, des Konterfeis von Toussaint Louverture als eines Erkennungszeichens der transatlantischen sozialistischen Erneuerung annehmen und vielleicht schon bald den Druck von <em>Jacobin deutsch<\/em> in Auftrag geben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Loren Balhorn, Bhaskar Sunkara (Hrsg.): Jacobin. Die Anthologie. edition suhrkamp. 311 Seiten, 18 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Thomas Zimmermann Die k\u00fcrzlich erschienene Jacobin-Anthologie gibt Anlass zur Reflexion \u00fcber Geschichte und Zukunft der Emanzipation und macht Hoffnung auf eine Erneuerung der linken publizistischen Kultur.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-236","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=236"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":238,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions\/238"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}