{"id":190,"date":"2018-02-20T15:21:08","date_gmt":"2018-02-20T14:21:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=190"},"modified":"2020-04-11T14:35:01","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:01","slug":"warum-hochschulpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2018\/02\/warum-hochschulpolitik\/","title":{"rendered":"Warum Hochschulpolitik \u2013 HUch#87"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Von Joshua Schultheis<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die ganze Provokation liegt schon im Titel. \u00bbHochschulpolitik\u00ab ist ein Unwort in der politischen Linken, auch und vielleicht gerade unter ihren Vertreter*innen an den Universit\u00e4ten. Das Nachdenken \u00fcber die strategische Bedeutung der Hochschulen und das emanzipatorische Potential unter den Studierenden und Intellektuellen roch schon immer verd\u00e4chtig nach Elitarismus und Klassenverrat. Auch in den 1960er Jahren, als man den Studierenden als politischem Agens eine immense Bedeutung beima\u00df, geschah dies nur widerwillig und quasi hinter vorgehaltener Hand.<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In dem Urtext der \u00bbNeuen Linken\u00ab in den USA leitet C. Wright Mills seine These, die Studierenden und nicht mehr die Arbeiter*innen seien es, auf die die Linke ihre Hoffnungen setzen m\u00fcsse, mit den Worten ein: \u00bbLange war mir bei dieser Idee nicht wohler als vielen von euch[&#8230;]\u00ab. Das Unwohlsein ist geblieben und es ist dadurch nicht besser geworden, dass heute die meisten zeitgen\u00f6ssischen Einsch\u00e4tzungen der \u00bbStudentenbewegung\u00ab eher naiv wirken. Sowohl die Vorstellung vom \u00bbMarsch durch die Institutionen\u00ab, die mit den Verhandlungen \u00fcber eine Jamaika-Koalition wohl ihren traurigen Schlusspunkt erreicht, als auch die in den 1970ern blutige Urst\u00e4nd feiernde Idee der \u00bbPropaganda der Tat\u00ab sind unrettbar diskreditiert. So sind es wohl ausgerechnet die pessimistischsten Analysen dieser Bewegung, \u2013 etwa die Theodor W. Adornos, der den \u00bbHurra-Optimismus\u00ab seiner Studis auf deren objektive Ohnmacht zur\u00fcckf\u00fchrte \u2013 die sich im Nachhinein als die plausibelsten erwiesen haben. Wenn man daher heute \u00fcber die Uni als einen wichtigen Ort politischer Auseinandersetzung und \u00fcber die Studierenden als bedeutende Tr\u00e4ger*innen linker Politik reden m\u00f6chte, hat man einen schweren Stand. Die These dieses Textes wird daher auch eher zur\u00fcckhaltend ausfallen. Es wird nicht erneut das revolution\u00e4re Subjekt \u00bbStudent*in\u00ab ausgerufen, noch behauptet werden, die Universit\u00e4t sei ein freiheitliches Refugium und Keimzelle der besseren Gesellschaft. Stattdessen soll das Stigma, mit dem das Theoretisieren \u00fcber die Chancen linker Politik an der Universit\u00e4t belegt ist, kritisch \u00fcberpr\u00fcft werden \u2013 was 50 Jahre nach \u00bb68\u00ab dringend notwendig ist \u2013 und einige \u00dcberlegungen angestellt werden, die zeigen sollen, dass diese Chancen existieren und eventuell auch gr\u00f6\u00dfer sind als anderswo.