{"id":170,"date":"2018-01-25T19:58:32","date_gmt":"2018-01-25T18:58:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=170"},"modified":"2020-04-11T14:35:07","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:07","slug":"politik-konflikt-und-poesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2018\/01\/politik-konflikt-und-poesie\/","title":{"rendered":"Politik, Konflikt und Poesie. Versuch einer Theorie f\u00fcr eine universit\u00e4re Bewegung \u2013 HUch#87"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\">Von Matthias Ubl<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><a name=\"__DdeLink__3667_1670164784\"><\/a> <em>\u00bbIch schlage also vor, zu sagen, dass wir ins Zeitalter der Aufst\u00e4nde eingetreten sind, womit sich ein Erwachen der Geschichte ank\u00fcndigt und konstituiert, gegen die reine und blo\u00dfe Wiederholung des Schlimmsten.\u00ab<\/em> <a href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">0. Ohnmacht, Anfangen.<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Im Angesicht des unaufh\u00f6rlichen und qualvollen Sterbens der Menschen an den Au\u00dfengrenzen Europas, der milit\u00e4rischen Abriegelung dieses Kontinents, der Wiederkehr des Faschismus und der unaufhaltsamen \u00f6kologischen Zerst\u00f6rung der Erde und des Menschen durch den rastlosen Kapitalismus \u2013 <\/span><span lang=\"de-DE\">und schon dieser Satz scheint falsch, weil er das Leid und den Schrecken des von ihm Bezeichneten nicht zum Ausdruck bringen und seine Logik der Aufz\u00e4hlung den immanenten Zusammenhang all dieser Entwicklungen nicht ber\u00fchren kann<\/span><span lang=\"de-DE\"> \u2013 im Angesicht also dieser Gewalt(-en), scheint uns die eigene Ohnmacht (auch die sprachliche) zu ersticken. Gleichzeitig gibt es Widerstand, Riots, Aufst\u00e4nde. Von Buenos Aires \u00fcber Hamburg nach Paris zirkulieren sie \u00fcber den Erdball wie die Waren- und Geldstr\u00f6me des Kapitals. Es d\u00e4mmert uns, dass mit diesem System etwas nicht stimmt. Menschen werden obdachlos, weil zu viele Wohnungen gebaut werden. Sie hungern, weil zu viele Lebensmittel produziert wurden.<a href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a> Acht M\u00e4nner haben so viel Geld wie 3,6 Milliarden Menschen.<\/span> Eine Milliarde Menschen leben heute als \u00bb\u00dcberfl\u00fcssige\u00ab in Slums. <span lang=\"de-DE\">Die Irrationalit\u00e4t der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse ist kaum zu karikieren. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch die Streiks, Riots, sozialen Bewegungen usw. sind im Moment noch schwach und ihre Wirkung zeitlich und lokal begrenzt. Sie verweisen in sich auf eine andere Zukunft, sind gleichsam ihre Vorboten, k\u00f6nnen jedoch noch keine revolution\u00e4re oder transformierende Kraft entfalten. Wir sind noch zu wenige und zu zerstreut. Vor allem im Auge des Sturms, im Krisengewinnerland Deutschland. Die Frage stellt sich also, wie und wo wir anfangen sollen, eine andere Zukunft vorzubereiten. Denn wenn etwas alternativlos ist, dann diese. Dieser Text stellt die Frage, ob die Universit\u00e4t ein geeigneter Ort f\u00fcr die Organisation eines Neuanfangs sein kann. Es soll die Logik einer Politik an den Hochschulen skizziert werden, die in letzter Instanz auf die oben beschriebene historische Situation und die Abschaffung des Kapitalismus und seiner Verheerungen bezogen ist. (Denn was sonst sollte Sinn von Politik sein?) Des Weiteren soll ausgef\u00fchrt werden, warum die universit\u00e4re Praxis heute eine neue \u00bbPoesie der Bewegung\u00ab entwickeln muss. Einen gewissen Gr\u00f6\u00dfenwahn will sich der Autor bei all dem nicht abgew\u00f6hnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">1. <\/span>Was einst die Fabrik war, ist nun die Universit\u00e4t<a href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\">3<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Warum radikale Politik ausgerechnet an der Uni? Stellen die studentischen Subjekte nicht potentiell die herrschende Klasse, die keine Ver\u00e4nderung will? Ist die Universit\u00e4t nicht nur eine kleine, elit\u00e4re Institution zur Ausbildung der Ware Arbeitskraft? Ich glaube, wir m\u00fcssen die Lage der Universit\u00e4t zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu denken. Knapp 52 Prozent der Sch\u00fcler*innen eines Jahrgangs beginnen heute in Deutschland ein Studium an einer Hochschule oder einer Universit\u00e4t. 2010 waren es noch 46 Prozent \u2013 die Tendenz ist weiterhin steigend.