{"id":1417,"date":"2026-02-10T15:38:43","date_gmt":"2026-02-10T14:38:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1417"},"modified":"2026-02-10T15:38:44","modified_gmt":"2026-02-10T14:38:44","slug":"silencing-the-past-verschleiern-und-schweigen-in-historischen-und-zeitgenoessischen-narrativen-huch-99","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2026\/02\/silencing-the-past-verschleiern-und-schweigen-in-historischen-und-zeitgenoessischen-narrativen-huch-99\/","title":{"rendered":"SILENCING THE PAST: VERSCHLEIERN UND SCHWEIGEN IN HISTORISCHEN UND ZEITGEN\u00d6SSISCHEN NARRATIVEN &#8211; HUch #99"},"content":{"rendered":"\n<p>| Luka Haeberle |<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong><em><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#001489\" class=\"has-inline-color\">Anhand des Beispiels des haitianischen Sklavenaufstandes Ende des 18. Jahrhunderts widmet sich Luka Haeberle der Debatte um eine Theorie der Geschichtsschreibung. Hierbei werden Fragen nach der Popularit\u00e4t bestimmter Narrative aufgeworfen. Der Autor findet im Werk des haitianischen Anthropologen Michel-Rolph Trouillot Antworten auf diese Fragen und f\u00fchrt die Lesenden in postkoloniale Diskurse um Geschichtsschreibung ein.<\/mark><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zu Beginn des Jahres hatte ich das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen, das Buch \u201eSilencing the Past\u201c des haitianischen Anthropologen und Aktivisten Michel-Rolph Trouillot zu lesen. Der Autor, der aus einer haitianischer Familie von Akademikern und Intellektuellen stammt, beteiligte sich in seiner Jugend an den Protesten gegen die brutale Duvalier-Dynastie, die sein Land regierte. Im US-Amerikanischen Exil setzte er sein politisches Engagement fort und wurde ein angesehener Wissenschaftler. Das Buch hatte auf dem Gebiet der Karibikforschung und in der neueren Geschichtsschreibung \u00fcber das koloniale Amerika gro\u00dfen Einfluss. Laut Google Scholar wurde es schon \u00fcber zehntausend Mal zitiert. Warum die Begeisterung ? Trouillots Beitrag ist, abgesehen von seiner durchdachten Analyse anhand von mehreren konkreten F\u00e4llen, eine kritische Theorie der historischen Methodik, in dem er die Historizit\u00e4t des geschichtsschreibendes Subjekts und die Rolle von Macht in der Historiographie hervorhebt. Bestimmte Elemente seines Textes schwingen in den Gedanken fr\u00fcherer Intellektueller mit, und er selbst weist auf \u00c4hnlichkeiten mit dem Werk von Foucault hin. Es handelt sich aber um einen Wissensbereich, der bisher kaum ganzheitlich theoretisiert wurde. Im Guten wie im Schlechten neigen Historiker_innen dazu, sich von der Theorie fernzuhalten<sup data-fn=\"8d4e40c8-facc-4e7d-89e5-7be0241d0737\" class=\"fn\"><a href=\"#8d4e40c8-facc-4e7d-89e5-7be0241d0737\" id=\"8d4e40c8-facc-4e7d-89e5-7be0241d0737-link\">1<\/a><\/sup>.<strong> <\/strong>Die Frage ist aber, inwiefern es m\u00f6glich ist, vergangene Prozesse zu verstehen, ohne sich auf komplexe theoretische Werkzeuge zu st\u00fctzen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1851\" height=\"1851\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1422\" style=\"width:368px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1.jpg 1851w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-100x100.jpg 100w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-24x24.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-36x36.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Huch-Illustrationen18-1-edited-1-48x48.