{"id":1313,"date":"2025-04-29T20:43:33","date_gmt":"2025-04-29T18:43:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1313"},"modified":"2025-04-29T20:43:33","modified_gmt":"2025-04-29T18:43:33","slug":"wenn-maenner-mir-die-literatur-erklaeren-huch-98","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2025\/04\/wenn-maenner-mir-die-literatur-erklaeren-huch-98\/","title":{"rendered":"Wenn M\u00e4nner mir die Literatur erkl\u00e4ren &#8211; HUch #98"},"content":{"rendered":"\n<p>| Marie Eisenmann |<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-vivid-red-color has-text-color\"><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#c44a4a\" class=\"has-inline-color\"><strong><em>Wie die subtile Annahme von M\u00e4nnern, Frauen seien d\u00fcmmer oder unwissender als sie, darin gipfelt, dass ihr ein Mann nicht nur ein Buch, sondern die Bibel und die Menschheit erkl\u00e4ren m\u00f6chte, verarbeitet Marie Eisenmann in diesem Essay.<\/em><\/strong><\/mark><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich will sie doch gar nicht, denke ich mir, als der Buchh\u00e4ndler zur Empfehlung ansetzt. Gerade suche ich in seinem Laden nach einem italienischen Buch, weil ich Urlaub in der Toskana machen will. Ich f\u00fchle mich gerne ein wenig intellektuell, wenn ich im Zug sitze und die Landschaft an mir vorbeizieht und meine Erfahrung dabei von jemand anderem in Worte gefasst wird. Um mich herum lauter Geschichten einsamer M\u00e4nner, die sich in die Berge oder abgelegene D\u00f6rfer zur\u00fcckziehen, um sich den gro\u00dfen Fragen ihres Lebens zu stellen. Ich stelle mir vor, wie mir all diese M\u00e4nner mit Leidensmiene in der Toskana begegnen und will gehen, bevor ich beschlie\u00dfe, meinen Urlaub abzusagen. Ich will gerade den Laden verlassen, da kommt der Buchh\u00e4ndler: \u201eSoll es etwas f\u00fcr dich sein oder suchst du nach einem Geschenk?\u201c Ich z\u00f6gerte zu lange.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hast du als letztes gelesen?\u201c, fragt er jetzt weiter. Die \u00dcberzeugung, dass er unabh\u00e4ngig von meiner Antwort das richtige Buch empfehlen wird, steht ihm ins Gesicht geschrieben. \u201eNachdenken \u00fcber Christa T. von Christa Wolf\u201c, antworte ich. Es folgt eine Szene, die einem H\u00f6rtest \u00e4hnelt. \u201eChrista T.?\u201c, schreit er, die Fragezeichen in seiner Stimme werden unterstrichen durch seine hochgezogenen Augenbrauen. Er wirkt verwirrt, was mich verwirrt, weil ich nicht verstehe, was ihn verwirrt. Vielleicht zu viele Christas auf einmal, denke ich und wiederhole den Satz. Langsam mit Pause zwischen Titel und Autorin. \u201eChrista T.?\u201c, unterbricht er mich. Ich antworte best\u00e4tigend. \u201eJa, Nachdenken \u00fcber Christa T. von Christa Wolf. Er schreit noch einmal. Ich nenne den Titel ein viertes Mal, betone diesmal, dass das Buch von Christa Wolf geschrieben sei. Er meint: \u201eSagt mir gar nichts.\u201c Die F\u00e4rbung seiner Stimme deutet darauf hin, dass er es f\u00fcr wahrscheinlicher h\u00e4lt, dass ich mir dieses Buch ausgedacht habe, als dass er es nicht kennen k\u00f6nnte. Verwirrt von unserem Schlagabtausch, ziehe ich aus H\u00f6flichkeit noch ein paar B\u00fccher aus dem Regal, die ich nicht kaufen werde. Insgeheim bin ich froh, weil ich vermute, dass auch er es nicht schaffen wird, mir eine Empfehlung auf Basis eines erfundenen Buchs zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mir gerade ein Buch, vor allem aber wegen des sch\u00f6nen Covers, zur Hand nehme, ruft er mir zu: \u201eDa stehen Sie richtig!\u201c, pausiert kurz, \u201eDas ist von einem vergessenen Autor aus der Sowjetunion.\u201c, pausiert noch einmal. \u201eEr hat dadaistische Gedichte geschrieben\u201c. W\u00e4hrend ich noch dar\u00fcber nachdenke, wo genau die Parallele zu Christa Wolf verl\u00e4uft, reicht der Buchh\u00e4ndler mir Meister und Margarita von Michail Bulgakow. \u201eAuch ein f\u00fcr lange Zeit vergessenes Werk!\u201c, ruft er aus und erz\u00e4hlt mir ungefragt die ganze Editionsgeschichte. \u201eWann wurde es denn wiederentdeckt?