<a href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\">4<\/a> Zum Vergleich: Im Jahre 1970 (also kurz nach Beginn der 68er Revolte) waren es gerade einmal 12 Prozent. Die Universit\u00e4ten von heute \u2013 so legen es diese Zahlen nahe \u2013 sind also l\u00e4ngst nicht mehr die elit\u00e4ren Bildungsinstitutionen der Wenigen, f\u00fcr die sie vor allem Linke oft noch halten. Vielmehr m\u00fcssen wir von der Universit\u00e4t als einem zentralen Ort der Ausbildung und Subjektivierung sprechen. Im \u00bbkognitiven Kapitalismus\u00ab ist die Universit\u00e4t dar\u00fcber hinaus die zentrale Produktionsst\u00e4tte der Ware \u00bbWissen\u00ab. \u00bbWelcome to the machine\u00ab, so werden, in einer Karikatur des Satirikers Gerhard Seyfried, die Student*innen in der \u00bbWissensfabrik\u00ab begr\u00fc\u00dft. Gehen wir n\u00e4her auf die Analogie von Universit\u00e4t und Fabrik ein.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Mit der Formierung der klassischen Industriearbeiter*innenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Fabrik zum zentralen Ort des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit, der Streik das \u00fcbliche Mittel des Kampfes. Um sie herum bildete sich eine widerst\u00e4ndige Kultur des \u00bbProletkults\u00ab (Volksb\u00fchne, Arbeiterlesezirkel usw.). <\/span><span lang=\"de-DE\">Sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren ist diese formierte Arbeiterklasse jedoch verschwunden, wurde \u2013 zumindest in den meisten L\u00e4ndern des globalen Nordens \u2013 sozialstaatlich eingehegt. Mit dem Postfordismus nimmt der \u00bbExodus der Arbeiter aus der Fabrik\u00ab endg\u00fcltig seinen Lauf<a href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\">5<\/a>. Die Produktion diffundiert in die Gesellschaft \u2013 eine Entwicklung, in der die Zirkulation gegen\u00fcber der Produktion enorm an Bedeutung gewinnt. <\/span><span lang=\"de-DE\">V<\/span><span lang=\"de-DE\">iele Arbeitskr\u00e4fte arbeiten nicht mehr in Bereichen der klassischen industriellen Produktion, sondern in Vertrieb, Werbung, Logistik, Dienstleistung, digital economy usw. (Hiermit geht auch der massive Bedeutungszuwachs des finanziellen Sektors einher.) <\/span><span lang=\"de-DE\">Genau diese Zerstreuung der Lohnabh\u00e4ngigen und die damit einhergehende Entsicherung und Monadisierung schw\u00e4cht auch deren Position im Arbeitskampf. Meine These w\u00e4re nun, dass auf den Exodus der Arbeiter*innen aus der Fabrik der Introitus (also Einzug) derselben in die Universit\u00e4ten folgt \u2013 zumindest tempor\u00e4r, da sie dort f\u00fcr den neuen Arbeitsmarkt qualifiziert werden. Damit konzentriert die Universit\u00e4t die Subjekte r\u00e4umlich-zeitlich an einem Ort und stellt auf diese Weise (auch hier der Fabrik nicht un\u00e4hnlich) eine Art geteilten \u00f6ffentlichen Raum her, wie er in weiten Teilen der Gesellschaft zerfallen ist. Wenn all das stimmt, dann beerbt die Universit\u00e4t in gewisser Hinsicht auch die Fabrik als ausgezeichneten Ort des gesellschaftlichen Konflikts. Wie ist das zu verstehen? Einerseits \u2013 insofern die Universit\u00e4t auch f\u00fcr Student*innen zum Arbeitsplatz wird \u2013 ist damit der \u00bbklassische\u00ab Arbeitskampf um Lohn und Arbeitsbedingungen gemeint. Andererseits \u2013 insofern die Universit\u00e4t weiterhin ein \u00bbideologischer Staatsapparat\u00ab (Althusser) ist \u2013 geht es zugleich um einen \u00bbKampf um die Subjekte\u00ab. Denn die Universit\u00e4t bildet die Studierenden nicht nur zu gut funktionierenden Arbeitskr\u00e4ften aus, sie besorgt auch deren ideologische Anpassung an die kapitalistische Wirtschaftsweise. Jene Anpassung funktioniert nat\u00fcrlich nie reibungslos. Und kritisches Denken, Forschen und Leben bedeuten gerade den Kampf gegen diese ideologische Zurichtung. Als \u00bbgeteilter \u00f6ffentlicher Raum\u00ab ist die Universit\u00e4t au\u00dferdem ein ausgezeichneter Ort f\u00fcr politische Kampagnen. All das ist die Uni nat\u00fcrlich nicht erst seit gestern. Mit der Ver\u00e4nderung des makro-\u00f6konomischen Rahmens und der Stellung der Uni in diesem (und ich gehe davon aus, dass die Digitalisierung der Produktion die hier beschriebene Tendenz noch verst\u00e4rken wird), \u00e4ndert sich aber die Rolle, die sie strategisch in unserer Politik spielen sollte. Zusammenfassend m\u00f6chte ich Caffentzis und Federici zitieren: <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">\u00bbWar einst die Fabrik ein paradigmatischer Ort des Kampfes zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen, so ist heute die Universit\u00e4t ein wesentlicher Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion der Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung. Denn die Universit\u00e4t ist nicht einfach eine weitere Institution, die der staatlichen und gouvernementalen Kontrolle unterworfen ist, sondern ein entscheidender Ort, an dem breitere soziale K\u00e4mpfe gewonnen und verloren werden.\u00ab<a href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\">6<\/a><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Man m\u00f6chte der radikalen Linken zurufen: \u00bbHier sind die Leute, hier tanze!