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Im ersten Kapitel mit dem Titel \u201eThe Power in the Story\u201c, stellt der karibische Autor seine allgemeinen \u00dcberlegungen zur Geschichtswissenschaft vor. Trouillot \u00fcbt scharfe Kritik an den vorherrschenden Erkenntnistheorien des Fachs. Bevor er methodische Innovationen vorschl\u00e4gt, erl\u00e4utert er seine Kritikpunkte an der traditionellen Forschungspraxis. Trouillot identifiziert zwei Denkstr\u00f6mungen, die sowohl die akademische Geschichtsschreibung als auch popul\u00e4re Geschichtsbilder pr\u00e4gen: Die eine wird \u00fcblicherweise als Positivismus bezeichnet, die andere als Konstruktivismus. Nach der positivistischen Tradition besteht das Hauptproblem der Historiker_innen in der Distanz zwischen ihrer Geschichtsschreibung und der Geschichte, die sich tats\u00e4chlich abgespielt hat. Egal, wie viele Quellen man sammelt und analysiert, letzten Endes ist das, was man schreibt, nur eine <em>Darstellung <\/em>vergangener Ereignisse und Prozesse. Ich bezweifle, dass irgendjemand die Existenz dieses Problems in Frage stellt. Vor diesem Hintergrund argumentiert Trouillot, dass es naiv w\u00e4re zu glauben, dies sei das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr die Historiker_in, ohne zu ber\u00fccksichtigen, wie Macht die Geschichten, die wir erz\u00e4hlen, beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Zweite von ihm kritisierte epistemologische Tendenz, den Konstruktivismus, betrifft, so ist sie das genaue Gegenteil des Positivismus. Das zentrale Argument der konstruktivistischen Historiker_innen sei, dass die Hauptfunktion der Geschichtsforschung die Konstruktion von Erz\u00e4hlungen ist, die moralische Autorit\u00e4t verleihen. Es ist sicherlich &#8211; vor allem au\u00dferhalb der akademischen Welt \u2014 \u00fcblich, aus vergangenen Ereignissen Lehren \u00fcber Politik und Moral abzuleiten. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum die von uns konstruierten historischen Erz\u00e4hlungen so gesellschaftlich relevant sind. Die deutsche Er- innerungskultur ist wahrscheinlich das bekannteste Beispiel f\u00fcr eine solche Erz\u00e4hlung, die verschiedene politische Entscheidungen rechtfertigt. Das konstruktivistische Geb\u00e4ude wackelt, wenn wir uns die verschiedenen Interpretationen dieses Diskurses ansehen. Verschiedene deutsche politische Gruppen und Institutionen konnten sich bisher nicht darauf einigen, ob die Unverletzlichkeit des \u201eNie Wieder\u201c, den Fall der Pal\u00e4stinenser_ innen umfasst. Diese Uneinigkeit hat ihren Ursprung in unterschiedlichen sozialen Positionen und verschiedenen Verh\u00e4ltnissen zur Gesellschaft. Der Dorn im Auge der Konstruktivisten ist das, was Trouillot als \u201edoppelte Historizit\u00e4t\u201c bezeichnet. Doppelt, weil Geschichtsdiskurse einerseits von vergangenen und andererseits von gegenw\u00e4rtigen sozialen Prozessen bestimmt werden, die das Subjekt, das die Vergangenheit betrachtet, pr\u00e4gen. Der zweite gro\u00dfe Einwand des haitianischen Autors gegen den konstruktivistischen Ansatz liegt in der sog. ersten Historizit\u00e4t, also in den Fakten der Vergangenheit. Mit Sicherheit werden historische Erz\u00e4hlungen benutzt, um moralische Autorit\u00e4t zu verleihen, wie die Konstruktivisten behaupten. Aber wenn \u00fcber den Holocaust, der V\u00f6lkermord an den Armenier_innen usw. so viel geforscht wird, dann vor allem deshalb, weil diese Ereignisse, Zeiten und Prozesse das Leben von Millionen von Menschen tats\u00e4chlich radikal ver\u00e4ndert haben. Die in den Erz\u00e4hlungen beschriebenen Ereignisse sind real, aber werden unterschiedlich hervorgehoben. Aber welche Methoden und Instrumente zum Nachdenken \u00fcber Geschichte gibt uns Trouillot an die Hand ? Im Gro\u00dfen und Ganzen besch\u00e4ftigen uns zwei Probleme: Das eine ist epistemologischer Natur. Das hei\u00dft, es betrifft die Form, wie wir rigoros Wissen erwerben. Das zweite bezieht sich auf die Funktion der Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Was das erkenntnistheoretische Problem anbelangt, so fordert