{"id":1429,"date":"2026-03-21T14:48:03","date_gmt":"2026-03-21T13:48:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1429"},"modified":"2026-04-20T21:49:31","modified_gmt":"2026-04-20T19:49:31","slug":"auf-in-die-kneipe-huch-99","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2026\/03\/auf-in-die-kneipe-huch-99\/","title":{"rendered":"AUF IN DIE KNEIPE &#8211; HUch #99"},"content":{"rendered":"\n<p>| anonym |<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#001489\" class=\"has-inline-color\">W\u00e4hrend die deutsche Nationalmannschaft der Herren vor der Heim-EM 2024 ein Testspiel bestreitet, testet Vincent Leonhardt belletristisch die Weltoffenheit einer Neuk\u00f6llner Kneipe und ger\u00e4t dabei auch auf reflexive Pfade seines vergangenen Selbst zwischen den Nationalit\u00e4ten.<\/mark><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#001489\" class=\"has-inline-color\">TW: Auseinandersetzung mit Rassismus<\/mark><\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1222\" height=\"815\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1435\" style=\"width:371px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2.jpg 1222w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2-24x16.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2-36x24.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen25-2-edited-2-48x32.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Es ist Freitagnachmittag, das Wochenende steht vor der T\u00fcr. Ich gehe von Eckkneipe zu Eckkneipe, um irgendwo einen Fernseher zu finden, der das letzte Testspiel der deutschen Nationalmannschaft zeigt. Die n\u00e4chste Absage, es sei Bingo-Abend, gedem\u00fctigt verlasse ich das Lokal mit den Blicken der G\u00e4ste im R\u00fccken. Die obligatorische Schwarz-Rot-Gold-Deko wird nach zwei Jahren wieder aus dem Karton geholt. W\u00e4hrend ich schnell \u00fcber die Pflastersteine der Br\u00fcsseler Stra\u00dfe gehe, sehe ich, wie unbeholfen eine gro\u00dfe Bundesdienstflagge mit Reichsadler \u00fcber einer Gardine gehisst wird. Statt der Gardine verbirgt jetzt die Flagge die Durchsicht ins schummrige Innere der Eckkneipe. Geht es hier noch um Fu\u00dfball ?<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Nachmittag im Fr\u00fchling 2024 ist das erste Mal, dass ich ein Spiel der deutschen Mannschaft in Deutschland, meinem Geburtsland, sehe. Ich habe noch vereinzelte Erinnerungen an die letzte Heim-WM 2006, wo wir in einer offenen Garage in Luxemburg mit den deutschen Freunden meiner Eltern den \u201eSieger der Herzen\u201c gefeiert haben. Zu zehnt standen wir gedr\u00e4ngt um den kleinen flimmernden Fernseher, der durch ein langes Kabel mit einer Steckdose quer durch das ganze Haus verbunden war. Ein Deutschlandtrikot oder Schal am Leib, Salzstangen in der linken, Sekt oder O-Saft in der rechten Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich nur 30 Kilometer hinter der deutschen Grenze aufgewachsen bin, bleiben mir \u2014 bis auf meine deutschen Eltern, die deutsche Sprache, die zuhause gesprochen wird und die halbj\u00e4hrlichen Besuche im Schwabenland bei der Familie \u2014 wenig Bezug zu meinem Geburtsland. Jedoch waren die internationalen Fu\u00dfballturniere immer ein Grund, mich vom Vergangenen zur\u00fcck locken zu lassen \u2014 vom Sommerm\u00e4rchen 2006 bis hin zur Kr\u00f6nung als Weltmeister in Brasilien. Gute Leistung auf dem Platz zieht Fans und Anh\u00e4nger_innen an. Scheinbar hat niemand Lust, einer Mannschaft, die dauernd verliert, zuzuschauen. Gute Leistung wird im Fu\u00dfball von allen Seiten, von Gesellschaft und Politik gelobt. W\u00e4hrend andere L\u00e4nder ihre Superstars haben, kontert Deutschland mit \u201eDie Mannschaft\u201c, ein Kader der zusammen stark ist. Kein einziges wichtiges L\u00e4nderspiel vergeht ohne den Schwenk der Kamera auf die Trib\u00fcne, wo die Staatsoberh\u00e4upter friedlich nebeneinandersitzen und ihre Aufmerksamkeit dem Spiel widmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder, wie Kanzlerin Merkel zwischen den verschwitzten Spielern in der Kabine steht und dem oberk\u00f6rperfreien Mesut \u00d6zil nach dem 4:0 gegen Argentinien 2010 die Hand gibt, sind fest in mein Gehirn eingebrannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein internationales Fu\u00dfballturnier unpolitisch zu betrachten, ist demnach unm\u00f6glich. Brasilien, Russland, Katar laden die Welt zu sich ein, um sich von ihrer besten Seite zu pr\u00e4sentieren; der Preis sind Einschr\u00e4nkungen der Meinungsfreiheit, massive Menschenrechtsverletzungen und tote Arbeitskr\u00e4fte. F\u00fcr 30 Tage wird eine globale Gleichheit inszeniert und jeder muss nach denselben Regeln spielen, nur damit in den autokratischen Staaten danach wieder alles zum Alten zur\u00fcckkehrt. Von der Er\u00f6ffnungsfeier bis zur Medaillen\u00fcbergabe \u2014 teilweise sogar durch Staatsoberh\u00e4upter \u2014 ist der Einfluss der Politik und dem damit verbundenen Nationalismus immer pr\u00e4sent.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist Fan seiner Mannschaft wegen des guten Fu\u00dfballs? Wer ist Fan seiner Mannschaft, da er sich nicht gegen den Staat stellen darf ? Wer ist Fan seiner Mannschaft, weil er sein Land liebt? Wer ist Fan seiner Mannschaft, weil er den Gegner hasst? Wer ist Fan seiner Mannschaft und w\u00fcrde gewaltt\u00e4tig werden? Fans, welche sich bewusst vor einem Spiel ein Trikot \u00fcberstreifen, tragen alle die gleichen Farben. In der Menschenmasse im Stadion geht der Einzelne unter, kommt jedoch in der Kneipe zum Vorschein.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend 2018 Deutschland in der Gruppenphase in Russland ausscheidet, bestehe ich meine Sprachtests und werde im Sommer Luxemburger Staatsb\u00fcrger. Immer wieder hat mein Identit\u00e4tsgef\u00fchl zwischen Deutschland und Luxemburg geschwankt. Ich wollte einen Beweis f\u00fcr meine luxemburgische Identit\u00e4t, den mir niemand mehr wegnehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>2024 hat sich einiges ge\u00e4ndert, die Euphorie f\u00fcr die Nationalmannschaft ist verschwunden, bei den zwei letzten Turnieren ist man in der Gruppenphase ausgeschieden, der Torwart leiste sich zu viele Patzer, mein deutscher Pass ist seit zwei Jahren abgelaufen und meine pers\u00f6nlichen Bez\u00fcge zu Deutschland schwinden. Zeitgleich k\u00f6nnen \u00e4ltere Luxemburger meinen Akzent nicht einordnen und fragen, ob ich im Norden oder S\u00fcden von Luxemburg aufgewachsen bin, worauf ich antworte: \u201eIch bin in Mannheim geboren.\u201c Ich bin stolz darauf, Luxemburger zu sein. Mein Vater hat sich den Verbleib im Land durch viele Arbeitsstunden und wenig Zeit mit der Familie hart erarbeitet, genauso wie ich \u00fcber 15 Jahre brauchte, um perfekt Luxemburgisch zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich habe ich eine Kneipe gefunden, die das Testspiel zeigt. Der Wirt l\u00e4sst lieber seine Schlagerplaylist laufen als den Ton des Spiels, doch das k\u00fcmmert die wenigen G\u00e4ste kaum. Zwei von ihnen beugen sich \u00fcber einen klebrigen Merkur-Automaten, der Wirt l\u00e4sst sich alle paar Minuten an einem Stammtisch neben dem Bartresen nieder und im Hinterzimmer wird feuchtfr\u00f6hlich ein Dart-Turnier ausgetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00e4ste sind \u00fcberwiegend m\u00e4nnlich, teils noch in Arbeitskleidung \u2014 aber nicht mehr in Arbeitsstimmung. W\u00e4hrend ich mein Bier trinke, kann ich alle G\u00e4ste beobachten und ihnen zuh\u00f6ren, dabei schaue ich entweder auf die Leinwand oder aktualisiere Instagram. Neben der Fachsimpelei \u00fcber Torwartfehler: \u201eWenn Neuer so spielt wie in der Bundesliga, fliegen wir haushoch raus\u201c oder: \u201eIch tippe auf 1:1 beim Er\u00f6ffnungsspiel gegen die Schotten\u201c, fallen von Zeit zu Zeit auch h\u00e4rtere Bemerkungen. Es steht mittlerweile 0:1, und einer der G\u00e4ste beginnt \u00fcber Griechenland zu sprechen. Er meint, nach Gyros werde ihm immer schlecht und wirft \u201eDie Griechen, die riechen\u201c in die Runde. Auch wenn keine Reaktion aus dem Raum kommt, kommt der Gast richtig in Fahrt. \u201eWenn Adolf das sehen w\u00fcrde!