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit dem Begriff \u00bbHochschulpolitik\u00ab wird oft die Vorstellung verbunden, dass der Horizont derjenigen, die sich dieser omin\u00f6sen Besch\u00e4ftigung widmen, an den Mauern der Universit\u00e4t endet, dass sie die Universit\u00e4t isoliert und ohne ihren Zusammenhang mit dem \u00bbRest\u00ab der Gesellschaft betrachten. Doch wen genau trifft dieser Vorwurf eigentlich? Noch das am b\u00fcrgerlichsten anmutende Besetzungsmanifest \u2013 von denen in den letzten zehn Jahren eine Menge entstanden sind \u2013 enth\u00e4lt mit Sicherheit die Erkenntnis, dass Uni und Gesellschaft nicht zu trennen sind, dass eine Ver\u00e4nderung dort bei gleichzeitigem Stillstand hier nicht w\u00fcnschenswert ist. Die Blaupause f\u00fcr diese Formel lieferte 1962 die SDS-Hochschuldenkschrift, deren zentrale Thesen<a href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a> seit Jahrzehnten den theoretischen Grundstock progressiver Bildungspolitiker*innen bilden. In dem Ma\u00dfe jedoch, in dem diese Erkenntnis Allgemeingut wird, \u00e4hnelt die Uni paradoxerweise immer mehr dem \u00bbGanzen\u00ab, von dem man es sonst so sehr zu unterscheiden versucht. Nicht nur studieren mittlerweile ca. 50 Prozent eines Jahrgangs, das Studium, einmal als Moratorium zwischen Schule und Beruf gedacht, vereint heute das schlechteste von beidem. Strikte Lehrpl\u00e4ne und st\u00e4ndige Pr\u00fcfungen gehen an der Uni eine Mesalliance mit dem Leistungs- und Konkurrenzdruck des Berufslebens ein. Burnout und vorgeschobene Midlife Crisis inklusive. Als Ort der Konzentration von Menschen einerseits und von gesellschaftlichen Konflikten andererseits kommt der Uni eine besondere strategische Bedeutung zu.<a href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a> Das gesamte politische Spektrum hat das schon lange erkannt. Dennoch sei auch hier noch einmal bekr\u00e4ftigt: (Linke) Hochschulpolitik ist kein Selbstzweck, sondern besitzt nur dann Legitimit\u00e4t, wenn sie den Anspruch Ernst nimmt, \u00fcber die Institution Universit\u00e4t hinaus zu wirken und wenn sie politische Teilsiege an der Uni nicht mit einer Verbesserung des Ganzen verwechselt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Verdacht, dass die simple Wahrheit von der Hochschule als Teil der Gesellschaft von Studierenden gerne vergessen w\u00fcrde, korreliert oft mit der These, dass es in der Universit\u00e4t grunds\u00e4tzlich keinen Raum f\u00fcr kritisches Wissen, emanzipatorische Politik oder auch nur die geringste M\u00f6glichkeit f\u00fcr noch den kleinsten Dissens mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen geben kann. Politik im Zusammenhang mit der Universit\u00e4t kann dann nur eine Intervention von au\u00dfen, aber kein Einlassen auf oder Arbeiten in den Unistrukturen bedeuten. In der Regel wird dabei so argumentiert: Die Universit\u00e4t ist, so wie etwa auch die Polizei, eine herrschaftsst\u00fctzende Institution. Ihre Funktion ist es gerade, kritisches Wissen zu unterbinden und die Menschen zu h\u00f6rigen Staatsdienern zu erziehen. Wer hier so etwas wie \u00bbBildung\u00ab oder eine Produktion von emanzipatorischem Wissen erwartet oder verlangt, muss eine naive Idealist*in sein. An einem Ort, der einer der institutionellen Arme des Kapitals ist, kann nichts passieren, was den Interessen desselben widerspricht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Jede Zweitsemester*, die schon einmal ein gutes Seminar besucht hat, sp\u00fcrt sicherlich Zweifel bez\u00fcglich dieses Gedankengangs. Und in der Tat ist ihr Bauchgef\u00fchl, dass es nicht egal sein kann, wessen Lehrveranstaltung man zu welchem Thema besucht, einem kruden Materialismus vorzuziehen.<a href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\">3<\/a> Es geht aber nicht darum, in Abrede zu stellen, dass die Universit\u00e4t in der Tat eine systemerhaltende Funktion hat. Stattdessen soll im Folgenden aufgezeigt werden, wie man \u2013 auch ohne R\u00fcckfall in einen naiven Idealismus \u2013 auf einer relativen Autonomie der Vorg\u00e4nge an der Universit\u00e4t gegen\u00fcber den materiellen Verh\u00e4ltnissen der Gesellschaft bestehen kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr Louis Althusser<a href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\">4<\/a> kommt in der b\u00fcrgerlichen Epoche der Schule und den Bildungsinstitutionen bei der Reproduktion der Produktionsverh\u00e4ltnisse, also bei der Aufrechterhaltung des Verh\u00e4ltnisses von Ausbeutenden zu Ausgebeuteten, die entscheidende Rolle zu.