Trouillot uns auf, die Rolle von Macht in der Geschichte und in der Gegenwart nicht zu ignorieren. Wir k\u00f6nnen seine Interpretationsperspektive in die Kategorie dessen einordnen, was der Philosoph Paul Ricoeur als \u201eHermeneutik des Verdachts\u201c bezeichnet. Hier l\u00e4sst sich Trouillot Denkern wie Marx, Nietzsche und Freud zuordnen. Denn alle diese Autoren teilen die \u00dcberzeugung, dass unsere Wahrnehmung der Realit\u00e4t fehlerhaft ist und dass nur die skeptische Analyse der Realit\u00e4t sowie die Annahme einer neuen Denkweise uns erlauben, die Welt zu verstehen. Im konkreten Fall Trouillots konzentriert sich sein Beitrag zur historischen Epistemologie auf vier zentrale Momente der Geschichtsproduktion: Erstens, die Produktion von Quellen, zweitens die archivarische Sammlung von Quellen, drittens die Sammlung historischer Daten sowie die Formulierung von Erz\u00e4hlungen und viertens die Interpretation dieser historischen Erz\u00e4hlungen im Rahmen von Gro\u00dfnarrativen. Letzteres bedeutet eine dominante und weitverbreitete Erz\u00e4hlung. Idealerweise w\u00fcrden Historiker_innen bei jedem dieser Schritte auf die sozialen und politischen Bedingungen achten. Was dies bedeutet, ist nat\u00fcrlich je nach Untersuchungsgegenstand unterschiedlich. Alle in diesem Buch behandelten F\u00e4lle geh\u00f6ren zur Kolonialgeschichte Amerikas, obwohl die haitianische Geschichte in seinem Werk eine zentrale Rolle spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist es sinnvoll, seine Analyse der Beziehung zwischen der haitianischen Revolution und den Erz\u00e4hlungen \u00fcber sie zu betrachten. Was die haitianische Revolution selbst betrifft, so handelt es sich um den bedeutendsten Sklavenaufstand in der Geschichte der atlantischen Plantagenwirtschaften. Sklavenaufst\u00e4nde waren in diesen Gesellschaften nichts ungew\u00f6hnliches, aber die Geschichte von Haiti, das als franz\u00f6sische Kolonie den Namen Saint Domingue trug, war au\u00dfergew\u00f6hnlich. Saint Domingue war im 18. Jahrhundert die profitabelste aller Kolonien des franz\u00f6sischen Reiches. Dies lag an den riesigen Plantagen der Insel, auf denen haupts\u00e4chlich Zucker angebaut wurde, der dann auf den europ\u00e4ischen M\u00e4rkten verkauft wurde. Im August 1791 setzten sich die Versklavten im Norden der Kolonie gegen ihre Unterdr\u00fccker zur Wehr. Dies war der Beginn eines 13 Jahre andauernden chaotischen Kampfes um Freiheit und Souver\u00e4nit\u00e4t, den wir als die haitianische Revolution kennen. Der genaue Ablauf der haitianischen Revolution ist sehr komplex und war ein fortlaufender Kampf zwischen Gleichberechtigung und Unterdr\u00fcckung. Napoleon und sogar das britische Reich unternahmen Expeditionen, um gegen die Revolution zu k\u00e4mpfen. Dennoch gelang es den ehemaligen Versklavten und ihren Anf\u00fchrern, diese imperialistischen Gegenangriffe zu stoppen. Der Erfolg dieser Revolution war sehr beeindruckend. In den Sklavenstaaten der Vereinigten Staaten, wo die lokalen Eliten bef\u00fcrchteten, dass sich ihre Sklav_innen von den Ereignissen in der Karibik inspirieren lassen w\u00fcrden, l\u00f6ste dies eine Panikwelle aus. Angesichts der Bedeutung der haitianischen Revolution sollte man meinen, dass sie einen wichtigen Platz in der westlichen Geschichtsschreibung einnehmen w\u00fcrde \u2014 zumindest in der franz\u00f6sischen. Dieser historische Prozess war eine schlagkr\u00e4ftige Widerlegung der rassistischen Grundideen des europ\u00e4ischen Kolonialismus. Die versklavte Bev\u00f6lkerung Haitis bewies Entschlossenheit, K\u00fchnheit und Intelligenz in ihrem Kampf um Befreiung. Diese Revolution wurde jedoch f\u00fcr eine lange Zeit von der westlichen Historiographie vernachl\u00e4ssigt; und hier setzt der Beitrag von Trouillot an. Keiner der ber\u00fchmten franz\u00f6sischen