{"id":194,"date":"2018-03-14T21:17:43","date_gmt":"2018-03-14T20:17:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=194"},"modified":"2020-04-11T14:34:56","modified_gmt":"2020-04-11T12:34:56","slug":"postkapitalistische-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2018\/03\/postkapitalistische-perspektiven\/","title":{"rendered":"Postkapitalistische Perspektiven \u2013 HUch#87"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Von Raul Zelik<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">2016 lautete einer der am h\u00e4ufigsten zu h\u00f6renden S\u00e4tze: Die Welt ist aus den Fugen geraten. Und wirklich: In einer ganzen Weltregion von der westafrikanischen Sahelzone bis an die Grenzen Chinas herrscht Krieg. Hunderte Millionen Menschen r\u00e4tseln, wie sie in ein besseres Leben emigrieren k\u00f6nnen, ohne auf dem Weg zu ertrinken. In den Megacitys des globalen S\u00fcdens ist der Drogenhandel zur einzigen Aufstiegsoption f\u00fcr Menschen aus der Unterschicht geworden; als Folge davon zerfallen Rechtssysteme und Gemeinschaften. Und in den wohlhabenden L\u00e4ndern des Nordens schlie\u00dflich hofft ein wachsender Teil der Bev\u00f6lkerung, sich von diesen unheilvollen Entwicklungen durch die Errichtung von Grenzz\u00e4unen abkoppeln zu k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dazu kommen der Klimawandel, das Erstarken des religi\u00f6sen Fanatismus \u2013 l\u00e4ngst nicht nur in muslimischen Gesellschaften \u2013, wachsende geopolitische Spannungen sowie die rasante Entwicklung der Kriegs- und \u00dcberwachungstechnologien, die ganz neue Formen von Zerst\u00f6rung und autorit\u00e4rer Herrschaft m\u00f6glich machen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eigentlich liegt auf der Hand, was in einer solchen Situation zu tun w\u00e4re: Wenn das Alte stirbt, muss dar\u00fcber gesprochen werden, wie etwas Neues aussehen k\u00f6nnte. Wir brauchen Antworten auf die wachsende globale Ungleichheit; brauchen Strategien der Sorge, die die Zerst\u00f6rung der Natur und den Zerfall von Gesellschaften stoppen; eine Politik, die die Spirale der Militarisierung unterbricht und Sicherheit wieder als soziale Frage definiert. Doch wie l\u00e4sst sich dar\u00fcber reden, ohne in einen vertr\u00e4umten, wirklichkeitsfernen Utopismus zu verfallen?<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Kapitalismus als Motor bei der Versch\u00e4rfung von Einzelkrisen<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zun\u00e4chst muss man wohl erkl\u00e4ren, was die Einzelkrisen \u00fcberhaupt miteinander zu tun haben. Denn auf den ersten Blick haben der Krieg in Syrien und der mexikanische Drogenhandel, Massenmigration und das Erstarken des Rassismus sehr unterschiedliche Ursachen. Doch wenn man gedanklich einen Schritt zur\u00fcckmacht, um sich die Lage vor Augen zu f\u00fchren, l\u00e4sst sich ein Gesamtzusammenhang nicht \u00fcbersehen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit leben wir in einem echten Weltsystem. Wir kaufen dieselben Marken, shoppen in den gleichen Einkaufszentren, stehen l\u00e4nger als eine Stunde t\u00e4glich im Stau und folgen \u2013 das ist das Entscheidende \u2013 einem identischen Handlungskalk\u00fcl: Gut ist, was sich in Geldwerten auszahlt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Unterschiede, die es nat\u00fcrlich nach wie vor gibt, haben vor allem mit dem Einkommen zu tun. Das Leben der Oberschicht in Brasilien, Nigeria oder Saudi-Arabien \u00e4hnelt dem amerikanischen Vorbild in vieler Hinsicht verbl\u00fcffend. Anders ausgedr\u00fcckt: Wie stark wir unsere nationale Identit\u00e4t und pers\u00f6nliche Individualit\u00e4t auch betonen m\u00f6gen, unsere Verhaltensweisen werden doch ma\u00dfgeblich von einem \u00f6konomischen Gesamtsystem diktiert \u2013 das sich durch einen Weltmarkt, transnationale Arbeitsteilung und den Zwang zur Mehrung des eingesetzten Kapitals auszeichnet. Und eben dieses \u00f6konomische System namens Kapitalismus stellt einen Motor bei der Versch\u00e4rfung der vielf\u00e4ltigen Einzelkrisen dar.