\u00ab<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Die Universit\u00e4t bildet also eine Art \u00bbkonfliktive Durchlaufstation\u00ab. Eine starke Linke, die auf diese Konflikte einwirkt, sie versch\u00e4rft und andererseits eine Art \u00bbkulturelle Hegemonie\u00ab an der Uni erlangt, h\u00e4tte also \u2013 so w\u00e4re meine Wette \u2013 gute Chancen auch entscheidende, emanzipatorische Impulse in den Rest der Gesellschaft zu tragen. Entscheidend hierf\u00fcr w\u00e4re auch, dass gro\u00dfe postautonome B\u00fcndnisse wie die Interventionistische Linke und &#8230;ums Ganze! sich wieder mehr auf die Universit\u00e4t konzentrieren w\u00fcrden. Paradoxer Weise will man in diesen Gruppen ja \u00fcber die \u00bbSzenegrenzen\u00ab hinaus Politik machen, tut dies aber nicht dort, wo es (habituell zum Beispiel) am naheliegendsten w\u00e4re. Dort, wo auch ein gro\u00dfer Teil der Aktivist*innen \u00bb<\/span><span lang=\"de-DE\">herkommt\u00ab und wo \u2013 wie gesagt \u2013 ein gro\u00dfer Teil der Lohnabh\u00e4ngigen heute ausgebildet wird. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Doch wie sieht unsere konkrete Situation an der Uni aus? Die Linke <\/span><span lang=\"de-DE\">schreibt sich wieder kontinuierlich \u2013 wenn auch oft konspirativ und zerst\u00fcckelt \u2013 in die Strukturen der Universit\u00e4t ein, sei es durch die Besetzung von AStA-Stellen, im Stupa, durch studentisch organisierte Marx- oder Butler-Lesekreise und Projekttutorien. Sie kritisiert geschlechtsspezifische Machtverh\u00e4ltnisse. Sie blockiert Veranstaltungen der AfD oder st\u00f6rt die von rechten Professoren. Seit einigen Jahren gibt es an vielen deutschen Unis wieder selbstorganisierte kritische Orientierungswochen. Es haben sich lose (post-)autonome Gruppen gegr\u00fcndet sowie eine radikale Basisgewerkschaft in Frankfurt, die die Uni in r\u00e4tedemokratische Strukturen bringen will, und auch der Mittelbau beginnt sich zu organisieren. Ebenso gibt es viele linke wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Dozent*innen, die wichtige Arbeit leisten. In Berlin k\u00e4mpfen die studentischen Besch\u00e4ftigten seit langem f\u00fcr einen besseren Lohn. All diese Initiativen laufen jedoch im Moment noch relativ unverbunden nebeneinander her. Sie sind in bestimmter Hinsicht unorganisiert und nicht in der Lage, sich l\u00e4ngerfristige Ziele zu setzen und politische Strategien zu entwickeln, die aus der Rebellion eine Bewegung entstehen lassen k\u00f6nnten. In vielerlei Hinsicht sind wir zu gespalten und zerstritten und viele Aktivist*innen sind in anderen politischen Zusammenh\u00e4ngen au\u00dferhalb der Uni aktiv. Ich glaube, dass es diesbez\u00fcglich einen Paradigmenwechsel braucht. Wie kann also eine Politik ums Ganze an der Universit\u00e4t aussehen?<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">2. Linke Infrastruktur und die Politik des Konflikts<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich m\u00f6chte nun zun\u00e4chst zwei Bereiche skizzieren, die eine radikale Politik an der Uni umfassen m\u00fcsste, um dann durch sie eine Logik der \u00bbPolitik des Konflikts\u00ab zu entwickeln, die auf das \u00bbEreignis\u00ab verweist. Ich lehne mich hierf\u00fcr an den Ereignisbegriff von Alain Badiou an, \u00bbl\u00f6se\u00ab ihn aber aus seinem strengen philosophischen Rahmen, dessen Erl\u00e4uterung ich an dieser Stelle nicht leisten kann. Ich benutze den Ereignisbegriff hier, um mit ihm eine \u00bbkognitive Karte\u00ab f\u00fcr radikale universit\u00e4re Politik zu zeichnen, bzw. diese im Kontext eines Ereignisses zu lokalisieren. Meine These w\u00e4re dann, dass durch die intensivierte, aktivistische Arbeit in den Bereichen (a) der Organisation und (b) des Konflikts an der Universit\u00e4t ein \u00bbfruchtbarer Boden\u00ab f\u00fcr das Sich-Ereignen des Ereignisses bereitet werden kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Ereignis markiert f\u00fcr Badiou immer einen Bruch oder eine Revolution. Historische Beispiele sind die Selbsterm\u00e4chtigung des Proletariats oder die Subjektivierung, die der Feminismus hervorgebracht hat. Hier kommt durch ein oder mehrere Ereignisse (durchaus materialistisch gedacht) ein \u00bb\u00fcberz\u00e4hliger Signifikant\u00ab ins Spiel, der etwas Ausdruck verleiht, was vorher strukturell ausgeschlossen blieb \u2013 ja, nicht einmal gedacht werden konnte. Wir k\u00f6nnen im Vorhinein nat\u00fcrlich noch nicht sagen, worin das Ereignis \u00bbgenau\u00ab bestehen wird. Es ist uns aber m\u00f6glich, dem Ereignis die Treue zu halten (auch den vergangenen genannten) in dem wir eine \u2013 wie Badiou sagen w\u00fcrde \u2013 \u00bbPolitik der Wahrheit\u00ab entwickeln, also eine Politik, die an emanzipatorischer Ver\u00e4nderung festh\u00e4lt. Ich schlage im Folgenden die Einteilung unserer Praxis in einen Bereich (a) und einen Bereich (b) vor, die in Wirklichkeit Momente einer fortschreitenden wellenartigen Bewegung sind.