\u201c Ja, was dann? In meinen Gedanken frage ich ihn: \u201eWas ist deine erhoffte Reaktion des Diktators und Massenm\u00f6rders \u00fcber die schlechte Performance der deutschen Nationalmannschaft?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Gast sitzt zwei St\u00fchle neben mir am Tresen. In der Halbzeit bemerke ich, wie er nuschelnd nach einem weiteren Glas fragt, woraufhin der Barkeeper sanft und liebevoll, aber deutlich vorschl\u00e4gt, ihm das Glas gerne n\u00e4chstes Wochenende auszuschenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Stammgast, welcher den Wirt beim Vornamen kennt und direkt neben der Theke an dem Tisch steht, wo sich Letzterer alle 10 Minuten eine neue Zigarette anz\u00fcndet, k\u00fcndigt an, dass er ihn zum Taxi begleitet, da \u201eUber und mit dem Handy nicht so klappt.\u201c F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter (wir sind schon in der zweiten Halbzeit) kommt der Stammgast wieder und regt sich \u00fcber die ausl\u00e4ndischen Taxifahrer auf, die kein Deutsch k\u00f6nnten und f\u00e4ngt an, \u00fcber diese zu schimpfen. \u201eJa der Hermannplatz, eigentlich sollte der in Hassanplatz umbenannt werden.\u201c Deutschland hat mittlerweile den Ausgleich geschossen. Der Wirt, der zum Schichtwechsel gekommen ist, beginnt, die Bar mit Deutschlandfahnen zu dekorieren. Da er am Tresen eine Girlande befestigt, kommt es zu einer kurzen Interaktion, in der ich mich ducke und er mich anschaut und selbstbestimmt sagt, dass ich ruhig sitzen bleiben k\u00f6nne. \u201eDie Fahnen darf man ja jetzt aufh\u00e4ngen\u201c, auch hier gibt es keine Antwort, weder von mir noch aus dem Raum. F\u00fcr mich f\u00fchlt es sich so an, als ob diese Kommentare immer von Personen in den Raum geworfen werden, um zu testen, wer im Publikum sitzt. Ich bin gro\u00df gewachsen, m\u00e4nnlich gelesen, kaukasische Hautfarbe, passe gut zum Publikum. Den Fu\u00dfball und das Fassbier habe ich mit ihm gemeinsam. Meine Handtasche auf dem Hocker neben mir macht mich aber subtil zum Fremdk\u00f6rper. Ein Satz \u00fcber meine politische Einstellung oder meine sexuelle Orientierung k\u00f6nnte mich entbl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sage ich nichts? Auch ich setze den M\u00e4nnern nichts entgegen. Unter meinem dicken Pulli kann man die verschwitzten Achseln nicht sehen. Ich habe Angst. Angst, in der Unterzahl zu sein. Angst, Zivilcourage zu zeigen. Angst vor Homophobie. Angst vor Aggressionen. Angst vor Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch all die Erfahrungen in den Kneipen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe, habe ich \u00fcberlegt, inwieweit ich das Hobby Fu\u00dfballschauen noch mit mir vereinbaren kann. Eine Sportart, in der kein professioneller Spieler geoutet ist? Fans, die rechte Parolen in Kneipen von sich geben? Im Nationalfu\u00dfball k\u00e4mpft ein Land gegen das andere. Allzu schnell befeuert das auch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gegen\u00fcber der gegnerischen und \u201efremden\u201c Mannschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich mein zweites Glas leert, schie\u00dft Pascal Gro\u00df kurz vor der Nachspielzeit den Siegtreffer, interessiert in der Kneipe aber, ehrlich gesagt, die meisten G\u00e4ste eher weniger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| anonym | W\u00e4hrend die deutsche Nationalmannschaft der Herren vor der Heim-EM 2024 ein Testspiel bestreitet, testet Vincent Leonhardt belletristisch die Weltoffenheit einer Neuk\u00f6llner Kneipe und ger\u00e4t dabei auch auf reflexive Pfade seines vergangenen Selbst zwischen den Nationalit\u00e4ten. 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