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Inwiefern? Da ist erstens die ihm eigene Schrankenlosigkeit: Wenn unserem \u00f6konomischen System ein Handlungsprinzip eingeschrieben ist, dann ist es das der r\u00e4umlichen und quantitativen Expansion \u2013 und das bereits seit dem Aufkommen der ersten Welthandelsm\u00e4chte im 14. Jahrhundert. Diese Schrankenlosigkeit bedeutet: Alle Menschen werden in globale Arbeitsteilung und Konkurrenz hinein gezwungen, und die produzierten Werte sollen ins Unendliche wachsen. Das Problem daran ist, dass das stofflich unm\u00f6glich ist, weil Werte und G\u00fcter auf einem begrenzten Planeten nicht unbeschr\u00e4nkt wachsen k\u00f6nnen; und dass zum anderen eine Weltgesellschaft entsteht, die in sich tief gespalten ist.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Denn hier ist man sofort bei der zweiten gro\u00dfen Eigenschaft unseres \u00f6konomischen Systems. Es tendiert dazu, soziale Widerspr\u00fcche extrem zu versch\u00e4rfen. Heute besitzen die 85 reichsten Menschen, nach anderen Berechnungen sind es gar nur acht, so viel wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung, also 3,5 Milliarden Menschen, zusammen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und genau diese Verbindung wiederum ist verantwortlich f\u00fcr die Migrationsstr\u00f6me, \u00fcber die heute so viel gesprochen wird: Ein Drittel der Weltbev\u00f6lkerung lebt nach wie vor von Landwirtschaft. Weil sich Kleinbauern auf dem Weltmarkt nicht gegen die industrielle Agrarproduktion behaupten k\u00f6nnen, verlieren Hunderte Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage. Wer sich ein realistisches Bild von den Migrationsbewegungen der Gegenwart machen will, dem sei ein Besuch in einem der Mega-Slums des globalen S\u00fcdens empfohlen. In den Elendsvierteln von Mumbai, Kinshasa oder Bogot\u00e1 kann man ermessen, wie wenig unsere Weltwirtschaft trotz des produzierten Reichtums in der Lage ist, auch nur elementarste Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen. Eine Milliarde Menschen leben heute als \u00bb\u00dcberfl\u00fcssige\u00ab in Slums.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und auch die R\u00fcckkehr des scheinbar Vormodernen \u2013 der Zerfall von Staaten, der Fanatismus, die B\u00fcrgerkriege \u2013 hat mit diesem Mechanismus zu tun. Das Problem ist nicht etwa, dass das Weltsystem noch nicht \u00fcberall angekommen w\u00e4re, sondern im Gegenteil, dass die L\u00e4nder des S\u00fcdens keinen Platz in ihm finden. Weil die Produktionskapazit\u00e4ten der Industriestaaten gro\u00df genug sind, um den gesamten Weltmarkt abzudecken, ist eine eigene industrielle Entwicklung des S\u00fcdens kaum m\u00f6glich. Was bleibt, ist der Ausverkauf von Rohstoffen &#8211; was nicht nur zur Auspl\u00fcnderung der Natur, sondern auch der der Staatsapparate f\u00fchrt.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Bev\u00f6lkerung aus traditionellen Bindungen herausgebrochen<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Man k\u00f6nnte die Lage also so beschreiben, dass unser \u00f6konomisches Weltsystem dabei ist, sich zu Tode zu siegen. Es hat die gesamte Weltbev\u00f6lkerung aus ihren traditionellen Bindungen herausgebrochen, ist jetzt aber nicht in der Lage, diesen Menschen einen neuen Platz zu bieten. Es hat einen nie da gewesenen technologischen Sprung m\u00f6glich gemacht, versch\u00e4rft damit aber nur die materielle Not derjenigen, die \u00fcberfl\u00fcssig geworden sind. Es hat gigantische Verm\u00f6gen produziert, die aber nicht mehr wissen, wohin mit sich \u2013 was zur Bildung immer neuer Spekulationsblasen f\u00fchrt. Und schlie\u00dflich hat es alle politischen Widerst\u00e4nde besiegt, was letztlich nur dazu f\u00fchrt, dass es nun kein Korrektiv mehr gibt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch wie k\u00f6nnte man aus diesem Prozess, der unser ganzes Leben und alle R\u00e4ume auf dem Planeten kolonisiert hat, wieder aussteigen? Der spanische Soziologe C\u00e9sar Rendueles liefert in seinem 2015 auf Deutsch erschienenen Essay \u00bbSoziophobie\u00ab eine \u00fcberraschende Antwort. Er schreibt, dass wir Opfer eines utopischen Projekts geworden seien und uns deshalb auf das Vern\u00fcnftige besinnen sollten. Das Utopische ist f\u00fcr Rendueles