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">a) Organisation \/ Bildung:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wie oben erw\u00e4hnt, gibt es zahlreiche linke Initiativen an der Universit\u00e4t, die allerdings alle relativ vereinzelt arbeiten und somit bisher auch kaum eine gemeinsame Schlagkraft entwickeln k\u00f6nnen. Gleichzeitig haben diese Einzelinitiativen zumindest in Berlin Zulauf. Die Veranstaltungen der kritischen Orientierungswochen sind immer extrem gut besucht. Es gelingt auch, auf Dauer Einzelne in die autonomen Unigruppen einzubinden. Hieran gilt es anzukn\u00fcpfen. Es m\u00fcsste gelingen, die in den Orientierungswochen angesprochenen Student*innen in weitere selbstorganisierte Zusammenh\u00e4nge einzubinden. Von der aktivistischen Kleingruppe bis zum Lesekreis, der fachorientierten kritischen Gruppe (kritische Jurist*innen o.\u00c4.) bis zu linken Sportgruppen oder Projekttutorien ist einiges denkbar. Entscheidend w\u00e4re auch hier eine Vernetzung dieser Zusammenh\u00e4nge, die sie wiederum als blo\u00dfe Affinit\u00e4tsgruppen und Freundeskreise transzendiert. Aus dieser Vernetzung m\u00fcssten regelm\u00e4\u00dfige B\u00fcndnistreffen, Kongresse und Veranstaltungen hervorgehen, auf welchen \u00fcber den aktuellen Stand der Politik usw. diskutiert werden kann. Immer wieder m\u00fcsste auch (zum Beispiel in den Fachschaften) Werbung f\u00fcr Veranstaltungen gemacht werden. Und es m\u00fcssten neue Agitationsformen entwickelt werden, die unpolitische Student*innen ansprechen, ohne an Radikalit\u00e4t zu verlieren. Ein Kulturangebot \u2013 von der Zeitung bis zum Kneipenabend \u2013 m\u00fcsste her. Denkbar ist auch ein autonomes Bildungsnetzwerk mit kritischem Vorlesungsverzeichnis usw. Auch \u00fcber Vorfeldgruppen f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere, au\u00dferuniversit\u00e4re politische Zusammenh\u00e4nge ist nachzudenken. Die Einzelgruppen m\u00fcssten sich auch wieder st\u00e4rker im Stupa einbringen. Stupa-Arbeit ist Reproduktionsarbeit der Initiativen sowie der \u00bbwilden Struktur\u00ab, die mir vorschwebt. Diese Struktur muss aber auch \u00fcber die Grenzen der Universit\u00e4t hinaus \u00bbwuchern\u00ab. Die oben skizzierte Prekarisierung des Arbeitsmarktes und die Desintegration der Lohnabh\u00e4ngigen bringt schlie\u00dflich auch an anderen Stellen neue Konflikte hervor. Zu suchen w\u00e4ren diese zum Beispiel im Pflege- und Carebereich \u2013 so unterst\u00fctzten Studierende von FU und HU das streikende Personal der Charit\u00e9. Ein weiteres Beispiel ist die Unterst\u00fctzung der Streikenden bei Amazon (also im immer weiter an Bedeutung gewinnenden Logistikbereich), die in den letzten Jahren vor allem von Studierenden der Uni Leipzig organisiert wurde. Hier br\u00e4uchte es nicht nur Vernetzung und gegenseitige Unterst\u00fctzung, sondern auch einen Austausch \u00fcber gemeinsame widerst\u00e4ndige Praxen und die M\u00f6glichkeit der Verbindung und Ausweitung von K\u00e4mpfen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">b) Konflikte:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die letzten Jahre haben gezeigt: die Konflikte kommen von selbst. Seit dem Bildungsstreik 2009 ist es niemals wirklich ruhig geworden. Intern waren an der HU zum Beispiel Auseinandersetzungen um rechte Professoren und der immer noch andauernde Tarifkonflikt der studentischen Besch\u00e4ftigten aktuell. Auseinandersetzungen k\u00f6nnen sich weiterhin \u00fcber den Erhalt oder die Eroberung linker R\u00e4ume innerhalb der Uni oder, wie j\u00fcngst geschehen, an der versuchten Absetzung eines kritischen Dozenten entz\u00fcnden. Falls die FDP in den n\u00e4chsten Jahren an St\u00e4rke gewinnen sollte, ist au\u00dferdem punktuell wieder mit der Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren zu rechnen. Zudem wird sicherlich immer wieder versucht werden, K\u00fcrzungen im Mittelbau, in der studentischen Selbstverwaltung und bei sog. \u00bbExotenf\u00e4chern\u00ab bzw. deren Fakult\u00e4ten vorzunehmen. Hier m\u00fcssen Proteste, Besetzungen und St\u00f6rungen des normalen Betriebs organisiert werden. Auch anderweitige \u00dcberschreitungen und Aktionen, die die Regeln des gesetzlich Erlaubten etwas lockerer auslegen, sind zu begr\u00fc\u00dfen, da sie unverzichtbar f\u00fcr die Entwicklung widerst\u00e4ndiger Subjekte sind. Politische Aktionen k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch von der Uni ausgehen und sich auf au\u00dferuniversit\u00e4re Themen beziehen, zum Beispiel die Solidarit\u00e4t mit Gefl\u00fcchteten. Im Sinne einer strategischen Kampagne k\u00f6nnte zum Beispiel auch gegen unbezahlte Zwangspraktika protestiert werden, worauf Christiane Kleinschmidt in der letzten Ausgabe der HUch hingewiesen hat. Hieran lie\u00dfe sich auch allgemein die Angewiesenheit zum Beispiel des Berliner Kulturbetriebs auf solche unbezahlten Jobs skandalisieren. Die erfolgreiche (b) Arbeit des Konflikts, setzt dabei eine starke (a) linke Infrastruktur voraus, wobei ein intensiver Konflikt wiederum den Zulauf und den Ausbau der organisierten Struktur anregt. Durch die Konflikte m\u00fcssten Schritt f\u00fcr Schritt Verbesserungen der eigenen Lage erreicht werden \u2013 d.h. mehr studentische Projekttutorien, mehr Geld f\u00fcr Stupa und AStA, mehr Gruppen usw.