{"id":155,"date":"2017-11-21T15:08:48","date_gmt":"2017-11-21T14:08:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=155"},"modified":"2020-04-11T14:35:07","modified_gmt":"2020-04-11T12:35:07","slug":"these-violent-delights-have-violent-ends-analyse-und-kritik-der-serie-westworld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2017\/11\/these-violent-delights-have-violent-ends-analyse-und-kritik-der-serie-westworld\/","title":{"rendered":"\u00bbThese violent delights have violent ends.\u00ab &#8211; Analyse und Kritik der Serie Westworld \u2013 HUch#86"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Von Radim Kucera<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Bekanntlich sagt der Menschenfreund: \u00bbDer Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.\u00ab Er meint damit, dass das Wesen des Menschen sich entfaltet, wo mensch sich zweckfrei realisieren darf. Die Westworld, der Vergn\u00fcgungspark, um den sich die gleichnamige HBO-Serie dreht, w\u00e4re hierf\u00fcr ein ausgezeichneter Ort, denn die Besucher sind von allen Zwecken des Alltagslebens befreit. Sie k\u00f6nnte daher als Testfeld des Menschlichen gelten. Nur liefert der Vergn\u00fcgungspark als Labor keine erfreulichen Ergebnisse, denn was die von der Gesellschaft entfesselten Besucher in der Westworld zu Stande bringen, beschr\u00e4nkt sich in der Hauptsache auf Gewalt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><!--more-->Die Westworld funktioniert wie eine \u00bbreal life\u00ab Version von GTA im wilden Westen: man klaut sich ein Pferd, \u00fcberf\u00e4llt den Saloon und vergewaltigt die Bardame. Die Bardame aber, auch wenn sie sich so anf\u00fchlt, ist kein Wesen aus Fleisch und Blut, darin besteht die Eleganz: frustrierte Manager k\u00f6nnen in der Westworld ihre Phantasien realisieren, ohne dass das Konsequenzen nach sich zieht. Aber es wird noch besser: die Bardame f\u00fchlt sich nicht nur physisch echt an, ihre k\u00fcnstliche Intelligenz ist dar\u00fcber hinaus in der Lage, dem Manager das Gef\u00fchl zu vermitteln, psychisch auf einer Ebene mit ihm zu sein. Man kann das Virtuelle durch technische Prothesen immer realer machen (virtual reality) oder man erweitert die Realit\u00e4t um das Virtuelle (augmented reality) \u2013 der Punkt, an dem sich die Perfektionierung beider Methoden trifft, ist die Westworld: die vollst\u00e4ndige Verschmelzung von K\u00fcnstlichkeit und Realit\u00e4t.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der technische Fortschritt wird hier zum Problem: anstatt die zwischenmenschlichen Beziehungen in zartere Gefilde zu f\u00fchren, bricht er vergessen geglaubten Umgangsformen die Bahn. Das gilt nicht blo\u00df f\u00fcr die direkte, wenig vermittelte Ausbeutung der Androiden. Auch das Silicon Valley in Gestalt der Betreiberfirma erinnert in Westworld erstaunlich an die mittelalterliche Serie Game of Thrones, so unmittelbar sind die zwischenmenschlichen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse und so h\u00f6fisch wirken die Intrigen. Auch die Produktion der Androiden ruft die Manufakturperiode vor Augen: Entw\u00fcrfe werden per Hand in Notizb\u00fccher mit Lederumschlag gekritzelt, die Skelette der Roboter alchemistisch durch eine mysteri\u00f6se Fl\u00fcssigkeit gezogen, jedes Ger\u00e4t ist ein handgefertigtes Unikat, das zudem t\u00e4gliche Wartung ben\u00f6tigt \u2013 unvorstellbar, dass so eine Maschine menschliche Arbeitszeit erspart.