nicht die Suche nach Alternativen, sondern der Ist-Zustand: die Allmacht der M\u00e4rkte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Rendueles schreibt, der Liberalismus habe ab dem 18. Jahrhundert ein Projekt verfolgt, wie es radikaler kaum h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Es sei darum gegangen, die starren sozialen Bindungen der Traditionen, Familien und Z\u00fcnfte zu \u00fcberwinden und diese durch einen flexiblen Mechanismus zu ersetzen, der ohne allzu viele pers\u00f6nliche Kontakte auskommt: den Markt. In dieser Hinsicht repr\u00e4sentierte der Liberalismus ein gro\u00dfes Versprechen: mehr pers\u00f6nliche Freiheit und Individualit\u00e4t. Doch Rendueles widerspricht. Feste soziale Bindungen sind die Grundlage der menschlichen Existenz. Ohne sie k\u00f6nnen wir nicht existieren, denn mindestens ein Viertel unseres Lebens sind wir, als Kinder, Alte oder Kranke, von der Sorge und Pflege durch andere abh\u00e4ngig. Der Liberalismus, der von den unabh\u00e4ngigen Individuen ausgeht, verfolge also ein Transformationsprojekt, das den Menschen von seiner vielleicht menschlichsten Seite zu befreien sucht. Keine Gesellschaft k\u00f6nne sich jedoch \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum der realen Voraussetzungen menschlicher Existenz entledigen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Rendueles kn\u00fcpft mit dieser Argumentation an den ungarischen Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi an, der die gro\u00dfen Katastrophen des 20. Jahrhunderts \u2013 die Weltkriege und das Erstarken des Totalitarismus \u2013 in seinem 1957 ver\u00f6ffentlichten Werk \u00bbThe Great Transformation\u00ab mit den Marktprozessen erkl\u00e4rt hatte. Der schrankenlose, \u00bbentbettete\u00ab Markt, so der Polanyische Begriff, f\u00fchre zu kultureller, sozialer und \u00f6kologischer Verwahrlosung und zerst\u00f6re damit die beiden Voraussetzungen jeder \u00d6konomie \u2013 die Gesellschaft und die Natur.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Demgegen\u00fcber sei das Vorhaben der Linken immer \u00fcberschaubar gewesen. Diese habe nach einem Hebel gesucht, um die gro\u00dfen gesellschaftlichen Probleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Und die Analyse der Machtbeziehungen wiederum habe sie zu der \u00dcberzeugung gebracht, dass die \u00c4nderung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse einen solchen Hebel darstelle.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nat\u00fcrlich w\u00e4re es naiv zu glauben, Armut, Umweltzerst\u00f6rung, Fundamentalismus oder die Unterdr\u00fcckung von Frauen w\u00fcrden einfach verschwinden, wenn das Eigentum an gro\u00dfen Produktionsanlagen aus privaten in gemeinschaftliche H\u00e4nde \u00fcberginge. Aber die genannten Probleme w\u00e4ren dann einfacher, n\u00e4mlich in politischer Deliberation zu l\u00f6sen: als Verst\u00e4ndigungsprozess der Gesellschaft. Es w\u00fcrden nicht mehr die Privatinteressen der Verm\u00f6gensbesitzer vorgeben, worin investiert und wie gelebt, produziert und konsumiert wird. Die Gesellschaft k\u00f6nnte bewusst \u00fcber diese grundlegenden Fragen entscheiden. Und eine erste Konsequenz w\u00e4re sicherlich, die Ungleichheit zu verringern und allen ein sicheres Dasein zu garantieren \u2013 bekannterma\u00dfen die wirksamsten Mittel zur Bek\u00e4mpfung von Gewalt.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Frage nach dem Gemeineigentum<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nach dem Scheitern der sozialistischen Staaten 1989 scheint allerdings genau dieser Ansatz, n\u00e4mlich die Annahme, dass Gemeineigentum die L\u00f6sung unserer Probleme sein k\u00f6nnte, gr\u00fcndlich widerlegt. Die Tr\u00e4gheit der Staatsb\u00fcrokratien und der fehlende Anreiz f\u00fcr den Einzelnen machten die sozialistische Wirtschaft ineffizient. Zwar wurde in den sozialistischen Staaten einiges f\u00fcr die \u00f6ffentliche Grundversorgung \u2013 f\u00fcr Gesundheit, Bildung oder Kultur \u2013 getan, doch ansonsten blieb von den emanzipatorischen Versprechen wenig \u00fcbrig. Von einer Verk\u00fcrzung der Arbeitszeiten oder einer Befreiung von stupiden