{"id":232,"date":"2019-05-23T19:41:15","date_gmt":"2019-05-23T17:41:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=232"},"modified":"2020-04-11T14:34:36","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:36","slug":"freitags-die-welt-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2019\/05\/freitags-die-welt-retten\/","title":{"rendered":"Freitags die Welt retten"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Von Thomas Zimmermann<\/p>\n<p align=\"justify\">Seit Monaten gehen unter dem Banner der Bewegung Fridays for Future Sch\u00fcler*innen und ihre Unterst\u00fctzer*innen auf die Stra\u00dfe, um den Planeten vor der klimatischen Katastrophe zu bewahren. Zwar stellt \u00f6kologisches Engagement als solches gerade unter jungen Leuten keine Neuheit dar \u2013 unter dem Eindruck der sich zuspitzenden Lage hat jedoch der Umfang und die Entschiedenheit sowie die Reflektiertheit der Proteste eine neue Qualit\u00e4t angenommen.<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Schlie\u00dflich versammeln sich diese Sch\u00fcler*innen nicht, um zu debattieren, wie sie zu Hause am besten den M\u00fcll trennen sollen. Sie gehen auch nicht auf die Stra\u00dfe, um diese von Zigarettenstummeln zu s\u00e4ubern. Dass sie sich versammeln, zeugt gerade von ihrem Unwillen, sich mit illusorischen L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen abspeisen zu lassen, die das Problem privatisieren \u2013 und von ihrem Willen, die gesellschaftliche Anstrengung zu forcieren, derer es in Wirklichkeit bedarf. Dass sie auf die Stra\u00dfe gehen, zeugt weiter von ihrem Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass das Problem effektiv nicht an seinen \u00e4u\u00dfersten Auswirkungen angegangen werden kann, sondern nur an seinen Ursachen \u2013 sowie von ihrem Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr eine Politik, die grunds\u00e4tzlichen Fehlentwicklungen mit oberfl\u00e4chlichen Reformen beikommen will.<\/p>\n<p align=\"justify\">Am 21. Mai fanden sich an der Humboldt Universit\u00e4t Berlin mehr als 700 Studierende in einem dicht gedr\u00e4ngten H\u00f6rsaal zu einer Vollversammlung zusammen, um sich offiziell mit den Streiks der Sch\u00fcler*innen zu solidarisieren, sich der Bewegung anzuschlie\u00dfen und in Anlehnung an das Programm von Fridays for Future eine Reihe eigener Forderungen zu formulieren, zu diskutieren und schlie\u00dflich zu verabschieden:<\/p>\n<p align=\"justify\">Erstens wurde gefordert, dass sich die HU als ganze mit der Bewegung solidarisiere. Zweitens solle den Worten mit Taten entsprochen und bis 2022 das Ziel einer klimaneutralen Universit\u00e4t erreicht werden \u2013 was etwa auch eine Umstellung der Mensen auf vegetarische bis vegane K\u00fcche und regionale Produkte mit einschlie\u00dfen solle. Drittens wurde der Berliner Senat aufgefordert, den Klimanotstand auszurufen und auch dieser symbolischen Handlung konkrete Ma\u00dfnahmen folgen zu lassen: den \u00f6ffentlichen Nahverkehr auszubauen, sodass die Stadt in Zukunft ganz ohne motorisierten Individualverkehr auskommen k\u00f6nne, und mit der Einf\u00fchrung eines kostenlosen Semestertickets f\u00fcr Studierende die Weichen f\u00fcr einen kostenlosen Nahverkehr f\u00fcr alle zu stellen. Viertens wurden die Gewerkschaften dazu aufgerufen, sich dem Kampf anzuschlie\u00dfen und gemeinsam eine nicht nur \u00f6kologische, sondern auch soziale Zukunft in Angriff zu nehmen. Und f\u00fcnftens erging an alle HU-Studierenden die Aufforderung, sich dem internationalen Climate March am 24. Mai anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der internationale Charakter der Bewegung geht dabei mit Konsequenz aus der globalen Natur der Problemstellung hervor. W\u00e4hrend es der talking point vom Umweltschutz noch erlaubte, die \u00f6kologische Frage im Sinne regionaler Einzelprobleme abzuhandeln und sie dementsprechend zu externalisieren bzw. nationalistisch als <span style=\"font-family: Liberation Serif, serif;\">\u00bb<\/span>Heimatschutz<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif;\">\u00ab<\/span> zu vereinnahmen, erscheint sie im Lichte des Klimawandels als das, was sie ist: eine unmittelbar globale Frage, die nur mit internationaler Solidarit\u00e4t und Koordination beantwortet werden kann. Zugleich erzeugt die Einsicht in die Verstricktheit gesellschaftlicher Einrichtungen und klimatischer Entwicklungen nicht nur ein bedr\u00fcckendes Bewusstsein \u00fcber unsere kollektive Verantwortung f\u00fcr Geschehenes, sondern auch ein erbauliches Bewusstsein \u00fcber unsere Handlungsf\u00e4higkeit f\u00fcr die Zukunft:<\/p>\n<p align=\"justify\">Ist die Tendenz zur allgemeinen Erderw\u00e4rmung und die damit einhergehende H\u00e4ufung und Intensivierung extremer Klimaereignisse an der Art und Weise gelegen, in der wir Energie und Waren produzieren und deren sowie unseren Transport organisieren, so liegt es in unserer Verantwortung, diese Produktionsweisen und Verkehrsformen grundlegend zu ver\u00e4ndern. Sind die katastrophischen Auswirkungen solcher Tendenzen und Ereignisse auch neoliberalen Politiken anzulasten, die soziale Sicherungssysteme abbauen und an infrastrukturellen Schutzvorkehrungen sparen lassen, so liegt es an uns, auch die politische Kultur radikal umzugestalten. Da es das dem Kapitalismus heilige Profitmotiv ist, das die Produktion zur \u00dcberausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen anh\u00e4lt und uns zugleich soziale Spardiktate aufzwingt, wurde zum Abschluss der Vollversammlung an der HU mit gro\u00dfer Mehrheit und unter gro\u00dfem Beifall festgehalten, dass die Verheerungen unseres Planeten an der Ma\u00dflosigkeit dieser Wirtschaftsweise gelegen sind und Klimaschutz demzufolge antikapitalistisch zu sein hat.<\/p>\n<p align=\"justify\">In diesem Sinne ist auch die Modifikation zu verstehen, die im Vorfeld der Vollversammlung an dem ber\u00fchmten, im Foyer des HU-Hauptgeb\u00e4udes angebrachten Marx-Zitat vorgenommen wurde: <span style=\"font-family: Liberation Serif, serif;\">\u00bb<\/span>Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu <i>retten<\/i>.<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif;\">\u00ab<\/span> Denn zu retten ist die Welt nicht so, wie sie ist \u2013 so wie sie ist, ist sie n\u00e4mlich nicht zu retten \u2013 sondern wir retten die Welt, indem wir sie ver\u00e4ndern. Und dabei k\u00f6nnen wir keine R\u00fccksicht nehmen auf die Interpretationen jener Philosoph*innen in Wirtschaft und Politik, die zu wissen glauben, was in dieser Welt m\u00f6glich ist und was nicht. Denn die \u00f6kologisch-soziale Revolution ist notwendig \u2013 ohne sie hat die Welt keine Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Thomas Zimmermann Seit Monaten gehen unter dem Banner der Bewegung Fridays for Future Sch\u00fcler*innen und ihre Unterst\u00fctzer*innen auf die Stra\u00dfe, um den Planeten vor der klimatischen Katastrophe zu bewahren. 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