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Bei Westworld geht es also um gesellschaftliche Fragen, was auch durch die Verschmelzung der beiden gro\u00dfen Genres Western und Sciencefiction schon formal nahe liegt. Im Western geht es immer um Recht, Gerechtigkeit und die Konstitution von Gemeinschaft und Gesellschaft bzw. deren Herstellung. Im Sciencefiction um die Zukunft und Gegenwart von Gesellschaft, deren Widerspr\u00fcche Hoffnungen und Tr\u00e4ume. Wie reagierte die bourgeoise Presse? Mit erkenntnistheoretisch-moralisierenden Gegenfragen, exemplarisch gestellt in der \u00bbFAZ\u00ab vom 2.10.16: \u00bbMuss man den empfindungsf\u00e4higen Westworld-Maschinen Roboterrechte einr\u00e4umen, oder sind Kreaturen den Launen ihres Programmierers unterworfen?\u00ab Klammheimlich wird dadurch aus dem gesellschaftlichen Problem ein wissenschaftlich-anthropologisches, im Raum steht Kants vierte philosophische Frage: \u00bbWas ist der Mensch?\u00ab Ebenfalls in der Tradition Kants wird diese Frage gestellt, um keine Antwort zu erhalten und damit das Niveau der Serie unterboten, denn die hat l\u00e4ngst geliefert: der Mensch ist das Naturwesen, das die Natur bis ins letzte Detail, der Produktion menschlichen Lebens, zu beherrschen in der Lage ist. Auch den menschwerdenden Robotern, buchst\u00e4blich Produkten der Gesellschaft, kommt die Frage nach b\u00fcrgerlichen Rechten gar nicht erst in den Sinn. Weil sie um die K\u00fcnstlichkeit ihrer Existenz und der sie umgebenden Realit\u00e4t wissen, nehmen sie sich, was sie brauchen, ohne daf\u00fcr Roboterphilosophen um Erlaubnis zu bitten. Mit diesen Antworten ergeben sich die eigentlichen Fragen, aber auf einem anderen Level, unerreichbar f\u00fcr ein kantianisch-bourgeoises Bewusstsein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wie Eileen Jones in ihrem Aufsatz \u201eThe Android Manifesto: Finding Marx in Westworld\u201c festgestellt hat, geht es hier um Entfremdung: die Gesch\u00f6pfe entfremden sich von ihren Sch\u00f6pfern. Aber die Rechnung geht nicht ganz auf: bei Marx sind es die Menschen, die unter Maschinen leiden, die sie selbst produziert haben; in der Westworld Maschinen, die von Menschen gepeinigt werden, an deren Entstehungsprozess sie nicht beteiligt gewesen sind. Die Entfremdung, die Westworld thematisiert, ist eine andere: es ist die Entfremdung der Ausgebeuteten von ihren Verh\u00e4ltnissen, eine Entfremdung die nur zu begr\u00fc\u00dfen ist, denn je vers\u00f6hnter die Menschen mit ihrer Umgebung sind, desto schlechter ist das offensichtlich.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die erste Staffel begleitet die schrittweise Entfremdung der Androidenklasse und es ist bemerkenswert, wie dieser Entfremdungsprozess aussieht. Jones beobachtet klug, dass hierf\u00fcr nicht die Metapher des Aufwachens verwendet wird, wie etwa im Film Matrix, weil diese punktuelle Metapher keinen Prozess kennt. Der entscheidende Fehler in der Matrix der Westworld ist zwar auch ein Kurzschluss im Code der Androiden, aber einer dessen Entstehung Geschichte impliziert. Was die Roboter zu Menschen macht, ist ihre Erinnerung an vergangene Rollen, die sie in der Westworld gespielt und das Leid, das sie dabei erfahren haben. Durch diese Schleife, die Historizit\u00e4t generiert, entsteht h\u00f6herstufiges Bewusstsein. Die Androiden sind, solange sie ihren Narrativen folgen, so gefangen in ihren Rollen, wie die einzelnen Erscheinungen des Bewusstseins in der Ph\u00e4nomenologie des Geistes, deren Prozess bei Hegel im \u00bbabsoluten Wissen\u00ab endet, der Meta-Gestalt, die sich an die einzelnen Gestalten erinnnert. Hier beginnt die Rebellionen der Maschinen: es ist im Wortsinne die Reflexion, die sie zur Revolte treibt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr diesen Reflexionsprozess steht in der Serie das Labyrinth (the maze). Sowohl Besucher, als auch Androiden sind auf der Suche nach dem Inhalt eines Irrgartens, von dem allerdings die meiste Zeit nicht klar ist, ob er sich \u00fcberhaupt im Park befindet oder f\u00fcr wen er konstruiert wurde. Der mysteri\u00f6se schwarze Cowboy h\u00e4lt ihn f\u00fcr das letzte Level der zahlreichen Plots, die ihm Park angeboten werden, f\u00fcr die Storyline, an deren Ende ihm sich das Geheimnis des Parks l\u00fcften wird. Aber in Wirklichkeit handelt es sich bei the maze um ein R\u00e4tsel, das sich gar nicht an die Besucher richtet, sondern an die Androiden, f\u00fcr die er eine Art Turing-Test ist: die Roboter begeben sich \u2013 getrieben von einer inneren Stimme \u2013 auf die Suche nach dem Inneren der maze, gemeinsam mit dem Zuschauer (und dem schwarzen Cowboy) erwarten sie eine Art spirituelle Erleuchtung, eine sachliche Erkenntnis \u00fcber das Mysterium ihrer Sch\u00f6pfung. Aber sie alle werden entt\u00e4uscht, denn was Dolores, die Androidin, die bis ins Innere des Labyrinths vordringt, dort findet, ist nicht mehr, als sie selbst. Des R\u00e4tsels L\u00f6sung ist also, dass es die ganze Zeit kein R\u00e4tsel gab. Die Suche ist notwendig, aber die aufl\u00f6sende Selbstbez\u00fcglichkeit des Resultats ebenfalls. Das ist pr\u00e4zise die Einsicht, die f\u00fcr Hegel den \u00dcbergang ins Selbstbewusstsein markiert: \u00bbEs zeigt sich, da\u00df hinter dem sogenannten Vorh\u00e4nge, welcher das Innere verdecken soll, nichts zu sehen ist, wenn wir nicht selbst dahintergehen, eben so sehr damit gesehen werde, als dass etwas dahinter sei, das gesehen werden kann.\u00ab<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Selbstbewusstsein, das hier entsteht, ist zugleich ein neuer Mensch und die Infragestellung der alten Welt, in einem Wort: das Proletariat. Die Androiden tragen dessen charakteristischen Widerspruch, sowohl von objektiv-\u00f6konomischen Gesetzen, Produktivkr\u00e4ften, determiniert zu sein und zugleich als Subjekt der Geschichte frei von denselben. Diese Gleichzeitigkeit von Freiheit und Determination beschreibt den \u00bbmaterialistischen turn\u00ab in der Philosophie, eine Art Wiederholung der kopernikanischen Wende. Die kantische Version erkl\u00e4rte den Menschen zum autonomen Subjekt, aber hinterr\u00fccks zum Anh\u00e4ngsel einer fremden Au\u00dfenwelt. So dreht sich die Au\u00dfenwelt (der Erscheinungen) zwar um den Menschen, aber dieser ist reduziert auf ein abstraktes Minimum: ein Wesen, dessen Zweck im Sammeln naturwissenschaftlicher Erkenntnis \u00fcber dieselbe Au\u00dfenwelt besteht. Kant verbannt mit Kopernikus den Menschen aus dem Mittelpunkt des Universums und l\u00e4sst ihn, \u00bbden Zuschauer sich drehen\u00ab. Der historischen Materialismus \u00fcbersteigert den letzten Punkt, macht die Produktivkr\u00e4fte zum Subjekt der Geschichte, den Menschen zu deren Anh\u00e4ngseln. Aber die Hoffnung ist, dass die Reflexion auf diese Degradierung, die Einsicht in die Notwendigkeit, den selbst durch die Produktivkr\u00e4fte versperrten Weg f\u00fcr die Menschheit er\u00f6ffnet, und die Verh\u00e4ltnisse zum Tanzen bringt. In der Westworld brechen die Roboter den Bann. Wir sind vorerst auf uns allein gestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Radim Kucera Bekanntlich sagt der Menschenfreund: \u00bbDer Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.\u00ab Er meint damit, dass das Wesen des Menschen sich entfaltet, wo mensch sich zweckfrei realisieren darf. 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