\u201c, frage ich, er zuckt nur mit den Schultern, zieht eine weitere Ausgabe des Buches aus dem Regal und legt die beiden B\u00fccher vor mich. \u201eEs wurde zweimal \u00fcbersetzt. Die \u00dcbersetzungen sind aber grundverschieden. Du wirst schon sehen.\u201c Er r\u00e4uspert sich, richtet sich auf, liest erst eine Stelle aus dem einen, dann aus dem anderen Buch laut und feierlich vor, als st\u00fcnde er auf einer Kanzel und ich weit entfernt zu seinen F\u00fc\u00dfen. Anschlie\u00dfend blickt er mich \u00fcber den Rand seiner Brille erwartungsvoll an. \u201eUnd? Sie merken den Unterschied, oder?\u201c Ich wei\u00df nicht, ob er mich fragt, weil er v\u00f6llig begeistert ist oder um sich zu vergewissern, dass ich ihn \u00fcberhaupt verstanden habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass mir ein Mann ungefragt etwas erkl\u00e4rt. Auf einer Party erz\u00e4hlten mir einmal zwei M\u00e4nner, wie sich Frauen f\u00fchlen, wenn sie nachts allein nachhause laufen. Ein anderer Mann erkl\u00e4rte mir meinen Zyklus und wieso ich nach seinen Berechnungen bestimmt nicht schwanger werden k\u00f6nnte, obwohl er ja heimlich kein Kondom verwendet hatte. Es ist nicht einmal das erste Mal, dass ein Mann mir die Literatur erkl\u00e4rt, als h\u00e4tte ich noch nie ein Buch gelesen. Viele dieser M\u00e4nner sitzen in Uniseminaren und h\u00f6ren sich selbst gern beim Reden zu, als \u00fcbten sie jeden Satz vor einem inneren Spiegel ein. Auf ihren MacBooks kleben manchmal Marx-Sticker. Beim Vortragen ihrer Literaturanalysen sagen sie gerne: \u201eWir m\u00fcssen hier vorsichtig sein!\u201c, ihr warnender Unterton gibt zu erkennen, dass wir alle im Seminarraum froh sein k\u00f6nnen, dass sie uns aus unserer selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit befreien, als Folge auf die Interpretation der Kommilitonin, die auf Geschlechterrollen in einem Roman aufmerksam macht und dabei kurz die Verdinglichung aus den Augen l\u00e4sst, der Ausbruch des Faschismus in Deutschland.<br>Es ist nicht ihre Kritik, die mich \u00e4rgert, sondern die Selbstgef\u00e4lligkeit, in der sie sich als die einzig wahren Ideologiekritiker inszenieren, stets auf der Hut, aber selten vorsichtig genug, um die sexistische Einsichtigkeit ihrer Kapitalismuskritik zu hinterfragen. Oder diese um ein bisschen Selbstkritik zu erweitern. Als ich nach einem solchen Seminar mit einer Freundin in der Mensa sa\u00df, fragten wir uns, woher die Angewohnheit, sich selbst stets als Universalgenie zu begreifen, kommen mag. \u201eVielleicht l\u00e4sst sich eine direkte Linie zu Goethe ziehen\u201c, sagte ich, \u201eein Goethe-Komplex gewisserma\u00dfen.\u201c Ganz unabh\u00e4ngig davon, wie bedeutend das Werk ist, dass er hinterlassen hat, fragten wir uns, ob auch Goethe vielleicht ein unfassbar anstrengender Kommilitone gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht mehr originell, festzustellen, dass es Mansplaining gibt. Mansplaining zeichnet sich durch die Annahme aus, dass man als Mann qua seiner M\u00e4nnlichkeit \u00fcber alles eben bisschen besser Bescheid wisse. Der Begriff des \u201eMansplainings\u201c, wird meistens der Essayistin Rebecca Solnit zugeschrieben, deren Essay \u201eMen explain things to me\u201c gro\u00dfe Wellen schlug. Nach Ver\u00f6ffentlichung des Essays entstand eine Webseite \u201eAcademic men explain things to me\u201c, auf der Frauen Situationen \u2014 vor allem im akademischen Bereich \u2014 schilderten, in denen ihnen M\u00e4nner herablassend Dinge erkl\u00e4rt hatten, von denen sie mehr Ahnung hatten. Der Essay erschien 2008. Auch sechzehn Jahre sp\u00e4ter wird noch unaufgefordert erkl\u00e4rt. Vielleicht ist es erm\u00fcdend noch einen Text dar\u00fcber zu lesen. Vielleicht ist die Erm\u00fcdung eines Tages ansteckend und M\u00e4nner verlieren die Lust am Erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Buchh\u00e4ndler ist davon nichts zu merken, er steht immer noch neben mir. Ich wei\u00df nicht, was ich ihm antworten soll. Um meiner scheinbaren Verwirrung entgegenzuwirken, fasst er kurz den Plot zusammen, erw\u00e4hnt, dass es in dieser Textstelle, die er mir vorgelesen hat, auch um Jesus und Pontius Pilatus geht. \u201eJesus und die Kreuzigung sind dir ein Begriff, oder?