<a href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\">5<\/a> Schule, Universit\u00e4t, aber auch die Presse, Kunst, Kirche, etc. sind sogenannte \u00bbideologische Staatsapparate\u00ab, deren modus operandi im Unterschied zu den \u00bbrepressiven Staatsapparaten\u00ab (Verwaltung, Justiz, etc.) nicht in erster Linie die Gewalt, sondern die Ideologie ist. Um das System aufrecht zu erhalten braucht es beides: die Gewalt, die jeden Widerstand niederschlagen kann und die ideologische Unterweisung der Menschen, die ihn idealerweise bereits im Bewusstsein jeder Einzelnen* unterdr\u00fcckt, indem sie diese im Sinne der Herrschenden handeln und denken l\u00e4sst. Es leuchtet ein, dass hier den Schulen eine entscheidende Bedeutung zukommt. Hier wird den Menschen ihre zuk\u00fcnftige Position in der Gesellschaft zugeordnet, in der man entweder Ausgebeutete*r oder Ausbeuter*in ist. Hier wird man entsprechend dieser Position zum richtigen Verh\u00e4ltnis zur herrschenden Ideologie erzogen, lernt man gehorchen oder befehlen. Gleichzeitig erlernt man die F\u00e4higkeiten und Qualifikationen, die man f\u00fcr den sp\u00e4teren Beruf braucht. Die Funktion der Bildungsinstitutionen ist es also, m\u00f6glichst stromlinienf\u00f6rmige und gut funktionierende Arbeitskr\u00e4fte zu produzieren. An einem Ort, der dazu dient, den Menschen die herrschende Ideologie \u2013 und die herrschende Ideologie ist immer die Ideologie der Herrschenden \u2013 einzuimpfen, ist kritische Wissenschaft und emanzipatorische Bildung schwer zu denken.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ganz so einfach ist es nach Althusser dann aber doch nicht. Die ideologischen Staatsapparate sind n\u00e4mlich permanent Schauplatz von K\u00e4mpfen. Die Ideologie der Herrschenden wird mit ihrer politischen Machtergreifung nicht unmittelbar und fl\u00e4chendeckend etabliert. Die ideologischen Staatsapparate funktionieren dadurch in aller Regel nicht ganz reibungslos. Ihre Harmonie mit den repressiven Staatsapparaten ist \u00bbmanchmal knarrend\u00ab. Auch f\u00fcr die Schulen und Universit\u00e4ten gilt: Was hier gelehrt und geforscht wird, ist nicht immer absolut deckungsgleich mit den Interessen des Kapitals und der Herrschenden. Immer leben in ihnen Reste der Ideologie der ehemals herrschenden Klasse fort, findet in sie auch das Wissen der Unterdr\u00fcckten Eingang, ist die herrschende Ideologie selbst widerspr\u00fcchlich.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Gr\u00f6\u00dfe der Differenz zwischen den Lehr- und Forschungsinhalten in den Schulen und Unis und der herrschenden Ideologie ist also auch eine Frage des konkreten politischen Kampfes. Und es ist auch diese Differenz, die \u2013 in welchem Ma\u00dfe auch immer \u2013 \u00fcber das Weiterbestehen von Ausbeutung und Gewalt bestimmt. Eine linke Hochschulpolitik h\u00e4tte daher auch die Aufgabe, an der Vergr\u00f6\u00dferung dieser Differenz zu arbeiten. Zu diesem Zweck kann es auch sinnvoll sein, sich in einer Berufungskommission zu engagieren oder sich bei der Gestaltung der eigenen Studienordnung zu beteiligen. Wichtiger als sich die Frage zu stellen, ob das dann schon Hochschulpolitik ist, \u2013 die nat\u00fcrlich niemand machen m\u00f6chte \u2013 ist der