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Hoffnung w\u00e4re nun, dass sich auf Grundlage einer etablierten linken Infrastruktur (a) und infolge ausgefochtener Konflikte (b) gewisserma\u00dfen etwas Unvorhergesehenes ereignet \u2013 eben das Ereignis, das den bisher zerstreuten Aktivist*innen, Prek\u00e4ren und Ausgeschlossenen ihren Platz im politischen Diskurs und damit im politischen Kampf zuweist. Und war nicht die ISW-Besetzung ein solches kleines, mikropolitisches Ereignis? Letztlich entstand aus einem nicht wirklich bedeutsamen Konflikt (der Entlassung eines sympathischen Dozenten und potentiellen Staatssekret\u00e4rs f\u00fcr Stadtentwicklung) eine Besetzung, die neue Formen von politischen B\u00fcndnissen und Ideen hervorbrachte und damit eine neue Dynamik universit\u00e4rer Politik an der HU zeitigte. In der Besetzung haben sich Menschen zusammengefunden, die f\u00fcr eine radikale Ver\u00e4nderung von Universit\u00e4t und Gesellschaft eintreten \u2013 also f\u00fcr das, wor\u00fcber im offiziellen politischen Diskurs (sowohl in der Uni als auch gr\u00f6\u00dftenteils in der Gesellschaft) nicht gesprochen werden kann und wof\u00fcr es noch keine geeinte politische Kraft gibt. Worin liegt aber die Macht eines solchen Ereignisses \u2013 einer Besetzung oder auch einer gr\u00f6\u00dferen Demonstration? In ihr findet eine \u00bbIntensivierung subjektiver Energie\u00ab (Badiou) statt. Alle arbeiten mit, man organisiert, blockiert, pleniert usw. Man begeistert sich. Diese Energie potenziert sich und f\u00fchrt zu etwas Neuem. Erreicht ein Ereignis wirklich eine kritische Gr\u00f6\u00dfe, birgt es ein Element von \u00bbvorschreibender Universalit\u00e4t\u00ab<a href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\">7<\/a>. Das hei\u00dft, ich zitiere Badiou:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00bbDer Komplex der Lokalisierung, der f\u00fcr die ganze Welt [oder die Uni, M.U.] zum Symbol wird, und der Intensivierung, die neue Subjekte erschafft, f\u00fchrt zu einem massiven Zulauf, und jeder, der eine Ausnahme davon bildet, steht sofort unter <em>Verdacht<\/em>. Unter Verdacht, gemeinsame Sache mit den alten Despoten zu machen.\u00ab<a href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\">8<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Beim Aufbau einer universit\u00e4ren Bewegung m\u00fcssen wir auf diese Dynamik vertrauen. Es geht letztlich darum, dass sie den Ansto\u00df f\u00fcr eine gesamtgesellschaftliche, radikale, antikapitalistische Politik geben muss. Noch einmal sei hier Badiou zitiert:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00bbAber wer hat jemals einen Aufstand gesehen, in dem die Alten in der ersten Reihe standen? Die studentische Jugend aus dem Volk ist \u00fcberall, wie man es in China 1966-67, in Frankreich 1968, aber ebenso auch 1848, zu Zeit der Fronde, bei der Revolte der Taipings gesehen hat, und letztendlich immer und \u00fcberall der harte Kern der Aufst\u00e4nde.\u00ab<a href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\">9<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Noch sind wir nicht so weit. Vielleicht stimmt es, dass wir eine \u00bbGeneration des \u00dcbergangs\u00ab sind, wie Milo Rau es neulich in einem Interview \u00fcber sein neues Lenin-St\u00fcck an der Schaub\u00fchne sagte. Noch sp\u00fcren wir die Folgen des Klimawandels nicht in voller H\u00e4rte. Noch haben die meisten von uns Geld und Arbeit. Doch denken wir nur einmal globaler \u2013 schon wird sie schlagartig kraftlos, die Erz\u00e4hlung vom Ende der Geschichte. Aber welches alternative Narrativ haben wir als Bewegung anzubieten? Es fehlt an Visionen und an einer neuen \u00bbPoesie der Bewegung\u00ab, die genau auch die Erfahrung der Kluft zwischen unserer jetzigen, noch schwachen Position und der historisch zu leistenden Aufgabe sagbar macht, ohne fatalistisch zu werden. Darum soll es im letzten Teil dieses Essays gehen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">3. Poesie der Bewegung<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wie und wo anzufangen ist, das habe ich versucht