Historiker des 19. Jahrhunderts \u2014 Alphonse de Lamartine, Adolphe Thiers, Jules Michelet etc. \u2014 hat sich mit der franz\u00f6sischen Geschichte in Haiti befasst. Dieses Schweigen begann erst im 20. Jahrhundert aufzubrechen. In der zeitgen\u00f6ssischen westlichen Geschichtsschreibung spielt die haitianische Revolution nach wie vor keine besonders relevante Rolle. Selbst in Werken wie die Sammlung moderner Geschichte des englischen Marxisten Eric Hobsbawm wird die Revolution zwar erw\u00e4hnt und kurz erl\u00e4utert, aber kaum vertieft. Es ist wichtig zu differenzieren, dass Autor_innen wie Hobsbawm kein b\u00f6swilliges Verschweigen unterstellt wird, sondern unkritisch die Entscheidungen von vorherigen Autor_innen wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns die vier Schl\u00fcsselmomente der Geschichtsproduktion in Erinnerung rufen, die Trouillot hervorhebt, k\u00f6nnen wir die Situation besser verstehen. Ein gro\u00dfer Teil der versklavten Bev\u00f6lkerung, die im Zentrum der Revolution stand, konnte nicht unbedingt schreiben, w\u00e4hrend der franz\u00f6sische Kolonialapparat alle Arten von schriftlichen Dokumenten produzierte. Hinzu kommt die Tatsache, dass die gr\u00f6\u00dften Archive in staatlichem Besitz sind und der Erhaltung offizieller Dokumente Vorrang einr\u00e4umen. Aber diese Probleme allein reichen nicht aus, um eine_n Forscher_in von der Erforschung des Themas abzuhalten. Quellen, die die Erfahrungen der Revolution\u00e4r_innen widerspiegeln existieren und werden bis heute aufbewahrt, sind aber nicht so zahlreich wie andere Quellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Wendepunkt bilden die beiden letzten von Trouillot hervorgehobenen Momente: Der Moment der Auswahl der Fakten und der Erstellung von Erz\u00e4hlungen, sowie der Moment der historisch-philosophischen Interpretation. Diese beiden Schritte gelten nicht nur f\u00fcr die akademische Forschung, sondern f\u00fcr jegliche Form an Diskurs \u00fcber historische Ereignisse. Die franz\u00f6sischen Eliten in der Zeit des haitianischen Unabh\u00e4ngigkeitskampfes hatten nicht geglaubt, dass die in den Kolonien arbeitenden Sklav_innen in der Lage waren, sich selbstst\u00e4ndig f\u00fcr eine Rebellion zu entscheiden. Bei der Auswertung der Informationen, die sie von der Insel erreichten, suchten sie \u00fcberall nach der Einmischung einer dritten Partei. Die verschiedenen politischen Fraktionen Frankreichs beschuldigten sich gegenseitig, die Idee der Rebellion unter der versklavten Bev\u00f6lkerung verbreitet zu haben. In ihren Augen war es unvorstellbar, dass Sklav_innen afrikanischer Herkunft so entschlossen handeln k\u00f6nnten. Trotzdem hielt die Revolution an und \u00fcberlebte den Angriff des franz\u00f6sischen Reiches. Da die franz\u00f6sischen Historiker_innen und Eliten nicht in der Lage waren, eine Erz\u00e4hlung zu formulieren, die mit ihrem Weltbild vereinbar war, haben sie die Erinnerung an ihre ehemalige Kolonie begraben.<sup data-fn=\"2bfd3321-8530-4bc9-b3bf-2c352fb7887b\" class=\"fn\"><a href=\"#2bfd3321-8530-4bc9-b3bf-2c352fb7887b\" id=\"2bfd3321-8530-4bc9-b3bf-2c352fb7887b-link\">2<\/a><\/sup><strong> <\/strong>Heutzutage ist die Situation weniger negativ: Zumindest radikale Historiker_innen und Karibikspezialist_innen haben sich ausf\u00fchrlich mit der haitianischen Geschichte befasst. Trouillot selbst ist ein bekannter Autor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4hnlicher Fall zur haitianischen Revolution ist der der spanischen Eroberung von Peru. Hier ist das Ungleichgewicht in den Archiven ebenso eklatant wie im haitianischen Fall. Alle zeitgen\u00f6ssischen Berichte \u00fcber den Verlauf der Eroberung wurden von Teilnehmern an diesem Unternehmen oder von ihnen nahestehenden Personen verfasst. Es gibt nur wenige Zeugenaussagen von indigenen