{"id":200,"date":"2018-04-10T13:21:46","date_gmt":"2018-04-10T11:21:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=200"},"modified":"2020-04-11T14:34:55","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:55","slug":"kaputtlachen-huch87","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2018\/04\/kaputtlachen-huch87\/","title":{"rendered":"Kaputtlachen. Zu Jakob Noltes \u00bbSchreckliche Gewalten\u00ab \u2013 HUch#87"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Von Lucas Mielke<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00bbIch will nicht sterben und ich will mich nicht langweilen. Ich will kein unbelebter Planet sein, das ist alles. Stell dir vor, wie \u00f6de es ist, ein Planet zu sein. Man fliegt immer nur im Kreis. Man beschreibt immer nur Ellipsen, und wenn es hochkommt, kollidiert man alle Jahrmilliarden Jahre mal mit einem anderen Planeten.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Das Bewegungsgesetz in Jakob Noltes Roman <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Schreckliche Gewalten<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> (2017) scheint der freie Fall ins Leere zu sein. In einer Metapher von Vereinzelung und Monotonie, in der als H\u00f6hepunkt im kalten Immer-Wieder nur das unkontrollierte Aufeinanderprallen, also die Begegnung als Katastrophe denkbar ist, wird der Ernst eines Textes deutlich, der dem Ernst scheinbar eine Absage erteilt.<\/span><!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Hauptfiguren Iselin und Edvard Honik sind Kinder des Wehrmachtssoldaten Roberto Fiedler, der im Zuge des deutschen \u00dcberfalls mit dem Codenamen \u00bbWeser\u00fcbung\u00ab unter Einnahme gro\u00dfer Mengen Pervitin seine alte Identit\u00e4t abgelegt hat und als Gabriel Honik in Norwegen eine neue Heimat findet. Ihre Mutter, Hilma Honik, geborene Holgersson, neigt dazu, sich in Tiere zu verwandeln und t\u00f6tet ihren Gatten im Jahre 1973 bei einer ihrer Metamorphosen \u2013 damit w\u00e4re der Ausgangspunkt der verwinkelten histoire des Romans genannt. Nachdem Hilma \u00fcber den Umweg eines unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig blutig endenden Klinikaufenthaltes die Flucht ergreift, trennen sich auch die Wege der Geschwister. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Iselin, die nach dem Tod ihres Vaters zusammen mit Sunniva und Suzan weiter im elterlichen Haus lebt, forscht nach den Ursachen der bestialischen Verwandlungen und versucht, die Geschichte ihrer Eltern nachzuzeichnen. Auf der ideellen Grundlage des \u00bbHeilsversprechen[s] des Historischen Materialismus\u00ab erkl\u00e4ren die drei Frauen schlie\u00dflich den Kampf f\u00fcr die Rechte von Sexarbeiterinnen zu ihrem Ziel und w\u00e4hlen dabei Mittel, die getrost als unorthodox bezeichnet werden k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Edvard hingegen beginnt eine Selbsterfahrungsreise, die ihn durch diverse Sowjetrepubliken und n\u00e4her an seinen Begleiter Simon heran f\u00fchrt. Die T\u00f6tung der heiligen Kuh der evangelisch-lutherisch-buddhistischen Gemeinde Rigas sei an dieser Stelle nur als eine von zahlreichen bemerkenswerten Wegmarken erw\u00e4hnt. Anregend und erhellend gleicherma\u00dfen sind au\u00dferdem Details zur sozialistischen Fr\u00fchgeschichte Haitis und die Lebensansichten eines plattwurmartigen Symbionten, der sich von Adrenalin ern\u00e4hrt.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Text besteht aus zwei Teilen, die sich ihrerseits aus Segmenten von oft nur ein bis drei Seiten L\u00e4nge zusammensetzen und reiht neben der Haupthandlung Enzyklop\u00e4disches, Reflexionen und haarstr\u00e4ubend falsche historische Abhandlungen zu einem Panorama, das von der titelgebenden Gewalt als Hauptthema durchzogen wird. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00dcbertreibung, Extravaganz und ein ausgepr\u00e4gter Hang zum Artifiziellen umrei\u00dfen die \u00e4sthetische Konzeption des Romans, die dergestalt zumindest teilweise an die von Susan Sontag beschriebene Camp-\u00c4sthetik erinnert \u2013 politisiert, freilich, denn in all dem hochironisch-distanzierten Gebaren steckt durchaus politische Substanz: Die Facetten von Gewalt, sei sie nun kriegerischer, terroristischer, animalischer oder zwischenmenschlicher Art, scheinen in all der zur Schau gestellten Abgekl\u00e4rtheit von der zentralen Frage gerahmt: Wie kann der Mensch mit so viel Kaputtheit umgehen? <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Einhelligkeit, mit der <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Schreckliche Gewalten<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> vom Feuilleton gelobt wurde, ist auff\u00e4llig. Insbesondere Noltes Humor scheint, zumindest nach Einsch\u00e4tzung einiger Kulturredakteur*innen, den Zeitgeist zu treffen:<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00bbEdvards erste Freundin hie\u00df Lena und war, wie ihr Name schon sagt, Lena. [\u2026] Ihre Mutter arbeitete in der F\u00fchrungsetage einer \u00d6lfirma und ihr Vater war fr\u00fcher Astronaut gewesen und nun auf einer Go-Kart-Bahn als Mechaniker besch\u00e4ftigt. [\u2026] Insgeheim sparte sie seit ihrem sechzehnten Geburtstag auf einen gut erhaltenen Jagdpanzer Elefant \u2013 wenn es sein m\u00fcsste auch ohne Gesch\u00fctz (sie war nicht so streng). Nur wurde ihr nie einer angeboten.\u00ab <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><a name=\"_GoBack\"><\/a><span style=\"font-size: medium;\">Man kann dieses \u00fcberpointiert-aufgesetzte Arrangement von Absurdem durchaus witzig finden oder gar \u00bbtodkomisch\u00ab; wom\u00f6glich wird hier aber der Versuch erkennbar, durch \u00dcberzeichnung und eine Emphasis der Banalit\u00e4t dem Konzept des literarischen Humors einen letzten Funken subversiven Potentials abzuringen. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Text liegt in Spannung zwischen sprachlichen Brutalismen wie \u00bbGanz stimmen tut es nicht\u00ab oder \u00bbEs war hart zu beschreiben\u00ab und Passagen luzider Sch\u00f6nheit, wie: <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00bbSeine Heimat, das war der Punkt wo die Symmetrie der Alleen ihren Ursprung hatte, der Scho\u00df oder die Quelle, von der aus er sich immer weiter weg bewegte, seit dem Tag seiner Geburt, und der wie ein Stachel aus seinem K\u00f6rper ragte. Seine Heimat war ein Zeitpunkt und kein Ort, und er w\u00fcrde nie dorthin zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen.\u00ab <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Oder aber: \u00bbSie streichelten sich und hielten sich und dieser verfluchte Mond stand ma\u00dflos am Himmel und nach einer Weile dickten sich ihre Gedanken mit Tr\u00e4umen an, und sie schliefen bis zum n\u00e4chsten Morgen.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Stark ist der Roman besonders dort, wo er Liebe thematisiert und abseits (oder trotz?) der postironischen Extravaganz nach den M\u00f6glichkeiten des Menschseins fragt. Schwach wirkt er dort, wo er zu sehr an Blogeintr\u00e4ge selbstbewusster Gro\u00dfst\u00e4dter erinnert: \u00bbDie Verh\u00e4ltnisse, aus denen sie stammten, waren okay\u00ab.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Das Pathos des politischen Kunstwerkes scheint hier vom Irrsinn der Realit\u00e4t eingeholt. Die Haltung des Textes, die leider oft Pose ist, wurde mit Nihilismus beschrieben; weitaus angemessener erscheint mir jedoch Ratlosigkeit, wenn nicht Verzweiflung. Was hier betrieben wird, ist die Suspendierung von Ernst im vollen Bewusstsein, dass die Zust\u00e4nde (und nat\u00fcrlich schreibt Nolte von der Gegenwart) sehr ernst sind. In diesem Sinne ist <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Schreckliche Gewalten<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> ein trauriges Buch, \u00e4sthetisiert es doch die Abstumpfung des Menschen in der Sp\u00e4tmoderne gegen die von ihm und an ihm begangene Zurichtung.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: medium;\">Dem Autor, dessen Werdegang Sie auf Wikipedia nachlesen k\u00f6nnen, ist ein ideenreicher und unterhaltsamer Text gelungen, der auf formaler Ebene jedoch keine \u00dcberraschungen birgt. Unklar bleibt indes, ob es ihn auszeichnet oder disqualifiziert, dass die Leser*innenschaft sich w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre auch einige Minuten lang Gedanken \u00fcber den n\u00e4chsten Einkauf machen kann, ohne wesentliche Aspekte der Handlung zu verpassen. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Lucas Mielke \u00bbIch will nicht sterben und ich will mich nicht langweilen. Ich will kein unbelebter Planet sein, das ist alles. Stell dir vor, wie \u00f6de es ist, ein Planet zu sein. Man fliegt immer nur im Kreis. Man beschreibt immer nur Ellipsen, und wenn es hochkommt, kollidiert man alle Jahrmilliarden Jahre mal mit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2018\/04\/kaputtlachen-huch87\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKaputtlachen. 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