aufzuzeigen, indem ich eine Politik des Konflikts skizziert habe. Wie verhindern wir aber, dass der oben genannte Modus sich in den kleinen Aktionen und K\u00e4mpfen verliert, die Gruppen zu Freundeskreisen, die Subjekte wieder zu Konsummonaden degenerieren? Wie verhindern, dass wir uns in politischen Differenzen verlieren und verfeinden und letztlich in der Autoaggression enden, die zumindest die politische Situation an der HU und der linken Szene lange Zeit gepr\u00e4gt hat? Meines Erachtens braucht es eine lebendige \u00bbPoesie der Bewegung\u00ab, die gewisserma\u00dfen das Gegenteil zum verschriftlichten und damit versteinerten \u00bbGruppen- und Selbstverst\u00e4ndnis\u00ab w\u00e4re. Ich beziehe mich, wenn ich von \u00bbPoesie\u00ab spreche, auf die im Sommer erschienene Studie zum romantischen Antikapitalismus im Vorm\u00e4rz, die Patrick Eiden-Offe vorgelegt hat. Die \u00bbPoesie der Klasse\u00ab ist die titelgebende Bezeichnung f\u00fcr die literarische Verarbeitung der Erfahrungen des \u00bbbuntscheckigen Haufens\u00ab (Marx), als welcher sich das Proletariat zu der Zeit des Vorm\u00e4rz und der beginnenden Industrialisierung darstellte. Eiden-Offe untersucht in seiner Studie zahlreiche Texte, die sich \u00bbder Selbstinterpretation der Erfahrung\u00ab der zu Beginn der Industrialisierung proletarisierten, also \u00bbenteigneten\u00ab, \u00bbunterminierten\u00ab \u00bbdesorganisierten\u00ab Bev\u00f6lkerungsschichten, des zerfallenden Handwerker- und Gesellentums, der Prostituierten, landlosen Bauern, Paupern usw. widmet. Eiden-Offe untersucht dabei verschiedenste literarische Werke (im weiten Sinne des Begriffs). Von Autoren wie Tieck und Heine \u00fcber die stark an der Arbeiter- und Gesellentradition orientierten Fr\u00fchsozialisten Weerth und Weitling bis zu Pamphleten und Zeitschriften wie dem <em>Hessischen Landboten<\/em> und dem <em>Gesellschaftspiegel<\/em>. Eiden-Offes Studie geht davon aus, dass die \u00bbobjektiven Bedingungen\u00ab, also reale, \u00f6konomische Prozesse (der Enteignung usw.) nicht einfach allein und automatisch zur Bildung von \u00bbKlasse\u00ab und Klassenbewusstsein gef\u00fchrt haben. Er schreibt:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00bbMan muss sich davor h\u00fcten, prim\u00e4re und sekund\u00e4re Aspekte von Klassenbildung \u2013 kurz: Basis und \u00dcberbau \u2013 allzu eilfertig sortieren zu wollen und so deren Gewichtung immer schon vorauszusetzen. Dabei geht diese Untersuchung durchaus von einem \u203aobjektiven\u2039 Klassenbegriff aus, der von \u00f6konomischen Prozessen und deren politischer und juridischer Moderation bestimmt wird. Aber die \u203asubjektive\u2039 Dimension dieses Prozesses; die Art und Weise, wie die \u203aobjektiven\u2039 Bedingungen imagin\u00e4r bearbeitet und damit kulturell lebbar, wie sie verstehbar und \u00fcberhaupt erst vorstellbar gemacht werden, wird von den objektiven Bedingungen nicht determiniert.\u00ab<a href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\">10<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eiden-Offe r\u00e4umt der theoretischen, aber vor allem auch der literarischen Produktion eine Rolle in der Klassenbildung und damit im Prozess der Formierung von Widerstand ein. Die Anstrengung des Begriffs, die von Marx und Engels im Laufe ihrer langj\u00e4hrigen Arbeit begonnen wurde, hat sich erst in der Poesie der Klasse und gegen diese entwickeln k\u00f6nnen. Sie baut gewisserma\u00dfen auf ihr auf. Mit jener und der Formierung einer organisierten Industriearbeiterschaft schwanden jedoch die bunten Gesellen und ihr romantischer Antikapitalismus. Dem \u00bbbuntscheckigen Haufen\u00ab folgte die Homogenisierung des Arbeiter*innenklasse (sowohl politisch, \u00f6konomisch als auch imagin\u00e4r) hin zum \u00bbklassischen\u00ab Proletariat. Dieses wurde im Fordismus jedoch zunehmend sozialstaatlich eingehegt und gesellschaftlich integriert und verlor damit seine politische Schlagkraft. Seit mehreren Jahrzehnten befinden wir uns jetzt jedoch wieder in einer Phase der Erosion genau dieser sozialen Garantien. (Wovon oben schon die Rede war.) Und hierin liegt die von Eiden-Offe benannte \u00bbinverse Aktualit\u00e4t\u00ab des Vorm\u00e4rz:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00bbWas nach dem Ende dieser formierten Arbeiterklasse kommt, ist das Proletariat in einer wieder rohen, ausgewilderten, heterogen-buntscheckigen Form. Die stetige Erosion des \u203aNormalarbeitsverh\u00e4ltnisses\u2039 treibt Klassenfigurationen hervor, die denen des Vorm\u00e4rz immer mehr \u00e4hneln. Es sind unreglementierte, \u203aungarantierte\u2039, immer nur vorl\u00e4ufige Arbeitsverh\u00e4ltnisse; Arbeitsverh\u00e4ltnisse, die eine strukturelle \u00dcberqualifikation der Arbeitskraft \u2013 wie im Vorm\u00e4rz bei den Handwebern und Tuchscherern \u2026 \u2013 mit systematischer \u00dcberausbeutung verbinden.