T\u00e4tigkeiten konnte keine Rede sein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Umweltzerst\u00f6rung war noch dramatischer als in kapitalistischen Gesellschaften. Und was die demokratische Mitsprache anging, fiel das sozialistische Lager ebenfalls weit hinter die b\u00fcrgerlichen Staaten zur\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es gibt jedoch zwei gewichtige Argumente, warum wir auf der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen um die Frage nach dem Gemeineigentum nicht herumkommen. Da ist erstens die Tatsache, dass sich an dem grundlegenden Problem des gro\u00dfen Privateigentums an Produktionsmitteln nichts ge\u00e4ndert hat: Die Macht der Konzerne, der Immobilienfonds und Superreichen steht gesellschaftlichen L\u00f6sungen immer wieder im Weg.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir alle kennen das: Bei Umfragen sagt eine Mehrheit der Befragten regelm\u00e4\u00dfig, sie f\u00e4nde es gut, wenn Reichtum gerechter verteilt w\u00e4re und Milliard\u00e4re mehr zum Steueraufkommen beitragen m\u00fcssten. Doch obwohl die wachsende Ungleichheit die Gesellschaft zerrei\u00dft und \u00f6ffentliche Einrichtungen verrotten, setzen sich die Interessen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit nicht durch. Wie kann das sein \u2013 in einer Demokratie? Die Antwort lautet: Weil die gro\u00dfen Verm\u00f6gen eine gerechtere Verteilung des Reichtums systematisch verhindern. Und ihre Macht nimmt weiter zu: Unternehmen werden gr\u00f6\u00dfer, die Reichen reicher, die Lobbys durchschlagkr\u00e4ftiger. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch pr\u00e4gte vor diesem Hintergrund schon vor einem Jahrzehnt den Begriff der \u00bbPostdemokratie\u00ab. Der Sozialismus mag gescheitert sein. Aber die Macht der Privatverm\u00f6gen und die Logik der Kapitalvermehrung bleiben f\u00fcr demokratische L\u00f6sungen gesellschaftlicher Probleme un\u00fcberwindbare Hindernisse.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der zweite Grund, warum wir die Frage nach dem Gemeineigentum neu stellen sollten, ist folgender: Die traditionelle liberale These lautet, dass eine auf Gemeineigentum beruhende \u00d6konomie nicht funktionieren kann, weil G\u00fcter, die der Allgemeinheit geh\u00f6ren, nicht gepflegt werden und weil der Einzelne ohne individuellen Vorteil nicht bereit ist, sich zu engagieren. Doch genau diese These ist in den letzten Jahren gr\u00fcndlich widerlegt worden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Untersuchung der Commons, der sogenannten Allmendeg\u00fcter, hat gezeigt, dass kollektives Eigentum bisweilen \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume sehr gut gepflegt wird und zudem auch Grundlage innovativer technologischer Prozesse sein kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die US-\u00d6konomin Elinor Ostrom erhielt f\u00fcr ihre Untersuchungen \u00fcber Allmendeg\u00fcter 2009 den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften. Sie zeigte, dass traditionelle Allmendeg\u00fcter \u2013 Weide- oder Forstland, k\u00fcstnahe Fischbest\u00e4nde, Bew\u00e4sserungssysteme, Wege, Geb\u00e4ude und so weiter \u2013 \u00fcber Jahrhunderte von Gemeinschaften kollektiv genutzt und nachhaltig gepflegt wurden. Und dies in selbstorganisierten Systemen, in denen Regelverletzungen zwar bestraft wurden, es aber keine staatliche Kontrollinstanz gab. Ostroms Studien kreisten auch um die Frage, welche Voraussetzungen gegeben sein m\u00fcssen, damit selbstorganisierte Systeme des Gemeineigentums funktionieren k\u00f6nnen: Zum Beispiel m\u00fcssen die Regeln gemeinsam entwickelt worden und ver\u00e4nderbar sein. Es muss eine gewisse \u00dcberwachung geben; und die M\u00f6glichkeit von Strafen, die allerdings nicht zu restriktiv ausfallen sollten und so weiter.