Personen, die sich meistens auf Gerichtsverfahren beziehen, die Jahrzehnte sp\u00e4ter stattfanden. Das Schweigen ist weniger radikal, m\u00f6glicherweise weil es in Peru nie eine soziale Revolution gab, die die spanische Metropole lahmlegte. Die Tatsache, dass andere europ\u00e4ische M\u00e4chte, wie z.B. die Niederlande, das Leiden der einheimischen Bev\u00f6lkerung in den spanischen Kolonien instrumentalisierten, um das spanische Reich moralisch anzugreifen, trug ebenfalls dazu bei, dass die spanische Eroberung Amerikas in der westlichen Geschichtsschreibung erhalten blieb.<sup data-fn=\"4b00e311-d792-4354-868c-f6ec71af4dd3\" class=\"fn\"><a href=\"#4b00e311-d792-4354-868c-f6ec71af4dd3\" id=\"4b00e311-d792-4354-868c-f6ec71af4dd3-link\">3<\/a><\/sup> Unsere eigene Historizit\u00e4t verursacht jedoch, dass die st\u00e4rker empirisch ausgerichteten Erz\u00e4hlungen zu diesem Thema nicht unbedingt die vorherrschenden sind. Auf beiden Seiten des Atlantiks findet man Erz\u00e4hlungen, die die spanische Kolonialgeschicht verzerren. Der Hauptgrund daf\u00fcr ist der Aufschwung von nationalistischen und konservativen Kr\u00e4ften. Nach diesen Versionen war der spanische Kolonialismus nichts anderes als ein wohlwollendes Zivilisationsprojekt. Die Offenheit f\u00fcr diesen offenkundig kolonialen Diskurs ist meines Erachtens ein wesentlicher Unterschied zwischen der peruanischen und haitianischen Politik.<sup data-fn=\"24892909-0f78-4043-a058-45dbb26e417f\" class=\"fn\"><a href=\"#24892909-0f78-4043-a058-45dbb26e417f\" id=\"24892909-0f78-4043-a058-45dbb26e417f-link\">4<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Aufsatz ist eine Einladung, \u00fcber das historische und gegenw\u00e4rtige Schweigen nachzudenken. Auch heute wird die Kolonialgeschichte unter den Teppich gekehrt &#8211; dies mag kaum vorstellbar sein, wo wir doch alle Zugriff auf das Worldwide Web mit Informationen zu nahezu Allem haben. Im Falle Deutschlands ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Geschichte und Eliten etwas komplexer als im Frankreich des 19. Jahrhunderts, wo die Thiers, Lamartines und Co. oft in der Regierung sa\u00dfen. Die untergeordnete Position Deutschlands gegen\u00fcber den Vereinigten Staaten markiert auch einen Bruch mit dem geopolitischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis des 19. Jahrhunderts.<sup data-fn=\"d15957eb-e7ad-4ff3-a212-c49bfc68f503\" class=\"fn\"><a href=\"#d15957eb-e7ad-4ff3-a212-c49bfc68f503\" id=\"d15957eb-e7ad-4ff3-a212-c49bfc68f503-link\">5<\/a><\/sup><strong> <\/strong>Die Kluft zwischen der historischen Disziplin und imperialer Macht ist gr\u00f6\u00dfer geworden, wenngleich die Abh\u00e4ngigkeit vom Staat fortbesteht, wie die F\u00f6rdergeld-Aff\u00e4re im Jahr 2024 gezeigt hat. Damals wurde der Presse zugespielt, dass Beh\u00f6rden im Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung Wege, Pal\u00e4stina-solidarischen Hochschuldozierende mit F\u00f6rdergeldk\u00fcrzungen zu bestrafen, gesucht haben.<sup data-fn=\"39a81513-5092-4153-b1c9-61bdc3d166a0\" class=\"fn\"><a href=\"#39a81513-5092-4153-b1c9-61bdc3d166a0\" id=\"39a81513-5092-4153-b1c9-61bdc3d166a0-link\">6<\/a><\/sup> Bei der Betrachtung von Vergangenheit und Gegenwart sollte daher ein kleines bisschen Hermeneutik des Verdachts, wie sie Trouillot anwandte, immer willkommen sein.