\u00ab<a href=\"#sdfootnote11sym\" name=\"sdfootnote11anc\">11<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Erinnern wir uns an den ersten Teil dieses Essays: Die Universit\u00e4t ist der Ort, der uns ideologisch und ausbildungstechnisch f\u00fcr diese Arbeitsverh\u00e4ltnisse fit machen soll.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Nehmen wir also die hier entwickelten Gedanken auf: Auch wir brauchen eine neue Poesie der Bewegung und der Klasse. Sie m\u00fcsste unseren partikularen Politiken eine gemeinsame, gro\u00dfe, antikapitalistische Erz\u00e4hlung stiften, es also schaffen, unsere universit\u00e4re \u00bbPolitik des Konflikts\u00ab und deren Anstrengungen in den Kontext anderer emanzipatorischer Ans\u00e4tze und Bewegungen zu stellen, die Verwandtschaft verschiedener sozialer Bewegungen und deren Verbindungen <\/span><span lang=\"de-DE\"><em>erz\u00e4hlen<\/em>.<\/span><span lang=\"de-DE\"> Sie m\u00fcsste uns zu verstehen helfen, dass unsere \u00bbPolitik des Konflikts\u00ab an der Universit\u00e4t letztendlich nicht der Verbesserung dieses oder jenes Missstandes gilt, sondern dass sie unser Versuch ist, systematisch widerst\u00e4ndige Subjektivit\u00e4ten, herrschaftskritisches Wissen und eine Teilbewegung zur Ver\u00e4nderung des falschen Ganzen hervorzubringen. Sie m\u00fcsste es gleichzeitig \u2013 im Sinne des Vorm\u00e4rz \u2013 aufnehmen, an einer neuen Erz\u00e4hlung von \u00bbKlasse\u00ab zu arbeiten, in der die vom Baf\u00f6g zehrende Studentin, der \u00fcberarbeitete Pfleger, die Foodora-Fahrerin, die Sp\u00e4ti-Verk\u00e4uferin, Gefl\u00fcchtete und Depressive gleicherma\u00dfen Platz haben. \u00dcberall sind Proletarisierte, aber nirgendwo werden sie als Klasse imaginiert. Diese Erz\u00e4hlung muss nat\u00fcrlich auf die marxsche Begriffsbildung bezogen bleiben, diese aber nicht verdinglichen, sondern sie auf die neuen historischen Verh\u00e4ltnisse anwenden und wo n\u00f6tig auch dehnen. Diese Erz\u00e4hlung kennt nat\u00fcrlich keine einzelne<\/span><span lang=\"de-DE\"> Autor*in. Vielmehr muss sie \u2013 gleich der \u00bbwilden Struktur\u00ab und der massiven essayistischen Produktion der 68er \u2013 eher plural, vielstimmig und doch als aufeinander bezogen gedacht werden. <\/span>Bini Adamczak schreibt \u00fcber die Texte der 68er, sie seien weniger Welterkl\u00e4rungsmodelle sondern \u00bbsie helfen, die Frage nach den entstehenden Fluchtlinien der Emanzipation zu beantworten, danach also, wie aus dem gesellschaftlichen Gef\u00fcge von Herrschaft, Widerstand und Begehren Konzepte von einem anderen Leben geboren werden.\u00ab<a href=\"#sdfootnote12sym\" name=\"sdfootnote12anc\">12<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die neue Poesie von Bewegung und Klasse ist also auf der einen Seite immer schon theoretische Arbeit, auf der anderen Seite aber deren narrative und imagin\u00e4re Vermittlung. Sie darf sich nicht auf vorgefertigte verdinglichte Begriffe und Erz\u00e4hlungen verlassen, muss sowohl den Jargon der Epigonen kritischer Theorie, als auch den alt-eingestaubten der orthodoxen Marxist*innen vermeiden. Ja, es geht hier um Stil \u2013 einen Stil gegen die \u00bbdumpfe Orgie von Zynismus, Ironie und Brutalit\u00e4t\u00ab (Pasolini). Die Mittel der Wahl reichen vom Manifest \u00fcber Erfahrungsberichte, Essays, Prosa, Lyrik und nat\u00fcrlich auch Filme usw. bis zur (Nicht-nur-)Theorie-Zeitschrift, wie die HUch eine sein will. Im Falle explizit literarischer oder k\u00fcnstlerischer Produktionen m\u00fcsste es eine Diskussion dar\u00fcber geben, wie eine neue \u00bbrevolution\u00e4re \u00c4sthetik\u00ab aussehen kann. Und nat\u00fcrlich geh\u00f6rt zu jeder k\u00fcnstlerischen und literarischen Anstrengung auch deren Kritik.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Poesie der Bewegung und der Klasse muss dabei eine antikapitalistische sein. Aber nicht weil das cool ist, sondern weil die Abschaffung der herrschenden Eigentumsverh\u00e4ltnisse die einzige Aussicht auf eine wirkliche Befreiung von der eingangs beschriebenen katastrophischen Gegenwart verspricht. Um es noch einmal zu betonen: eine solche \u00bbPoesie\u00ab, also die massive Produktion von emanzipatorischen und kritischen Narrativen, die die Verheerungen der \u00bbobjektiven\u00ab \u00f6konomischen Prozesse imaginativ verstehbar macht, muss an eine Praxis gebunden sein (in unserem Fall die universit\u00e4re Politik des Konflikts), wenn sie gegen das Meer an Information und die kulturindustrielle Verbl\u00f6dungsmaschine eine Chance haben will.