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Traditionelle und moderne Gemeing\u00fcter<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Beobachtungen leuchten sofort ein. Wenn Menschen gemeinsam Regeln entwickelt haben, ihren Sinn begreifen und eine nicht allzu aufdringliche Form der gegenseitigen Kontrolle herrscht, dann sind sie normalerweise auch bereit, sich an Abmachungen zu halten und gemeinsame Interessen \u00fcber individuelle zu stellen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es gibt aber nicht nur traditionelle Gemeing\u00fcter, sondern auch sehr moderne. Wir alle sind mit solchen \u2013 digitalen \u2013 Commons vertraut; mit G\u00fctern, die niemandem geh\u00f6ren, aber von vielen produziert und allen genutzt werden. Zum Beispiel mit der Online\u00a0Enzyklop\u00e4die Wikipedia oder mit freier Software wie dem Betriebssystem Linux und dem Browser Firefox. Diese digitalen Commons sind in bemerkenswerten Arbeitsprozessen entstanden: Eine internationale Gemeinschaft von Programmierern hat ohne hierarchische Arbeitsorganisation, ohne Chefs und materielle Gegenleistung kooperiert \u2013 einfach, weil es die Beteiligten interessant fanden, gemeinsam zu arbeiten, mit anderen Probleme zu diskutieren und das Produkt hinterher allen zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diese Commons-\u00d6konomie, die auf Gemeineigentum und freier Assoziation beruht, ist in den letzten Jahren vom Markt wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden und l\u00e4sst sich auch nicht so einfach auf die Gesellschaft projizieren. Immerhin macht es einen gro\u00dfen Unterschied, ob man eine inhaltlich interessante T\u00e4tigkeit (wie Programmieren) aus\u00fcbt oder ob man unentgeltlich M\u00fcll wegr\u00e4umt. Aber das Beispiel beweist doch zumindest, dass es nicht am Gemeineigentum als solchem gelegen haben kann, dass die sozialistischen Staaten zusammenbrachen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Was bedeutet das nun f\u00fcr unsere Ausgangsfrage \u2013 f\u00fcr die Suche nach Alternativen? Wenn dem Gemeineigentum f\u00fcr postkapitalistische Alternativen weiterhin gro\u00dfe Bedeutung zukommt, weil die Macht der Konzerne und die Konkurrenzlogik der Marktteilnehmer solidarische gesellschaftliche L\u00f6sungen blockieren, und wenn gleichzeitig der Staat als Hauptakteur der sozialen Emanzipation im 20. Jahrhundert immer wieder gescheitert ist, dann gibt es nur einen plausiblen Ausweg: Eine gemeinwirtschaftliche Alternative muss aus der Gesellschaft heraus entwickelt und bereits in ihrem Entstehungsprozess demokratisch \u00bbvergesellschaftet\u00ab sein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Viele kapitalismuskritische Autoren haben diese These in den letzten Jahrzehnten verteidigt. Der US-Soziologe Erik Olin Wright beispielsweise spricht zur Veranschaulichung des Problems von einem Machtdreieck aus Staat, Kapital und Gesellschaft. Der Kapitalismus habe die Macht des Kapitals gegen\u00fcber Staat und Gesellschaft erweitert, der Sozialismus den Staat aufgewertet. Die Herausforderung heute laute die Gesellschaft gegen\u00fcber Kapital und Staat zu erm\u00e4chtigen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das passiert bereits tagt\u00e4glich und seit vielen Jahrzehnten: Zehn Prozent der Weltbev\u00f6lkerung sind in Genossenschaften organisiert \u2013 man baut und verwaltet gemeinsam Wohnh\u00e4user, verf\u00fcgt \u00fcber Sparkassen, die zumindest der Struktur nach demokratisch kontrolliert werden, oder produziert als Kooperative Industrieg\u00fcter.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Aber auch dort, wo politischer Druck die \u00f6ffentliche Grundversorgung st\u00e4rkt, wird die Gesellschaft erm\u00e4chtigt. Wenn Kitas kostenlos sind, das Gesundheitssystem, die Rente oder der Nahverkehr \u00f6ffentlich, solidarisch finanziert und demokratisch kontrolliert werden. Bei den \u00dcberlegungen Erik Olin Wrights kommt dem Staat weiterhin eine wichtige Rolle zu, denn es braucht eine gesamtgesellschaftliche Institution, die \u00fcbergreifend Solidarit\u00e4t herstellt. Anders als im Sozialismus w\u00e4re der Staat in Wrights Konzept aber eher Garant als zentrale Instanz des Prozesses.