langfristige Zweck, den man damit verfolgt. Ohne diese Einsicht in die Ambivalenz von Bildungsinstitutionen k\u00f6nnte man im \u00fcbrigen auch eine ganze Reihe an Ph\u00e4nomenen, vom Einzug der feministischen Theorie in die Unis bis zum Adorno-Seminar, kaum erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir wechseln die Perspektive. Vom \u00bbStandpunkt der Reproduktion\u00ab, wie Althusser es nannte, auf den der Produktion. Von hier aus gesehen hat das Kapital n\u00e4mlich nur ein einziges echtes Interesse: Profitmaximierung. Dieses aber scheint sich an manchen Stellen mit dem Ziel der l\u00fcckenlosen Indoktrinierung der Subjekte nicht ganz zu vertragen.<a href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\">5<\/a> Es gibt weitere, f\u00fcr \u00bbh\u00f6here\u00ab Bildungsinstitutionen im Kapitalismus spezifische Widerspr\u00fcche, die ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen.<a href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\">6<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir haben eben behauptet, dass eine Funktion der Schule die Ausbildung von qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften ist. An der Universit\u00e4t werden dementsprechend die Arbeiter*innen f\u00fcr die anspruchsvollsten Berufe ausgebildet, die die Gesellschaft f\u00fcr ihre Aufrechterhaltung ben\u00f6tigt. Doch je anspruchsvoller die Arbeit und je innovativer die Forschung, die verrichtet werden muss, damit eine weitere Produktivkraftsteigerung noch m\u00f6glich ist, desto wichtiger sind arbeitende und forschende Subjekte, die ausgestattet sind mit Eigenschaften wie Kreativit\u00e4t, Selbstst\u00e4ndigkeit und Nonkonformismus. Es ist nat\u00fcrlich keinesfalls so, dass sich das grunds\u00e4tzlich nicht mit der herrschenden Ideologie vereinbaren l\u00e4sst \u2013 im Gegenteil. Die Fahnenw\u00f6rter der neoliberalen Ideologie der New Economy hei\u00dfen ja gerade \u00bbInnovation\u00ab, \u00bbEigeninitiative\u00ab, etc. Aber bei der Bildung von kreativen, selbst denkenden Menschen \u2013 wenn auch nur im funktionalen Sinne \u2013 braucht es Allgemeinbildung und Grundlagenforschung, welche wiederum langfristige Unternehmungen sind, die durch eine gewisse Unberechenbarkeit und Ergebnisoffenheit gepr\u00e4gt sein m\u00fcssen, wenn sie ihren Zweck erf\u00fcllen sollen. Das Kapital ist daher \u2013 um seiner eigenen langfristigen Vermehrung willen \u2013 bereit, ein gewisses Risiko bei der Reproduktion der Arbeitskr\u00e4fte einzugehen. Das Kalk\u00fcl k\u00f6nnte man folgenderma\u00dfen beschreiben: An den Universit\u00e4ten werden Freir\u00e4ume zugelassen, die beinhalten, dass das Studium nicht v\u00f6llig reglementiert ist; dass Forschung und Lehre nicht unmittelbar verwertbar sein m\u00fcssen und ihnen auch ihre langfristige Verwertbarkeit nicht unbedingt anzusehen sein muss; dass kritische und unkonventionelle Inhalte bis zu einem gewissen Grad zugelassen werden, solange dabei hochwertige und flexible Arbeitskr\u00e4fte entstehen und von Zeit zu Zeit ein neuer genialer Entrepreneur \u00e0 la Elon Musk. Dabei wird in Kauf genommen, dass das Bildungssystem auch \u00bbAusschuss\u00ab produziert, der w\u00e4hrend seiner Ausbildung ein bisschen zu viel Marx abbekommen hat und dessen veredeltes Humankapital sich jetzt nicht mehr so einfach verwerten l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das hei\u00dft, dass man die Universit\u00e4t durchaus als eine Institution begreifen kann, die innerhalb des Kapitalismus eine systemst\u00fctzende Funktion erf\u00fcllt, ohne gleich leugnen zu m\u00fcssen, dass in ihr Inhalte vermittelt und Gedanken gedacht werden k\u00f6nnen, die