<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"8d4e40c8-facc-4e7d-89e5-7be0241d0737\">Die vielleicht bekannteste Polemik \u00fcber die angespannte Dynamik zwischen Geschichte und Theorie war die Debatte zwischen den Marxisten E.P. Thompson und Louis Althusser. Thompson scheint sich f\u00fcr dieses Dilemma mehr interessiert zu haben, dem er den 200-seitigen Text \u201eThe Poverty of Theory or an orrery of errors\u201c gewidmet hat. <a href=\"#8d4e40c8-facc-4e7d-89e5-7be0241d0737-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"2bfd3321-8530-4bc9-b3bf-2c352fb7887b\">Das hei\u00dft nur, dass Haitis Geschichte keine besonders wichtige Rolle in der franz\u00f6sischen Politik nach der napoleonischen Zeit gespielt hat. Der franz\u00f6sische Staat hat die haitianische Geschichte aber noch lange nach der Unabh\u00e4ngigkeit gepr\u00e4gt, in dem es die Bezahlung von Wiedergutmachungen an den enteigneten Sklavenhalter_innen durchsetzte. Eine Konsequenz davon war die langfristige Verschuldung des haitianischen Staates. Siehe <em>&#8218;The Greatest Heist In History&#8216;: How Haiti Was Forced To Pay Reparations For Freedom<\/em>, letzter Zugriff am 26.01.2025: https:\/\/www.npr.org\/sectionsmoney\/2021\/10\/05\/1042518732\/-the- greatest-heist-in-history-how-haiti-was-forced-to-pay-reparations-for- freed <a href=\"#2bfd3321-8530-4bc9-b3bf-2c352fb7887b-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"4b00e311-d792-4354-868c-f6ec71af4dd3\">Bspw. zirkulierten in den Niederlanden w\u00e4hrend des 80 j\u00e4hrigen Krieges Zeichnungen und Pamphlete die den spanischen Kolonialismus dramatisiert darstellten. Siehe Kap. 8 von <em>The Mirror of Spain<\/em>, 1500-1700: <em>The Formation of a Myth<\/em>, geschrieben von Jocelyn N. Hillgarth. <a href=\"#4b00e311-d792-4354-868c-f6ec71af4dd3-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 3 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"24892909-0f78-4043-a058-45dbb26e417f\">W\u00e4hrend ich diesen Essay schrieb haben Ereignisse in Lima stattgefunden, die ein optimales Beispiel f\u00fcr diese Behauptung darstellen. Der rechtskonservative B\u00fcrgermeister der Stadt und die Pr\u00e4sidentin der Autonomen Gemeinschaft Madrid haben am Samstag 18.01.2025 eine Statue vom Konquistador Francisco Pizarro aufgedeckt. <em>De \u201cpadre de Per\u00fa\u201d a \u201cusurpador y asesino\u201d: vuelve al centro de Lima la estatua de Francisco Pizarro<\/em>, letzter Zugriff am 26.01.2025: https:\/\/elpais.com\/america\/2025-01-18\/de-padre-de-peru-a-usurpador-y- asesino-vuelve-al-centro-de-lima-la-estatua-de-francisco-pizarro.html <a href=\"#24892909-0f78-4043-a058-45dbb26e417f-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 4 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"d15957eb-e7ad-4ff3-a212-c49bfc68f503\">Geopolitik ist sehr komplex, aber ein guter Startpunkt, um die (wackelnde) US-Amerikanische Hegemonie zu verstehen, ist die Rolle des Dollars in der Weltwirtschaft. Siehe <em>Acute Dollar Dominance<\/em>, letzter Zugriff am 24.01.2025: https:\/\/www.phenomenalworld.org\/analysis\/acute-dollar-dominance\/ <a href=\"#d15957eb-e7ad-4ff3-a212-c49bfc68f503-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 5 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"39a81513-5092-4153-b1c9-61bdc3d166a0\"><em>Stark-Watzinger unter Druck: Was bisher zur F\u00f6rdergeld-Aff\u00e4re bekannt ist<\/em>, letzter Zugriff am 16.03.2025: https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/deutschland\/stark-watzinger- foerdermittel-affaere-sondersitzung-bildungsausschuss-100.html <a href=\"#39a81513-5092-4153-b1c9-61bdc3d166a0-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 6 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Luka Haeberle | Anhand des Beispiels des haitianischen Sklavenaufstandes Ende des 18. Jahrhunderts widmet sich Luka Haeberle der Debatte um eine Theorie der Geschichtsschreibung. Hierbei werden Fragen nach der Popularit\u00e4t bestimmter Narrative aufgeworfen. Der Autor findet im Werk des haitianischen Anthropologen Michel-Rolph Trouillot Antworten auf diese Fragen und f\u00fchrt die Lesenden in postkoloniale Diskurse &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2026\/02\/silencing-the-past-verschleiern-und-schweigen-in-historischen-und-zeitgenoessischen-narrativen-huch-99\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eSILENCING