\u201c V\u00f6llig underground, gro\u00dfe Ikone der Subkultur, denke ich mir. Man muss schon viel gelesen haben, um diesen Jesus zu kennen, und was der alles f\u00fcr crazy Sachen erlebt hat. Inzwischen bin ich ratlos, ob ich irritiert oder am\u00fcsiert von dem Buchh\u00e4ndler sein soll. \u201eIch glaube nicht, dass mir schon mal Jesus gemansplaint wurde\u201c, sage ich sp\u00e4ter, wenn ich anderen von der Begegnung erz\u00e4hle. Aauch dann erst f\u00e4llt mir ein, was ihm alles entgegengesetzt h\u00e4tte. Ich h\u00e4tte gerne gesagt, dass er aufh\u00f6ren soll, so zu tun, als k\u00f6nne ich von Literatur keine Ahnung haben; dass ich eigentlich sogar Literaturwissenschaft studiere. Ich h\u00e4tte gerne gefragt: \u201eWo genau ist die Verbindung zwischen Christa Wolf und einem beliebigen Autor aus der Sowjetunion, der in einem anderen Genre und in einem anderen Stil schreibt? Empfehlen Sie Leser*innen von Annie Ernaux auch Gedichte von Gottfried Benn, weil naja\u2026 Kapitalismus eben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Wut verflogen ist, frage ich mich, welches Frauenbild hinter dem Mansplaining steckt. Was f\u00fcr ein Mensch w\u00e4re ich, wenn ich diesem entspr\u00e4che? Einmal erz\u00e4hlte ich einem Mann, dass mir ein Buch von Haruki Murakami nicht gefallen hatte, weil mir die Frauenfiguren eindimensional und idealisiert vorkamen. \u201eIch w\u00fcrde das Buch einfach ein zweites Mal lesen. Wenn dir das Buch dann immer noch nicht gef\u00e4llt, liegt es an Murakami\u201c, antwortete er. Ich stelle mir vor, wie ich alles zwei Mal machen m\u00fcsste, weil ich aufgrund meines mir zugeschriebenen Geschlechts eben nie meinem ersten Urteil trauen k\u00f6nnte. Jede Hausarbeit m\u00fcsste ich nach dem Schreiben komplett l\u00f6schen, weil ich mich w\u00e4hrenddessen in der Irrationalit\u00e4t meines Frauseins verlieren w\u00fcrde und immer zwei Versuche br\u00e4uchte, um klar denken zu k\u00f6nnen. Keine meiner Erfahrungen k\u00f6nnte ich in Worte fassen, bis mir ein Mann das Patriarchat erkl\u00e4rt, keine Erfahrung k\u00f6nnte ich machen, bis mir ein Mann erkl\u00e4rt, was eine Erfahrung ist. In den Augen der mansplainenden M\u00e4nner bin ich vielleicht f\u00fcr immer ein kleines M\u00e4dchen, das langsam und durch ihre Hilfe beginnt, die Welt zu begreifen. Ich w\u00e4re verwirrt von meinem Spiegelbild, bis mir ein Mann sagt, wer ich bin. Vielleicht w\u00fcrde ich mich nach langer Zeit sogar trauen, einen Mann zu fragen, was es mit der grotesken Deko des blutenden Mannes am Kreuz auf sich habe, die in Deutschland \u00fcberall herumhing, aber die mir nie jemand erkl\u00e4rt hatte. Der Mann w\u00fcrde sich mir v\u00e4terlich annehmen, mich auf seinen Scho\u00df ziehen und erstmal von vorne die Geschichte der Menschheit erz\u00e4hlen. \u201eAm Anfang war das Licht\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2480\" height=\"2480\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1316\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited.jpg 2480w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-100x100.jpg 100w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-24x24.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-36x36.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien33-edited-48x48.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Marie Eisenmann | Wie die subtile Annahme von M\u00e4nnern, Frauen seien d\u00fcmmer oder unwissender als sie, darin gipfelt, dass ihr ein Mann nicht nur ein Buch, sondern die Bibel und die Menschheit erkl\u00e4ren m\u00f6chte, verarbeitet Marie Eisenmann in diesem Essay.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1313","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1313"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1385,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1313\/revisions\/1385"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}