nicht einfach in dieser Funktion aufgehen. Dass es sich dabei um ein kalkuliertes Risiko handelt, bedeutet auch nicht per se, dass letztlich alles, was an der Uni passiert, doch wieder vom System einholbar ist. Die Angst der Herrschenden ab den 60er Jahren, dass an den Universit\u00e4ten gesellschaftliche Kr\u00e4fte br\u00fcteten, die zu einer echten Gefahr f\u00fcr die herrschende Ordnung werden k\u00f6nnten, war zwar \u00fcbertrieben, aber real. Auch vor diesem Hintergrund muss man z.B. die Bologna-Reform bewerten. Zwar ist das vorrangige Ziel der neusten Uni-Reformen vor allem das, der Privatwirtschaft Ausbildungskosten zu ersparen und neue M\u00e4rkte zu er\u00f6ffnen, doch es geht auch um eine Minimierung der Gefahr der politischen Radikalisierung an den Unis. Zumindest kann man konstatieren, dass 50-seitige Studienordnungen, dutzende Zwischenpr\u00fcfungen und das ECTS-System genau diesen Effekt haben. Hieraus k\u00f6nnte man f\u00fcr eine linke Strategie an den Hochschulen ableiten, dass es einerseits darum geht, f\u00fcr mehr Spielraum im Studium, f\u00fcr mehr nonkonformistische Lehre und Forschung zu k\u00e4mpfen, und andererseits mit den existierenden Freir\u00e4umen so zu arbeiten, dass diese sich als m\u00f6glichst unvorteilhaft f\u00fcrs Kapital erweisen, sodass dessen Rechnung dabei m\u00f6glichst schlecht aufgeht. Kurz: Es geht darum, die Widerspr\u00fcche, durch die Universit\u00e4t und Bildung gepr\u00e4gt sind, so zu nutzen, dass m\u00f6glichst viel von dem entsteht, was aus Sicht der kapitalistischen Verwertbarkeit Taugenichtse sind, also Menschen, die nicht mehr oder nur noch bedingt im Sinne des Systems funktionieren. Gleichzeitig muss es auch das Ziel sein, dass deren Widerst\u00e4ndigkeit eine bewusste, aufgekl\u00e4rte und solidarische ist und keine destruktive, ressentimentgeladene und vereinzelte. Man k\u00f6nnte auch sagen, es gelte nach wie vor der ureigensten Aufgabe der Philosophie nachzugehen, n\u00e4mlich die Jugend zu ruinieren.<a href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\">6<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit diesen \u00dcberlegungen vor Augen muss man sich auch nicht mehr irritieren lassen, sollten die eigenen hochschulpolitischen Forderungen und Vorstellungen an einigen Punkten mit jenen von Vertreter*innen der Wirtschaft oder konservativen Professor*innen konvergieren. Wer aus diesen \u00dcbereinstimmungen ohne Umst\u00e4nde auch eine \u00dcbereinstimmung im Geiste ableitet \u2013 und das passiert des \u00d6fteren \u2013 dessen Analyse bleibt oberfl\u00e4chlich. Au\u00dferdem erscheinen nun auch eher unscheinbare, kleine Ver\u00e4nderungen als potentiell bedeutsam. F\u00fcr mehr studentische Seminare oder f\u00fcr eine kritische Professorin auf dem Lehrstuhl f\u00fcr deutschen Idealismus zu streiten, hei\u00dft eben nicht notwendig, sich blo\u00df um mehr Verdienstm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Studis oder um mehr Renommee f\u00fcr das eigene Institut zu sorgen. Man kann dies auch im Kontext der Frage nach dem m\u00f6glichst reibungslosen \u2013 oder eben nicht reibungslosen \u2013 Ablauf der \u00bbReproduktion der Produktionsverh\u00e4ltnisse\u00ab sehen, also der Frage danach, ob der ganze Mist so weiter geht oder ob sich etwas \u00e4ndert. Anstatt in den Tenor derjenigen Kritik einzustimmen, die studentische Proteste und hochschulpolitisches Engagement gerne pauschal als partikulare Klientelpolitik abtut, sollte man mehr Theoriearbeit in die Frage stecken, was ein kritischer Dozent, was eine Klausur mehr oder weniger, was anrechenbare Lesekreise, was die kritischen Orientierungswochen, was ein studentisch organisierter Universit\u00e4tsraum eigentlich mit dem \u00bbGanzen\u00ab zu tun hat.