THE PAST: VERSCHLEIERN UND SCHWEIGEN IN HISTORISCHEN UND ZEITGEN\u00d6SSISCHEN NARRATIVEN &#8211; HUch #99\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"[{\"content\":\"Die vielleicht bekannteste Polemik \u00fcber die angespannte Dynamik zwischen Geschichte und Theorie war die Debatte zwischen den Marxisten E.P. Thompson und Louis Althusser. Thompson scheint sich f\u00fcr dieses Dilemma mehr interessiert zu haben, dem er den 200-seitigen Text \u201eThe Poverty of Theory or an orrery of errors\u201c gewidmet hat.\",\"id\":\"8d4e40c8-facc-4e7d-89e5-7be0241d0737\"},{\"content\":\"Das hei\u00dft nur, dass Haitis Geschichte keine besonders wichtige Rolle in der franz\u00f6sischen Politik nach der napoleonischen Zeit gespielt hat. Der franz\u00f6sische Staat hat die haitianische Geschichte aber noch lange nach der Unabh\u00e4ngigkeit gepr\u00e4gt, in dem es die Bezahlung von Wiedergutmachungen an den enteigneten Sklavenhalter_innen durchsetzte. Eine Konsequenz davon war die langfristige Verschuldung des haitianischen Staates. Siehe <em>'The Greatest Heist In History': How Haiti Was Forced To Pay Reparations For Freedom<\/em>, letzter Zugriff am 26.01.2025: https:\/\/www.npr.org\/sectionsmoney\/2021\/10\/05\/1042518732\/-the- greatest-heist-in-history-how-haiti-was-forced-to-pay-reparations-for- freed\",\"id\":\"2bfd3321-8530-4bc9-b3bf-2c352fb7887b\"},{\"content\":\"Bspw. zirkulierten in den Niederlanden w\u00e4hrend des 80 j\u00e4hrigen Krieges Zeichnungen und Pamphlete die den spanischen Kolonialismus dramatisiert darstellten. Siehe Kap. 8 von <em>The Mirror of Spain<\/em>, 1500-1700: <em>The Formation of a Myth<\/em>, geschrieben von Jocelyn N. Hillgarth.\",\"id\":\"4b00e311-d792-4354-868c-f6ec71af4dd3\"},{\"content\":\"W\u00e4hrend ich diesen Essay schrieb haben Ereignisse in Lima stattgefunden, die ein optimales Beispiel f\u00fcr diese Behauptung darstellen. Der rechtskonservative B\u00fcrgermeister der Stadt und die Pr\u00e4sidentin der Autonomen Gemeinschaft Madrid haben am Samstag 18.01.2025 eine Statue vom Konquistador Francisco Pizarro aufgedeckt. <em>De \u201cpadre de Per\u00fa\u201d a \u201cusurpador y asesino\u201d: vuelve al centro de Lima la estatua de Francisco Pizarro<\/em>, letzter Zugriff am 26.01.2025: https:\/\/elpais.com\/america\/2025-01-18\/de-padre-de-peru-a-usurpador-y- asesino-vuelve-al-centro-de-lima-la-estatua-de-francisco-pizarro.html\",\"id\":\"24892909-0f78-4043-a058-45dbb26e417f\"},{\"content\":\"Geopolitik ist sehr komplex, aber ein guter Startpunkt, um die (wackelnde) US-Amerikanische Hegemonie zu verstehen, ist die Rolle des Dollars in der Weltwirtschaft. Siehe <em>Acute Dollar Dominance<\/em>, letzter Zugriff am 24.01.2025: https:\/\/www.phenomenalworld.org\/analysis\/acute-dollar-dominance\/\",\"id\":\"d15957eb-e7ad-4ff3-a212-c49bfc68f503\"},{\"content\":\"<em>Stark-Watzinger unter Druck: Was bisher zur F\u00f6rdergeld-Aff\u00e4re bekannt ist<\/em>, letzter Zugriff am 16.03.2025: https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/deutschland\/stark-watzinger- foerdermittel-affaere-sondersitzung-bildungsausschuss-100.html\",\"id\":\"39a81513-5092-4153-b1c9-61bdc3d166a0\"}]"},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1417","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1417","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1417"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1417\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1424,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1417\/revisions\/1424"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1417"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1417"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1417"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}