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Emanzipatorische \u00dcberwindung des Kapitalismus<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dass der Postkapitalismus als gesellschaftliche Bewegung entstehen muss, die solidarische, demokratisierende, \u00f6kologische und emanzipatorische Praktiken miteinander verkn\u00fcpft, vertritt auch ein anderer wichtiger US-amerikanischer Theoretiker: der marxistische Gesellschaftswissenschaftler David Harvey. Er ist der Ansicht, dass eine postkapitalistische Alternative \u00e4hnlich entstehen m\u00fcsse wie einst der Kapitalismus. Der setzte sich ab dem 14. Jahrhundert n\u00e4mlich durch, weil sich verschiedene Prozesse \u00fcberlagerten: technische Neuerungen, ein utilitaristisches Naturverh\u00e4ltnis, das die Ausbeutung der Umwelt regelrecht propagierte, die b\u00fcrgerliche Kleinfamilie, die besondere Autonomie der St\u00e4dte gegen\u00fcber den Feudalherren, aber eben auch die Erschlie\u00dfung eines globalen Handelsraums durch die blutige Kolonisierung des S\u00fcdens. Keine dieser Entwicklungen hatte zum Ziel, den Kapitalismus einzuf\u00fchren. Das neue System war eine relativ zuf\u00e4llige, aber dann doch stabile und in diesem Sinne zumindest im R\u00fcckblick zwangsl\u00e4ufige Verbindung.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Herausforderung heute ist gr\u00f6\u00dfer, denn es geht nicht nur darum, dass der Kapitalismus durch etwas Neues abgel\u00f6st wird. Das Neue kann ja auch viel schlimmer sein als das Bestehende. Nein, die Aufgabe lautet, eine emanzipatorische \u00dcberwindung voranzutreiben. Man m\u00fcsste also die vielf\u00e4ltigen Entwicklungen in der Gesellschaft daraufhin \u00fcberpr\u00fcfen, ob sie eher emanzipatorische oder reaktion\u00e4re Wirkung entfalten: ob sie Herrschaftsverh\u00e4ltnisse verringern oder aber die sozialen und demokratisierenden Errungenschaften der Moderne zugunsten autorit\u00e4rerer Herrschaftsformen zur\u00fcckdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Einige Theoretiker des Postkapitalismus vertrauen darauf, dass die technische Entwicklung fast automatisch zu einer besseren Lage f\u00fchren werde. Die Akzelerationisten, eine neuere Philosophieschule um die britischen Theoretiker Nick Srnicek und Alex Williams, argumentieren beispielsweise in diese Richtung. Sie vertreten die Ansicht, dass wir ganz auf den technologischen Fortschritt setzen sollten, weil die Automatisierung der Produktion auf dreifache Weise emanzipatorisch wirke. Erstens sorge sie daf\u00fcr, dass die Herstellung von G\u00fctern billiger wird. Sprich: Der gesellschaftliche Reichtum w\u00e4chst, gleichzeitig l\u00e4sst sich aber immer weniger Profit damit machen. Die Unternehmen k\u00f6nnen diesem Prozess nur entgegenwirken, indem sie ihre G\u00fcter weit \u00fcber den eigentlichen Herstellungskosten verkaufen \u2013 was nur durch k\u00fcnstliche Monopole, die Ausweitung von Patentrechten oder durch die symbolische Aufwertung von Waren gelingt (wie es zum Beispiel bei Turnschuhen durch Werbekampagnen geschieht). Auf Dauer sind k\u00fcnstlich \u00fcberh\u00f6hte Preise aber nicht so einfach aufrecht zu halten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der zweite positive Effekt der Automatisierung bestehe darin, dass diese die Bedeutung der Kooperation gr\u00f6\u00dfer werden lasse. Tats\u00e4chlich macht Automatisierung das Wissen zum wichtigsten Produktionsfaktor. Nicht mehr die konkrete T\u00e4tigkeit des einzelnen Arbeiters am Flie\u00dfband schafft den Wert, sondern das allgemeine Wissen, das in der Software steckt und oft keiner spezifischen Gruppe von Programmierern mehr zugeordnet werden kann. Dieses Wissen wiederum entwickelt sich am besten, wenn es frei geteilt wird, und ist dementsprechend mit Gemeineigentum besser vereinbar als mit Privatem. Freie Kooperation und offene Zugangsm\u00f6glichkeiten sind seit jeher Grundlage der Wissensproduktion.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und drittens schlie\u00dflich befreie uns, so die Akzelerationisten, die Automatisierung von der l\u00e4stigen Arbeit.