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Gl\u00fccklicherweise handeln diejenigen, die sich in der Uni politisch engagieren, in aller Regel bereits nach dieser Maxime. Dennoch k\u00f6nnte der Versuch intensiviert werden, eine breiter angelegte Strategie zu verfolgen, die die verschiedenen Ebenen, auf denen emanzipatorische Kr\u00e4fte auf die Uni einwirken k\u00f6nnen \u2013 Fachschaften, ASten, Hochschulgruppen, Unigremien, Besetzungen, kritische Dozent*innen \u2013 besser miteinander vernetzt und koordiniert. Gut orchestrierte Aktionen k\u00f6nnten so eine gro\u00dfe Wirksamkeit entfalten. Daf\u00fcr br\u00e4uchte es aber ein anderes, ein aktualisiertes Verst\u00e4ndnis der Universit\u00e4t. Man k\u00f6nnte zudem noch mehr die Frage danach in den Blick nehmen, mit welchen Inhalten die Studierenden im Laufe ihres Studiums konfrontiert werden, um einen gezielten Einfluss darauf zu nehmen. Wichtig w\u00e4re es auch, die Studierenden dazu zu bef\u00e4higen, selbstbestimmt mit ihrer Studienordnung und den Spielr\u00e4umen, die in der Uni existieren, umzugehen. Diese Vorschl\u00e4ge bleiben improvisiert, k\u00f6nnen aber hoffentlich einmal durch weitere Diskussionen \u2013 nicht zuletzt angesto\u00dfen durch die HUch \u2013 weitergedacht werden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Noch einiges mehr bleibt vorerst unausgesprochen oder unterbestimmt. Es fehlt etwa eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Begriff der Bildung. Die Schwierigkeiten einer politischen Strategie, die man, in Anlehnung an Adorno, eine \u00bbWendung aufs Subjekt\u00ab<a href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\">7<\/a> nennen k\u00f6nnte, wurden kaum diskutiert, die bildungspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre nicht hinreichend dargestellt. Die Bedeutung der Universit\u00e4ten auch f\u00fcr die materielle Reproduktion der Linken wurde nicht dargelegt. Dieser Text endet jedoch mit der Hoffnung, dass diese L\u00fccken als Einladung zur konstruktiven Diskussion empfunden und auch angenommen werden. Das Thema \u2013 die Universit\u00e4t als Ort politischer Auseinandersetzung mit ganz besonderen Bedingungen \u2013 ist zu wichtig, um nicht erneut ausf\u00fchrlich diskutiert zu werden. Wir sollten uns dabei nicht von mittlerweile \u00fcberkommenen Vorurteilen gegen\u00fcber linker Hochschulpolitik oder einer allzu einseitigen Sicht auf die Universit\u00e4t hemmen lassen.<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1\u00a0<\/a>Da hei\u00dft es etwa im Vorwort: \u00bbDie Hochschule als Teil der Gesellschaft kann sich der Alternative unserer historischen Lage nicht entziehen. Entweder wirkt sie mit an der dynamischen Weiterentwicklung zur sozialen Demokratie und der Demokratisierung der Gesellschaft, oder sie wird Instrument in einer Entwicklung zu autorit\u00e4ren Gesellschaftsformen. Im zweiten Fall m\u00fc\u00dfte sie vollends den ihr eigenen Anspruch der Aufkl\u00e4rung aufgeben: M\u00fcndigkeit und Selbstbestimmung der Menschen in einer vern\u00fcnftigen, freien Gesellschaft zu verwirklichen.