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich m\u00f6chte hier noch ein Beispiel daf\u00fcr nennen, wie ein Baustein f\u00fcr die hier skizzierte Poesie der Bewegung aussehen kann. Vor ein paar Monaten ist auf der Internetseite des Deutschlandfunks ein Artikel von Raul Zelik mit dem Namen \u00bbPostkapitalistische Perspektiven\u00ab erschienen. Zelik gelingt es zu zeigen, warum wir eine radikale Alternative brauchen und wo sich schon Bewegungen zu ihrer Verwirklichung aufmachen.<a href=\"#sdfootnote13sym\" name=\"sdfootnote13anc\">13<\/a> Zelik (wohl nicht zuf\u00e4llig ein Schriftsteller) schafft das in einem b\u00fcrgerlichen Medium, ohne auch nur ein Mal in irgendeinen, der nichtlinken Restwelt verschlossenen Jargon zu verfallen. F\u00fcr mich stellt Zeliks Essay aus dem Grund so ein gutes Beispiel dar, dass es ihm hier gelingt, in einer \u00bbneuen Sprache\u00ab zu \u00bberz\u00e4hlen\u00ab, warum wir eine radikalen Wandel brauchen. Es ist eine gewisse poetische Anstrengung n\u00f6tig, um das in einer auch Nichteingeweihten offenstehenden Form zu leisten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ein anderes Beispiel sind die Pamphlete des Unsichtbaren Komitees. Diese gl\u00e4nzen stilistisch auf ganz andere Art und sind vielleicht ein \u00bbdunkles\u00ab Gegenst\u00fcck zu Zeliks Text. Sie schaffen eine Poesie des radikalen Bruchs, des Aufstands. Und noch eine weitere \u00bbneue Sprache\u00ab hat Bini Adamczak mit <em>Gestern Morgen<\/em> und \u00e4hnlichen Texten entwickelt, die wiederum ein trauerndes Verstehen unseres historischen Erbes m\u00f6glich machen. Das im strengen Sinne literarische Pendant zu diesen essayistischen Texten fehlt jedoch bisweilen. Wo sind sie, die neuen radikalen Schriftsteller*innen? Wo werden sie stehen, zwischen Realismus und Avantgarde? Und wo sind die neuen Aktivist*innen, die mit diesen den Widerstand organisieren und sich von der Poesie der Bewegung Hoffnung und Trost spenden lassen?<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1\u00a0<\/a>Badiou, Alain: Das Erwachen der Geschichte. Paris, 2011.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2\u00a0<\/a>Ich borge mir diese Formulierung aus der Einleitung von \u00bbNach Marx\u00ab Hg. von Rahel Jaeggi und Daniel Loick.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3\u00a0<\/a>Hierin sind sich namenhafte Theoretiker*innen wie Silvia Federici, George Caffentzis und Gerald Raunig einig, wie die Debatte um die edu-factory zeigte. Einige Texte dieser Debatte sind hier zu finden: http:\/\/eipcp.net\/transversal\/0809.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4\u00a0<\/a>Alle Zahlen aus: Seeliger, Berthold: Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur f\u00fcr alle. Berlin, 2017.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5\u00a0<\/a>Vgl. Raunig, Gerald: Im Modus der Modulation. Fabriken des Wissens. HUch No87.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Federici, Silvia; Caffentzis, George: Anmerkungen zur edu-factory und zum kognitiven Kapitalismus. http:\/\/eipcp.net\/transversal\/0809\/caffentzisfederici\/de. Letzter Zugriff am 01.11.2017.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7\u00a0<\/a>Badiou, Alain: Das Erwachen der Geschichte. Paris, 2011. Badiou schreibt diese Zeilen nat\u00fcrlich mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen &#8217;68. S.69<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8\u00a0<\/a>Ebd. S. 69<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9\u00a0<\/a>Ebd. S. 33<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10\u00a0<\/a>Eiden-Offe, Patrick: Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats. Berlin, 2017. S. 24<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote11\">\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\" name=\"sdfootnote11sym\">11\u00a0<\/a>Ebd. S. 37<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote12\">\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\" name=\"sdfootnote12sym\">12<\/a> Adamzcak, Bini: Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Berlin 2017, S. 198.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote13\">\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\" name=\"sdfootnote13sym\">13<\/a>\u00a0 http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/oekonomisches-weltsystem-postkapitalistische-perspektiven.1184.de.html?dram:article_id=377145<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Ubl \u00bbIch schlage also vor, zu sagen, dass wir ins Zeitalter der Aufst\u00e4nde eingetreten sind, womit sich ein Erwachen der Geschichte ank\u00fcndigt und konstituiert, gegen die reine und blo\u00dfe Wiederholung des Schlimmsten.\u00ab 1 0. Ohnmacht, Anfangen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-170","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=170"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":182,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/170\/revisions\/182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}