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Die Care-Ethik als dritter Weg<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Problem an dieser Argumentation ist, dass sie zu einer unguten Tradition der Linken zur\u00fcckkehrt: zum Geschichtsdeterminismus. F\u00fcr die Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts war dieses Denken charakteristisch. Sozialer Fortschritt erschien als Nebenprodukt technischer Entwicklung. Die Sozialdemokraten waren der Ansicht, man k\u00f6nne sich auf die Verwaltung des Staates beschr\u00e4nken und abwarten, dass anonyme Aktiengesellschaften zu sozialistischen Unternehmen mutierten. Die Kommunisten hingegen meinten, r\u00fcckst\u00e4ndige Gesellschaften erst einmal mit Gewalt industrialisieren zu m\u00fcssen, bevor man \u00fcber soziale Emanzipation nachdenken k\u00f6nne. Die Folgen sind bekannt: Die Sozialdemokratie schloss ihren Frieden mit den Verh\u00e4ltnissen, die Kommunisten errichteten eine Entwicklungsdiktatur nach der anderen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Man sollte der Begeisterung f\u00fcr den technischen Fortschritt also nicht zu schnell verfallen. Zumindest braucht die Debatte um Gesellschaftsalternativen starke Korrektive, die den Blick wieder auf die sozialen Prozesse lenken. Ein zentraler Beitrag hierf\u00fcr ist der \u2013 urspr\u00fcnglich aus dem feministischen Kontext stammende \u2013 Begriff der \u00bbCare-Ethik\u00ab. Dabei handelt es sich um eine Moralphilosophie des Sorgens, die im Unterschied zum Denken der liberalen Aufkl\u00e4rung die Bedeutung gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeiten betont. W\u00e4hrend traditionelle ethische Ans\u00e4tze vom Individuum ausgehen und sich mit der Frage besch\u00e4ftigen, ob das Handeln des Einzelnen tugendhaft ist, was es f\u00fcr Konsequenzen nach sich zieht oder welche Motive den Handelnden bewegen, stellt die Care-Ethik die sozialen Beziehungen in den Mittelpunkt. F\u00fcr sie geht es darum, wie das Geflecht sozialer Bindungen bewahrt werden kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Man k\u00f6nnte es so ausdr\u00fccken: Der Liberalismus misst den Erfolg der Gesellschaft anhand der Mehrung des Wertes, der Sozialismus ihn am Wachstum der G\u00fcterproduktion. Auf der Grundlage der Care-Ethik hingegen w\u00fcrde eine \u00d6konomie vor allem danach beurteilt werden, ob sie soziale Bindungen st\u00e4rkt, die Sorge um Schwache sicherstellt und die Natur sch\u00fctzt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Auch in der \u00bbPostwachstums\u00ab-Debatte werden solche Fragen aufgeworfen. In Anbetracht des Klimawandels sind die \u00f6kologischen Grenzen des Wachstums nicht l\u00e4nger zu leugnen. Immer mehr Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler pl\u00e4dieren deshalb daf\u00fcr, das Wachstumsparadigma aufzugeben. Von \u00bbDegrowth\u00ab, einem bewussten Schrumpfen ist die Rede. Doch die meisten Autoren blenden dabei aus, dass dies im Kapitalismus kaum m\u00f6glich sein wird. Denn wie soll Wert vermehrt werden, wenn die G\u00fcterproduktion zur\u00fcckgeht?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In der Postwachstums-Debatte gibt es allerdings auch Beitr\u00e4ge, die an dieser Stelle weiterdenken. Zum Beispiel gibt es das urspr\u00fcnglich aus Lateinamerika stammende Konzept des \u00bbbuen vivir\u00ab, des guten Lebens. Traditionelle indigene Gesellschaften des Andenraums verwenden den Begriff, um eine harmonische Existenz in Einklang mit Gemeinschaft und Natur zu beschreiben. W\u00e4hrend unser Wohlstand \u00fcber Konsum definiert ist, erinnert der Begriff des buen vivir daran, dass ein erf\u00fclltes Leben f\u00fcr das Gattungswesen Mensch vor allem durch verl\u00e4ssliche und inspirierende Sozialbeziehungen, durch k\u00f6rperliches Wohlbefinden und das Eingebettetsein in eine vielf\u00e4ltige Natur charakterisiert ist.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Welche Bed\u00fcrnisse haben wir eigentlich?<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nimmt man diesen Gedanken ernst, m\u00fcssten wir uns ganz neu dar\u00fcber verst\u00e4ndigen, was eigentlich die Bed\u00fcrfnisse sind, die zu befriedigen w\u00e4ren. Denn unsere Wunschproduktion heute ist von einer profitorientierten Werbe- und Kulturindustrie v\u00f6llig kolonisiert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es gibt also eine Reihe von Debatten, die miteinander verkn\u00fcpft werden m\u00fcssten. Und anders als h\u00e4ufig unterstellt wird, besitzen wir durchaus eine Idee davon, wo die Reise hingehen m\u00fcsste. Die meisten von uns werden vermutlich zustimmen, dass mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern, eine Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit, eine gerechtere Verteilung des Reichtums, die \u00f6kologische Umgestaltung unserer Lebensweise, eine St\u00e4rkung der \u00f6ffentlichen Grundversorgung sowie eine tiefgreifende Demokratisierung aller unserer Lebensbereiche, also auch der Arbeitswelt, w\u00fcnschenswert w\u00e4ren. Und zumindest viele von uns w\u00e4ren wohl auch einverstanden, dass die St\u00e4rkung demokratischen Gemeineigentums \u2013 wie es in Energiegenossenschaften oder kommunalen Stadtwerken aufblitzt \u2013 eine sinnvolle Ma\u00dfnahme in diesem Zusammenhang w\u00e4re.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir wissen durchaus, was emanzipatorischen Fortschritt auszeichnet. Und postkapitalistische Alternativen, die mehr sein wollen als Fantastereien, m\u00fcssen an solchen konkreten Schritten ankn\u00fcpfen. Sie m\u00fcssen aufzeigen, was es bereits heute an sozialen Praktiken und Institutionen gibt, die \u00fcber den Kapitalismus hinausweisen. Die politische Aufgabe besteht darin, diese Praktiken zu einer Bewegung zusammenzuf\u00fchren, die die sozialen und demokratischen Errungenschaften der Moderne nicht preisgibt, sondern vertieft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine so verstandene Ver\u00e4nderung h\u00e4tte mit den Revolutionen des 20. Jahrhunderts vermutlich erst einmal wenig zu tun. Sie m\u00fcsste sich aber auch deutlich vom klassischen Reformismus unterscheiden. Das Problem besteht n\u00e4mlich einerseits darin, dass eine umfassende Transformation unseres Lebens nicht einfach durch die Eroberung der Staatsmacht \u00bbeingef\u00fchrt\u00ab werden kann, sondern sich gesellschaftlich in Alltagspraxis ausbreiten muss. Anderseits aber besteht es auch darin, dass solche Ver\u00e4nderungen gewaltige Widerst\u00e4nde produzieren, sobald sie die Nischen des alternativen Lebens verlassen, und das wiederum bedeutet, dass gesellschaftliche Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert werden m\u00fcssen, um ein Projekt des Gemeinsamen, des Solidarischen und der Care-Ethik m\u00f6glich zu machen. Auch wenn es nicht um revolution\u00e4re Macht\u00fcbernahmen geht, kann es Ver\u00e4nderungen ohne soziale K\u00e4mpfe nicht geben.<\/p>\n<h6 align=\"JUSTIFY\">Soziale Emanzipation wurde in der Geschichte nie geschenkt<\/h6>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir m\u00fcssen uns wohl vergegenw\u00e4rtigen, dass soziale Emanzipation in der Geschichte nie geschenkt und auch nie einfach als Reformprogramm erlassen wurde, sondern immer gegen die Interessen der jeweils M\u00e4chtigen durchgesetzt werden musste. Und dabei ging es auch immer darum, reaktion\u00e4re Krisenl\u00f6sungen zu verhindern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Ausstieg aus der hei\u00dflaufenden Maschine Kapitalismus stellt, auch wenn es durchaus Ansatzpunkte gibt, eine gewaltige Herausforderung dar. Aber das war der Weg von Aufkl\u00e4rung und Emanzipation schon immer. In der Vergangenheit war er gepr\u00e4gt von Irrt\u00fcmern, schrecklichen eigenen Verbrechen und blutigen Niederlagen. Wie viele Menschen, die aufrichtig und, ohne einen eigenen Vorteil zu verfolgen, f\u00fcr bessere gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse eintraten, mussten daf\u00fcr mit ihrem Leben bezahlen? Ihnen verdanken wir das, was es heute an \u2013 ungen\u00fcgenden \u2013 sozialen und demokratischen Rechten gibt. An sie sollten wir denken, wenn wir begreifen, dass der Kapitalismus nicht f\u00fcr die Ewigkeit geschaffen ist und in vieler Hinsicht heute seine Grenzen erreicht. Die Geschichte der Solidarit\u00e4t, der sozialen Befreiung, der Sorge umeinander und der Demokratisierung aller Lebensbereiche beginnt nicht erst heute. Sie reicht Jahrhunderte zur\u00fcck und war, trotz allen Scheiterns, nicht folgenlos.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">An sie gilt es anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Raul Zelik 2016 lautete einer der am h\u00e4ufigsten zu h\u00f6renden S\u00e4tze: Die Welt ist aus den Fugen geraten. 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