\u00ab<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2\u00a0<\/a>Siehe hierzu auch den Text \u00bbIm Modus der Modulationen\u00ab von Gerald Raunig, der in der letzten Huch abgedruckt wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3\u00a0<\/a>Diese zugespitzten Gegen\u00fcberstellungen sind nat\u00fcrlich tendenziell falsch. Eher, als dass sich die hier geschilderten Ansichten einzelnen Menschen oder Gruppen zuordnen lassen, sind sie Teil eines inneren Konflikts, den die meisten von uns austragen, die sich kritisch mit ihrem politischem Engagement und ihrem privilegiertem Status als Student*in auseinandersetzen. Ziel des Textes ist es daher auch weniger einen Konflikt zu beschw\u00f6ren, den es so evtl. gar nicht gibt, sondern vielmehr die hoffnungsvolle und idealistische Zweitsemester*, die wir alle mal waren, mit der resignierten Materialist*in, zu der viele von uns geworden sind, ein St\u00fcck weit miteinander zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4\u00a0<\/a>Wir folgen in diesem Abschnitt Althussers ber\u00fchmtem Text \u00bbIdeologie und ideologische Staatsapparate\u00ab.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5\u00a0<\/a>Heute k\u00f6nnte man die Bedeutung der Schule f\u00fcr die Reproduktion der Produktionsverh\u00e4ltnisse noch weitaus gr\u00f6\u00dfer einsch\u00e4tzen als zu Althussers Zeiten. Durch fr\u00fchkindliche F\u00f6rderung, Vorschule und den neuen kategorischen Imperativ des \u00bblebenslangen Lernens\u00ab verbringt man nicht mehr nur die Kindheit, Jugend und evtl. das fr\u00fche Erwachsenenalter in der Schule, sondern man kann sich an den Eintritt in sie gar nicht mehr erinnern und man wird sie auch nie wieder verlassen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">5\u00a0<\/a>Inwieweit sich der Standpunkt der Produktion und der der Reproduktion komplement\u00e4r, bzw. kontr\u00e4r zueinander verhalten, k\u00f6nnen wir hier nicht im Detail kl\u00e4ren. Deutlich soll jedoch werden, dass die Sache mit der <span lang=\"zxx\">\u00bb<\/span>herrschenden Ideologie<span lang=\"zxx\">\u00ab<\/span> und ihrer Implementierung noch etwas komplizierter ist als gedacht und dass dabei wieder einmal die Bildungsinstitutionen, insbesondere die Universit\u00e4ten, eine besondere Rolle spielen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">6\u00a0<\/a>Wir folgen hier weitestgehend den Argumenten von Emanuel Kapinger und Thomas Sablowski, dargelegt in ihrem Text \u00bbBildung und Wissenschaft im Kapitalismus\u00ab ver\u00f6ffentlicht in dem Sammelband \u00bbWas passiert?\u00ab der Buchreihe \u00bbUnbedingte Universit\u00e4ten\u00ab, die von einem M\u00fcnchener Kollektiv ins Leben gerufen wurde, welches sich w\u00e4hrend der Uni-Besetzungs-Welle im Jahr 2009 gebildet hat. Alle Ver\u00f6ffentlichungen der Reihe sind sehr zu empfehlen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">6\u00a0<\/a>Was j\u00fcngst noch einmal von Slavoj \u017di\u017eek ein seinem Artikel \u00bbNur ein Sokrates kann uns retten\u00ab f\u00fcr die NZZ bekr\u00e4ftigt wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">7\u00a0<\/a>Diese Formel benutzt Adorno in dem Rundfunkbeitrag \u00bbErziehung nach Auschwitz\u00ab von 1966. Da er nicht glaubt, dass man viel an den objektiven Bedingungen f\u00fcr einen m\u00f6glichen, erneuten R\u00fcckfall in die Barbarei \u00e4ndern kann, sieht er es als die einzige verbliebene Option an, beim Subjekt anzusetzen, mit den Mitteln der Erziehung zu verhindern, dass Menschen wieder zu T\u00e4tern werden. Seine Diagnose ist auch heute noch bedenkenswert.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Joshua Schultheis Die ganze Provokation liegt schon im Titel. \u00bbHochschulpolitik\u00ab ist ein Unwort in der politischen Linken, auch und vielleicht gerade unter ihren Vertreter*innen an den Universit\u00e4ten. Das Nachdenken \u00fcber die strategische Bedeutung der Hochschulen und das emanzipatorische Potential unter den Studierenden und Intellektuellen roch schon immer verd\u00e4chtig nach Elitarismus und Klassenverrat. 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